Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 02

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laden, der troz der späten Jahreszeit persprochen
wurde. Es hatte Paraden, Hoffeste gegeben, die
Monarchen hatten anscheinend in größter Freundschaft
mit einander verkehrt, indeß die Zeiten waren vor-
über, in denen man in der Stadt und in dem Lande
an solche Begegnungen der Herrscher Hoffnungen
knüpfte. Man wußte, sie waren alle wie Karten
in der eisernen Hand des Kaisers der Franzosen,
der sie als Freunde oder Feinde gegen einander aus-
spielte, wie es in dem gegebenen Augenblicke für
seine Zwecke paßte.
Der Kaiser von Rußland war abgereist, wie er
gekommen; aber einer der Offiziere seines' Gefolges,
General von Stromberg, hatte einen- Urlaub zu
längerem Verweilen in Preußen erbeten und erhalten.
Er hatte seinen Neffen nach langen Jahren einmal
wieder sehen wollen; und da er, nach diesem fragend,
erfahren, daß der Baron für ein paar Tage auf
das Land gegangen sei, hatte er sich rasch entschlossen,
ihn in seinem Schlosse zu besuchen.
Es war seit zwei Tagen Schnee gefallen, der
erste, lang ersehnte in diesem Herbste, denn es fror
schon stark in den Nächten, und der Landwirth hatte
für die Saaten zu fürchten. Dem General waren
von der Postdirektion Relaisscheine für seinen Schlitten
gegeben, und man läutete in Waldritten die Mittags-
glocke, als' in der tiefen Stille, durch die sie tönte,
sich plötzlich das Klingeln der Schellen vernehmbar
machte und die dampfenden Pferde mit dem leichten
, Gefährt durch das Heckthor des Hofes fuhren.
,Ein Schlitten! -- Die Russen! Ein Offizier
mit noch einem!-- Das sind die Pelzmützen von
den Grünen, vom vorigen Jahre, von den Infan-
teristen!- Das sind die Fouriere! Die Russen kommen -
wieder!-- so ging es von Mund zu Mund. Der

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Schrecken fuhr durch das ganze Dorf und Alles eilte
nach dem Schlosse, sich Gewißheit zu verschaffen.
Der lange Karl, der im Schlosse aus und ein wußte,
war wie immer an der Spitze.
Auch im Schlosse rief der Schlitten den Amt-
mann an die Thüre und den Schloßherrn an das
Fenster; aber schon im nächsten Augenblicke war der
Baron an dem Schlitten, der General ausgestiegen,
und den schweren Pelz von den Schultern werfend,
den sein Diener auffing, schloß er den Baron in
seine Arme und küßte ihn auf gut russisch auf beide
Wangen.- Die Leute sahen es, nicten, die Mütze
ziehend, den Herrschaften zu und gingen beruhigt in
ihre Häuser und zu ihrem Essen zurück.
Eberhard führte den Onkel in sein Haus, ihn
mit lebhafter Freude in demselben begrüßeng.
,Ja, Herr Neffe und Herr Pathe!r sagte der
General, ,bilde Dir immer etwas darauf ein, daß
ich zu Dir gekommen bin, denn es hätte anders
sein sollen, von Rechts wegen. Ich habe mir aber
gesagt, wenn die Dynasten zusammenkommen, müssen
die Stammhalter und Majoratsherren wohl das
Gleiche thun; und so kommt denn der alte Garwinder
zu dem jungen Waldrittener Herrn, die Stammes-
freundschaft aufzufrischen. Und nun die Hand her,
Neffe, obschon's, wie ich gesagt, an Dir gewesen
wäre, zu mir nach Garwinden zu kommen, nachdem
Du hier in Dein Erbe eingezogen warstl?
Eberhard ergriff die fest gebotene, schwertgewohnte
Rechte. ,Ich würde sagen, Sie ehren mich hoch,
Herr Onkell'' entgegnete er dem General, ,wenn ich
Ihre Güte nicht noch dankbarer empfände als die
Ehre, die Sie mir erzeigen. Mir fehlten, als ich
hierher kam, nicht der Wunsch und der Wille, Sie in
Kurland aufzusuchen, um mich Ihnen nach so langer

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Zeit einmal wieder vorzustellen; mir fehlte nur das
Geld. Ich hatte keinen Thaler auszugeben, der nicht
unerläßlich ausgegeben werden mußte.?
, Und jetzt?' fragte der General, dem der in-
zwischen herbeigerufene Diener die schweren Pelzstiefel
von den Füßen zog, während die Amtmannsfrau
selber für den ersten Imbiß eine Flasche Goldwasser
und Striezel auftrug. ,Und jetzt? wiederholte der
General, das Glas Branntwein hinunterschluckend,
das Eberhard ihm eingeschenkt.
,, Ich komme vorwärts im Dienste und auch auf
dem Gute,'' sagte er, und- fragte dann den General,
ob sr sich vielleicht für eine Weile zurüchuziehen
wünsche oder ob es ihm genehm sei, sich gleich jetzt
mit ihm zu Tisch zu seten.
,Laß uns zu Tisch gehen! Ich bin noch keiner
von denen, die des Ruhens bedürfen, und es spricht
sich gut beim Essen. Daß Du auf dem Gute vor-
wärts gekommen bist, habe ich bei meiner Fahrt durch
das Dorf gemerkt. Ich habe Waldritten gesehen
während Deiner Abwesenheit bei einemu Marsche durch
dasselbe, kurz, ehe wir das Land verließen. Es war
verdammt mitgenommen! Und auch hier bei Dir
sieht es wohnlich aus,' setzte er hinzu, als sie den
Ahnensaal durchschritten und in dem Nebenzimmer an
dem Eßtisch ihre Plätze eingenommen hatten.
Er erzählte darauf von seinen Erlebnissen in
Erfurt und am Hofe zu Königsberg, von seiner
Familie, von seiner Absicht, auch für den jüngeren
seiner Söhne, für den Johannes, einen Grundbesitz
zu erwerben und diesen ebenfalls zum Majcat zu
machen, um der Familie noch einen neuen festen
Halt zu geben. ,Denn Erhalten des Bestehenden,
Erhalten der alten Geschlechter, der alten Namen,'
sagte er, ,das ist es, was wir der fortdauernden

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Revolution, die von allen Seiten auf uns herein-
dringt, entgegenzusetzen haben. Und, daß ich Dir es
gleich beim Willkomm ehrlich sage, ich lobe es nicht,
daß hier noch keine Hausfrau schaltet, daß der künftige
Majoratsherr von Waldritten noch in diesem Hause
nicht geboren ist.?
Eberhard ließ das unbeachtet; und da der General
seiner Güter gedacht und sich als einen bewährten
Landwirth bezeichnet hatte, obschon er sein Garwinden
oft in Jahr und Tag nicht zu besuchen komme, so
erkundigte er sich denn auch nach des Neffen Wirth-
schaft. Eberhard gab ihm Auskunft, wie er konnte.
Er erwähnte dabei natürlich auch der kleinen Erb-
schaft, welche er von der Gräfin Elmenhorst gemacht,
und ebenso der veränderten Verhältnisse, welche sich
in Preußen durch die Aufhebung der Hörigkeit, wie
durch die Beseitigung der meisten Adelsvorrechte für
die Güter und die Landwirthschaft herausgestellt hätten;
und während er andeutete, daß auch er von seinem
Präsidenten in der Ausarbeitung dieser Gesetze be-
schäftigt worden sei, bezeichnete er zugleich die Namen
von zwei Familien des alten Adels, welche ihre Güter
eben in dieser letzten Woche an reiche Kaufleute ver-
kauft hätten, da den Bürgerlichen jezt die Erwerbung
adeliger Güter gestattet sei.
Des Generals buschige Brauen zogen sich finster
zusammen. ,Das ist's, das ist'slr stieß er zornig
hervor. ,Umsturz und Schacher überall, mit den
Thronen anzufangen! Der große Versucher hat sie
gekannt. Wie Luzifer ist er niedergefahren zwischen
ihnen, und jeder, jeder hat genommen, was er hat
erwischen können.?
Er blickte hinter sich, Eberhards Kutscher, der
bei Tische den Dienst versah, hatte das Zimmer
verlassen. -- ,Wir sind allein,? sagte der General,

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,zwei deutsche Edelleute aus altem Stamm, und
obschon ich Dich so lange nicht gesehen, obschon ich
Dich zum ersten Male als Mann vor Augen habe,
stehe ich nicht an, Dir's auszüsprechen, denn Strom-
berg'sches Blut kann sich nicht verleugnen: ,Es herrscht
kein Ehrgefühl mehr auf den Thronen, auf keinem,
keinem Throne!'
Er sprach die Worte mit schärfster Betonung
aus, so daß seinem Neffen über ihren Sinn kein
Zweifel bleiben konnte.- ,Schon in Tilsit,? fuhr
der General fort, ,war es nahe daran, daß es mit
dem alten deutschen Ordenslgnde, daß es ein Ende
hatte auch mit Preußen, ganz; und gar! Und ich
war froh, daß es erhalten wurde, daß es der Zar
war, unser Zar, der widerstand. Aber wozu hat
er's erhalten? Dazu, daß es sich jetzt mit sinnlosen,
revolutionären Gesetzen im Innern selbst zu Grunde
richtet!?
,,Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen wider-
spreche, Herr Onkel! Sie würden vielleicht über die
neue Gesetzgebung anders urtheilen, wenn Sie unsere,
Preußens Zustände, und die Wirkung der Gesetze
kennten, wie sie sich schon jetzt in den Befreiten kund
giebt. Ich aber habe Gelegenheit gehabt, beides
kennen zu lernen und =-
Der General fuhr auf. Er goß das Glas Wein,
das Eberhard ihm eben wieder gefüllt, mit hastigem
Zuge hinunter, stellte es klappend auf den Tisch
und sagte dann mit bitterem Lachen: ,Also auch
in Dir spukt dieser, sogenannte Zeitgeist? Du, ein
Nachkomme des ersten Eberhard von Strombseg, ein
StrombergWaldritten, billigst auch diese Revolution,
die ganz speziell gegen uns, gegen den alten, gefesteten
Grundbesit, gerichtet ist? Du arbeitest ihre Gesetze
aus und rühmst Dich dessen gegen Deinen Stamm-
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Lewald. Die Familie Darner. TT.

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genossen an Deinem eigenen Tische, auf dem Grund
und Boden, der glücklicherweise durch die Vorsicht
Deiner Ahnen gesichert ist vor allen revolutionären
Angriffen?
Eberhard hatte ihm mit wachsender Erregung
und innerem Kampfe zugehört. Die Achtung vor
dem älteren Manne, vor dem erprobten Krieger in
grauem Haare, vor dem Blutsverwandten, der ihm
zuvorgekommen war, vor dem Gaste, der sein Haus
beehrte, trat abmahnend, warnend dem Aussprechen
seiner abweichenden Ansichten entgegen; aber seine
Neberzeugung und die Wahrheit waren mächtiger in
ihm, als jede andere Rücksicht; und seinen Ton
mäßigend, um das Herbe zu mildern, das er dem
Oheim doch nicht verbergen wollte, sagte er: ,Ich
habe im Leben noch wenig gethan und habe mich
der geringen Handlangerdienste nicht zu rühmen,
zu denen man mich bei den neuen Gesetzesaus-
arbeitungen verwendet hat; aber ich bekenne Ihnen,
ich stehe mit vollster Neberzeugung auf dem Boden
unseres neuen Rechtes. Lassen Sie mich wenigstens,
verehrter Onkel, darin als einen echten Stromberg
gelten, daß ich den Muth meiner Meinung habe und
zu ihr stehe.?
Die ruhige Bestimmtheit, mit welcher Eberhard
sich aussprach, bannte des Greises leidenschaftliche
Heftigkeit. Wo er Achtung forderte und fand, hatte
er zu achten.
, Neberzeugung gegen Neberzeugung!'' sagte er,
,, und der Neberzeugung nach zu leben hat unser
Ahnherr uns gelehrt. Sieh zu, wohin Du, wohin
Ihr mit den Neuerungen kommen werdet!r? Dann
erhob er sein Glas und stieß noch einmal mit dem
Neffen an. ,Auf die Stromberge, in Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft!'?

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,Allezeit!'' entgegnete ihm der Schloßherr, und
beide erhoben sich vom Tische, gegen einander gut
gesinnt.
Es war noch zeitig am Nachmittage, als sie in
den Saal eintraten. Das lodernde Kaminfeuer hatte
ihn durchwärmt, aber de? Schnee fiel in dicken,
dichten Flocken von dem schwerwolkigen, grauen
Himmel nieder. Der Wind hatte ihn schon in den
beiden verwichenen Tagen gegen die Voöderseite des
Schlosses getrieben, die Fenster waren wieder einmal
ganz gefroren, und die einzige Messingkröne, welche
in dem Saale unzerstört geblieben war, weil die
einquartierten Offiziere dort ihre Mahlzeiten einge-
nommen: hatten, gab spärliches Licht, so daß man die
Bilder nur deutlicher sah, wenn die Flammen des
Kamins ihren streifenden Schein über: sie- warfen.
Der Kaffee war aufgetragen, Tabak und Pfeifen
standen für den Gast zur Wahl bereit.
,Erlaube, daß ich mich selbst versehe!r bat
der General, zog eine kurze Pfeife und einen türkischen
Tabaksbeutel aus der innerey Brusttasche seines Rockes,
stopfte die Pfeife, und den Tabak anbrennend, sagte
er, während er die ersten kleinen Wolken in die Luft
blies: ,Lagergewohnheiten!=- aber Du!?
Eberhard sagte, daß er kein Raucher sei.
,Grade wie mein Johannes, poetische Naturen!
Ihr spekulirt auf Frauendank!? === Er ging während
des Sprechens in dem großen Raum auf und nieder,
Eberhard ging neben ihm her:
,Wie man Kriege geführt hat ohne Pulvse und
Blei, das läßt sich denken,? scherzte der General,
,,das weiß unsereiner, der gelegentlich auch den Piken
und Streitkolben im Osten gegenüber gestanden -
aber eine Campagne ohne die Pfeife?? Er lachte,
blieb plötzlich stehen und sagte: ,lebrigens - wo
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- hast Du's her? Das ist kein Eivilistenschritt; so geht
ein exerzirter Mann!
,Der bin ich auch; und viele unserer Leute
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sind's wie ich!r
,Ah, so!-- Auch eine Neuerung! Scharnhorsts
System! Es war die Rede davon an der Offiziers-
tafel hier bei Euch am Hofe! - Und obschon
beide Stromberg, als sie die Tafel verlassen, die
Absicht gehabt hatten, sich von Gesprächen fern zu
halten, welche den Gegensatz zwischen ihnen aber-
mals herausstellen konnten, befanden sie sich gleich
wieder, wie es in diesen Zeitläufen kaum anders
möglich war, mitten in der Politik, mitten in den
Fragen, welche vorher zwischen ihnen zur Erörterung
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,,Pariren denn die Leute hier noch bei Euch auf
,Von Pariren ist die Rede doch nur noch für
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diejenigen von ihnen, welche in unseren Häusern
dienen. Die anderen kommen auf Taglohn und sind
zufrieden, wenn sie lohnende Arbeit finden, da wir
sie nicht mehr zu ernähren haben. Finden sie sie
nicht bei uns, so gehen sie anderwärts auf Arbeit.
Ich selber habe damit für sie den Anfang gemacht,
und einmal zehn Mann auf das benachbarte Gut
von Lorenz Darner nach Strandwiek verdungen.?
,Würde mir nicht passen. Meinem Aeltesten
ebensowenig; dem Johannes, der auch von Menschen-
rechten und derlei Utopien spricht, schon eher. Aber
wie geht's den Darners? Wie geht's den Koll-
manns? Was macht die schöne Justine, die ich
geholfen habe in aller Kürze unter die Haube zu
bringen??
Eberhard berichtete von den einen und von
den anderen. Der General sagte, er kenne den

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alten Joannu in Petersburg und versprach, die
beiden ihm in Königsberg befreundeten Familien
aufzusuchen. Er rühmte dabei die. Schönheit ihrer
Frauen.
,Der junge Darner hat klug gethan, rasch zuzu-
greifen,' sagte er, ,denn Justine war eine glänzende
Person; und zuzugreifen ist, ich wiederhole Dir's,
auch Deine Pflicht. Ihr steht hier auf zwei Augen,
allein auf Dir!?
, Johannes ist ja da, wenn ich sie schließe!'
entgegnete ihm Eberhard.
,Was soll der schlechte Scherz!'' tabelte der
Genekal. ,Du müßtest kein Edelmann sein, wenn
Du nicht das Verlangen trügest, Dein Geschlecht,
Deinen Namen fortzupflanzen und ihn - Deinem
Besitz, wie Deinen Besitz Deinen eigenen Nachkommen
zu erhalten; und ein Mann wie Du hat ja nur
zu wählen unter den Töchtern des Landes.-
Jeder der Stromberge ruft Dir das zu, der hier
von den Wänden auf uns niedersieht. Mach, daß
Du auf die Freite gehst. Es ist jetzt Friede bei
Euch im Lande, und einem Freier wie Du thut jedes
Haus sich auf.?
Das Wort traf Eberhard wie der Stahl den
Stein, und wie der rasch entzündete Funken flog der
Ausruf über seine Lippen: ,Nur daß ich kein
Freier binlr
, Kein Freier? Was soll das heißen? Du kein
Freier??
,Nein, kein Freier! Jeder der Leute hier ist
ja jettt freier als der Schloßherr! Der Besiz der
mir vererbt ist von meinen Ahnen, ist nicht mein,
ist kein freier Besitz. Er ist mir übertragen, ihn
für andere zu verwalten, die nach mir kommen und
die auf ihm unfrei sein werden so wie ich; und diese

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anderen, die ich dem Geschlechte zu liefern habe, darf
ich nicht einmal erzeugen mit dem Weibe meiner
Wahl. Ich habe das Weib zu suchen innerhalb
einer bestimmten Kaste, auch wenn mein Herz sich
anderweit gewendet. Damit ist man kein freier
Mann!'
,Was muß ich hören?? rief der General. ,Das
sagst Du mir, Du? =- Hier unter dem Bilde unseres
gemeinsamen Ahnherrn, auf dessen Brust noch das
Kreuz der Deutschherren leuchtet??
,, Hätte er das Kreuz seines Ordens und das
Herkommen seines Ordens höher geachtet als seine
Freiheit,? fiel Eberhard ihm ein, ,so wäre er nicht
dem Markgrafen gefolgt, als dieser gebrochen mit
dem Orden und mit dem Papstthum, seiner Neber-
zeugung nachzukommen; so lebten nicht Sie:- nicht
ich!-- Und hier, hier an dieser Stelle; General!
unter dem Bilde Eberhards von Stromberg, habe
ich mit mir überlegt, mit mir gekämpft, ob es nicht
an mir sei, mich frei zu machen von dem Majorate.r
,Eberhard,? rief der General noch einmal, ,was
soll das heißen?? Und doch war etwas in dem
Neffen, dem er nicht entgegenzutreten, dem er nicht
zu widerstehen vermochte.
Der Anruf brachte Eberhard zu seiner früheren
Mäßigung zurück. ,Ich bin kein Phantast,? sagte
er, ,so wenig unser Ahnherr es gewesen ist; aber
ich bin ein Kind meiner Zeit, wie er's der seinen
war. Das Gute wie das Neble der Majorate habe
ich neben den Vortheilen, welche sie dem Erstgeborenen
und der Erhaltung des Stammes gewähren, empfunden,
seit ich zu eigenem Denken gekommen bin. Zum Glück
hatte ich keinen Bruder, keine Schwestern neben mir,
die mir's beneiden konnten, daß ich zuerst geboren
worden. Ich habe es stets verstanden, wie grade


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mancher Edelmann dahin gedrängt ward, die Freiheit
zu suchen, wie Lafayette über den Ozean getrieben,
wie Mirabeau in die Reihen des Volkes geführt
worden ist. Meine Reisen in England, in Irland
haben nicht dazu beigetragen, jene Peberzeugung
in mir wanken zu machen. Persönliche Verhältnisse
sind dazu gekommen, mich in ihr zu bestärken; und
unsere neue Gesetzgebung, welche die Gleichheit der
Stände ausspricht, macht Majorate wie das meine,
die dem Besitzer gebieten, bei der Wahl seiner Frau
nicht auf sie, sondern auf ihre sechzehn Ahnen zu
sehen, in meinen Augen zu einer Widersinnigkeit -
der mich zu unterwerfen mich empört =?
,Du liebst eine. Bürgerliche und willst sie
heirathen!'' sagte der General.
,Nein! Ich denke für mich jetzt nicht daran;
aber so lieb dies Schloß, so werth mir unsre Er-
innerungen, so heilig mir unser Name ist- an dem
Majorate habe ich keine Freude.?
,Und doch ist es, wie Du mir selbst gesagt,
Dein einziger Besitz, und Du hast das neu ererbte
Vermögen hineingesteckt, dem Gute aufzuhelfen,?
wendete der General ihm ein.
Er hatte seine Pfeife lange schon ausgehen
lassen und sich auf einen der alten Stühle gesezt,
die am Kamine standen. Die Beine weit vor sich
hingestreckt,i die Arme über der Brust verschränkt,
das feste, wetterdurchfurchte Antlitz von dem Flacker-
schein des Feuers beleuchtet, blickte er dem Neffen,
der ihm gegenüber saß, prüfend und mit tieem Ernst
ins Auge.
,Und Du bringst es nicht in Anschlag,' sagte
er, da Jener schwieg, ,Du bringst es nicht in An-
schlag, daß das Majorat an sich Dir eine Stellung
giebt?

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,,Ich hoffe und trachte darnach, mir eine solche
durch mich selber zu verdienen.?
Der General: schüttelte verwundert das Haupt.
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,Du könntest -es ertragen, einen andern an Deinem
Platze, einen andern im Besitz Deines Schlosses zu
sehen??
,Mit voller Seelenruhe! und um so leichter,
da es ja immer nur ein Stromberg sein könnte, da
Sie oder einer meiner Vettern hier residiren würden!n
setzte er hinzu.
,h, da habe ich Dich! rief der General;
,,da tritt der Sinn in Dir hervor, an dem ich irre
zu werden begann. Du schlägst nicht aus der Art!
Wie könntest Du auch wollen, daß Deine Kinder
nicht geboren würden unter diesem Dache, nicht auf-
wüchsen unter den Augen und in der Erinnerung an
ihre Ahnen--'
,Täuschen Sie sich nicht in mir, mein Onkel,
denn ich will Sie nicht täuschen. Wer weiß, wann
das Leben uns wieder einmal zusammenführt! Ich
möchte nicht, daß Sie besser, oder daß Sie schlechter
von mir dächten, als ich es verdiene nach Ihrem
Sinne.? =- Er schwieg eine kleine Weile, dann
sagte er: ,Ich lege großen Werth darauf, einen
Ahnherrn gehabt zu haben, der zu den Freien gehört
in seiner Zeit! Aber weil wir Freie gewesen sind
seit vielen Jahrhunderten, weil der Komthur von
Balga, unser Ahn, wie ein Freier selbstwillig ge-
handelt hat in seiner Zeit, so drängt mich mein
Verlangen, ihm gleich zu sein nach den Anschauungen
meiner Zeit. Es widerstrebt mir, gebunden, gehindert,
unfrei in meinem Handeln zu sein durch den Willen
eines Mannes, der wahrscheinlich ein anderer gewesen
sein würde, hätte er im sechzehnten Jahrhundert die-
Entwicklung voraussehen können, welche die Mensch-

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heit in dem achtzehnten und neunzehnten genommen
hat. Ich bin manchmal herumgegangen in diesem
Saale mit dem Gedanken, daß ich mich glücklicher
fühlen würde, könnte ich fortgehen, allein mit meinem
Namen und den edlen Erinnerungen unseres Hauses,
frei und auf mich selbst gestellt, statt mit Jahren
voll Arbeit und voll. Opfern einen Besitz ertragfähig
zu machen, der als letztes und höchstes Opfer von
mir die Beschränkung meines freien Willens fordert.
Ich liebe und ehre dieses Haus- aber das Majorat
verleidet mir seinen Besitz.?
Es entstand eine lange Pause. Der General
erhobn sich, Eberhard folgte seinem Beispiel.
,,Es giebt Gedanken,' sagte der General mit
warnendem Tone, ,die man sich nicht eingestehen,

, Worte, die man nicht aussprechen soll, denn das
gesprochene Wort hat eine weitreichende und zeugende
Kraft. Ich will vergessen, was ich von Dir gehört,
vergiß auch Du es!
,,Ich schäme mich des Gedankens nicht, mein
Onkel, und nehme keines der Worte zurück, die ich
gesprochen. Ich habe hier meine Schuldigkeit gethan,
und werde sie weiter thun.. Das ist Mllea !?
,Und wenn Dein Wort gewirkt hätte in mir,
wenn der Versucher an Dich heranträte??
Ein tiefer Ernst lagerte sich auf Eberhards
Stirne, aber er sah ruhig zu dem Onkel hinüber,
dessen dunkles Auge bannend auf ihm ruhte.
,,Was wollen Sie mich verstehen machen?
fragte er.
Und wieder hielt der General inne wie üiner,
der vor einem großen Entschlusse mit sich selbst zu
Rathe geht. -= ,Ich habe Dich gefragt,. hob er
darnach an, ,wie würde es Dir sein, wenn die
Versuchung heranträte an Dich! Aber Du trittst

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als der Versucher an mich heran. Du hast es von
mir gehört, Johannes ist verlobt mit einer Riefen-
hausen, mit einem Mädchen von altem, vollbürtigem
Geschlecht. Du- hast ebenso von mir vernommen,
daß ich ein Gut für ihn zu kaufen, es zum Majorat
zu machen denke =-r
,Ich bitte, mein Onkel, vollenden Sie!r mahnte
Eberhard, als Jener zögerte.
,Nun denn,? rief der General, ,wenn Du frei
sein- willst von dem Zusammenhang mit unseres
Ahnherrn Willen-- ich fordere keine Antwort von
Dir jettt in dieser Stunde -- aber die Möglichkeit
dafür, ist da! - Ziehe Dein neu ererbtes und das
Dir ebenfalls persönlich vererbte Vermögen Deiner
Mutter aus dem Gute zurück. Ich zahle sie Dir
beide aus;, und tritt Waldritten an Johagnes ab.
Dann bist Du frei und das Majorat kömmt in
gute Hand. Friedrike Riefenhausen ist eine reiche
Erbin, Johannes ein Edelmann im höchsten Sinne
des Wortes, Dir in Gesinnung ähnlicher als ich.
Er kann für das Gut alles Nothwendige thun. Ihm
wird. es auch nicht widerstreben, freie Leute um sich
zu häben und unter Euren Gesetzen zu leben. --
Neberlege es! Ich habe nichts gesagt, wenn Du
es nicht gehört zu haben wünschest, aber überlege
es Dir!?
Der Gedanke war Eberhard nicht neu. Er hatte
in seiner Leidenschaft für Dolores an einen solchen
Ausweg selbst gedacht, ohne die Möglichkeit! zu sehen,
wie er ihn einschlagen könne; nun ein Anderer, der
Nächstberechtigte, ihn auf denselben hinwies, blicte
er auf ihn wie auf etwas ihm Neues, wie auf ein
ihm fremdes und doch verlockendes, ersehntes Ziel.
Seine Gedanken wirrten sich durcheinander. Die festen
Mauern befingen ihn und schienen ihm doch zu

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wanken, der Wind, der gegen die Fenster anschlug,
der Eulenschrei, der sich eben vernehmen ließ und
den er an jedem Abende zu vernehmen gewohnt
war, wenn das Feuer vom Kamin die Fenster er-
hellte- es sprach Alles zu ihm. Schattenhaft
stiegen Erinnerungen um Erinnerungen in ihm auf,
wie die Nebel aus dem Thale um den Wanderer
sich zusammenziehen auf der Höhe. Alte Neber-
lieferungen, neues Erleiden, seiner Eltern geheiligte
und geliebte Gestalten, das Bild der heiß begehrten
Geliebten- Alles, Alles sah er mit einem Male
vor sich; und das Elend, das er hier angetroffen
unter den Leuten, das Wenige, das er mit dem
Aufgebote seiner ganzen Kraft und Mittel zu dessen
Linderung gethan, der Knabe der Braun'schen, der
ihm entgegenlief, wo immer er den Herrn erblickte,
sein alter Amtmann, es stürmte Alles, Jedes, sein
Recht fordernd, auf ihn ein.
Gestellt zwischen die Vergangenheit seines Hauses
und die Zukunft des Landes und des Volkes, zwischen
die Weltanschauung seiner Vorfahren und seine aus
dem eigenen Leben gewonnenen Ansichten, richtete
sich sein Blick fest auf das ideale Ziel, welchem
die Augen der Besten unter seinen Zeitgenossen
zugewendet waren, und was er gedacht, war er zu
thun bereit.
,Mißdeuten Sie mein Schweigen nicht!r höb er
an, aber der General ließ ihn nicht weiter sprechen.
,Im Gegentheil,? sagte er, ,wir wollen. Beide
von der Sache schweigen. Das ist geboten flr Dich
wie mich. Ich würde gering von Dir und schlecht
denken von mir, Tönntest Du eine Entscheidung wie
die geforderte ohne reifliches Erwägen treffen. Und
man soll von mir nicht sagen, ich hätte einen unseres
Hauses fortgedrängt von seinem ihm angeborenen

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Besitz. -- Laß Deinen Amtmann kommen. Wir
taugen im Augenblick zu zweien nicht für einander.?
,Er kennt Waldritten seit mehr als dreißig
Jahren,' sagte Eberhard, ,und er hängt daran, als
wäre es sein eigen.?
,Das ist gut!' entgegnete der General, ,für
jetzt kommt es aber darauf an, ob er zu einer
Partie zu brauchen ist- lHombre oder Whist zu
Dreien, gleichviel, und ob man bei Dir einen
Punsch zu brauen versteht.-- Morgen sehen wir
uns hier um, wenn's Dir gefällt. Du begleitest
mich dann, ebenfalls wenn's Dir gefällt, nach der
Stadt, und ehe ich Königsberg verlasse, giebst Du
mir Antwort. - Für Johannes steh' ich ein.?
MWö
Drittes Kapitel
Sie ritten am Morgen durch das Gut. Eherhard
betraf sich einmal auf dem Gedanken, mit solcher
Empfindung müsse man von der Erde, vom Leben
scheiden im festen Glauben an eine andere, bessere
Welt. -- Der General that die Fragen eines um-
sichtigen, praktischen Wirthes und Geschäftsmannes;
der Amitmann, welcher sie begleitete, rühmte die
Aufopferung, mit welcher der Herr Baron hier ein-
geschritten sei und Rath geschafft habe. Er sagte, die
Leute wären zwar keine Leibeigenen mehr, aber Fie
wären dem Herrn eigen mehr wie je! -
Die Leute! =- Sie lagen Eberhard schwer auf
dem Herzen. Jeder, der an ihm vorüber kam, jede
Frau und jedes Kind grüßte ihn, wartend auf das