Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 03

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Wort von seinem Munde, dessen er, sie nie entbehren
ließ, und er sprach es auch heute. Aber es that
ihm wehe - und doch stand er fest in seinem Ent-
schlusse.
Er hatte wenig geschlafen in der Nacht, doch die
Stunden waren ihm nicht verloren gewesen. Er
hatte Alles erwogen, berechnet, durchdacht; sein Kopf

war frei, sein Wille klar, wie der Weg, den er stch
zurecht gelegt; und die Wehmuth, die ihn beschlich
bei dem einen Anlaß oder bei einem andern, die
hatte er zu besiegen. Er war fertig geworden mit
einem größern Schmerz.
Am Abend war man in der Stadt. Der General
war in einem Gasthof abgestiegen, Eberhard in seine
Wohnng gegangen. Er hatte versprochen, den Onkel. -
holen zu kommen, der noch zu Kollmann, zu seinem
ehemaligen Quartiergeber, fahren wollte.
Es war, die Zit des Nachtessens, als sie das

Haus Kollmanns erreichten. Der General ließ sich
- melden.
,,Tausendmal willkommen!' hörten die beiden
Stromberg ihnen von der oberen Flur entgegenschallen,
während sie die Treppe hinaufstiegen.
,,Einquartierung !'' scherzte der General und die
beiden älteren Männer schüttelten sich mit Freuden

die Hände. Aber ein Blick auf den Lehnsessel, von
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dem aus sonst die Hausfrau am Theetisch geschaltet,
machte die Lücke fühlbar, die hier der Tod gerissen.
Es zuckte durch Kollmanns Gesicht; der General legte
ihm die schwere Hand auf die Schulter. --
,Es ist überall wie in der Schlacht, verehrter
Freund! Es hilft nichts, sich das Herz wöch zu
machen. -- Schließt Euch, heißt es, und- vorwärts!
Der Sohn ist ja da! Madame Gdttling,' er küßte
ihr galant die Hand, ,ist zu meiner Peberraschung

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ebenfalls hier, und wir, mein Freund, sind ja auch
zur Stelle.r
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- ,Aber ohne Dienerschaft und ohne Bagage!''
siel John ihm ein, und der Vater, der inzwischen
seiner Rührung Meister geworden war, wiederholte
die Bemerkung.
Der General sagte, daß er im Gasthofe Quartier
genommen, Kollmann wollte davon nichts hören.
,Sie werden mir doch nicht den Glauben auf-
drängen wollen, daß Sie nur auf Befehl und aus
Noth bei mir fürlieb genommen!'' sagte er, und als
er dann vollends erfuhr, daß der General noch
mehrere Tage in Königsberg zu verweilen denke,
- nahm er dessen Aufenthalt in seinem Hause als ein
Ehrenrecht für dasselbe wie für sich in Anspruch,
und man kam überein, daß er am nächsten, Morgen
die Zimmer wieder beziehen sollte, die er früher inne
gehabt hatte. Zugleich ward Eberhard ersucht, das
Kollmann'sche Haus, so lange es der General beehre,
als dessen Haus zu betrachten und in demselben ein
und aus zu gehen nach seinem Belieben.
Ohne daß er viel zu fragen nöthig hatte, erfuhr
der General während des Tischgespräches, was er
über seine Freundin Justine, über die kluge Ge-
wandtheit des Generalkonsuls, dem er zu so frühem
Ehrenamte die Wege gebahnt, über Darners ganzes
Haus nur zu wissen wünschen konnte; und daneben
ließen einzelne Mittheilungen und Bemerkungen, die
man Eberhard machte, ihn erkennen, daß dieser -
weniger mit den Darners im Verkehre stehen mußte,
als er es vorausgesetzt hatte.
-- Als sie, verloct von dem Sternenlicht des klar
gewdrdenen Himmels, den Rückwweg nach der obern
Stadt gemeinsam zu Fuße zurücklegten und der Arm
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des Generals in dem seines Neffen ruhte, sagte er:
,Du hast mir reinen Wein eingeschenkt über Dich,
Deine Ansichten, Dein Vorhaben; Dein Vater könnte
Dir nicht mehr guten Willen entgegenhringen als
ich, Deine abweichenden Ansichten nicht mehr respek- -
tiren als ich. Eines steht noch zurück! Es - ist
etwas in Deiner letzten Vergangenheit, das Dich
bestimmt hat, mit ihr zu brechen, und es müßte mich
Alles täuschen oder es hängt mit der Darner'schen
Familie zusammen. Was ist vorgegangen zwischen
ihr und Dir??
Eberhard hatte keinen Grund, der bestimmt ge-
stellten Frage auszuweichen. ,Ich habe, mich von
den mir werthen Menschen zurückgezogen, weil ich
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- und Darners Vorurtheile gegen den bevorzugten Adel
standen mir im Wege; indeß Frank Darner ist mein
nächster Freund, und ich hoffe, ich habe seines Vaters
Achtung für mich.?
,Das ist also der Grund, der Dir das Majorat
verleidet hat!' rief der General, seinem Vorsatz un-
treu, nach welchem von der Angelegenheit zunächst
nicht die Rede sein sollte. Aber Eberhard war das
willkommen.
,Ja und nein!'' sagte er, ,nehmen Sie es, wie
- Sie wollen. Die eigene herbe Erfahrung hat eine
lang gehegte Erkenntniß in mir befestigt. Ich habe
mir oft die Worte wiederholt, die Goethe in seinem
- neuen,, wunderbaren Werke ausgesprochen hat:
- z==ssa nk?
,ernunft wird Unftnn, Wohsthgt Pags-g
EEFkateae
Weh dir, daß du ein Enkel bist!.
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,Ich habe Goethe gesehen zu Erfurt im Theater
und bei den Hoffesten in Weimar,' unterbrach ihn
der General - ,Du sprichst vom Faust' !?
,Ja,' erwiderte der Baron, ,vom Faust; und
ich hoffe, wenn es mir möglich würde, mich zu be-
weiben, wenn ich Kinder hätte, sie sollen den Aus-
ruf nie zu thun haben: ,seh dir, daß du ein
Enkel bist! Sie sollen nicht gebunden sein an die
Erkenntniß meiner Zeit, sondern frei sein, zu schalten
und zu walten in der ihren.
Es war ihm lieb, daß die Nacht sie umgab,
daß der General die heiße Röthe nicht sah, die er
aufsteigen fühlte in seine Wangen und seine Stirne
überfliegen.
,Und nun,? sprach er, ,da wir bei der Sache
sind, die Ihnen und mir in verschiedener Weise am
Herzen liegt und die uns nicht zur Ruhe kommen
lassen wird, ehe sie entschieden, lassen Sie uns zu
diesem Punkte kommen. Ich trete von dem Majorat
zurück, trete es an Sie und Ihre Erben ab, das
steht fest bei mir.?
,, Und was denkst Du zu thun?? fragte der
General und blieb mitten auf dem Platze vor dem
Gasthof stehen, den sie während dessen erreicht-
,Ich habe Alles überlegt. Ich stamme vom
Lande,' sagte er, ,ich will wieder eigenen Grund
und Boden haben, die Scholle bauen und wissen,
wohin ich gehöre. Wenn Sie mir das Erbe der
Comtesse Elmenreich und mein Muttererbe auszahlen,
kann ich unter den jezigen Zeitverhältnissen hier
oder in Lithauen einen bescheidenen Landsitz erwerben,
da wir, was ich für mich wünsche, in Lithauen schon
lange eine landständische Verfassung haben. Einen
solchen Besitz kann ich bewirthschaften lassen und im
Staatsdienst, in der Regierung, meine Laufbahn fort-

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setzen. Ich diene dem Staate gern, man hält mich
auch für brauchbar und macht mir gute Aussichten.
Um mich, mein Onkel, sorgen Sie sich nicht! Ich
finde meinen Weg.?
Einen Moment zögerte der General, dann reichte
er Eberhard die Hand.
,Sei's denn! Du weißt, was Du willst, und
bist ein ganzer Mann. Aber mein Johannes soll. Dir
und uns keine Unehre machen an demn Platze, den
Du um Deiner Neberzeugung- willen aufgiebst nach
des Ahnherrn Beispiel!=- Wir wollen sehen, die
Sache hier zu ordnen, so weit es eben! möglichh ist.
Die Darners und Kollmann werden uns nöthig dabei
sein, Frank als Generalkonsul vdran.? ,
Sie standen an des Gasthofs Schwelle. ,Wenn
Du Wünsche hast, besondere für Dich, wenn Du zu-
lässige Reservate zu machen denkst, so theile sie mir
mit.?
,Sie werden unschwer zu exfüllen' sein. Die
Gräber meiner Eltern zu pflegen, werde ich Johannes
nicht erst ans Herz zu legen brauchen. Daß er
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meinen Amtmann, unsern treuen Diener, nach dessen
Wunsch im Dienste behält, ihn, wenn er dienst-
unfähig wird, ebenso wie seine Frau, nach meiner
Maßgabe mit mir versorgt, versteht sich von selbst;
und ebenso, daß ich die Bilder meiner; Eltern mit
mir nehme, daß ich mir ein paar andere aüs der
Reihe des Geschlechts kopiren lassen darf. Das ist
Allest?
,Und Alles zugestanden, mein Sohn und
Freund !r rief der General.
So schiegen sie. Alle Beiöe mit sich uiäh bem
Andern zufrieben., -
Während dessen saß Kollmann mit seinen beiden
Hausgenossen noch behaglich beisammen.

Lewald. Die Familie Darner. Ul. .
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Heute sind einmal zwei unserer guten alten
Sprichworte recht erfreulich an uns zur Wahrheit
geworden,' sagte Madame Göttling. ,Unverhofft
kommt oft! und: Je später am Abend, je schöner
die Gäste! =- Wie vortrefflich er aussieht, der General;
Und pelch schöner Mann der Assessor ist! =- Es ist
doch etwas um die alten adeligen Geschlechter.
,Adelige Geschlechter!r rief John. Redensarten!
Ich habe, weiß Gott, nichts gegen den Adel, denn
er hat mich mein Leben lang in Nichts gehindert
und ich habe ihm Nichts geneidet, denn es war uns
hier, an Vaters und Mutters Seite, wohl in unserer
Haut. Aber sehen Sie sich Lorenz Darner, sehen
Sie sich den Frank an; würde denen ein Freiherrn-
oder ein Grafentitel nicht auf den Leib passen wie
der Rock, der für sie gemacht ist?=- Das Leben in
frischer Luft, die Möglichkeit, von früh auf die
Beine über ein Pferd zu werfen, sich in Wind und
Wetter, in Regen und Sonnenschein frei auszuleben,
frei die Welt und die Menschen kennen zu lernen
und sich selbst zu vertrauen - das ist's, womit der
Mensch sich hebt. Und Lorenz Darner hat vorge-
sorgt! Seine Enkel. sind geborene Grundbesitzer,
sind Landleute. Sie finden auf dem Lande, was er
für sich auf dem Wasser gefunden, Freiheit, sich aus-
zuleben. In der Enge der Städte, in der Dunkel--
heit der Komptoirs verphilistert sich der Mensch und
die beste Rasse.?
Es kam nicht oft, daß John sich in des Vaters
Beisein so entschieden aussprach, allein Kollmann ließ
diesmal den Ausfall ohne Widerrede gelten, weil er
ihn als gegen die Neberschäzung der adeligen Ge-
schlechter gerichtet betrachtete. Er bemerkte nur, John
sei wieder einmal in die Darner-Bewunderung gee
rathen, und dies Vergnügen könne man ihm lassen.

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,Ich glaube übrigens, sagte John,,Sie müssen
auch in die Bahn der Vergnüügungen einlenken, Vater,
und die Anwesenheit des Generals giebt dazu den
bequemsten Anlaß.?
,Sie meinen,' kam die Göttling ihm zu Hilfe,
, Herr Kollmann sollte endlich wieder einmal eine
Gesellschaft, ein Mittagbrot geben, dem General zu
Ehren=-
, Und die Darners einladen!r fiel Kollmann ein.
Weder der Sohn noch Madgme Göttling gaben
ihm darauf Antwdrt; sie hielten es für gerathener,
daß er sich entschied.
,Da wir dort gewesen. sind, und da wir vor
ihrer Abreise bei ihnen das Frühslück eingenommen,'
sagte er zögernd, ,gehört sich's wohl! - Und der
General war ja ein Anbeter von Justine, und sie
werden ihn natürlich fetiren in den beiden Häusern.r
,Das versteht sich von selbst!r warf John ein.

,Wie wär's mit übermorgen? fragte Kollmann
Madame Göttling. -
Sie entgegnete, er habe nur zu befehlen.
,Also übermorgen!'' entschied Kollmann nun,
,,aber zu unserer gewohnten Zeit. Schicken Sie
morgen zu den beiden Darners. Sie können schreiben,
daß der General heute gleich zu uns gekommen ist
-=- und laden Sie auch Konsul Armfield und seine
Frau und den Bankdirektor mit der Frau ein.
Ganz im Stile meiner seligen Frau, daß es an
nichts fehlt, an nichts!?
Madame Göttling versicherte, sie werde ihr
Bestes thun, und John sagte:,, Die Muter würde
die Erste sein, sich darübet zu freuen und ds Ihnen
und es mir zg gönnen, Vater, daß wieder Leben in
das Haus kommnt, das zu ihrer Zeit so gastfrei war.
Wir haben ja hier bis jetzt wie in La Trappe gelebt
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und,? er lachte, ,ich habe ja noch keine grauen
, Haare und noch keine Frau!
, Und noch die Bernsteinpacht nicht sichert
wendete der Vater ein; aber er klopfte John auf die
Schulter, und die Beiden, die ihn kannten, sahen,
daß. er guter Laune war.
gggggggggeggpggggggg
Viertes Kapitel
Ehe er sich am nächsten Tage in die Sitzung
begab, ging Eberhard zu seinem Onkel. Seine
Fachkenntnisse gaben ihm an die Hand, welche ge-
richtlichen und anderweiten Schritte zu thun wägen,
um das Geschäft zwischen ihm und dem General so
weit vorzubereiten, daß es abgeschlossen werden konnte,
wenn von Rußland aus die Zahlung geschehen sein
würde, nach welcher das Majorat abgetreten werden
sollte. Aber da man deshalb nicht Estafetten in
Bewegung setzen, sondern den gewöhnlichen Post-
verkehr walten lassen wollte und da auch die Ent-
lassung des Baron Johannes aus dem russischen
Unterthanenverhältniß, wie dessen Naturalisirung in
Preußen zu betreiben waren, ehe er das Majorat
- antreten konnte, so blieb Eberhard zunächst noch im
Vollbesitze seiner Rechte, und es war vorauszusehen,
daß das Neujahr und die ersten Monate des kom-
menden Jahres vorübergehen würden, ehe Johannes,
dessen Hochzeit nach der Heimkehr des Generals
vollzogen werden sollte, in das Schloß von Wald-
ritten einziehen würde.
Während seineOrdonnanz dieSachen desGenerals
zu Kollmanns bringen ließ, begab er selber sich zu