Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 24

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Lorenz in die Welt gekommen war, aber Dolores
wachte an der Schwester Wochenbett, und Darner
nahm den Neugeborenen in seine Arme, und ihn
küssend, ehe er ihn der Mutter wieder gab, sprach er:
,,Laß ihn mein sein, wie er Dein ist, laß uns
ihm lohnen, daß sein Vater für uns gestorben ist.
Du giebst mir in dem Knaben eine neue Pflicht,
das ist neue Lust am Leben; und nun ruhe aus,
mein Kind !'?
Amn Weihnachtsabend, der in Kollmanns Haus
der eigentliche Feiertag des Jahres war, herrschte
dort wieder das froheste Leben, nachdem der jetzt
wohl versorgten Wäscherin ihr Theil geworden war.
Flora hatte ihr kleines Mädchen unter den Weih-
-nachtsbaum zu tragen, und die kleine Justine, ob-
schon sie sich noch in dem dummen Vierteljahre be-
fand, machte doch die Aeuglein schon weit auf, als
der Kerzenglanz sie berührte; und wenn der Groß-
vater und Madame Göttling sich daran freuten, daß
sie wie ihre Pathin die schönen blauen Willberg'schen
Augen habe, so nahmen die Lindheims das reiche
schwarze Haar, mit dem der kleine Kopf bedeckt war,
für sich in Anspruch, und John betheuerte, daß seine
Tochter mit diesen beiden Eigenschaften eine große
Schönheit werden müsse.
Bei Darners war es still. Die Kinder hatten
ihre Freude gehabt, Kospotts Frau war, reich bedacht
mit ihren Töchtern und ihrem Kleinen in ihre
Wohnung zurückgekehrt, Justine brachte ihre Kinder
zur Ruhe. Darner war mit Dolores allein.
Sie und Virginie waren im November volljährig
geworden, das reiche Erbe, das ihr von ihrem Manne
zugefallen, war ihr ausgehändigt worden, und schon
früher hatte man ihr den kostbaren Schmuck und die
anderen Werthsachen, die sie in Venedig zurückgelassen,

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nachgesendet, aber sie hatte sie nicht an sich genommen;
sie waren in ihres Vaters Gewahrsam geblieben.
Jett, am Abend, als sie mit dem Vater bei-
sammen saß, fing sie davon zu sprechen an.
, Sie haben neulich, ' sagte sie,,als Virginien
der Knabe geboren wurde, es ausgesprochen, daß wir,
ganz abgesehen von unserer Liebe zu dem armen Kinde,
ihm verschuldet sind für seines Vaters Tod. Ich
kann und werde den Schmuck nicht trggen, die Kost-
barkeiten und Geschenke Polydors nicht mitnehmen
in Eberhards stilles Haus. Ich brauche Ihnen nicht
zu sagen, weshalb ich das nicht kann.?
, Ich begreife Dein Empfinden und ich ehre es,?
sagte der Vater.
,Wäre es nach mir gegangen,? fiel Dolores ein,
durch seine Zustimmung ermuthigt, ,wäre es nach
mir gegangen, ich hätte, wie ich es damals Ihnen
vorgestellt, die Erbschaft Polydors nicht angetreten;
Sie haben es anders gewollt, ich hatte zu gehorchen.
, Gewiß,' entgegnete der Vater, ,denn Geld ist
Freiheit und ist Macht-- Macht zum Guten und
zum Bösen. Du unterschätzest sie, weil Du, im
Reichthum aufgewachsen, den Werth des Geldes und
sein Entbehren nicht ermessen lernen. Dein persön-
liches Vermögen wird Dir und dem Baron viel
Macht, viel Freiheit geben, Gutes zu wirken in Eurer
künftigen Heimat, die schwer genug vom Kriege
heimgesucht und nach allen Seiten hin der Hilfe be-
dürftig ist. Freue Dich ohne trüben Rückblick dieser
Möglichkeit. ?
,Nun denn,' bat Dolores, ,so lassen Sie mich
den ersten freien Gebrauch von meinem Besitze
machen. Verwerthen Sie den Schmuck, die Kostbar-
keiten, nehmen Sie dazu noch eine Summe, die Sie
Lewald. Die Familie Darner. 1.
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bestimmen, und lassen Sie es mein Pathengeschenk -
werden für Virginiens Sohn. Franks Kinder ünd
reich durch beide Eltern, die kleine Flora ist es auch;
da darf der Sohn des treuen Mannes, der sein
Leben für uns Alle hingegeben hat, nicht leer aus-
gehen, und ich werde freier an die Vergangenheit
denken, wenn . . .? Sie konnte nicht aussprechen,
was sie dachte, konnte vor dem Vater nicht sagen,
daß sie ihre Ehe als eine Erniedrigung und Schmach
empfunden, von der sie sich wie von einer Sünde
durch eine Liebesthat zu reinigen wünsche. Sie hob
die Augen zu dem Vater empor und sagte: ,Statten
Sie den Kleinen mit einem eigenen Vermögen aus
meinen Mitteln aus. Ich denke, es wird Virginie
freuen, und es bleibt ja doch genug für Eberhard
und mich.?
,Du bist Herrin, zu thun, was Dir gefällt,r'
sagte der Vater, der wohl begriff, was er ihr damit
gewährte, und es geschah nach ihrem Willen, denn
ansehnlich, wie sie die Summe bestimmte, konnte
Polydors Wittwe sie entbehren, ohne es zu empfinden;
und der Knabe wuchs ihr noch mehr ans Herz, seit
sie vorsorgend für ihn eingetreten war. Er gedieh
vortrefflich und Virginie mit ihm.
Sie hatte es erlangt, daß man ihres Mannes
Leiche nach Königsberg gebracht, als Schlesien und
der Weg gen Preußen frei geworden war. Seit sie
das Grab zu hüten, seit sie den Sohn in ihren
Armen hatte, war sie ruhiger geworden, und die Zeit
übte ihr Recht auch an ihr.
Ein Jahr war vergangen, seit das Pork'sche
Korps und die Landwehr Königsberg verlassen, da
ritten am 1. April am Morgen sechzehn blasende
Postillone vom Brandenburger Thor durch die Vorstadt
und die Langgasse zum Schlosse hinauf, den jubelnden

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Einwohnern von Königsberg die am I0. März nach
der Schlacht von Montmartre erfolgte Einnahme von
Paris zu verkünden, und ,Friede, Friede!' klang es
von den Glocken der Thürme hernieder, ,Friede,
Friede !'r war der Gruß, in dem die Menschen sich
zusammenfanden, arm und reich, vornehm und gering,
als bräche das goldene Zeitalter nun heran.
Am H. August aber, an des Königs Geburtstag
kehrten die freiwilligen Jäger, kehrte das National-
kavallerieregiment, und in demselben der Major Eber-
hard von Stromberg, der seine Grade gewonnen in
offener Feldschlacht, in die Heimat zurück. Drei Wochen
später folgten die anderen Truppen, unter ihnen das
Königsberger Landwehrbataillon; und Frank sah schön
aus in der Hauptmannsuniform, und die tiefe Hieb-
wunde, die noch roth an seiner Schläfe brannte, that
seiner männlichen Schönheit keinen Abbruch.
Der Magistrat, dieStadtverordnetenversammlung,
Abgeordnete der Kaufmannschaft, die Generalität,
die ersten Geistlichen, die Chefs der obersten Regie- ,
rungs- und Richterkollegien zogen den heimkehrenden s
EUcke
der Stadt, daß sie das freie, unentgeltliche Bürger-
recht allen denen aus ihrer Mitte darbiete, welche,
ohne es besessen zu haben, in dem großen Kampfe
für König und Vaterland gefochten -- und unter
Anführung der Generalität erfolgte dann der feierliche
Einzug in die Stadt.
Es fehlte aus Darners Haus Niemand als der
Major. Auch Doktor Lindheim war heimgekehrt und
der Kospott mit seinem Pfeifer. Aber der Trommler
und der lange Karl hatten ihr Ende gefunden vor
Paris-- und in Darners Haus zog Virginie sich
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mit ihrem Knaben in ihre Zimmer zurück, das Gluck
der wieder vereinten Gatten, die Wonne des Braut-
paares, die Zufriedenheit des Vaters nicht zu stören,
der die Seinen und seine Geschäftsgehilfen am Abend
um sich versammelt hatte, ein hochgeachteter Bürger
des Volkes, das seine Stellung wieder eingenommen
hatte in der Welt und seinen Namen eingezeichnet
in die Weltgeschichte.
Virginie aber saß am Fenster mit ihrem Knaben
an der Brust, und wie Dolores und ihr Bräutigam
und der Vater aus dem fröhlichen Kreise hinüberkamen
nach ihr zu sehen, sagte sie:
,Beklagt mich nicht, ich habe mein Loos gezogen,
wie ich es mir bestimmt. Ihnen, geliebter Vater,
hatte ich mich angelobt, und das Leben und der Tod
haben mich beim Wort genommen. Ich habe Tage
des Glückes gekannt - ach, so großen Glückes!--
Nun, Vater, bleiben wir beisammen, Sie und mein
Sohn und ich, und-- ich werde es auch wieder
lernen froh zu sein mit den Fröhlichen. Nur Geduld
haben müßt Ihr mit mir.?
Als ich im Jahre 184K zum letten Male in
Königsberg, meiner Heimat, und in meinem Vater-
hause verweilte, hatten dreißig Friedensjahre die
Spuren jener Leidensjahre lang verwischt, aber die
Erinnerung an ,die Kriegszeit'' war noch in aller
Leute Munde, und man hörte die alten Leute immer
noch von ihr sprechen, denn ihre Schrecken waren zu
groß gewesen.

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Konrad Kollmann und Lorenz Darner waren
nicht mehr am Leben, aber die Geschäftshäuser blühen
heute noch.
Darner ist hoch in Jahren gekommen und hat
zuletzt mit Vorliebe in Strandwiek gelebt, den Acker
bauend, hinausschauend auuf das Meer, und mit
historischen und kulturhistorischen Studien beschäftigt;
in Eins zusammenfassend, was er in den verschiedenen
Zeiten seines thätigen und erfolgreichen Lebens ge-
übt. Virginie ist bei ihm geblieben, und wie man
sie in ihrer Jugend scherzend und spottend ,Madame
Virginie'' genannt, so hieß sie auch zu meiner Zeit
überall, nicht die Majorin Kleeman, sondern Madame
Virginie, und jeder wußte sie zu finden, der Rath
begehrte oder Hilfe brauchte. Ihr Sohn und der
jüngere Lorenz Darner waren Theilnehmer in dem
Hause Lorenz Darner und Kompagnie.
Auch heute noch zählen Darners Enkel, die
Darners wie die Strombergs, zu den tüchtigsten
Männern und Frauen in Preußen. Stromberg hatte,
nachdem er, dem Brauche seines Hauses folgend, dem
Staat in der Regierung und als Soldat gedient, sich
frei gemacht, und allein der Landwirthschaft gelebt.
Das Vermögen seiner Frau, das Erbe, das ihnen
später von dem Vater zugefallen, hatten es ihm mög-
lich gemacht, großen Landbesitz zu erwerben. Er hat
sich einen Namen gemacht als Wirth, und in dem
ganzen Geschlechte, in dem ,DDarner'sches Blut' lebendig
ist, ist die Tüchtigkeit vererbt von einem auf den
andern.
Darners Nachfolger haben in unseren Parla-
menten immer auf der Seite des Liberalismus ge-
standen. Sie haben gefochten in den Schlachten in
Böhmen und in dem letzten Kriege; sie sind in der
Kaufmannschaft, in der Beamtenwelt, im Militär zu

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sinden. Ein Urenkel von Lorenz Darner ist jetzt als
Vertreter des Reichs auf dem Meere in jenen Breiten,
in welchen der entlaufene Hörige Lorenz Darner einst
als Matrose schweren Dienst gewissenhaft gethan; ein
anderer ist in Europa für unsere Kolonien thätig.
Das ist die Geschichte der Familie Darner.
E n d e.
Berliner BuchdruckerelAktlin»Gesellschast. (Setzerinnen-Schule des LetteVereins.s
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