Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 20

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Daß unter solchen Umständen an eine große
Hochzeitsfeier nicht gedacht werden konnte, wie sie dem
Ansehen des Kollmann'schen Hauses zustand, und wie
sie zu feiern Madame Lindheim es sich bei ihrem
Reichthum doppelt zur Ehre gerechnet haben würde,
verstand sich von selbst. Die Taufe von Flora hatte
ohnehin in der jüdischen Gemeinde Anstoß gegeben;
und wie die Zeiten lagen, in denen Alle und jeder
Einzelne in jedem Augenblicke mehr noch als sonst durch
die gebieterische Macht des Zufalls auf einander an-
gewiesen werden konnten, war es Lindheim nicht un-
willkommen, daß die Trauung der Tochter in seinem
Hause vor sich ging, daß er und seine Söhne der
Ceremonie nicht in der Domkirche beizuwohnen hatten,
in welche Kollmann eingepfarrt war, und in der
Madame Lindheim die Tochter gern vor dem Altar
gesehen hätte. Nur ein kleines Familienfrühstück hatte
man im Lindheim'schen Hause veranstaltet; und sie
hatte schön ausgesehen, die schwarzlockige Flora in
ihrem Kleide von rosenfarbener Seide, das ein reich
gestickter, weißer indischer Musselin üüberzog, mit den
rosenfarbenen Schuhen und dem blühenden Myrthen-
kranze, unter dem ihr in Freude strahlendes Antlitz
jugendfrisch hervorblickte.
Nach der Trauung war das junge Paar, bald
nach Kollmann und Madame Göttling, in das ihm
bereitete Heim gefahren; und wie Kollmann sich auch
an Flora's ihm anfangs fremde Lebhaftigkeit gewöhnt,
wie angenehm sie ihm allmälig geworden, weil sie
ihn immer heiter zu fesseln und zu beschäftigen ver-
mochte und weil die demüthige Verehrung ihm wohl-
that, mit welcher sie ihm begegnete, fragte er sich
dennoch, als er die Treppe hinabstieg, die junge Frau
an der mit Blumen bekränzten Thür seines Hauses
als Tochter zu empfangen:

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,Was würde Johns Mutter gedacht und em-
pfunden haben, wenn sie jetzt hier an meiner Seite
stände, und hätte die Enkelin der Rebekka als ihre
Tochter in ihre Familie aufzunehmen??
, Wer hat das erhofft in der trostlosen Nacht?
Gott erhalte sie Beide!r rief Madame Göttling, und
gab damit dem Hausherrn, dem Vater, die Antwort
auf seine nicht ausgesprochene Frage. Und mit
feuchten Augen, den Sohn und die Schwiegertochter
umarmend, sprach er:
, Willkommen, meine Kinder! Gott segne Euuren
Eingang in dies alte Haus! Bewohnt es in Glück
und mit Ehren, wie es bewohnt worden ist bis auf
diesen Tag !r
Und nun er es gesagt, war die Sache abgethan
in seinem Herzen; denn sein Wort war ein Wort,
vor Anderen, wie vor ihm selber.
Am nächsten Abende aber, als es fünf Ühr
schlug, und die Musikanten troz der Noth und Plage
in der Stadt, wie seit alten Tagen durch die Straßen
zogen und das Weihnachtslied bliesen, und wie die
frohe Verkündigung durch das Dunkel klang, rührte
es die Menschen dies Jahr noch weit mehr als sonst;
denn was auch hingegangen war über die Stadt und
ihre Bewohner, die Erinnerung an die Vergangen-
heit und der schöne, geheiligte alte Brauch waren
ihnen noch geblieben; und aus der Erinnerung und
dem Festhalten an dem Alten keimte ihnen das
Hoffen auf.
Justine hatte in dem Zimmer, das ihr und
ihrem Manne zum Wohnen und zum Schlafen dienen
mußte, den kleinen Weihnachtsbaum aufgestellt, wie
der enge Raum ihn zuließ. Auf dem Sopha, auf
der Kommode und auf den Betten hatte man die
Geschenke ansgebreitet, welche die Erwachsenen einander

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zugedacht. In Körben stand am Boden, was man der
Dienerschaft von Hand zu Hand zu geben genöthigt
war, weil man die großen Tische nicht zur Verfügung
und in der einen Stube auch nicht Platz für dieselben
hatte. Als aber die Familie beisammen war, als
Justine ihren Lorenz und ihre Louise in das erhellte
Zimmer hineinließ und Lorenz jubelnd die aufgestellten
Soldaten mit dem Zuruf: ,bDie Preußen, meine
Preußen!'' begrüßte, und die Frage aufwarf: ,Ob
die Flinte, ob die Kanonen auch schießen könnten?'
--- und als Louise die Mutter und die Puppe zugleich
umarmte, und dann die Puppe fallen ließ in dem
Bestreben, ihre Händchen auch dem Vater entgegen zu
strecken, da leuchteten der Eltern Augen, und sie
und die Kinder allein genossen voll das Glück des
Augenblickes. Denn auf Darners Stirne lastete ein
tiefer Ernst; Virginiens Herz bangte in Sorge nach
dem Geliebten, ohne daß sie wußte, wo ihre Gedanken
ihn zu suchen hatten; und vor Dolores' Augen standen
die dunklen Säle des verlassenen Palastes und die
Nacht, die über dem Grabe auf der Insel San
Michele lagerte.
,,Könnte man wieder zum Kinde werden und
fröhlich sein wie sie!' seufzte sie im Aufwallen der
Empfindung.
Virginie schüttelte das Haupt. ,Kinderspiele
statt der geliebten Sorge um einen Mann, den man
liebt und der uns liebt!'' sprach sie, im Augenblicke
nur an sich selber denkend, ,welch ein Tausch!''
Dolores setzte sich schweigend in eine Fensterecke.
Um wen hatte sie sich zu sorgen, um wen durfte sie
sich sorgen?
Während dessen hatte Frank, der den Vater nie
aus dem Auge verlor, seinen Knaben zu dem Grosß-
vater geführt, daß er diesem danke, daß dieser sich

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an ihm erfreue. Darner streichelte des Enkels
frische Wange, der seine Flinte im Arme hielt, und
sagte:
,Recht so, Lorenz, die Flinte immer zur Hand,
und wenn Du sie in der Hand hast, halte sie fest
in der Hand! Und wenn Du schießest, so halte das
Ziel fest im Auge, Junge, sonst geht es nicht! Ver-
stehst Du'e??
, Ja, Großvater!' versicherte Lorenz, legte die
neue, schwerere Flinte an, wie man's ihn an der
alten gelehrt, und sagte: ,So, und dann-
,Feste Hand und festes Ziel!r bedeutete der
Großvater noch einmal. ,Sprich mir's nach!'-
,Ja, Großvater! Feste Hand und festes Ziell
wiederholte der Bube und wollte fort. Darner hielt
ihn zurück.
, Vergiß es nicht, Lorenz!r befahl er. ,Morgen,
wenn Du mir den guten Morgen wünschen kommst,
sollst Du mir das sagen, und alle Morgen! Hörst
Du? Vergiß es nicht!r
,Alle Morgen, Großvater!' versicherte Lorenz
und sprang davon. Der Großvater blickte ihm
flüchtig nach.
,Du bist glucklicher als ich!r sprach er, sich zu
seinem Sohne wendend. ,Ich konnte Dich nicht bei
mir haben in Deiner Kindheit, sah Dich nicht er-
wachsen unter meinen Augen. Ich hatte mich zu
bilden, zu erziehen, zu arbeiten, schwer genug beim
Himmel!- um Dich von Fremden erziehen zu lassen.
Du bist fern von mir zum Mann geworden. Aber
die sechs Jahre, die wir hier mit einander verlebt,
sind nicht verloren gewesen. Sie haben Dich mir
bewährt, Du bist dem Leben gewachsen
, Sie machen mir diesen Abend unvergeßlich,
Vater!r rief Frank.

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,,Es ist eine gute Stunde fütr einen Vater,'
sprach dieser, ,wenn er seinem Sohne sagen kann,
daß er ihn anerkennt, daß er die Zuversicht hegt,
der Sohn werde den Namen, den der Vater aus
Niedrigkeit emporgebracht, mit Ehren fortpflanzen in
dem Geschlecht, das sie beide überleben wird. Es
sind nahezu zehn Jahre, daß ich hierher gekommen
bin, und wir stehen vor einer großen Entscheidung.
Da blickt man wohl einmal rückwärts und vorwärts
in einer Stunde wie diese. Was an Sorge, an Arbeit,
an Opfern vor uns liegt, wird nicht zurückbleiben
hinter dem, was wir bestanden.?
, Vater!'' unterbrach ihn der Sohn. ,Wenn die
Stunde schlagen wird, Sie werden mich nicht hindern,
ihr gerecht zu werden??
, Nein! Wie könnte ich's? Ich dachte daran, als
ich Dich mit Deinen Kindern sah =-?
,, Und ich dachte es auch und sagte mir: ,WJenn
der Vater da ist, sind sie wohl versorgt!
,Aber Frank, kümmerst Du Dich denn garnicht
mehr um uns?? rief Justine dazwischsn. ,Lorenz hat
seine Kanone schon geladen und auf die Festung ge-
richtet! Komm und schieße sie ihm ab !
Die beiden Männer gaben sich die Hände. Der
Kinderfreude und dem Kinderspiele ward ihr Recht
für eine Weile; dann brachte Justine die Kinder fort,
denn es galt, sich pünktlich einzustellen zu dem Weih-
nachtsbaum in Kollmanns Hause.
Die Lichter wurden verlöscht. Man rüstete sich
zum Aufbruch. Justine und Virginie hatten, wie zu
der Hochzeitsfeier die Trauerkleider, die sie mit der
Schwester trugen, durch weiße Spittzen und Schmuck
erhellt und im Augenblick des Fortgehens rief Dolores:
,Ach, ganz in Trauer darf ich ja nicht kommen!?
trat rasch an einen blühenden Rosenstock heran, den

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Madame Lindheim ihr als eine große Seltenheit ge-
schickt, brach eine von den Rosen ab und steckte sie
vor ihre Brust.
,Recht so, Dolores!'' sagte der Vater und legte
ihr selbst den Pelzmantel über die Schulter, den man
hereingebracht hatte. ,Der Winter währt nicht ewig,
und es blühen wieder Rosen auch hier bei uns!
Komm, mein Kind l?
Er bot ihr den Arm, gig mit ihr voran, die
Andern folgten.
Auf ihrem Wege trafen sie mit Flora's Eltern
und Brüdern zusammen, traten mit ihnen durch die
im Innern des Kollmann'schen Hauses angebrachte
Ehrenpforte von Tannengrün, unter welcher gestern
das junge Paar seinen Einzug in das alte Patrizier-
haus gehalten hatte, und wie sich dann in Flora's
Wohnzimmer die breiten Flügelthüren aufthaten, wie
sie dastand in dem Kleide, das sie am Tage vorher
getragen, nur einen Rosenkranz statt der Myrthen auf
dem Haupte, umfluthet von dem Lichte des großen
Tannenbaumes, den man herbeigeschafft, da klatschten
unwillkürlich Frank und Flora's Brüder voll frohen
Beifalls in die Hände, und alle Herzen wurden weit.
Alle ernsten und trüben Gedanken verschwanden selbst
in Kollmanns und in Darners Sinn. Sie Alle ge-
nossen es als eine Wohlthat, mit zwei glücklichen
Menschen in Freude aufathmen zu dürfen, dem
Augenblick einmal ganz unumschränkt seine Herrschaft
zu vergönnen.
, Ist sie nicht schön? fragte John mal auf mal
seine Cousine, und erzählte wieder und wieder, wie
seine Frau, er sprach das Wort mit Stolz aus, bei-
nahe noch schöner ausgesehen vor einem Jahre in der
dunklen, engen Kammer der armen Wäscherin, die
natürlich heute mit ihren Kindern einen Hauptantheil

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an der Bescherung hatte, und die junge Frau an-
staunten wie ein himmlisches Wunder, als das
sie auch der eigenen Mutter und ihrem Manne
erschien.
Und in Justine und in Frank wurde der Syl-
vesterball lebendig, an dem sie sjch zuerst gesehen; und
Kollmann dachte seiner Frau nur, um es zu bedauern,
daß sie nicht dabei sei theilzunehmen an dem Glücke.
Auch Madame Göttling genoß die Freude wieder
einmal ihre drei Pflegetöchter und eine so große in
sich geeinte Familie um sich zu haben, als wäre das
Alles ihr Werk allein. In den Lindheins aber, in
Flora's Vater und ihren Brüdern wallte es wie
Rührung auf in dem Gedanken, daß, soweit die
deutsche Zunge klingt und wo irgend germanisches
Blut in den Addern der Menschen rinnt, in dieser
Stunde das Geburtsfest jenes Kindes von jüdischem
Stamme gefeiert wird, das als Mann den Kreuzes-
tod erlitten, um mit seinem Tode seinen Glauben
und seine Lehre von einem allliebenden Gotte zu be-
kräftigen, vor dem die Menschen alle gleich und dessen
Gebot die Nächstenliebe ist.
Es war etwas Großes, etwas Nebevwältigendes
in dem Gedanken an die Millionen, die in dieser
Stunde sich als eine Einheit empfanden durch die
ganze weite Welt; und wenn der Weihnachtsbaum
und die Weihnachtsfreude sie auch nicht bekehrten, sie
wurden ihnen lieb. Selbst Flora's Vater war es
angenehm, sich zu sagen, daß seine Enkel Theil haben
würden an der Poesie, welche von diesem Lichtglanz
sich ausbreitet über das Leben aller derer, denen er
geleuchtet seit den Tagen ihres frühesten Erinnerns,
denen er durch ihr ganzes Leben das Sinnbild bleibt
des Vaterhauses; eine Erinnerung an die Elternliebe,
an die Geschwister und an Familienglück.

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Draußen aber ging einer durch die Straßen ernst
und einsam seines Weges. Der hatte nicht Eltern mehr
und hatte Geschwister nie gehabt. Nacht und Tag war
er wieder einmal im Schlitten vorwärts geeilt durch
das weite schneebedeckte Land. Erst gegen den Abend
hin war er nach Königsberg gekommen, hatte den
mündlichen Auftrag ausgerichtet, mit dem er für den
Landhofmeister betraut war, hatte eine lange Be-
sprechung mit ihm gehabt, und in der Morgenfrühe
sollte er wieder fort; denn die Ereignisse drängten
einander und es galt, vorbereitet zu sein auf jede
Möglichkeit.
Er hatte das Nachtlager, das man ihm im Schlosse
anbot, dankbar angenommen, da es schwer war, ein
Unterkommen zu finden; dann war er hinausgegangen,
sich umzusehen in der Stadt.
Die Kälte war grausam. Der Schnee knirschte
wieder einmal unter seinen Füßen. An dem dunklen
Himmel leuchteten die Sterne in hellem, strahlendem
Lichte; aber von dem sonstigen fröhlichen Treiben des
Weihnachtsabends war jetzt nichts vorhanden. Es war
still in den Straßen.
Er ging vorbei an dem Hause, das seine Groß-
tante, die Gräfin einst bewohnt.' Das Gitter war
geschlossen und Alles dunkel. Er kam über die Schloß-
brücke und sah hinauf nach den Fenstern des Zimmers,
das er inne gehabt, in dem er Glück und Leid er-
lebt. Ein mattes Licht drang daraus hervor. Wer
mochte darin weilen? Wie lange war es her, daß er
diese Räume verlassen! Wie deutlich erinnerte er sich
der Empfindung, mit welcher er damals sich nach
diesen Fenstern zurückgewendet! Es war ihm Alles so
vertraut und doch so fremd.
Auf dem Markte in der Altstadt keine Weihnachts-
buden mit dem bunten Kleinkram für die Kinderfreude.

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In den Häusern fast überall die Fenster verhängt.
Feierte man den Christabend nicht? Scheute die Freude,
sich zu zeigen neben dem Elend der bettelnden Fran-
zosen, von denen hie und da einer, die Hand aus-
streckend an ihn herantrat?
In Franks Wohnung auch nur Dunkel. Er ver-
muthete, Frank würde sich mit den Seinen bei dem
Vater befinden; und ihn dort aufzusuchen, durch sein
eindringendes Erscheinen die Feier und Ruhe des Festes
zu stören, stand ihm nicht zu. Ein drückendes Gefüühl
des Alleinseins bemächtigte sich seiner; und doch scheute
er sich davor, der Einladung des Landhofmeisters zuu
folgen und die letzten Abendstunden in dessen Hause
zuzubringen. Er wußte, daß er auch in dem Kreise
jener edlen Menschen die Sehnsucht fühlen würde, die
ihm das Herz verzehrte. Er mochte nicht daran denken,
aus der Nähe der Geliebten zu scheiden, ohne wenigstens
einen der Ihren, ohne Jemand gesprochen zu haben,
der ihm sagen konnte, wo sie in diesen Stunden weilte,
der ihm von ihr, mit dem er von ihr sprechen konnte.
Ohne festen Plan, den oft gegangenen Weg ein-
schlagend, um sich wieder nach dem Schlosse zu be-
geben, war er nach dem Domplatze gelangt, und vor
die dem Dome gegenüberliegende Seite des Koll-
mann'schen Hauses gekommen.
Endlich! Da war es hell! Da flimmerte und
leuchtete es aus den Fenstern festlich durch das Dunkel,
und hell auch in des Einsamen Herz. Dort war Kunde,
dort war Trost für ihn zu holen! Da oben bauten I
sie für Johns Braut den ersten Christbaum auf! ,
John, der Onkel, die Göttling, sie Alle mußten da
sein, mußten von ihr wissen; mit ihnen Allen konnte
er von ihr sprechen! Das war Weihnachtslust!
Raschen Schrittes war er die Freitreppe hinan.
Die Ehrenpforte an der Thüre lockte freundlich hin-

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ein, des alten Dieners Augen begrüßten ebenso den
wohlbekannten Gast. Er fragte, was er bedeute, der
Schmuck des Hauses.
, Gestern war Hochzeit und heute baut unsere
junge Madame zum ersten Mal hier auf!'? antwor-
tete der Alte frohen Tones.
,,Sind Fremde oben?
,Nein, bloß die Herrschaften!r
,,So melden Sie mich!- Nein, melden Sie
mich nicht, ich werde ohne das hinaufgehen!''
,Da wird die Freude erst noch größer sein!'?
sagte der Alte, der Gastlichkeit des Hauses sicher, in
dem er grau geworden war; und wenige Augenblicke
später stand der Frohgewordene in dem hellen Zimmer,
stand er vor ihr, der Schönen! Schön in ihrer
Trauer, wie die Rose auf dem dunklen Gewande,
das sie umhüllte.
,Dolores !'? --,Eberhard !? klang es von seinen,
von ihren Lippen, und wie von einer überirdischen
Erscheinung, von einer Offenbarung überrascht, blickten
die andern staunend und verstummend auf die Lieben-
den hin.
Ihre Hände hatten sich gefunden; aber jäh zu-
sammenfahrend, trat Dolores rasch von Eberhard
zurück und warf sich, Schutz vor sich selber suchend,
dem Vater in die Arme.
, Ich entweihe die Trauer, die ich trage!'
schluchzte sie.
,Auf mein Wort,'' betheuerte Eberhard, ,ich
ahnte nicht, daß ich Sie hier finden würde. Ver-
gebung, Vergebung, Dolores!'r rief er ihr nach, da
der Vater sie mit sich hinweggeführt in das an-
stoßende Zimmer.
Sie waren Beide fassungslos, Dolores wie Eber-
hard. Der Augenblick und ihre Liebe hatten sie über-

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wältigt. Alle hatten sie es nöthig, zu begreifen, was
sie eben selbst erlebt. Da trat Frank an den Freund
heran. Die Rose, welche Dolores vor der Brust ge-
tragen, war zu Boden gefallen bei der raschen Be-
wegung, mit welcher sie sich zu dem Vater geflüchtet.
Frank hob sie auf und reichte sie dem Freunde.
, Nimm sie mit Dir als Pfand des Glückes,'?
sagte er halblaut zu ihn, ,und laß uns gehen. Wo
Zeichen gesprochen haben, müssen Menschen schweigen.
Komm, wir gehen zu mir und bleiben beieinander!
Johns Weihnachtsengel ist auch Dir zum Boten des
Lichts geworden, und sie werden hier auch ohne uns
des Lichtes nicht ermangeln und der Freude nicht!'
Virginie hatte sich mit dem Vater und mit Dolores
entfernt. Die Schwestern wachten lange in der Nacht.
Aber auch Darner und Frank und der Baron saßen
noch beisammen unten in dem Konsulatszimmer vor
dem Feuer, das man im Kamine angezündet hatte;
und es war nicht nur von Dolores die Rede und von
Eberhard und von ihrer Liebe.
Als dann Justine heimkam, als Eberhard sich
entfernte, schied er von Darner wie von Frank in
vollem Einverständnisse, Beiden fest verbunden, das
eigene Wollen und Hoffen knüpfend an das große
Allgemeine, an des Vaterlandes Befreiung. Denn
alle Herzen in Preußen schlugen immer leidenschaft-
licher der Stunde entgegen, die ihn bringen sollte--
des Königs Aufruf zu den Waffen!
Lewald. Die Jamullie Darner. Ul.