Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 19

-- ZZ--
Geif»l'
Meunundzwanzigst«= ===s==--
Man hatte Dolores in den ersten Tagen wie
eine Kranke zu behandeln, und diese Aufgabe fiel
allein Virginien zu. Den Vater und Frank sah man
nur noch bei den Mahlzeiten, die unter dem Drange
der Umstände wieder gemeinsam und meist in Eile
eingenommen wurden.
Der Rückzug der Franzosen aus Rußland hatte
begonnen. Die Stadt war voll von den Jammer-
gestalten der Flüchtenden, die in zerlumpten Kleidern,
in Frauenröcke eingewickelt, mit erfrorenen Gliedern
bettelnd, Krankheit verbreitend, wohin sie kamen,
durch die Straßen zogen, und liegen blieben, wo sie
niederfielen. Und immer rascher drängten in, immer
größerer Menge die Truppenmassen den ersten ver-
einzelten Flüchtlingen nach. Neber viertausend Offi-
ziere und über fünfundzwanzigtausend Gemeine hatte
man als flüchtende, verhaßte Bundesgenossen, in
Königsberg zu verpflegen, während die Kosaken schon
in Lithauen die preußische Grenze überschritten hatten;
während sich in Memel die Russen schon völlig als
Besitzer der Stadt eingerichtet, die preußischen Be-
amten abgesetzt, und der eigentliche Befreier Deutsch-
lands, der hochherzige General von Pork, bereits sich
mit dem preußischen Truppentheil des französischen
Heeres, auf Gefahr seines Kopfes von den Franzosen
losgesagt hatte.
Die Noth war so groß als die Verwirrung. Ver-
gebens harrte man in Lithauen und in Preußen
auf die Entscheidung des Königs, um zu wissen, wer
als Freund, wer als Feind anzusehen und zu be-
handeln wäire; und Freund und Feind machten die
unerhörtesten Anforderungen, und die Franzosen
As

-- Z0Z--
konnten sie grade mit dem Hinweis auf den König
erpressen, denn die Festungen in seinem Rücken waren
noch in ihren Händen. Die rohe Gewalt hob jeden
Rechtszustand im Lande auf.
Man zog den Landwirthen das Vieh aus den
Ställen, man spannte den Aerzten, die zu den Kranken
fuhren, die Pferde vom Wagen, um sie in die Re-
gimenter einzustellen, man nahm den spärlich zu
Markte kommenden Leuten-- denn wem war etwas
zu verkaufen geblieben?-- die Waaren ab, wie den
Bäckern das Brot aus den Schaltern, den Schlächtern
das Fleisch aus den Scharren. Es kamen Tage, an
denen man selbst in den Hääusern der Reichen, an
denen auch Juustine und Virginie sich zu freuen hatten,
wenn es ihnen gelungen war, für den eigenen Bedarf
und für die Einquartierung und die Kranken, die
auch in ihrem Hause nicht fehlten, das Nothwendigste
herbeizuschaffen.
Erst als Dolores wieder zu sich selber und zu
Kräften gekommen war, gewann sie die volle Einsicht
in die Verhältnisse, in welche sie sich versetzt fand,
in die ungeheuren Wandlungen, welche sich in den
Jahren ihrer Abwesenheit vollzogen hatten. Was
der Vater und Virginie davon auch in Paris be-
richtet, sie selber hatten nicht voraussehen können, was
jetzt geschehen war. Von dem Elend, von welchem
man sie uygeben fand, hatte die Phantasie bis dahin
keine Vorstellung gehabt.
Sie war jetzt in dem heißersehnten Kreise der
Ihren, im Vaterhause; aber jetzt war es nicht mehr
das alte, stille Vaterhaus; und Alles, außer den
Ihren, war ihr fremd geworden.
Des Winters seit Jahren ganz entwöhnt. machte
die große Härte desselben sie doppelt leiden. Sie
vermißte das Licht, die Wärme, den weiten Blick in

-- Zg--
die Lagunen, hinaus aufs Meer. Die Enge der
Zimmer, auf welche man beschränkt war, bedrückte
sie. Ohne daß sie es sich eingestand, fehlten ihr die
großen Säle, die weiten Hallen und Gallerien des
Palasies, die ihr anfangs in Venedig in den vielen,
einsam verträumten Stunden so öde erschienen waren.
Sie hatte sich gewöhnt, ihr Auge hoch empor zu heben,
es haften zu lassen an den Gestalten, die, von Meister-
hand gemalt, die Decken der Zimmer, die Wände
schmückten. Wie Ersatz suchend für die Genien und -
Amoretten, die sie so lang geschaut, flüchtete sie sich
zu Franks schönen Kindern, die zuerst Scheu trugen,
vor der blassen Frau in den schwarzen Kleidern und
Schleiern; aber, von ihrem sanften Blick und süßen.
Worten schnell gewonnen, sich um so fester an sie
hingen! Und was war ihr der krausgelockte, leben-
strotzende Lorenz, welch' ein Erinnern weckte er in
ihr auf!
Sie hatte Eberhards Namen nicht genannt seit
dem Tage jhrer Ankunft. Niemand der Ihren hatte
ihr von ihm gesprochek, selbst Virginie nicht in der
Stunde, da sie der Schwester ihr Herz ausgeschüttet,
da sie ihr den Brief des Majors zu lesen gegeben,
ihr von ihrem Lieben und Hoffen geredet hatte, dessen
Erfüllung ja aufs engste mit der Entwicklung der
staatlichen Angelegenheiten, mit der Befreiung des
Vaterlandes zusammenhing.
,. Wenn Du es wüßtest,'' sagte Dolores eines
Tages, ,was Dein Lieben und Hoffen, was Johns
und Flora's, was Franks Glück mir ist, wie es mich
tröstet und erhebt, Glückliche zu sehen! Ich hatte es
verlernt, an Glück zu glauben, und darum habe ich
auch John und Flora so dringend gebeten, nicht darin
zu willigen, daß man ihre Hochzeit weiter hinaus-
schiebt als bis zum Weihnachtsabende, den sie sich

--- Z0J--
dafür ersehnt. Ich bin abergläubisch geworden, denn
ich denke: ,Was Du von der Minute ausgeschlagen,
bringt keine Ewigkeit zurück! Muß doch manchem
Menschen ein Tag, eine Stuunde des Gliicks genügen
für sein Leben!r?
, Was meinst Du damit? fragte Virginie, welche
sie sprechen zu machen wüünschte; jedoch Dolores ließ
die Frage fallen, nahm Lorenz, der spielend neben
ihr beschäftigt war, in ihre Arme, und ihr Gesicht
in seine dunklen Locken drückend, streichelte sie mit
sanfter Hand sein Haar und küüßte den Kopf, den
er mit knabenhaftem Trotz gegen die Liebkosung nach
hinten warf.
Denn, so hatte sie in der Stunde, da er die
Augen zuerst dem Licht geöffnet, den Kopf des Neu-
geborenen gestreichelt, so leise hatte sie ihn geküßt
an dem Tage, an welchem sie überwallenden Herzens
vor Eberhard gestanden und ihm ihre Rührung aus-
gesprochen, an dem Tage, an welchem sie Beide sich
der Liebe bewußt geworden waren, die sie einander
band, an dem glückseligen Tage, der ihr Glück, ihr
Leid erzeugt, und den sie nie vergessen können, dessen
sie auch jetzt in ihrem Wittwenschleier gedenken mußte,
wie sehr sie dagegen sich auch sträubte.
Es kamen Tage, an denen sie den Knaben mied,
um ihn dann nur um so zärtlicher zu suchen.
Man hatte bei ihrer wechselnden Stimmung anfangs
viel Mühe gehabt, sie an den Verkehr mit Dritten,
selbst an das Beisammensein mit ihrer Erzieherin,
mit den Verwandten und Freunden des Hauses zu
gewöhnen, zu welchen nun auch die Lindheims hin-
zuugetreten waren. Die Menschenscheu des Unglücks,
des Schmerzes hatten sie vor jeder Berührung des-
selben zurückschrecken machen; und je lebhafter die
Theilnahme war, welche ihr Schicksal, welche ihre
Lewald. Die Familie Darner. Ul.

-- Z06-
lange Entfernung, ihr fremdartiges Erleben und sie
selber mit ihrer edlen Anmuth bei den Menschen
erregten, um so zurückhaltender machte es sie. Sie
wollte nicht gefragt, nicht beklagt, nicht angestaunt
und bewundert werden. Sie hatte es gelernt,
schweigend mit sich fertig zu werden, und der Vater
wie die Ihren wußten das zu ehren. Man ließ sie
in jedem Sinne ihren Willen haben. Man gab ihr
dann auch sofort nach, als sie an den ihr freilich
auch fremd gewordenen Beschäftigungen der Schwester
und der Schwägerin ihren Theil zu haben wünschte,
um sich nicht ausschließlich in ihre Gedanken zu ver-
lieren.
Weil man der Einquartierung seit dem Beginn
des russischen Feldzugs gar zu viel in den Häusern
gehabt hatte, war gleich von Anfang an keine Rede
mehr davon gewesen, die Mahlzeiten mit den unwill-
kommenen Gästen zu theilen. Seit aber der Rückzug
begonnen, seit man auch die Kaufmannsressource als
Offizierslazareth in Beschlag genommen, hatte Darner,
um sich und den Seinen doch eine Stunde erheiternden
Beisammenseins zu bereiten, eines Tages den Vor-
schlag gemacht, daß man nach der Hauptmahlzeit,
welche der Franzosen wegen überall um sechs Ühr
eingenommen wurde, sich am Abend noch bei ihm
für ein paar Stunden zusammenfinden solle, um wo
möglich im Verkehr mit Gleichgesinnten sich, wenn
auch nur für kurze Zeit, der Sorgen zu entschlagen,
die schwer genug auf jedem lasteten.
,s ln guerrs eomme s lu guerrö!r hatte er
gesagt. ,Je härter die Wirklichkeit uns anfaßt, um
so mehr müssen wir suchen, uns mit der Phantasie
über sie zu erheben. Der Raum, über den wir ver-
fügen, ist klein genug, aber doch immer so groß wie
die Kapitänskajüte auf einem rechtschaffenen Drei-

-- Z0? --
master; und wie auf einem solchen, so können wir
auch hier uns bei einer Tasse Thee und einem Glase
Grog der guten gewesenen Tage erinnern, und uns
der guten, denen wir doch endlich wieder entgegen-
steuern werden, in dem Bewußtsein getrösten, daß
wir die Schiffe durchgehalten, daß wir die Hand noch
fest am Steuer haben! Diese Zeit durchgehalten zu
haben wird aber eine Ehrensache sein, und ihres
Lohnes, auch des finanziellen, nicht entbehren.'?-- Es
war immer ein Zeichen seiner innern Ruhe, wenn
er sich in solcher Weise in seine früheren Tage
zuurückversetzte und Bilder brauchte, die mit ihnen
zusammenhingen.
Allen, den beiden Kollmann sowohl als Lind-
heim, that es wohl, Darner und seinen Sohn immer
aufrecht zuu finden; und immer enger schlossen auch
die jungen Männer, immer herzlicher die Frauen der
drei Familien sich aneinander an. Vor Allen hatte
Flora eine wahre Begeisterung für Dolores gefaßt,
ganz abgesehen davon, daß das Romanhafte in dem
Leben der schönen Frau ihre Phantasie beschäftigte.
Jeder war so gern bereit, einem Gedanken, einem
Wunsche, den Dolores ausgesprochen, Folge zu geben.
Ein Lächeln auf ihre Lippen gelockt zu haben, rechnete
sich ein Jeder an; Darner rechnete es Jedem zum
Verdienste an, dem es gelungen war.
So war der erste Adventsonntag und mit ihm
die Taufe von Flora herangekommen. Am Sonn-
abende hatte man dieselbe in der Wohnung des
Geistlichen, im Beisein der drei Familien in aller
Stille vollzogen. Am nächsten Morgen sollte Flora
mit ihrem Bräutigam und dessen Vater zum ersten
Mal dieKirche besuchen und das Abendmahl empfangen;
und es hatte ursprünglich in Johns Plan gelegen,
daß dann zugleich das Aufgebot, und am Tage vor
Nh

-- Z0sß--
Weihnachten die Hochzeit erfolgen solle. Allein die
Eltern der Verlobten waren, wie schon gesagt, durch
den Ansturm der Retirade, von dem Gedanken ab-
gekommen, obschon die beiden Stuben, die man in
Kollmanns Hause hatte frei machen können, zur
Aufnahme des künftigen Ehepaares bereit waren und
dieses in den jüngeren Mitgliedern der Familie
warme Fürsprecher für die Beschleunigung der Heirath
fand.
Dolores hatte es abgelehnt, der Taufe beizu-
wohnen, weil man, wie sie sagte, nicht in Trauer-
kleidern erscheinen dürfe bei dem Eintritt in einen
neuen, Glück verheißenden Lebensabschnitt. Sie hatte
es jedoch zugesagt, am Abende mit den Ihren
zu den Lindheims zu gehen, und es war nur natür-
lich, daß dort die Unterhaltung sich gleich wieder auf
den Ehekonsens für Weihnachten wendete, wie John
die Zustimmung der Eltern scherzend bezeichnete.
Was für die baldige Trauung, was gegen die-
selbe sprach, wurde von allen Theilen und nach allen
Seiten hin in Betracht gezogen. Justine bemerkte,
es sei gar kein Grund vorhanden, die Hochzeit hinaus-
zuschieben; es fehle hier nur ein an rasches Entscheiden
und Befehlen gewohnter Mann wie General von
Stromberg, der mit seiner entschlossenen Fürbitte ihr
und ihrem Manne viele Wochen früheren Glücks be-
reitet habe.
,,Sie sind ja nicht zu erseten, Tage des Glütcks,
die man versäumt hat!' fiel Dolores plötzlich ein,
die bis dahin schweigend zugehört hatte. ,Wer weiß
denn, wann die ruhigeren Zeiten kommen, auf welche
Flora und John vertröstet werden; und was dann
sein kann, wenn sie kommen. Vom Morgen bis zum
Abend kann so viel geschehen!? Sie hielt inne,
wendete sich dann an ihren Vater und sagte:

- Z09 --
, Sie entscheiden ja auch rasch, und Ihnen ge-
horcht sich's gut, lieber Vater! Sagen Sie, befehlen
Sie, daß am dreiundzwanzigsten die Hochzeit gefeiert
werden solf?
Darner lächelte. ,Ich befehle nur, wo ich zu
befehlen habe und wo man mir zu gehorchen hat!
Hier sind Andere, denen die Bestimmung zusteht, ob-
schon ich auch zu der baldigen Hochzeitsfeier rathe.'
, Nuun denn,' rief Dolores mit einem Anflug
von Scherz, der allen völlig unerwartet in ihr kam,
,. nun denn, dann sage ich, die das Befehlen am
allerschlechtesten versteht, daß die Trauung heute in
drei Wochen sein soll; und ich bitte Sie, Herr Lind-
heim, und ich bitte Madame Lindheim, gönnen Sie
den Beiden bald ihr Glück, gönnen Sie es Flora,
ihrem Manne wieder und in seinem Hause der
Weihnachtsengel zu sein! Es ist ja ein so kindlich
schöner, so lieblicher Gedanke, und-
,, Dann kommen Sie zur Hochzeit!' rief Flora
und fiel ihr um den Hals.
Dolores schüttelte das Haupt mit leiser Abwehr.
, Zuur Hochzeit nicht, so wenig als zur Taufe! Aber
wenn Sie in Ihres Mannes Haus den Baum auf-
bauen, dann komme ich l'
Den sanften, bittend zu Herrn Lindheim er-
hobenen Augen, ihrem nur zu richtigen Einwande,
daß kein Mensch wissen könne, wann die ruhigeren
Zeiten kommen wüürden, war nicht zu widerstehen.
,, Gut denn,'' rief Lindheim, , dann kommen Sie,
Madame Joannu! Ich bestelle das kirchliche Aufge-
bot ein für allemal, und wenn mein ältester Sohn
bis dahin auch noch nicht von Wien zurückgekehrt sein
sollte, wird Hochzeit gehalten in meinem Hause--
, Und der Weihnachtsabend gefeiert in dem
meinen !'' setzte Kollmann hinzu. Dolores aber sagte,

-- ZO--
dem Brautpaar die Hände reichend, mit ihrer weichen
Stimme:
,,Sehen Sie, so war ich doch auf der Welt auch
noch zu etwas gut! Nun wollen wir die Tage zählen
und dem rechten, wenn er da sein wird, den Segen
des Himmels erflehen!''
Dz- ßeAsss-e:
= = »ssszs === muupe .ucl.
ik--
sfn
Die drei Wochen, die bis zum Weihnachtsfeste
fehlten, vergingen in einer sich steigernden Unruhe.
Noch immer ritt der König von Neapel, der türkisch
aufgeputzte Murat, durch die Straßen; aber der Rück -
zug der Franzosen, den alle Vorstellungen des Ma-
gistrates nicht zu beschleunigen vermocht, nahm nun
bei der sehr gefürchteten Annäherung der Kosaken einen
rascheren Verlauf. Trotzdem hatte man noch immer
zu besorgen, daß es auch jetzt noch zu harten Zuun-
sammenstößen zwischen den Russen und Franzosen in
der Nähe von Königsberg kommen könne; und daneben
bereitete man sich in Lithauen und in Preußen in
stiller Hast auf eine Volkserhebung in Masse vor,
ohne noch der Zuustimmung des Königs zu derselben
versichert zu sein. Die Krümper waren benachrichtigt,
sich bereit zu halten; für eine Ausrüstung wurde, so
weit sie möglich war, gesorgt und während man noch
den ungemessensten Anforderungen an jedem Tage zu
stehen hatte, brachte män schon jetzt die größten Opfer
für die Zukunft, auf die Gefahr hin, daß sie vergeb-
lich gewesen sein könnten. Was damals in den Ost-
provinzen von Preußen für die Befreiung Deutschlands
gethan worden ist, das darf von Deutschland diesen
mannhaften Stämmen nicht vergessen werden.