Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 18

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der eine Tag brachte neue ermuthigende, der andere
verwirrende Nachrichten von der großen Armee, von
den russischen und den preußischen Truppen.
Jeder Tag aber brachte in Königsberg neue,
F immer steigende Anforderungen des französischen
F Gouverneurs; und die Spannung, die Erbitterung
? gegen die Franzosen wuchsen. Neberall hatte man
den Hang zur gewaltsamen Epörung, zumt Aufstand,
zu unterdrücken; aber in der Enge der Wohnungen,
in welcher die beiden Familien Darner jetzt lebten,
fragte man sich an jedem Morgen immer nur:
,, Wird sie heute kommen?? Und wenn der Tag zu
Ende war, tröstete man sich an dem Abend mit der
Hoffnung: ,Vielleicht morgen!''
Niemand litt schwerer unter dem unthätigen
Warten als der Vater. Das sahen die Seinen, ob-
schon kein Wort von seinem Munde es verrieth.
Mit Neberredung und Geldaufwand hatte er es
erreicht, in seinem Hause die Zimmer frei zu machen,
welche die Schwestern früher mit Madame Göttling
inne gehabt. Das eine mußte für den Vater her-
halten, das andere, das Schlafzimmer, sollte Dolores
wiederfinden, wie sie es verlassen. Virginie hatte
Arbeit genug, es für sie Beide bewohnbar zu machen,
nach der Benutzung durch die Einquartierung, die
jetzt so lange darin gehaust.
Man hatte sich der Verlobung Johns gefreut,
und Justine hatte Flora scherzend versichert, sie habe
ihr jetzt das Gewissen ganz beschwichtigt; denn wenn
John unwerheirathet geblieben wäre, hätte sie es zu
verantworten gehabt, daß das Kollmann'sche Geschlecht
ausgestorben wäre. Jeyt ginge sie das nichts mehr
an, jest sei es Flora's Sache. Allein solche Heiter-
keit hielt nicht lange vor gegen die Sorge, mit der
sie sich um Dolores trug; und mit jedem Tag, der

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die Ersehnte näher bringen muste, wurde das bange
Erwarten schwerer.
Darner hatte angeordnet, daß abwechselnd immer
einer der männlichen Dienstboten, ebenso wie eines
der Mädchen, und er oder Frank, die Nacht in den
Kleidern blieben, denn nicht eine Minute sollte sein
vom Schicksal schwer getroffenes Kind harren müssen
vor des Vaters Thüre, wenn die Trauernde etwa in
nächtlicher Stunde sein Haus, ihre Heimat, erreichte.
Aber wieder war ein Morgen gekommen
und hatte eine brennende Käilte gebracht trotz des
funkelnden Sonnenscheins, und Dolores, die Erwartete,
war noch nicht da; wohl aber hatte ein lieber Gast
sich eingestellt, den man nicht erwartet hatte.
Eberhard von Stromberg war mit dringendem
mündlichen Auftrage von seinem Regierungspräsidenten
an den Landhofmeister abgesendet worden; und ob-
schon er noch am selbigen Abend die Rückreise anzu-
treten hatte, war er im Vorübergehen doch bei Frank
zu flüchtigem Besuche vorgesprochen. Man hatte so-
gleich den Vater und Virginie hinzugerufen, denn
jeder sollte und wollte hören, was der Landrath aus
seinem lithauischen Kreise zu berichten hatte, hören,
was er wußte von den dicht an der Grenze stehenden
Russen, von der Stimmung in Lithauen, wo man in
gleicher Unruhe wie in Preußen, den endlichen Auf-
rut zur Erhebung gegen die Franzosen erwartete.
Justine hatte, nach der preußischen Gewohnheit,
dem Besuch eine Erfrischung zu bieten, in Eile auf-
leagen lassen, was eben zur Hand war; da hielt ein
Wagen, schmetterte ein Posthorn vor dem Hause.
Der Vater, der Bruder, die Frauen eilten, ohne an
Eberhard zu denken, ohne der grimmen Kälte zu
achten, die Treppe hinunter und an die Thüre. Eber-
hard, nichts ahnend von dem, was dieser Vorgang

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bedeutete, folgte ihnen nach. Er sah, wie die mächtge
Gestalt des Vaters die Anderen zurückschob, wie er
den Wagenschlag öffnete, wie er eine in schwarze
Schleier verhüllte Frau hinauftrug in seinen
Armen in das Haus, und: ,Gott im Himmel, Do-
lores !'' stieß er, seinen Augen nicht trauend, laut hervor.
Sie wendete den Kopf nach seiner Seite.
,Das ist zu viel, zu viel!'r rief sie, und die
Häinde vor die Augen schlagend, brach sie matt zu-
sammen in des Vaters Armen. Man trug sie in das
kleine Vorzimmer, der Vater, die beiden Frauen, die
Kammerjungfer, welche sie im Vaterhause bedient, seit
sie aus der Pension gekommen, waren zu ihrem Dienste
bereit. Der Vater hielt sie in seinen Armen, seine
Thränen mischten sich mit den ihren. Niemand der
Seinen hatte ihn je weinen sehen.
Virginie, Justine knieeten neben ihr. Frank,
der zu Stromberg geeilt und schnell wiedergekommen
war, küßte ihre Hände. Jeder wollte sie berühren,
fühlen, daß sie da sei, sie empfinden machen, wie
Liebe sie ersehnt, Liebe sie umgebe.
,Mein Kind, mein armes, mein geliebtes Kind !?
scholl es von des Vaters Lippen. An seiner Brust
kam sie wieder zu sich.
,Bei Dir! Bei Euch, ach bei Euch!k sagte sie
leise.,Das ist Mllea!r?
Man nöthigte sie Wein zu genießen, man trug
sie die Treppe hinauf, mehr als sie ging. Sie war
zuletzt zwei Nächte und einen Tag gefahren, wie ihr
Diener ausgesagt. Sie sollte ruhen.
- Still und willig wie ein Kind ließ sie sich in
ihr altes Zimner führen; aber wie sie sich in dem-
selben einen Augenblick allein befand, blickte sie mit
angstvoller Hast umher, schlug die Hände in einander
und rief:

.- A? --
, Alles, Alles wie sonst-- und Alles, ach, Alles
so schrecklich, so entsettzlich anders! Bin ich denn bei
Sinnen??
Sie schluchzte laut, warf sich vor ihrem Bett
auf die Kniee und barg ihr Gesicht in seine Kissen.
Der Vater, Frank und Justine hatten sich, als
man sie in ihr Zimmer gebracht, sofort entfernt,
Virginie und die Kammerjungfer entkleideten sie.
Man ließ die Vorhänge nieder, die Schwester setzte
sich an ihr Lager, und Virginiens Hand in der ihren
haltend, von dem Dunkel der Stille, der Wärme
mild umfangen, ward die Erschöpfung Meister über
sie. Sie sank in Schlaf.
Nach einer Weile wachte sie auf, richtete sich
empor, blickte um sich und fragte:
, Virginie, habe ich es geträumt oder war Eber-
hard da?
, Ja, er war da für eine halbe Stunde, aber er
ist wieder fort und wahrscheinlich auch schon wieder
abgereist. ?
,,Gottlob !'' sagte Dolores, wandte sich zur Seite
und schlief aufs neue ein.
Eberhard, von dem Geschehenen so weit unter-
richtet, als man es wußte und als er es wissen mußte,
um verstehen zu können, was er mit Augen gesehen,
hatte sich, seinem Dienste folgend, tief erschütterten
Hegzens entfernt. Daß er ahnungslos gekommen
wai in der Stunde ihrer Heimkehr, war nicht allein
ihm wie ein wunderbares Zusammentreffen er-
schienen.
Jedoch die Hauptsache blieb: sie war da! Das
nahm die schwerste Last von Darners Herzen, das
befreite Alle von der Pein des angstvollen Erwartens.
Die Hausordnung kam wieder zu ihrem Recht, so
weit von einer solchen in dieser Zeit überhaupt die

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Rede sein konnte; und es war spät am Nachmittag,
als Dolores aus ihrem Schlaf erwachte.
Man hatte in der Straße den Reisewagen vor-
fahren, die Trauernde aussteigen, den Wagen die
Seitenstraße hinunter in die Remise fahren sehen,
man hatte erfahren, daß Darners Schwiegersohn er-
schossen, im Duell erschossen sei, und mehr wußten
auch Darner und die Seinen nicht den Tag hindurch.
Der Schweizer Kammerdiener hatte das beiläufig
ausgesagt, als er sich bei Darner gemeldet, ihm den
Rest des Geldes auszuhändigen, das ihm für die
Reise zur Verwendung übergeben worden war, und
Darner hatte ihn angewiesen, reinen Mund zu halten,
und das Haus für heute nicht zu verlassen. Ihn
weiter zu befragen, war nicht nach seinem Sinn.
Dolores hatte sich erhoben, sich angekleidet; sie
that es wie im Traum, und immer wieder kam sie
auf den Ausruf zurück:
,Ich habe zu Euch gewollt, habe Tag und Nacht
nichts anderes gedacht, und nun ich hier bin, fasse
ich es nicht!r?
Virginie brachte sie in das Zimmer, das der
Vater jetzt neben ihnen bewohnte. Die Veränderung
erschreckte sie. Der hastige Schritt der Einquartierung
in den Fluren, auf den Treppen, in den Boden-
räumen machte sie zusammenfahren; aber als der
Vater eintrat, kam es wie neues Leben in sie.
Man hatte den Theetisch zurecht gestellt; sie saßen
zu Dreien bei einander. Der Vater fragte um ihren
Reiseweg, Virginie nöthigte sie zu Speise und Trank.
Sie genoß ein wenig davon, und wie dann der Vater
ihr, um ihr Zeit zu innerer Fassung zu gewähren,
von den Ereignissen sprach, die man in Königsberg,
in der Provinz erlebt, seit Napoleon Moskau ver-
lassen, rief sie plötzlich:

==- ßß-
, Ach, erst ich, erst ich! Ich ms es Euch ge-
sagt, ich muß es über die Lippen gebracht haben - --
damit-- nennt es nicht selbstsüchtig! damit
nicht ich allein es trage, damit Ihr's wißt, Sie,
mein Vater, Sie und Du !? Und ohne die Antwort
abzuwarten, fuhr sie fort: ,Es war gut gegangen
seit unserer Rückkehr von Paris. Sehr gut; und
g? gegen mich war er ja immer gewesen, Polydor.
Er hatte wieder gesehen, wie Ihr mich liebtet, er
wollte mich nichts entbehren lassen; er ging seltener
zur Marquise. Ich hatte lange schon den Glauben,
daß seine Leidenschaft für sie im Erkalten war, aber
er konnte es nicht ertragen, daß sie ihm einen
Andern vorzog. Manchmal-- Gott verzeih mir die
Sünde! dachte ich, er könne sie erstechen und
Ruhe darnach finden; und auch sie liebte ihn nicht
mehr! Sie liebte auch den Grafen nicht! Sie hat
Niemand je geliebt! Für einen Prinzen hätte sie
Polydor hingegeben wie ein Nichts; und er war,
wie an sie gekettet, in ihrer Gewalt. In der Ge-
sellschaft redeten sie davon, daß sie gebrochen habe
mit meinem Mann; man wünschte mir Glück dazu!
Es war der Graf, der das Gerede verbreitete, und
die Marquise nährte es, denn sie kannte Polydor.
Auf der Piazzetta, im Theater, in den Veillonen sah
man sie bei einander, die Marquise und den Grafen!
Das Gerücht ging, er werde sie heirathen. Das
bracht? Polydor außer sich vor Eifersucht. Er suchte
die Marquise wieder geflissentlich, er bewachte sie
förmlich. Und da . . . Es war Donnerstag spät
am Abend. Wir waren in der Oper gewesen. Polydor
brachte mich nach Hause und fuhr darnach noch einmal
fort. Das war ich gewohnt, sehr gewohnt und nicht
gewohnt zu fragen, wohin er sich begab. An dem
Abend kam er schneller zurück als sonst. Er sagte,

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es sei leer gewesen im Kasino und die Unterhaltung
frostig. Der Freitag ging wie immer hin. Am -
Abend nur hieß er den Diener ihn früh zu wecken;
und mir sagte er, er habe eine Estafette nach Peters-
burg zu besorgen, deren Inhalt er Niemand zu
übermitteln anvertrauen und die nicht rasch genugg z
seinem Vater kommen könne. Er ging früh um
sieben Ühr fort. Ich schlief nicht wieder ein. Um
zehn Ühr, als ich mich eben angekleidet hatte, ließ
Kapitän Landoni, ein Freund Polydors, sich bei mir
melden. Die ungewohnte Stunde, die Zerstörung
in seinen Zügen erschreckten mich. Vom Traghetto
scholl lautes, wirres Sprechen, schollen Ausrufe des
Entsetzens in die Höhe. ,Was ist geschehen? fragte
ich. -- FFassen Sie Ihr Herz zusammen, Signora,
sagte er, äch habe das Unglück, der Neberbringer
einer traurigen Botschaft zu sein.-- ,Polydor!: rief
ich-- denn eine Nachricht von Euch konnte mir ja
der Kapitän nicht bringen. ---- Ja! sagte er, Jo-
annu hat ein Duell gehabt auf der Giudecca mit
dem Grafen Vranitzki. Ich war sein Sekundant.. . -
Er wollte mir Zeit lassen, mich vorzubereiten; ich
konnte die Marter nicht ertragen.- ,Weiter, weiter!k
flehte ich. - ,Sie schossen gleichzeitig, wie es verab-
redet worden. Ich sah mit Besorgniß, daß Joannuu
so lange zielte .. .-
, Die alte, unselige Gewohnheit!'? rief Darner
dazwischen. ,Wir sahen es in Strandwiek und
warnten ihn im Scherz!''
, .Joannu zielte lange, zu lange! Der Graf,
ein sicherer Schüte, gab seinen Schuß rasch ab . - -
Joannu sank nieder .. Der Arzt, ich, sprangen zu - - -
-- ,Todt!: rief ich. Landoni wies schweigend nach
der Thüre; unsere Leute brachten den Todten, brachten
seine Leiche . . meines Mannes Leiche . . ??

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Die Thränen, das entsetzliche Erinnern brachen
ihre Stimme; aber mit jener Gewalt über sich, welche
Virginie in Paris schon an ihr zu bewundern gehabt,
raffte sie sich zusammen und sprach:
,,Was ich noch weiter weiß, habe ich von Lan-
doni. Polydor war an jenem Abend zur Marquise
gefahren; er hatte sie in Vranitzki's Armen gefunden.
Ein hartes Schmähwort gegen sie ausstoßend, hatte
er Vranitzki bei der Brust gefaßt..- Vranitzki hatte,
sinnlos vor Zorn wie er, nach dem Dolch gegriffen,
den Polydor von Paris ihr mitgebracht und der
immer seitdem auf dem kleinen Tisch gelegen. Die
Marquise warf sich zwischen sie, der Dolchstoß traf sie
mitten in die Wange.?
Sie brach plözlich ab, schauderte zusammen,
schöpfte Athem aus tiefer Brust und sagte dann:
,, Das war's.., das Blatt, das Blatt''-- sie zog's
aus ihrem Kleid -,das hatte er Landoni gegeben, mir
zu bringen, wenn er nicht lebend wiederkehren sollte.?
Sie reichte es dem Vater hin. Es enthielt nichts
als die Worte:
, Lebe wohl, Dolores! Habe Dank für das Glüück,
das Du mir gewäährt; verzeih' mir, wenn ich Dich
betrübt. Ich habe Dich geliebt. Es war mein Ver-
hängniß, daß ich Dich kennen lernte, als es für mich
zu spät war. Denke mein ohne Groll und, wenn
Du kannst, mit Liebe.
Polydor. ?
Darnet las es schweigend; nur das Wort:
, Verhängniß !'' glitt kaum hörbar über seine Lippen,
dann reichte er es Virginie.
Sie that wie er, aber sie gab der Schwester das
Blatt nicht zurück. Sie stand auf, verschloß es in
dem kleinen Sekretär, den Dolores als Mädchen in
dem Zimmer benutt, und händigte ihr den Schlissel
ein. Auf ihrem Herzen sollte sie das Blatt nicht tragen.