Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 17

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Siebenundzwanzigstes Kapitel
Und sie alle zählten in Angst, in Schmerz die
Stunden, so wie die unglückliche Dolores.
In der furchtbaren Aufregung, in der sie sich
befunden, hatte sie in dem Briefe weder das Datum
noch den Weg angegeben, den sie einzuschlagen dachte.
Der Poststempel von Venedig ergab, daß der Brief
zwanzig Tage unterwegs gewesen, und man nahm
an, daß sie die Straße eingeschlagen haben werde, auf
welcher sie als Braut nach Venedig gegangen war.
Aber irgend eine Gewißheit konnte man sich nicht ver-
schaffen. Ihr entgegen zu reisen, ihr einen Brief zu-
kommen zu lassen, war nicht möglich. Selbst eine
Estafette nach Venedig konnte über das dort Vorge-
gangene im günstigsten Fall erst in vier, fünf Wochen
die Antwort bringen; dann aber mußte Dolores bei
den Ihren sein, wenn ihre Kräfte die Reise ausge-
halten hatten und sonst kein Unglücksfall dazwischen
getreten war.
Trotzdem schrieb Darner an das Haus Joannu,
an den russischen, den preußischen Konsul in Venedig,
an Polydors Vater nach Petersburg; allein er selbst
nannte das ,Schläge ins Wasser', sofern es eine
nähere, frühere Auskunft über Dolores betraf. Es
war ein trostloses, rathloses Vermuthen, dem Darner
mit den Anderen anheimfiel, wie sehr er sich auch zu
behaupten trachtete; und Alles, was man festgestellt
hatte, als man tief in der Nacht sich trennte, war
der Vorsat, zunächst nichts von dem Tode Polydors,
von der Abreise, und der bevorstehenden Ankunft
seiner Wittwe verlauten zu lassen.
Die Zeitumstände erleichterten ihnen diese Zurück-
haltung. Der Auflauf des verwichenen Tages, der

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Todschlag des Sergeanten hatten doch mehr Ver-
haftungen nach sich gezogen. Die Untersuchungen waren
in vollemGang, auchKospott war festgenommen worden.
Es hieß, man werde ein Exempel geben, die Aufsässigen
niederschießen lassen. Der Landhofmeister, der Kanzler,
der Oberbürgermeister warnten davor. Die Nachricht,
daß Napoleon Moskau verlassen habe, daß die Armee
sich zurückhiehe nach dem Niemen hin, machte der Unter-
suchung ein Ende; und das Gerücht, daß die im Norden
stehenden Truppen, also auch das preußische Korps,
zur großen Armee stoßen, daß damit die preußische
Grenze den Russen offen stehen würde, gab jedem, Feind
und Freund, zu denken und zu fürchten. Es war
keine Kleinigkeit, die Russen als Feinde im Lande,
und neue Schlachten in der Provinz erwarten zu müssen.
Wer hatte diesen Ereignissen, diesen Befürchtungen
gegenüber Zeit, an Anderes zu denken? Wer merkte
es, daß trot der grausen Kälte,' die man in dieser
Jahreszeit auch in Preußen nicht gewohnt war, an
- einem sonnigen Mittag Justinens Wagen vor dem
Kollmann'schen Hause vorfuhr, um John in seines
Vaters Begleitung seine erste Ausfahrt nach seiner
Krankheit machen zu lassen? Wer achtete darauf, daß
diese Ausfahrt eben zu Lindheims ging?
Es war manch Blättchen des Dankes, der Sehn-
sucht, der Liebe geschrieben worden von John an Flora,
war erwidert von der Geliebten Hand, und Niemand
hatte sie daran gehindert, obschon Kollmann seinen
Besuch in ihrer Eltern Haus nicht wiederholt. Heut
aber hatte er am Morgen an Lindheim geschrieben
und bei ihm angefragt, ob er die Aussicht habe, ihn,
Madame Lindheim und Flora zu Hause zu treffen,
wenn er um zwölf Ühr kommen würde, ihnen mit
seinem Sohne seine Aufwartung zu machen und ihnen
den Genesenen zuzuführen.
Lewald. Die Familie Darner. Ul.
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Er, Konrad Samuel Kollmann hatte Jakob Lind-
heim, und Madame Lindheim, geborene Israel, ge-
schrieben und sie um Erlaubniß gebeten, sie besuchen
zu dürfen! Wem hätte er das geglaubt, der es ihm
vorausgesagt noch vor Jahr und Tag!
Es war Alles für ihren Empfang bereitet. Der
Saal auf das Beste durchheizt, ein Frühstück, wie
man es einem Genesenden bietet, stand auf dem Tisch;
der Vater ging den Gästen entgegen. Mutter und
Tochter waren festlich gekleidet, denn Kollmann hatte
den Sonntag zum Besuch gewählt, um nicht durch
Geschäfte des einen oder des andern die Ruhe der
Zusammenkunft zu stören.
Am Fenster stehend, klopfenden Herzens, hatte
Flora die Ankunft des Wagens erwartet, und nur
der Mutter feste Hand hatte sie abgehalten, dem Ge-
liebten entgegen zu eilen, da der Vater das Zimmer
verlassen, die Gäste zu begrüüßen. Aber als die Thüre
sich dann öffnete, als Kollmann hereintrat, als John,
statt der Mutter zuerst zu nahen, der Tochter die Arme
öffnete, da war kein Halten mehr.
,,Engel, mein Weihnachtsengel, mein Lebens-
retter!'' jubelte John, und freudetrunken, in Glücks-
thränen, lag sie an seiner Brust. Auch Madame
Lindheim weinte, die Väter reichten bewegten Herzens
sich die Hände.
,Da ist nun freilich die Werbung nicht mehr
nöthig, die für meinen Sohn zu machen ich gekommen
war !'' sagte Kollmann. ,Nur unseren Segen haben
wir zu geben, und =-
,, Und zu bewilligen, daß am Weihnachtsabend
mein Weihnachtsengel für immer mir beschert wird !?
,,Das ist unmöglich!' erklärte Madame Lindheim,
,,es ist ja gar nichts vorbereitet.?
,Du mußt Dich erst vollständig erholen, und

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der Brautstand ist auch etwas Schönes! bedeutete
Johns Vater.
John aber versicherte, er sei ja jetzt frisch und
gesund, bis Weihnachten habe man noch acht volle
Wochen, das sei des Brautstandes genug, denn nach-
her komme ja das Schönste von allem Schönen mit
der Ehe. Justine habe ja einen noch kürzeren Braut-
stand gehabt. Zwei Stuben im Hause würden schon
frei zu machen sein, daran hätten sie beide ganz gentg.
Hausrat sei im Neberfluß vorhanden, und Kleider
habe seine Braut gewiß die Hüülle und Füülle, und es
könnten bis Weihnachten noch Dutzende gemacht werden,
wenn das nöthig sein sollte.
Kollmann wollte ihn unterbrechen, John ließ es
nicht dazu kommen.
, Und,'' fuhr er fort, ,Flora sagt zu allem Ja
und Amen, nicht wahr, Flora?
Sie antwortete nur, indem sie sich an seinen Arm
hing und mit glückseligem Lächeln zu ihm emporsah.
,,Du vergißt, nur, mein lieber Sohn, daß noch
ein Anderer als ich und Deine Braut und deren Eltern
,Ja und Amenf zu sagen hat, bevor Flora die Deine
werden kann. Noch ist sie Jüdin! Sie muß unter-
richtet werden in den Lehren des Christenthums, und
durch die Taufe aufgenommen werden in unsere Kirche
und Gemeinschaft. Darüber haben wir uns zu ver-
ständigen, Verehrtester! sagte er, sich an Lindheim
wendend, und trat mit diesem in die Fensternische.
Die Worte hatten kühl, wenn auch durchaus be-
rechtigt, in die Freude der Liebenden hineingeklungen,
aber sie störten sie weiter nicht in dem wonnevollen
Geplauder, nicht in dem Rückerinnern an die kurze,
ihnen gemeinsame Vergangenheit, nicht in der festen
Neberzengung, daß ihre Hochzeit am Tag vor Weih-
nachten gefeiert, daß in Kollmanns Hause der Christ-
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baum seit der Mutter Tod zum erstenmale wieber, und
von Flora's Händen angezündet werden müüsse, wie
in der engen Kammer der armen Wäscherin, in welcher
die Liebenden sich vor dem Jahr, in Einsamkeit mit
demBewußtsein ihrerLiebe zu einander gefunden hatten.
,,Wie könnte ich oder irgend einer der Meinen,'?
hörten sie dazwischen vom Fenster her Flora's Vater
zu Kollmann sagen, ,wie könnten wir eine Abneigung
gegen die christliche Lehre, gegen irgend eine Lehre
hegen, die den Menschen aus seiner Roheit und Selbst-
sucht zu seiner Bändigung, zu seiner Veredlung durch
! die Nächstenliebe zu erziehen trachtet? Spinoza und
Moses Mendelssohn haben nicht vergebens für uns
gelebt, Herr Kollmann! Ich denke, auch Lessing hat
für uns alle nicht vergebens gedichtet! Und da Ihr
Erlöser und seine Mutter hervorgegangen sind aus
unserem Volk, so--
, So haben Sie Recht,'' fiel ihm Kollmann ein,
,wenn Sie auf das Gleichniß von den drei Ringen
deuten; und den Beweis von der Nächstenliebe hat
unsere Flora, habenSie, mein Freund, uns ja gegeben.
,Darf ich Flora mit mir nehmen, sie zu Justine
hinzuführen? fragte John, nachdem man verabredet,
daß Lindheim am nächsten Tag den ersten Geistlichen
der Domkirche veranlassen solle, den Unterricht seiner
Tochter zu übernehmen.
,,Gott bewahre!'' rief Flora. ,Deine Brart
wird mit Dir nach Hause fahren, Dich Madame
Göttling als Patienten richtig abliefern, und dann
ihres Weges gehen, und es hier bei den Eltern still zu
begreifen'suchen, wie glücklich sie ist; denn für heute
und für die erste Ausfahrt hast Du ganz genug!''
,Sehen Sie, wie herrschsüchtig sie ist!r scherzte
der Schwiegervater, umarmte sie aber, küßte sie herz-
lich, nannte sie seine liebe, kluge Tochter; und sich

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ihrem vernünftigen Vorschlag fügend, fuhren sie mit-
sammen fort.
,Das ist ein großes Glück, ein großer Fortschritt,
nicht allein für unser Kind, das wir Gott lob nun hier
bei uns behalten !'' sagte der Vater, als er zuurüück-
kehrte und die Frau umarmte, die, am Fenster stehend,
dem Wagen nachsah, wie vorhin die Tochter ihn er-
wartet hatte. ,Ein großes Glück, denn John ist ein
rechtschaffener und guter Mensch, und sie sind die
älteste Familie der Stadt! Sie werden Augen machen
unter unsern Leuten und an der Börse!'?
,, Morgen muß man die Karten drucken lassen!
,,Und ich muß mit dem Generalsuperintendenten
sprechen gehen! Von dem Nebrigen wird nachher zu
reden sein !'' erwiderte der Vater.
,.Sei nicht kleinlich dabei! bat die Mutter.
, Hast Du mich jemals so gekannt, wo es Großes
und ein Gutes gegolten hat? Und hier?
,Bei Gott nicht! Und es kommt dem Doktor,
es kommt uns Allen zu statten -- der ganzen Ge-
meinde sogar! Und der Fürstin, der Fürstin wird
es ein Triumph sein! Der schreibe ich's noch heute!
Flora muß auch gleich schreiben!?
,,Thue das, morgen ist Posttag! Die hat's ge-
machtl''
sAefik
chtundzwanzigstes ==»=»s
Der lange Karl war schon wieder eine ganze
Zeit bei seinem Herrn in Rasten und hatte Briefe
mit zurückgenommen, auch von Frank, für seinen
Herrn; und ein Tag verging um den andern, und