Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 16


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Die Nachtwächter in der oberen Stadt hatten in
der Nacht eine ungewohnte Unruhe vor der Wohnung
des Kommandirenden im Schlosse gesehen. Man hatte
Estafetten erhalten, Estafetten waren abgesendet
worden, die Ordonnanzoffiziere waren in beständiger
Bewegung gewesen. Mitten in der Nacht hatte man,
wie damals, als die königliche Familie von Königs-
berg nach Memel geflüchtet, Lichter anzünden sehen
in den Zimmern, welche die französische Intendantur
inne hatte; und zu all der Unruhe hatte der Mond
aus dem weiten doppelten Ring, der ihn umgeben,
hernieder geschienen, friedlich und still auf den Schnee,
der schwer und weiß die Dächer und die Straßen
deckte, denn der Winter war viel härter, als man -
es je erlebt. Es war sehr kalt.
Beim Deffnen der Hausthüre hatte Darners
Hausknecht von einem Arbeiter, der vorüberging,
den Ruf vernommen: ,Nun ist der Bonapart
kaput!'? Er hatte gefragt, was das heißen solle.
,,Geh und frag' selber!r hatte der Arbeiter in raschem
Vorwärtsgehen geantwortet; und der frühen Stunde
nicht achtend, hatte der Hausknecht den Diener, der
Diener seinen Herrn mit der Botschaft geweckt, und
Darner ließ sich das: ,GGeh und frag' selber!'r
gesagt sein.
In wenigen Augenblicken war er in den Kleidern.
, Ein Glas Cognac war rasch hinuntergegossen, denn
, eine Vorsicht vergaß er nie, auch nicht dem herrschen-
den Fieber gegenüber: und wie er sich an dem vor-
Tetzten Abend des Jahres 1806 graden Weges aus
dem Theater nach der Post begeben, so ging er jetzt
in dem dichten Schneegestöber, das mit dem Tages-
anbruch sich eingestellt, durch die dämmerigen Straßen
F,F ? ==-= ==«

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Reges Leben auf den Straßen, trotz der Früühe,
Zusammentreten der Menschen zum Fragen, zum
Berichten, Aufleuchten der Blicke unter dem Schimmer
des ungewissesten Hoffens; Wegwenden, Ausspucken,
wo man eines Franzosen ansichtig wurde, und all-
seitige eiligste Tagesarbeit in der Post.
Man war es gewohnt, Darner zu Stunden auf
dem Postamt zu sehen, in denen Andere nicht leicht
kamen und nicht zugelassen wurden. Dem Mitglied
des Magistrats öffnete sich die Thüre bereitwilliger
noch als sonst. Auf seine Frage, ob der Herr
Generalpostdirektor schon zu sprechen sei, der kurze
und eilige Bescheid, der Herr Generalpostdirektor sei-
nicht aus den Kleidern gekommen in der Nacht. Alle
Pferde seien mit Estafetten unterwegs.
Und nun die Meldung bei dem Postdirektor,
nun dieses Freundes freudestrahlendes Antliz, da -
Darner bei ihm eintrat, und von des treuen deutschen -
Mannes Lippen der Ausruf:
, Moskau steht in Flammen seit drei Tagen!
Die Russen haben es in Brand gesteckt!r-
,. Heil ihnen und der ersten Fackel, die den Brand
hineingeschleudert!'' rief Darner und die Männer
drückten einander freudevoll die Häände. ,Aber wo ist
Er? fragte Darner gleich darauf.
, In der brennenden Stadt, so viel man weiß.
Die Franzosen kommandirten heute hier bei uns noch
frecher als sonst; jedoch die Frechheit war eilig und
der Schrecken, der sie beherrschte, machte ihre Rede
kurz. Auch vom Oberpräsidenten sind aus Gum-
binnen Nachrichten an den Landhofmeister gekommen
per Estafette und noch andere, frühere, durch einen
Boten, der die letzte Nacht die Post benutt hat.?
Sein Dienst rief den Direktor ab, Darner selber
wollte auch nach Hause. Kurz vor seiner Wohnung
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=- I7s--
traf er auf den dicken Weinschröter, den Kospott,
der an dem Tag, da man die Schanzen gegen die
Franzosen aufgeworfen, sich unter den Leuten be-
funden, welche unter Franks Führung vor das Thor
hinausgezogen waren. Lebhaft redend und seine
Rede mit geballter Faust begleitend, hielt Kospott
ein paar Andere, die wie er zur Arbeit gingen,
neben sich fest. Er mußte ihnen offenbar die Tages-
neuigkeit mitgetheilt haben, denn Darner hörte von
ihm die Worte:
,Haben wir den Satan nur erst hier, dann soll.
der Halunk' schon merken, was Schröten heißt!r
,,Da sind gleich ein Paar!'' meinte einer der bei
ihm Stehenden, und Alle sahen sich nach zwei fran-
zösischen Jägern um, welche, nur mit dem Seiten-
gewehr bewaffnet, aus der Quergasse hervorkanen.
,Nichts da!' rief Darner dazwischen, und da
die Leute ihn kannten, gaben sie Gehör.
,Aber der Herr Stadtrath wissen es doch schon!r
fragte der Kospott.
,Freilich, und darum gilt's, ruhig bleiben und
seine Kräfte zusammenhalten, bis es so weit sein wird.
Noch sind sie die Herren! Treibt Ihr Unfug, so
lassen sie Euch erschießen oder hängen, und der König hat
fünf treue Unterthanen und Soldaten weniger. Sag'
Er heute das den Anderen auch! Sie sollen heut
nicht trinken und ihr Maul im Zaume halten.r
,Aber, Herr Stadtrath!- Herr Stadtrath,
wenn's losgeht und wenn der Herr Konsul mitgeht,
dann gehen wir Alle mit! Je eher, je lieber!
,Das soll ein Wort sein, Kospott!rr bekräftigte
Darner; ,und ich sage wie Er: ,Je eher, je lieber!?
Aber heute Ruhe!r
Sie grüßten ihn Alle und gingen von einander.
Unten in seinem Hause, wie er die Thüre öffnete,

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sah er in dem Hausflur an einem Tisch, den man
für ihn aufgestellt, einen Mann in lithauischer Tracht
sitzen; die Visirmütze von blauem, rothgefüttertem
Tuch lag neben ihm auf der Erde. Brot, Fleisch
und dampfendes Warmbier waren für ihn aufgetischt.
Die Dienstboten, so weit sie von der Arbeit für ein
paar Augenblicke abkommen konnten, machten sich mit
ihm zu thun. Der Hausknecht von Kollmann, der
den täglichen Bericht von seinem jungen Herrn ge-
bracht, war mit dabei; und die Makler, die sich auch
früher als sonst an das Geschäft begeben, blieben
unter den Leuten stehen, denn Jeder wollte etwas
hören, gleichviel was: nur hören, erfahren, wissen!
Als Darner herankam, erhob sich der Lithauer
in militärischer Straffheit. Darner erkannte ihn
sofort.
,Ist Er's? fragte er.
,Zu Befehl, Herr Stadtrath; ich bin vor einer
Stunde angekommen.?
, Ich weiß das -- davon nachher!'' sagte Darner,
schickte die Dienstleute fort, entfernte die beiden Makler
und hieß den langen Karl sein Frühstück essen.
Frank, der Darners Stimme vernommen, kam
heraus, den Vater ersuchend, ihm in das Privat-
kabinet hinter dem Komptoir zu folgen.
,, Lesen Sie, was eben für mich angekommen,
Vater!' bat er und hielt einen Streifen Papier in
der Hand, auf welchem mit einer unverkennbar ent-
stellten Handschrift französisch die Worte geschrieben
waren: ,Man denkt an Ihre Verhaftung, wahren
Sie sich t?
, Woher ist das gekommen?? fragte der Vater,
die Adresse: ,An Frank Darner'' sorgsam prüfend.
, Als es noch dämmerig war, gleich nachdem Sie
ausgegangen, hgt die Köchin die Klingel an der

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Hausthüre gehen, die Thüre öffnen hören, und da
Niemand eingetreten, hat sie nachgesehen und das
Blatt im Windfang liegen gefunden.?
Darner besah das Blatt noch einmal.
, Unwahrscheinlich ist die Sache nicht; sie hätten's
schon früher thun können, und sie sind der Nieder-
lagen nicht gewohnt. Es wird sich zeigen!''
,,Es hat sich schon gezeigt, daß das Konsulat
ihnen heute in die Augen sticht!'' bemerkte Frank.
,Gleich nachdem ich das Blatt erhalten, haben vor-
überkommende Trainsoldaten mit Steinen nach dem
Wappen, und auch ein paar Steine oben in die
Fenster geworfen.r
, Ich habe nichts davon gesehen!'' sagte der Vater.
Frank entgegnete, er habe die Scherben gleich
fortkehren lassen vom Wolm, und habe Justine und
die Kinder zu ihm geschickt für den Fall, daß - die
Sache sich wiederholen sollte.
Darner überlegte einen Augenblick.
,Hast Du Papiere, die nicht in ihre Hände
fallen dürften??
,Ich habe diese bereits fortgebracht zu Lindheim,
bei dem man sie nicht suchen wird, und er hat sie
bereitwillig empfangen.?
,So ist das Nöthige gethan, das Mögliche ab-
zuwarten,' sagte der Vater; ,aber ich glaube nicht,
daß sie etwas unternehmen werden. Sie kennen eben
die Erbitterung zu gut, die gegen sie herrscht, und
haben Spanien noch nicht vergessen. Wenn vom
Pöbel nichts geschieht, werden sie Ruhe halten.?
, Dazu,'' bemerkte Frank, ,bin ich zwar russischer
Generalkonsul, aber zunächst preußischer Unterthan.?
,Darauf rechne ich auch! Indeß: gewarnter
Mann ist halb gerettet! Ich werde heut allein zur
Börse gehen, bleib' Du auf alle Fälle hier !?

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, Ich komme einen Augenblick mit hinauf zu
Ihnen!'' sagte Frank, da der Vater Anstalt machte,
sich ii seine Wohnung und zu seinem Frühstück zu
begeben.
,, Was hat' denn der Bote von Stromberg ge-
bracht?? fragte er, als sie den langen Gang nach
dem Hinterhause durchmaßen.
,. Briefe für den Landhofmeister, einen Brief
seines Herrn an uns, und einen von dem Major für
Virginie.
Als sie bei den Worten in des Vaters Wohn-
zimmer gelangt waren, kam Virginie ihnen aus der
Nebenstube, ihren Brief in der Hand, rasch entgegen;
aber in demselben Augenblick erscholl von dorther
Justinens Stimme:
, Lorenz, Lorenz! Fort, fort! Was machst
Du da?
Sie blickten hinein; Lorenz stand am Kamin,
bog sich weit hin über das Eisengitter, warf mit
beiden Händen etwas in das Feuer, und auf den
Anruf sich umwendend und den Großvater erblickend,
sprach er triumphirend, und stolz auf sein Thun in
die Hände klatschend:
,,Großvater, nun sind sie drin, die Kerls, und
brennen auch !
Er hatte eine Schachtel französischer Bleisoldaten,
die er ein paar Tage vorher von einem einauar-
tierten Offizier geschenkt erhalten, in die Flammen
geworfen. Es war ein Vergnügen ihn zu sehen,
Justine wollte ihn umarmen, Darner hielt sie zurück.
,,Du follst nichts zerbrechen und nichts ver-
derben!'' tadelte er mit Strenge, dann sich abwen-
dend, sagte er:,Der Junge sieht und hört doch
alles! Er ist von gutem Schrot und Korn. Man
muß vorsichtig mit ihm sein. Er hat offenbar von

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Moskau sprechen hören und sich seinen Vers daraus
gemacht. Aber Dein Brief, Virginie?
Virginie las ihn laut und ihre Wangen glühten.
,Theuerste!r schrieb der Maior. ,Lassen Sie
mich Sie mit diesem Namen nennen, denn, Gott
weiß es, Sie und das Vaterland sind mir das
Theuerste auf der Welt. Niedergebeugt unter unserer
Demüthigung, schied ich von Ihnen mit dem Vorsat,
Ihnen nicht eher zu schreiben, bis ich Ihnen sagen
könnte: Ind wir sind doch noch Preußen!! Ja,
Virginie, wir sind uoch Preußen; wir haben es be-
währt bei Dahlenkirchen und bei Bauske, unserem
König und dem Fahneneid getreu, auf seinen Be-
fehl für eine Sache fechtend, gegen die jeder Bluts-
tropfen sich in uns empörte. Der König hat das
gelohnt mit Ehrenzeichen, die er dem Korps geschickt,
Marschall Macdonald mit warmer Anerkeniung.
Auch ich habe den Orden erhalten und habe ihn an-
gelegt wie alle; aber er brennt mir und allen auf
der Brust, und Macdonalds Lob treibt uns die
Zornesröthe auf die Wangen. Wir wünschen, wir
hoffen, es ihm noch anders zu beweisen, daß wir
Preußen sind! Denken Sie meiner, Virginie, Sie
brauchen sich meiner nicht zu schämen! Und kommt
der Tag, an dem wir unsere Ehre rein gewaschen
haben in Franzosenblut, dann, Virginie, im befreiten
Vaterlande, darf ich Ihnen sagen, was ich still in
mir gehegt, weil Sie es so gewollt, dann sagen auch
Sie mir, daß Sie mein gedacht! Ist es jedoch
anders von Gott beschlossen über mich, so denken
Sie, daß mein letzter Gedanke Ihnen gehört hat,
daß Ihre Locke mein Talisman gewesen ist, und ver-
gessen Sie mich nicht.-- Vergessen Sie alle mich
nicht, in deren Nähe ich mit Glück und Dank ge-
weilt! Treu bis in den Tod
der Ihre.?

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, Ist er nicht gut, ist er nicht brav?? rief Vir-
ginie. ,Muß ich nicht stolz sein auf seine Liebe?
Ich werde ihm schreiben.?
,Das wirst Du nicht,' entschied der Vater,
,, denn eben weil er brav und auch besonnen ist, hat
er es nicht gefordert. Er bittet Dich, sein nicht zu
vergessen, und es sieht mir nicht aus, als hätte es
damit Gefahr. Einem Mann wie ihm gehorcht man
auf das Wort. Das ist die wahre Liebe!'?
Er setzte sich damit an den Frühstückstisch, der
für ihn bereitet stand, Virginie bediente ihn, Frank
berichtete, was Eberhard geschrieben: von den Zu-
ständen in Lithauen, von der Noth und der Arbeit,
der sie zu begegnen hätten, von dem gradezu un-
ertragbar gewordenen Nebermuth der Franzosen, von
der Mühe, mit welcher die Regierung überall, und
er in seinem Kreise nicht zum mindesten, dem Aus-
bruch einer Volksempörung zu wehren hätten.
Mitten in der Erzählung trat ein Offizier des
kommandirenden Generals ordonnanzmäßig in das
Zimmer.
Alle standen auf; Justine schlug die Häände angst-
voll zusammen. Sie sah es, der Vater selbst erbleichte.
,Habe ich die Ehre, den russischen Generalkonsul,
Herrn Frank Darner, vor mir zu sehen??
,Der bin ich!r sagte dieser.
,So bitte ich Sie, mir zu folgen.?
, Sie haben einen HaftbefehlE-
,Nein, nur den Befehl, Sie zu dem Herrn
Gouverneur, dem Herrn Divisionsgeneral Grafen von
Loison, zu führen.?
,, Ich stehe zu Diensten, bitte aber zuvor meine
Uniform anlegen zu dürfen.?
,,Das wird nicht nöthig sein, da Sie in meiner
Begleitung erscheinen.?

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, So gehen wir, mein Herr! sagte Frank.
Justine wollte sich ihm nahen, sein Wink wehrte
es ihr; und dem Ordonnanzoffizier zur Seite bleibend,
ließ er die Seinen unter seines Vaters Schutz zurück.
Der Offizier begab sich mit ihm in Franks Ge-
schäftszimmer, damit er sich ankleiden: könne für den
Gang über die Straße. Der Vater und die Frauen
folgten ihnen in das Vorderhaus, aber noch ehe sie
an Justinens Zimmer gekommen waren, schallte ihnen
wüstes Schreien von der Straße her entgegen, drangen
französische und deutsche Schimpfworte und Flüche zu
ihnen hinauf. Darner eilte an das Fenster. Es
war schwer zu unterscheiden, was auf der Straße
vorging. Von allen Seiten strömten Leute aus dem
Volke herbei.
,Von den Fenstern fort!r befahl Darner, dann
eilte er in das Konsulatszimmer hinunter. Der
Offizier und Frank waren im Fortgehen.
, Es ist ein Auflauf, eine Schlägerei in der
Straße, mein Herr!'' sagte er zu dem Offizier, ,Ihr
Erscheinen könnte die Aufregung steigern, da einer
von Ihren Soldaten sie veranlaßt zu haben scheint.
Wenn Sie Befehl zur Eile haben, nehmen Sie den
Weg durchs Haus am Pregel hin. In der Straße
würden Sie Aufenthalt finden.?
Der Offizier stutzte, bedachte sich einen Augen-
blick und gab dann dem Rathe nach. Darner ging
sofort wieder nach der Straße hinaus.
Inmitten eines dicht gedrängten Haufens sah er
einen hochgewachsenen französischen Sergeanten, dem
man den Degen aus der Hand rang und der eben
niedergerissen wurde, als Darner auf den Wolm
hinauskam. Schreiend, schimpfend, mit Fäusten und
mit dem Handwerkszeug, das einige der Leute mit
sich hatten, stürmte man auf den Sergeanten ein,

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die ganze Menge auf den einen, der bald zwischen
ihnen nicht mehr zu sehen war, wäährend ein paar
andere, Leute einen Verwundeten, dem das Blut
über die Schultern den Rücken hinunter lief, nühsam
stützten und in die Seitenstraße aus dem Tumult
fortzubringen trachteten. Kospott gab ihnen, sie
deckend, das Geleit.
,,Was geht da vor?' rief Darner ihn an.
,Der Schuft von Sergeant hat's angefangen.
Es ist der Sohn vom alten Kutscher Polkehn, den
sie da wegschleppen. Er ist Rekrut unter den Krüm-
pern, kam justement des Weges, wie wir zum zweiten
Frühstück gingen, und ging mit. Da kriegt der
Sergeant uns zu sehen, den Krümper unter uns,
schimpft-- schimpfen auf deutsch haben sie ja alle weg
-- schimpft: ,Hunde, verfluchte Russenkanaillen! Und
wie er den Polkehn in der Krümperjacke sieht, zieht
er blank und schlägt dem ins Gesicht, daß die Nase
nur eben noch hängt! Na, da sprang denn alles
zu, und die vorbei kamen auch, denn er schlug blind
um sich, er war halb besoffen. Jetzt hat er denn
sein Theil!?
Wähenddessen kam von der Rathhauswache
Militär heran. Die Menge stob aus einander, der
zu Boden geschlagene Sergeant wurde fortgeschafft.
Er war zum Tod getroffen.
Man verfolgte die Enteilenden, man verhaftete
ein paar Leute, die man noch in der Nähe fand und
die verdächtig scheinen konnten, bei dem Auflauf mit-
gewirkt zu haben. Darner blieb ruhig auf dem
Platz, der Kospott neben ihm.
, Er auch hier? Was will Er hier?
,Ja, ich denk' wie Sie, Herr Stadtrath, zum
Zeugen! Ich kann mit dem Reden allerdings nicht
fort. Sagen der Herr Stadtrath aber doch, daß sie

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mich mitnehmen sollen! Ich war von Anfang an
dabei; ich kann's beschwören, wie es war.?
, So komm Er !' sagte Darner, der wieder ein-
mal sah, daß er sich in dem Kospott nicht geirrt.
, Heute geht's in eins! Komm Er mit mir! Und
in sein Haus zurückkehrend, den Pelz rasch umzu-
werfen, begab er sich graden Weges, von dem Wein-
schröter gefolgt, zu dem Gouverneur, dem er persönlich
wohl bekannt war.
Im Vorzimmer des Gouverneurs fand er seinen
Sohn und den ihn bewachenden Offizier. Das kam
ihm gelegen, denn der Letztere konnte verbürgen, daß-
der Auflauf ausgebrochen, wäährend die Darners beide
noch im Hause gewesen waren. Darauf bauend,
hatte Darner dem Gouverneur unaufgefordert Mel-
dung von dem Vorgang machen wollen, um den
wahrscheinlichen Verhaftungen vorzubeugen, die bei
der Aufregung, welche sich der Einwohnerschaft be-
mächtigt, üblere Folgen nach sich ziehen konnten.
Allein, obschon er Audienz erbat und die Zusage
für dieselbe erhielt, und obschon der Ordonnanzoffizier
Frank mit so viel Dringlichkeit fortgeführt, verstrich
eine halbe Stunde um die andere, ohne daß sie vor-
gelassen wurden.
Es war ein Leben im Vorzimmer wie in einem
Feldlager. Offiziere jeden Ranges von den ver-
schiedenen Regimentern kamen und gingen; allen lag
die Eile, die Unruhe auf den Gesichtern. Keiner
sprach laut zu dem andern, aber was sie sich mitzu-
theilen, was sie auszurichten hatten, mußte wichtig,
mußte keine Siegesnachricht sein, und einmal ver-
nahm Darner von einem Vorübergehenden die Worte:
, Auf dem Rüückzug nach dem Niemen!'
Der Mittag war vorüber, der Wartesaal füllte
sich immer mehr. Neben den militärischen Beamten

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erschien der Oberpräsident, der befohlen war und so-
fort eingeführt wurde; bald nach ihm der Oberbüürger-
meister, der mit Erstaunen Darner und seinen Sohn
unter den Wartenden erblickte und von Darner er-
fuhr, daß er um des Auflaufs willen gekommen sei,
wegen dessen man den Oberbürgermeister hatte be-
scheiden lassen. Beide Eivilbeamte wurden rasch ab-
gefertigt, dann wurde Frank vorgeführt, aber auch
sein Verhör währte nicht lange. Er wurde ohnehin
um Auskunft über die Verhältnisse an der Grenze
befragt, die jeder andere ebenso gut zu geben ver-
mocht hätte, und dann entlassen.
Wie er nun, seiner Bewegung wieder Herr, an
den Vater herankam, sagte er:
,,Das war ein Spiegelgefecht! Sie haben ohne
Frage anderes vorgehabt, haben aber jetzt Wichtigeres
zu thun. Die Nachrichten auus Rußland sind sehr
schlecht für sie.?
Frank entfernte sich; die Reihe kam an Darner.
Der Graf war in höchster Aufregung. Er sprach sich
mit größter Heftigkeit über den Auflauf aus, nannte es
Verrath an den Freunden, an den Bundesgenossen,
die gekommen wären, das niedergeworfene Preußen
vor der tyrannischen Habgier des Zaren zu schützen;
ging dann aber mitten darin zu lebhaftem Dank für
Darner über, der durch sein hoch anzuschlagendes
Zeugniß es ihm möglich machen werde, in der be-
klagenswerthenAngelegenheit den Schuldigen zu strafen,
dem Schuldlosen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen;
und auch Darner verließ die Audienz mit der festen
Neberzeugung, daß mehr auf dem Spiele stehe als
die Untersuchung und Bestrafung jenes Auflaufs,
daß man nicht gewillt sei, die Entrüstung in der Stadt
zu steigern.
Gegen den Abend hin wurde wieder einmal eine

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außerordentliche Versammluung des Magistrates zu-
sammenberufen. Der Oberbürgermeister hatte von dem
Gouverneur die Weisung erhalten, sich auf die An-
kunft neuer Truppen vorzubereiten, die angeblich zur
Verstärknng durch Preußen nach Rußland geschickt
werden sollten. Preußischerseits war nichts derart be-
fohlen. Man deutete den Befehl also anders, brachte
ihn mit dem Brande von Moskau in Verbindung,
Hoffen und Fürchten hatten hier freies Spiel. Der
Tag war vergangen, der Abend gekommen, die Sterne
funkelten glänzend an dem schwarzen Himmel. Der
Schnee knisterte unter den Füßen der Patrouillen,
die warnend durch die Straßen zogen.
Weil man wissen, hören wollte, was draußen
vorging, waren Darner und Virginie bei Justine im
Vorderhause zumThee geblieben. Die beidenAudienzen,
der Schreck, den man am Morgen gehabt, wurden
durchgesprochen. Darner, der sich sonst nicht leicht auf
das Geschäft des Vermuthens einließ, war doch mit
Erwägung der Vorgänge in Rußland beschäftigt, sich
verwundernd, daß keine Nachricht von Joannu ge-
kommen sei.
,,Ach,'? rief Justine, die eben die Kohlen in dem
Samowar mit dem kleinen silbernen Blasebalg ange-
facht, ,man wird ja immer mehr dahin gedrängt, dem
lieben Gott für jeden ruhigen Augenblick zu danken.
Daß wir hier im Warmen sitzen, daß ich meinen Frank
wieder hier habe und nicht irgendwo in Haft, daß Sie
hier sind, Vater, und Virginie, daß meine Kinder in
ihren Betten ruhig liegen, das ist Alles, Alles, was
ich verlange. Mag daneben draußen in der Welt
vorgehen, was will und kann; ändern kann ich es
ja doch nicht!r
,Großherzig ist das nicht!r scherzte Virginie.
,, Hab' Du erst einen geliebten Mann und zwei

s
!
n
=- W8? =-
so liebe Kinder, so wird Dir die Großherzigkeit in
der Philisterei der rechten Liebe schon vergehen!'
Ea klingelte an der Hausthüre, alle schreckten auf.
Es wgr gegen elf Ühr und das Haus bereits geschlossen.
Frank eilte hinunter und kam nach wenigen Augen-
blicken wieder, einen Brief in der Hand.
,Eine Estafette!
,,Von wannen?' fragten sie einstimnig.
,,Von Venedig!'' antwortete er, während Darner
sie ihm abnahm und sie öffnete. Seine Augen starrten,
während er sie las.
,Entsettlich, entsetzlich!' rief er aus, und die
starke Hand, die das Blatt hielt, sank nieder auf
den Tisch.
,,Dolores ist todt?? riefen die Geschwister.
,Nein, der Brief ist von ihr.? Und tief auf-
athmend, las er tonlos diewenigenZeilen, die er enthielt.
s
,Mein Vater! Der blu;hefleckte Boden, auf dem

ich stehe, brennt mir unter den Füßen. Ich muß
fort, zu Ihnen, zu Ihnen! Vranitzki hat Polydor
erschossen. Als Leiche hat man ihn mir in das Haus
gebracht. Ich muß fort, mein Vater! Mein Schweizer
Kammerdiener begleitet mich. Ich finde nicht Ruhe,
bis ich wieder athme in der reinen Luft des Vater-
hauses. Nehmen Sie Ihr unglückliches Kind wieder
an. Ihr Herz! Nehmt mich Alle in Liebe wieder auf!
Mein. Elend war zu groß! und doch beweine ich
Polydor, denn das Herz, das die Kugel durchbohrt,
schlug ja auch für mich! Ach, daß ich fliegen könnte
zu Ihnen, Vater, zu. Euch! Ich zähle die Tage, die
Stunden. Mit Tagesanbruch bin ich auf dem Wege
zu Euch! Eure unglückliche Dolores.?
s
SswwaowFanawsaaewoaeas