Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 22

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,Nun, fünf Jahre wird doch hoffentlich der Krieg
nicht dauern,? bemerkte eine der Frauen, um die oft
vernommene lange Brautstandsgeschichte von Madame
Arnfield abzukürzen; ,aber freilich, da man gar nicht
weiß, was werden wird mit dem General und mit
seinem Korps, so--?
,, So werden die Verlobten morgen aufgeboten
werden und im Laufe der nächsten Woche vor den
Altar treten,'' bedeutete sie Madame Göttling.
, In der nächsten Woche? Das ist Darnerisch,
echt Darnerisch!'' rief es hier und dort. Man hatte
jedoch den hinzugekommenen Beamten Rede und
Antwort zu geben, und es war nicht das einzige
Paar in der Stadt, das bei dem nahenden Kriege
zu rascherer Erklärung gekommen und rascher zu-
sammengegeben wurde, als es sonst der Brauch war.
Auch bei Justine und Flora hatte man kurzen Prozeß
mit dem Brautstande gemacht; und die Zeiten waren
vorüber, in denen Madame Armfield sich viel um
die Angelegenheiten Anderer bekümmerte.
Was kam es darauf an, was die Beiden thaten?
Auf die Nachrichten vom Könige kam es an, auf
die Maßnahmen der Stände, die einberufen waren,
auf den Minister Stein, der nach Königsberg ge-
kommen war und vorwäirs, vorwärts drängte, ehe
man noch wußte, ob der König Berlin verlassen, ob
er sich nach Breslau gewendet, ob General von Pork
in seinem Amte bleiben würde und wie weit das
Land vom Feinde frei sei.
Virginie war die Gattin des Majors geworden;
allein wen kümmerte das in der Kaufmannschaft neben
der Kunde, daß fortan die von Napoleon angeordnete
Kontinentalsperre nicht mehr beachtet werden sollte,
daß die Schiffe wieder frei einlaufen würden in die
Häfen, daß man darauf rechnen könne, den Handel

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wieder aufblühen zuu sehen, Gewinn zuu ernten von
den Produkten, über die man gen Osten, mit den
Fabrikaten und Waaren, über die man gen Westen
Kontrakte abschloß, die geliefert und je nachdem auch
weiterbefördert werden sollten, wenn die Wege benutz-
bar, wenn die Schifffahrt offen sein würde; denn die
Provinzen litten an Allem Mangel, und die Thatkraft,
die zunächst auf den Kampf gestellt war, fing an,
der Friedenszeiten voraussehend zu gedenken, die dem
Kampfe folgen sollten.
Der Januar war noch nicht zu Ende, als man
in Königsberg endlich die Kunde erhielt, daß der
König sich nach Breslau gewendet habe. Preußische
Soldaten besetzten wieder die Stadt, die Bürger
wurden wieder Herren in ihrem Hause, und wie die
Sonne mehr und mehr emporstieg, stieg die Zuver-
sicht in allen Herzen, und ehe noch der Frühling da
war, brach der Volksfrühling an.
Aus eigener Machtvollkommenheit bildete sich die
Landwehr in Ostpreußen und in Lithauen, während
man in Breslau noch mit Napoleon verhandelte und
der Anschluß an Rußland immer noch ausstand. Die
Männer der ältesten Adelsgeschlechter waren die ersten
Freiwilligen, die sich meldeten. Die Studenten verließen
die Hörsäle, die Beamten, soweit sie zu entbehren waren,
die Gewerbetreibenden, die ihre Geschäfte verlassen
konnten, die Aerzte stellten sich zum Soldatendienste;
und als endlich, endlich die Aufrufe des Königs an
sein Volk und an sein Heer erlassen wurden, da fanden
sie die preußische Landwehr schon bereit, und jene
später gedichteten und gesungenen Worte: ,Der König
rief, und Alle, Alle kamen!'' drückten nur aus, was
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Virginie hatte mit des Vaters Zustimmung in

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seinem Hause die Zimmer, welche bisher ein franzö-
sischer Oberst mit seinem Adjutanten inne gehabt,
für sich und ihr junges Eheglück eingerichtet, und
weil jeder Tag den Befehl zum Aufbruch der Truppen
bringen konnte, weil man zu fürchten hatte, was man
doch heiß ersehnte, kam in das Bewußtsein der Beiden
sonst so ruhig in sich gefaßten Menschen eine leiden-
schaftliche Inbrunst, die sie ihr Glck doppelt empfinden
machte.
Spähend stand Virginie am Fenster, wenn der
Major am Mittag vom Dienste heimkehrte. --- ,Ist
Ordre da?' war ihre erste Frage.
, Noch nicht, noch immer nicht!'' antwortete er
ihr dann bekümmert, und schlang doch voll Lust seine
Arme um sie; und sie freuten sich des Tages, der
ihnen noch gegönnt war, und die junge Frau schaffte
unter ihres Mannes Augen mit neuer Lust an ihrem
Tagewerk, und Jeder im Hause hatte für sich zu
thun, um sich vorzubereiten für den bevorstehenden
Kampf.
Die Uniform für Frank lag bereit, ein Stell-
vertreter für ihn im Konsulate war in einem älteren,
nicht mehr kriegstüchtigen Beamten gefunden; er hatte
sein Testament gemacht. Darner hatte die Ausrüstung
für seinen Disponenten und für drei seiner Gehilfen
geschafft, ebenso wie für die Diener der beiden Häuser,
die freigegeben worden waren, um eingereiht und ein-
exerzirt werden zu können.
Da, eines Mittags, grade als der Major nach
Hause gekommen war und man sich zum Essen
niedersetzen wollte, brachte das Hausmädchen die
Meldung, der Weinschröter, der Kospott, sei da und
wüünsche den Herrn Stadtrath zu sprechen.
Vorgelassen und eingetreten, blieb er an der
Thüre stehen.

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,Was bringt Er? fragte Darner.
,Nichts, Herr Stadtrath! Ich komme von wegen
dem Mitgehen. Der Herr Stadtrath werden's ja wohl
nicht vergessen haben. Mit will ich, und mit muß
ich, aber--
,.Er will als Freiwilliger gehen und ich soll Ihn
ausstatten; das versteht sich, das ist abgemacht. ?
Kospott verneigte sich.
,Schön Dank, Herr Stadtrath! aber das ist nur
das eine; ich hab' noch ein Anderes. Ich hab' zwei
Jungen von sechzehn und von siebenzehn Jahren. Der
eine ist bei nem Schlosser in der Lehre, den andern
hab' ich bei mir an der Hand--
, Und die soll ich versorgen?
,, Nein, Herr! die wollen auch mit. Groß sind sie
für ihrAlter und sie schlagen mir nach; ich hab' sie unten.
,,Laß Er sie kommen!' sagte Darner. -
Kospott rief seine Söhne ohne Umstände durch
die Stubenthür herbei, die beiden Burschen stürmten
die Treppe herauf in das Zimmer und blieben dann
verlegen stehen. Es waren hübsche, frische Jungen.
,Was meinen Sie, Major,' fragte Darner,,sind
sie zu brauchen??
,Sie wollen ja gar nicht in Reih und Glied,
wenn das nicht geht,? fiel Kospott ein, noch ehe
der Major die Antwort gegeben, ,aber Trommler
müssen doch auch dabei sein und Pfeifer auch; und
sie haben's von der Mutter, die ne Hautboisten-
tochter ist, und der Alte hat es ihnen beigebracht.
Der Karl trommelt Alles, Appell und Reveille und
was Sie wollen; und der Fritz bläst alle Märsche.
Und das sehen die Herrschaften ja, auf den Füßen
sind sie fest.?
Der Eifer, mit welchem der Mann nicht nur
sich, sondern auch seine Söhne dem Vaterlande dar-

bot, hatte in der Einfachheit, mit welcher er es that,
etwas Ergreifendes, und nachdem der Major die
Burschen gesehen, sagte er:
,Die halten's durch.
, So werde ich sie einkleiden lassen!' sagte
Darner und sie erhielten die Anweisung, wo sie sich
zu melden hätten, die übrigens kaum nöthig war,
denn wer kannte den Weg nicht, den jetzt so viele
gingen?
,Groß Dank, Herr Stadtrath! -- Geht und
küßt die Hand
Die Burschen gehorchten, die steifen Nacken
beugend. Darner steckte jedem von ihnen ein Geld -
stück zu.
,, Bringt's der Mutter, daß sie Euch was mit-
giebt für den ersten Marsch, sagte er und fragte,
ob Kospott noch mehr Kinder habe.
, Noch zwei Mädchen und nen Kleinen, aber
die Frau hat den Vater bei sich, die helfen sich
schon. ?
, Wir hören nach!' rief Virginie.
, Unsere Männer gehen ja auch!'' sagte Justine,
und obschon ihr, als sie es aussprach, klar bewußt
ward, wie viel größer das Opfer war, was Kospott
gegenüüber den Seinen dem Vaterland brachte, kam
der Gedanke an das auch ihr bevorstehende Scheiden
von Frank, von ihrem Manne, von dem Vater ihrer
Kinder, plötzlich mit solcher Gewalt über sie, daß die
Thränen ihr aus den Augen stürzten.
,Laß das ' gebot der Vater, aber Kospott ging
an sie heran, legte die schwere Hand auf ihre Schulter
und sagte:
, Ja, Madame, das ist nun nicht anders; vorm
Feind sind wir Alle gleich wie vor Gott, und fort
müssen wir, denn wiederkommen zum dritten Male soll
Lewald. Die Familie Darner. 1l.

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das Pack doch nicht. Aber- wenn's so kommen
sollte, Madame, daß ich nicht wiederkäme, na, dann
halten Sie Wort, Madame! und hören Sie nach!
Adieu, Madame- und schön Dank, Herr Stadt-
rath!r
, Glück auf den Weg!r entgegnete ihm Darner
ergriffener, als er's zeigte. ,Komm Er gesund
zurück mit den Juungen, im Nebrigen verlaß Er sich
auf mich.?
wKaG=seas=saGsöaawöoooo
Dreiunddreißigsies Kapilel
Die Kriegserklärung war erfolgt, die Landwehr-
kavallerie, zu deren Bildung das Land und die Städte,
so verarmt sie waren, die Mittel aufgebracht, war zu-
sammengetreten. Eberhard hatte sich, seinen langen
Karl und zwei seiner Leute gestellt und ausgerüstet.
Am Nachmittag war die Schwadron nach Königsberg
gekommen, am nächsten Morgen sollte der Abmarsch
aller Truppen erfolgen.
Sobald der Dienst ihn freigab, ging Eberhard
in das Darnersche Haus und ließ sich bei Dolores
melden. Alles hatte dort wieder den alten, wohn-
lichen Anstrich gewonnen. In dem kleinen Garten
vor dem Hause waren die Hecken geschnitten, die Beete
bestellt. Die Treppen waren wieder mit Teppichen
belegt, das Zimmer, in welches das Mädchen ihn ein-
führte, empfing ihn mit seiner freundlichen Stille wie
vordem. Fast gleichzeitig mit ihm trat durch die
andere Thüre Dolores in die Stube.
,Also doch! rief sie und hielt, über das Wort
erschreckend, inne; aber sie ging ihm entgegen, sie
gaben einander die Hand.