Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 23

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, Ich komme, Ihnen Lebewohl zu sagen, ich konnte
nicht gehen, ohne Sie noch einmal gesehen zu haben,?
sprach er.
,Ich danke Ihnen, ich hatte es gehofft,'' ent-
gegnete sie ihm.
,Damit ist Alles, Alles gesagt,'' rief er, ihre
Hand an seine Lippen drückend, ,nuun kann ich gehen!'?
, Gehen? sprach sie ihm nach und ließ sich in
dem Sessel nieder, der am Kamine stand. Er nahm
seinen Sitz ihr gegenüber. Die Sonne fiel im Sinken
tief in das Zimmer hinein und glänzte aus dem
Spiegel über dem Kamine wider. Sie hatten manch
liebes Mal einander hier gegenüber gesessen in Freude
an einander, wenn man sich am Sonntagabend hier
versammelt. Das stille, schuldlose Glück ihrer auf-
dämmernden Liebe umschwebte sie in süßem Erinnern.
Es war Alles so ruhig, so selbstverständlich zwwischen
ihnen, als wäre das lange Entsagen, das schwere Er-
leiden nicht gewesen, das jenen Tagen ihrer Liebe
gefolgt war; aber Eberhard konnte dies Schweigen
nicht ertragen.
,,Dolores,' sagte er, ,waren wir nicht lange
geng getrennt? Warum schweigen, warum zögern
wir? Wollen wir uns auch um das Glück dieses
Augenblickes bringen, der rasch genug vorüber sein
wird?-- Als am Weihnachtsabende der Zufall mich
in Ihre Nähe brachte, geboten Sie mir, mein Herz zu
bezwingen, Ihre Wittwentrauer zu ehren. Ich habe
Ihnen gehorsamt und ich würde mich Ihnen nicht ge-
naht haben, bis das Jahr vollendet, ginge es nicht
ins Feld. Auch heute noch wollte ich mich bescheiden,
mich entfernen, nachdem ich Sie gesehen, Ihrem Em-
pfinden und der sogenannten Sitte nachzugeben. Sie,
Dolores hießen mich bleiben, und wie gerne blieb ich!
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Aber soll ich auch jettt, auch in dieser Trennungsstunde
wieder das Geständniß zurückdrängen, das ausge-
sprochen sein will, obschon es dessen nicht bedarf? Sie
wissen, daß ich Sie liebe, wissen, was Sie mir sind,
was Sie mir waren von Anfang an, mir sein werden
bis zum letzten Athemzuge. Wollen Sie mich scheiden
lassen, ohne daß Ihre Lippen mir bekennen, was Ihre
geliebten Augen mir ja nicht verbergen? Sie lieben
mich, Dolores! und, bei Gott! ich bin das werth. Ist
es Pflicht, ist es Tuugend, mit solcher Liebe im Herzen
eine Anstandskomödie zu spielen??
,,Eberhard,'' rief sie, ,sagen Sie das nicht!r
,Es muß gesagt sein,' entgegnete er fest. ,Es
ist nicht Pflicht, nicht Tugend, es ist eine schwere
Sünde, das Glitck dieser nicht wiederkehrenden Stunde
dem Andenken eines ungeliebten Mannes aufzuopfern.?
,Mache mich nicht mir selber abwendig!' flehte
Dolores, sich nur schwer bezwingend.
,Abwendig? wiederholte er; ,wiedergeben will.
ich Dich Dir selbst und mir, nachdem Dein Wort
mir das Recht gegeben, zu Dir zu sprechen, wie ich
zu Dir gesprochen in meinem Herzen all die langen
Jahre hindurch vieltausendmal.?
,Wüßtest Du,' unterbrach sie ihn, ,wie ich viel-
tausendmal mich der Sünde angeklagt, wenn meine
Gedanken Dich gerufen, wie ich gerungen, Dich zu
vergessen !
,,Das, das war Sünde, wie mein Festhalten an
dem Majorate, wie Deine Ehe Sünde war.?
,Ich war ein Kind, mein Vater gebot, Du
hieltest mich nicht!''
,Laß uns nicht rückwärts blicken, nicht anklagen,
nicht richten! In die Vergangenheit reicht des Menschen
Wille nicht; der Augenblick ist unser, die Zukunft liegt
verhüllt vor uns.?

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,Dringe nicht in mich! Ich-. ' und sie stockte.
, Sei nicht kleiner als unser Geschick, als diese
Zeit. Unsere Liebe ist heilig. Wir ziehen in einen
schweren Kampf. Wer aus ihm wiederkehren wird, das
liegt in Gottes Hand. Sprich es nur aus, daß Du
mich liebst, daß Du mein sein willst. Ich weiß, Du
willst's; und ich werde in das Feld ziehen mit der
festen Zuversicht, daß der Herr solch beseligendes Hoffen
nicht zu Schanden werden läßt, daß uns Glitck be-
schieden ist im freien Vaterlande. Gieb mir den Segen
Deiner Liebe mit ins Feld ?
, Eberhard, Eberhard !' rief sie, und ihre Arme
schlangen sich in einander, und ihre Freudenthränen
nehzten seine Wangen, wäährend seine heißen Lippen
inbrüünstig an den ihren hingen; und noch einmal
rief sie: ,Eberhard- nein, so viel Glück zerstört
der Himmel nicht!'
, Nün kann ich gehen,'' sagte er und zog sie doch
aufs Neue an sein Herz, ihre Augen zu küssen, ihr
dunkles Haar zu streicheln, ihr Haupt in seine Hände
zu nehmen und sich zu versenken in ihr Anschauen.
Und sie ließ ihn gewähren und wollte ihn halten und
durfte es doch nicht. Eberhard mußte fort zu seinem
Regimente, daß außerhalb der Stadt in die nächsten
Ortschaften gelegt war.
Es blieb eben noch die Zeit, den Vater, die Ge-
schwister herbeirufen zu lassen. Alle hatten es anders
nicht erwartet. Nicht die Thatsache überraschte, nur
daß es jetzt schon zur Erklärung zwischen den Liebenden
kommen würde, hatte man nicht vorausgesehen. Aber
man war deß froh, und der Major und Virginie sahen
es als den schönsten Schluß ihrer Flitterwochen an,
daß der Freund und die Schwester sich endlich auch
gefunden hatten. Morgen, wenn die Truppen von
ihhren Sammelplätzen den Weg durch die Stadt zu

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nehmen hatten, morgen gab es für sie Alle noch ein
Wiedersehen.
Am Abend waren die drei verschwägerten Familien
noch bei Frank beisammen, er und Doktor Lindheim,
der mit ihm als Arzt in demselben Regimente diente,
in ihren Uniformen. Die Stimmung war ernst und
gehoben; der Scherz, wenn er auftauchte, verschwand
bald wieder. Die Frauen faßten ihre Herzen zusammen,
aber ihre Blicke suchten die Augen ihrer Männer, und
Hand legte sich in Hand, sobald sie bei einander saßen.
John und der ältere Lindheim fühlten sich ge-
drückt. Man hatte Beide nicht stark genug erachtet für
die Anstrengungen eines Krieges, und wie viel für sie
wie für alle Diejenigen zu thun und zu leisten war,
die zurück zu bleiben hatten, die Waffenthat galt ihnen
höher, galt grade den jungen Männern, dis von ihr
ausgeschlossen waren, allein als That.
Man tafelte nicht lange, es mußte früh aufge-
brochen werden an dem nächsten Tage. Als man sich
vom Tisch erheben wollte, ließ Darner noch einmal
die Gläser füllen.
,Mit Gott für König und Vaterland! rief er.
,, Und somit laßt uns das Beste hoffen, und auf das
Schlimmste gefaßt sein, und zusammenhalten in festem
Verlaß, der Eine auf den Andern!'
Die feinen Gläser klangen hell und lustig. Man
umarmte einander. Dolores blieb dabei allein. Aber
der Vater nahm sie an sein Herz und nur ihr ver-
nehmbar sprach er:
,Da raste, bis er Dich zu holen kommt.?
Alle empfanden sie Darner als ihr Haupt und
ihren Führer; und auch am Morgen, als man von
fern den Trommelwirbel hörte, als die Menschenmenge
sich in den Straßen zusammendrängte, die Scheidenden
noch zu sehen, war Darner der ersten Einer, der auf

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den Wolm des Vorderhauses hinaustrat, und die
Anderen folgten.
Durch die ganze Straße waren die Treppen und
die Wolme von Frauen und Kindern dicht besetzt,
Schulter drängte sich an Schulter, Kopf an Kopf. Des
Kospott Frau ihren Jüngsten an der Hand, stand
neben Justine, die ihre Louise auf dem Arme hielt und
den Lorenz zwischen sich und dem Großvater auf einen
Stuhl gehoben hatte, damit Frank ihn, damit er den
fortziehenden Vater noch einmal sehen, seine Müze
schwenken, ihm ,Auf Wiedersehen'' zurufen konnte,
wenn schon der Ruf nicht reichte an des Vaters Ohr.
Bis hoch hinauf zu den Giebeln, zu den Dachfenstern
war Alles voll Menschen und Alle eins in gemeinsamem
Empfinden, in stolzer Freude und in Rührung.
Niemand betete laut, aber das Gebet war in aller
Herzen. Und sie zogen vorüber: Kospotts Trommler
und Pfeifer, und der Kospott und Frank und die Mit-
arbeiter des Geschäfts und Doktor Lindheim in dem-
selben Regiment; dann Eberhard mit den Seinen hoch
zu Roß, und der Major mit den Anderen an der
Spitze des ihm folgenden Artillerieregiments. Und
Freudenrufe und Thränen und klingendes Spiel flossen
ineinander unter dem hellenSonnenlichte, und Bataillon
folgte auf Bataillon, und Regiment dem Regiment; der
Train machte den Schluß. Dann, als der letzte Ton
der Regimentsmusik verflogen war, als kein Auge die
Fortgezogenen mehr erreichen konnte, fingen die Leute
an, auseinander zu gehen. Die Straßen, die Wolme,
die Treppen, die Fenster wurden leer. Es ward still
in den Straßen, still in den Häusern; und still flossen
die Thränen nieder, und in Stille zog das Sehnen,
das Sorgen und das Hoffen in die Herzen ein.
Für Darner jedoch, dem der Sohn und der
Disponent und drei Gehilfen fehlten, begann die

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Zeit einer dreifachen Arbeit, und er zeigte sich ihr
gewachsen, ja, sie verjüngte ihn. Im Geschäfte thätig
wie in den Tagen, da er es gegründet, die Ver-
hältnisse benutzend wie damals, zog er auch den Pro-
duktenhandel wieder in seinen Bereich. Er miethete
Schnellsegler von Rußland und von England. Saat-
korn und überseeische Waaren fehlten im Lande; es
galt, sie herbeizuschaffen im Großen, den Gewinn
daran zu erzielen und ihn fortzuleiten in die kleineren
Geschäfte. Auch im Magistrate galt es, seine Kräfte
einzusetzen, denn alle städtischen Gebäude waren der
Herstellung bedürftig, die Geldverhältnisse der Stadt
in einer Krisis, die durchgehalten werden mußte,
wenn nicht durch eine Zahlungseinstellung grade die
weniger Bemittelten um das Ihre gebracht werden
sollten; und Darner war der Mann, dessen, Einsicht
in die Behandlung der großen Geldgeschäfte, der
Stadtverwaltung jetzt wieder einmal zu Nutze kam,
während auch Strandwiek heraufgebracht und durch
Opfer wieder ertragsfähig gemacht werden, und der
Muth und die Zuversicht der Seinen aufrecht erhalten
sein wollte.
Niemand verließ in diesem Jahre die Stadt.
Es war gar nicht die Rede davon, Justine mit den
Kindern, oder Virginie und Dolores nach Strandwiek
zu schicken. Es verstand sich fur Alle von selbst, daß
man da blieb, wo man die Nachrichten von dem
Heere, von dem Ausbruch, von dem Fortgang des
Krieges zunächst erhalten konnte.
Jeder ging in der Stadt seinem Gewerbe nach.
Seit dem Jahre achtzehnhundertundsechs hatte man
so ruhige Tage nicht erlebt. Der Hafen füllte sich
wieder mit Schiffen, die Wittinen kamen von Ruß-
land und Polen wieder heran, aber wo zwei Menschen

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auf einander trafen, ward die Frage gesprochen: ,Hat
man Nachrichten? Weiß man etwas Neues??
Und die Nachrichten kamen und erregten Freude
und erregten Sorge, und selbst die guten Nachrichten
wollten mit schweren Opfern erkauft sein, und die
Siegesbotschaften, die zuerst von Lützen kamen, machten
Thränen fließen- und trauernde Eltern, Wittwen
und Waisen standen da und wollten getröstet sein,
waren zu beschützen, zu versorgen.
Die Posten kamen wieder regelmäßig, doch die
Verbindung mit den Feldposten war nicht so gut ge-
ordnet. Es gab nur selten und unregelmäßige Kunde
von den Kämpfenden. Den drei Frauen in Darners
Hause war, wie allen Anderen, ein weiter Spielraum
gelassen für ihre Sorge.
Tagtäglich ersehnte Justine einen Brief von
Frank, tagtäglich erwartete Virginie die Antwort
ihres Mannes auf ihre Freudenbotschaft, daß sie sich
Mutter fühle, daß sie, wenn er wiederkehre, ihm sein
Kind entgegen zu bringen hoffe, tagtäglich schluug
Dolores die Bibel auf, um eine Stelle zu finden,
die ihr ihr Liebesglück bezeichnete; und wenn man
am Nachmittage mit den Kindern die Fahrt ins Freie
unternommen hatte und bei der Heimkehr wieder keine
Briefe gekommen waren, nahm man sich zusammen,
dem Vater, der für Alle sorgte, die getäuschte Er-
wartung zu verbergen und in seinen Ruhestunden,
die oft spät genug begannen, ihm heiter zur Seite
zu sein.
So war der ganze Frühling hingegangen, der
Sommer nahte seinem Ende, aber es war noch ein
heißer, schöner August. Im Garten hinter dem
Hause blühten die Levkoyen, die Asterns die Stock-
rosen schmückten in ihrer Farbenpracht die Beete,
und wenn in die Schwalben auch schon die Unruhe

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des Fortziehens gekommen war, so schossen sie doch
noch fröhlich durch die Luft und aus ihrer Höhe wieder
pfeilschnell hinunter bis auf die Spiegelfläche des
Wassers, wo die letzten Sonnenstrahlen es erwärmten.
Die beiden Schwestern saßen mit ihrer Näherei
unter dem Schatten der großen Nußbäume. Dolores
hatte die Arbeit ruhen lassen. Sie sah träumend
dem Spiel der Schwalben, dem Ziehen der Wolken
zu, und wie sie eine Weile so emporgeblickt, glitten
die Worte: ,Eilende Wolken, Segler der Lüfte, wer
mit Euch wanderte, wer mit Euch schiffte!'' über
ihre Lippen.
Aber sie hatte sie noch nicht zu Ende gesprochen,
als Virginie aufsprang und die Schwester bei den
Schultern erfaßte.
,Was hast Du, was ist geschehen?? rief Dolores,
in das todtenbleiche Antlitz der Schwester starrend.
, Ein Unglück! stieß diese hervor und hüllte ihr
Gesicht in ihre Häinde.
, Rede, rede,? rief Dolores, von Angst ergriffen
bei dem Anblick, ,rede! Was soll denn das heißen??
,Roderich! schluchzte Virginie und sank nieder
auf die Bank.
,Was ist's mit ihm, was ist'?
,,Er hat mich gerufen-- er ist verwundet, er
ist todt!' jammerte Virginie.
Dolores rief das Mädchen herbei, das am
Fenster des Erdgeschosses arbeitete. Sie mochte die
Schwester nicht verlassen, man wollte sie ins Haus
geleiten, aber Virginie wich nicht vom Fleck.
,,Er liegt auf freiem Felde unter Gottes freiem
Himmel, laßt mich mit meinem Kinde unter dem
Himmelsdome bleiben, unter dem er liegt!'- und
die Ühr aus ihrem Gürtel ziehend, sagte sie: ,Sechs
Ühr, sechs Ühr !'-- dann brach sie zusammen.

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Man hatte den Vater und Justine herbeigeholt,
Virginie in ihr Zimmer getragen, und sie war all-
mälig wieder zu sich gekommen. Aber kaum hatte
sie ihr Bewußtsein wieder gewonnen, als sie nach
Feder und Papier verlangte, und mit noch bebender
Hand schrieb sie den Datum des Tages und die
Stunde auf das Blatt: ,Den sechsundzwanzigsten
August, Abends um die sechste Stunde.?
Der Vater saß an ihrem Lager und hielt ihre
Hand in der seinen. Der Arzt, den man hatte
kommen lassen, versuchte sie und die Ihren mit der
Erklärung zu beruhigen, daß in Virginiens Zustand
bei der beständigen Aufregung, in welcher sie lebe,
eine Neberspannung der Phantasie nicht auffallend
sei. Obschon der Anfall ohne weitere nachtheilige
Folge für sie verlief, blieb sie bei ihrem Glauben,
daß ihrem Manne ein Unglück zugestoßen sei; und
aller Antheil, alle Nachsicht, die man ihr bewies, ver-
mochten sie so wenig davon abzubringen, als des
Vaters ernste Mahnuung, sich durch ihre Einbildung
nicht zu Grunde zu richten und damit das Leben des
Kindes - zu gefährden, das ihr Mann von ihr zu
fordern habe.
,, Ihr werdet es erfahren von außen her und
schwarz auf weiß, wie ich's erfahren in meinem Herzen
durch seinen Ruf.-- Ich hatte ihm meine Locke ge-
geben, damit er mich rufen könne, und sein treues
Herz hat Wort gehalten! Er hat mich gerufen, aber
wohin, wohin??
Es brachte sie nichts von dieser täglich wieder-
holten Klage zurück, und da sie nebenbei mit ge-
wohnter Treue ihre Pflicht als Hausfrau that,
achtsam wie immer für die Bedürfnisse der Anderen,
so mußte man sie gewäähren lassen, wie schwer es
namentlich den Vater ankam, dem, was er einen

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unheilvollen Aberglauben, eine unglückliche Phantastik
nannte, nicht entgegentreten zu können. Wie sehr
man auch in sie drang, man konnte sie nicht dahin
bringen, auch nur die Spazierfahrten der Familie
zu theilen.
,, Ich muß bleiben, wo seine Gedanken mich
suchen und finden, wenn er noch lebt,? sagie sie
mit Festigkeit, ,und muß da sein in dem Augen-
blicke, wenn die Nachricht eintrifft, die meine Seele
ersehnt. Wie gern, wie gern möcht' ich mich betrogen
haben!'?
Ihre Sorge, ihre Ahnuung gewann allmälig
auch auf die Schwester und auuf Juustine Einfluß.
Der Zug zum Wunderglauben, zu dem Mystischen,
lag gleichsam in der Luft.
Man versuchte, Virginie als unmöglich auszu-
reden, was man nicht für unmöglich hielt. Madame
Lindheim wußte von einem ganz ähnlichen Vorfall
zu berichten, dessen ein russischer Offizier gegen sie
erwähnt. Der Kaiser Alexander selber war dem
Glauben an geheimnißvolle Kräfte nicht abgeneigt.
Madame Armfield gestand ihrer Freundin Göttling
und den Anderen, daß man in ihrer Heimat, daß
man auch auf den Inseln, in Helgoland, und auch
in den großen westfälischen Ebenen merkwüürdige Er-
fahrungen über das zweite Gesicht, über Erscheinungen
aus weiter Ferne gemacht habe; und daß man eben
in Westfalen lange vor dem Herankommen der großen
Armee, sie hatte über die Haiden ziehen sehen, das
hatte nicht ein Einzelner, das hatten Viele aus den
verschiedensten Ortschaften berichtet.
Darüber schwanden die letzten fünf Tage des
August und die ersten im September. Da eines Tages
wachte Virginie nach kurzem Schlafe, wie an jedem
Morgen, mit der Frage auf, was die Ühr und ob

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die Zeitung noch nicht da sei. Ihre ganze Seele war
auf die Zeitung gestellt,
Dolores, die nicht von ihrer Seite wich, erinnerte
sie daran, daß die Zeitung erst in zwei Stunden
ausgegeben werde, und vermochte sie, sich anzukleiden,
ihr Frühstück einzunehmen, der Last der zögernden
Stunden wieder entgegen zu treten wie gestern und
die Tage vorher. Das Leiden, das Bangen der
jungen Frau war so groß, daß Dolores die eigene
Sorge daneben zum Schweigen brachte.
Als es zehn Ühr schlug, trat der Vater in das
Zimmer. Seine Stimme war ernst, sein Antlitz
bleich; er hielt die Zeitungen in der Hand und
ein paar Briefe. Justine kam gleichzeitig mit ihm
herein.
, Ist eine Nachricht da? fuhr Virginie auf.
, Ja, meine Tochter; es ist die Nachricht ge-
kommen von einer großen, siegreichen Schlacht. An
der Katzbach hat die schlesische Armee die Franzosen
gänzlich geschlagen, Schlesien ist befreit--
, Wann, wann?? rief Virginie, nach der Zeitung,
nach den Briefen greifend, ihrer selbst kaum mächtig.
Der Vater behielt sie in der Hand-- und langsam
und dumpf tönten die Worte: ,Am sechsundzwanzigsten
August,' von seinen Lippen.
, Er ist todt,' schrie Virginie, ,todt und sein
Kind, sein armes Kind lebt unter meinem Herzen !''
,,Darum mußt Du leben, mein armes Kind,
leben, um seinem Kinde Vater und Mutter zu sein
in einem.?
,,Leben, leben, wenn er todt ist, wenn er mich
gerufen hat?!?
Man konnte nichts für sie thun, der Schmerz
verlangte sein Recht. Sie theilten ihn Alle mit ihr.
Es war endlich Justme, welche sich so weit zusammen-

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nahm, daß sie an den Vater die Frage richten konnte,
ob denn die Zeitung von dem Tode des Majors
berichtet, oder woher der Vater die Nachricht erhalten,
die seine Worte bestätigt, ohne daß er selbst die Todes-
botschaft ausgesprochen hatte.
,Der Kurier, der die Nachricht aus dem Haupt-
auartier hierher gebracht, hat durch Vermittlung des
Kommandirenden auch einige Briefe mitgenommen.
Es ist ein Brief von Frank für Dich.? Er reichte
ihn Justine hin, sie preßte ihn an ihre Lippen und
verließ das Zimmer. Sie durfte ihre Wonne, ihr
Glück nicht zeigen neben Virginiens Jammer.
,, Und auch für Dich, meine Virginie, ist ein
Brief dabei,'' sagte der Vater.,Das Hauptquartier
ist an dem Abende der Schlacht nach dem Schloß
der Fürstin verlegt worden; sie hat Dir geschrieben.
Der Brief ist offen unter meiner Adresse eingegangen.
Lies ihn selbst.?
,Arme Virginie, arme Frau!'' schrieb die Fürstin.
,Das Vaterland hat sein Opfer von Ihnen verlangt,
und es ist kein Trost, daß Sie dies Schicksal' mit so
vielen Anderen theilen. In der Mitte des Tages,
als der Kampf rund um uns her auf das heftigste
wüthete, brachte man eine Anzahl schwer Verwundeter
in das Schloß. Ihr Mann war unter ihnen. Eine
platzende Granate hatte ihm den linken Arm zer-
schmettert, ein Splitter ihm die Brust durchbohrt, die
Lunge gestreift. Der Blutverlust war zu groß, er
war nicht zu retten; er wußte es. Die Worte, die
ich Ihnen sende, sagen's Ihnen; Sie waren sein
lettzter Gedanke, Ihr Name sein letztes Wort. -
Der Kurier geht fort. Ich muß schließen. Helfe
der Himmel Ihnen, wie den Tausenden, die heut
wie Sie getroffen worden. Kann es Ihnen wohl
thun, so denken Sie, daß eine liebende Hand, Ihres

=- Z5!--
Jammers gedenkend, ihm die Augen geschlossen,
daß die Glorie der Siegesnachricht seinen letzten
Augenblick erleuchtet hat. Ich lasse ihn zur Ruh'
bestatten hier in meinem Park. Um sechs Ühr ist er
gestorben.'?
, Um sechs Ühr!'r schluchzte Virginie, und ihre
brennenden Thränen fielen nieder auf das Blatt,
das der Vater ihr jetzt, reichte. Es enthielt nichts als
die Worte:
, Ich habe Dich gerufen und Du bist mir er-
schienen. Ich sehe Dich, mein geliebtes Weib! Wir
haben gesiegt. Ich liebe Dich! Sei Dir ein Sohn
beschieden, daß er Dich tröste über meinen Tod!--
Ich liebe Dich, mein Weib! Dein Roderich.
Vierunddreißigstes ==--=-
VAfifzl
Zwei junge, schöne Wittwen, lebten Virginie und
Dolores nun wieder in des Vaters Haus; aber als
der Herbst gekommen, als die Schlacht bei Leipzig
geschlagen war, als der Winter nahte, als Dolores
ihr Trauerjahr oollendet hatte und die Deutschen,
Desterreicher und Russen den Rhein überschritten
hatten und die Briefe von Eberhard und Frank von
dem Glück des Wiedersehens immer zuversichtlicher
sprachen, da schwand die Erinnerung mehr und mehr
aus Dolores' Sinn, und die Zukunft trat ihr in
lichtem Glanze nahe.
Und auch in Virginiens thränenschweren Augen
hatte ein Lichtstrahl geleuchtet, als ihr kurz vor dem
Weihnachtsfeste der Sohn geboren wurde, den Ro-
derich ihr gewünscht in seinen letzten Athemzügen.
Es war kein heller Freudentag wie jener, an welchem