Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 04

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Darners und ward wie von nahen Angehörigen
empfangen. Man hatte es eben erst durch die Ein-
ladung von Kollmann erfahren, daß er angekommen
sei, daß man ihn dort sehen werde; man legte auf
ihn für einen der nächstfolgenden Tage Beschlag,
und Justine gab ihn erst frei, als er erklärte, einer
Geschäftsberathung mit den beiden Männern zu be-
dürfen.
Die Besprechung währte eine geraume Zeit., Die
Darners boten Rath und Dienste an, wie sie ge-
fordert wurden; beide äußerten, wie es Geschäftsleuten
geziemt, kein Erstaunen,. keine Meinung über Eber-
hards Entschluß. Sie hattef es nur mit einer That-
sache und der Möglichkeit ihrer Ausführung zu thun.
Als der General sie verlassen hatte und sie sich
auf dem Wege nach der Börse befanden, sagte Darner
plötzlich: ,Sonderbar! Man macht doch immer neue
Erfahrungen!f
,Sie denken an Stromberg?? bemerkte Frank.
,, Ich kenne ihn. genau und ich habe es immer be-
hauptet, er ist ein seltener Mensch, von hohem, edlem
Sinne.r
,Gut, daß Du Dich nicht in ihm geirrt hast.
Ss werden es ihm nicht Viele nachthun. Es spricht sich
gut und leicht von dem großen Gedanken der Freiheit
und der Gleichheit, aber ihre Nothwendigkeit so leb-
haft zu empfinden, daß man sie sich erringt mit Auf-
opferung aller seiner Vorurtheile, das ist viel für
einen, der Knechtschaft, der Unfreiheit nie erduldet
und Vortheil gezogen hat von der Ungleichheit. Wer
an sich selber Ernst macht mit der Ausführung seiner
Jdeale, den hat man nicht ekien Jdeolgzen ober
einen Schwärmer zü schelten, dem hat man nachzu-
leben. -- Wenn Du. ihn siehst; sag's ihm in meinem
Namen.?

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,,Sie werden ihn, wie ich von dem General
vernommen, morgen bei Kollmann treffen !?
, Um so besser! Inzwischen können von den
Strombergs und durch Dich die ersten Schritte hier
gethan sein und man kann weiter zusehen !''
Es war dann auf dem Wege nicht mehr von
Eberhard die Rede. Die eigenen und die Strom-
berg'schen Geschäfte wurden betrieben, wie es ge-
fordert war.
Am folgenden Tage verlief das Mittagbrot bei
Kollmann für die Betheiligten erfreulich, denn als
sollte die gute Stimmung noch erhöht werden, war
an dem Morgen der Kontrakt über die Bernstein-
pachtung von der Regierung für John unterzeichnet
worden, und Frank und Justine genossen die achtungs-
volle Zuvorkommenheit, mit welcher Darner den Baron
behandelte, als einen persönlichen Erfolg. Nur Eber-
hard, obschon nicht unempfänglich für Darners An-
theil an ihm und seinem Entschlusse, kam nicht zu der
Heiterkeit und Aufgeschlossenheit, welche die Anderen
beseelte. Seine Stirne war nicht hell und sein Ge-
spräch zurückhaltend.
Er konnte Virginie nicht sehen, ohne daß ihm
Dolores fehlte. Er konnte mit ihr, die ihm zur
Rechten an der Tafel saß, nicht frei verkehren. Seine
Frage nach Madame Joannu's Ergehen, die Antwort,
welche er von Virginie erhielt, war ein Konödienspiel,
das Beide als solches belästigte; und John, der voll
froher Hoffnung war, nahm die schöne Nachbarin
mit Freuden in Beschlag fütr sich.
Da man sich zeitig versammelt hatte, blieb man
natürlich für den Abend nicht beisammen. Eberhard
entfernte sich zuerst. Er sagte, daß er nothwendige
Arbeit vor sich habe, und man hatte ihm das zu
glauben, Darner aber, der ihn den ganzen Mittag

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nicht aus den Augen gelassen, fragte sich, da er ihn
so verschlossen gefunden: ,Sollte er es doch be-
reuen??
Er blieb dadurch nur noch mehr mit Eberhard
beschäftigt und noch spät am Abend, als er allein
in seinem Zimmer, wie das seine Art war, seinen
Gedanken nachhing, ehe er die Ruhe suchte, kehrlen
diese Gedanken zu Eberhard zurück.
Ohne ermessen zu können, welch wesentlichen
Einfluß die Bekanntschaft mit ihm und seinem Schick
sal, der Verkehr mit ihm und Frank auf den jungen
Edelmann gehabt, hatte er lange die Erkenntniß ge-
wonnen, daß der Mensch, sogar eine so in sich gefestigte
Natur wie er selbst, sich wandelt und wandeln muß,
daß er sich nicht unbedingt selöst und nicht unbe-
dingt frei entwickelt, sondern daß er erzogen, bestimmt
und gewandelt wird durch die ihn umgebenden Ver-
hältnisse, durch den jeweiligen Zustand der Gesammt-
heit, den hervorzubringen der Gewaltigste wie der
Schwäächste mitwirkt.
Wenn er zurüchlickte auf die Pläne, mit denen
er sich seit Jahren getragen, die in nicht zu ferner
Zeit verwirklicht zu sehen er für möglich gehalten
noch in den Tagen, in welchen er seinen Sohn zu
sich berufen, so mußte er sich eingestehen, daß die
Umgestaltung der politischen Welt und der europäi-
schen Machtverhältnisse, welche sich inzwischen voll-
zogen, die Verwirklichung jener Pläne in weite Ferne
rückte, wenn sie überhaupt möglich war. Er sagte
sich, daß die Stimmung der Menschen i Allgemeinen
sich gegen eine neue Macht, wie er sie erhofft, gegen
die Herrschaft des großen Geldbesitzes, sich jezt ebenso
auflehnen dürfte wie gegen jede unbedingte Herrschaft,
da sie unter den unseligen Folgen einer solchen zu
kämpfen und, zu leiden hatten; und daß dem Einzelnen

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also nichts übrig bleibe, als sich den Blick frei zu
halten über die Entwicklung des Allgemeinen, und
mit möglichster Voraussicht in die Zukunft, an dem
gegebenen Platze das im Augenblick Mögliche, vom
Augenblick Geforderte zu thun.
Diese, wie seine ganze bisherige Weltanschauung,
hatte sich in ihm durch seine eigenen Erfahrungen
und oft durch die Nachwirkung irgend eines vor ihm
zufällig gesprochenen Wortes gebildet, das in ihn ge-
worfen worden, wie das vom Wind verstreute Samen-
korn, und in dem fruchtbaren Boden, den es gefunden,
rasch zum Baume erwachsen war.
Heute hatte er ein solches Wort vernommen, als
der General ihm und seinem Sohn den ganzen Vor-
gang zwischen ihn und Eberhard ausführlich mitge-
theilt. Es waren ein paar Goethe'sche Verse gewesen,
deren Eberhard sich bedient und die der General
wiederholt. Sie hatten Darner überrascht und tief
ergriffen.
Jetzt, da er Eberhards abermals gedachte, klangen
sie wieder in ihm an. Er hatte sie nicht vollständig
behalten, mochte auch nicht darnach fragen, obschon
er mit Sicherheit annehmen konnte, daß sie Frank
und Justinen geläufig sein würden; aber ihr Inhalt
kam ihm nicht aus dem Sinn und der Ausruf:
,Weh dir, daß du ein Enkel bist! Vom Rechte,
das mit uns geboren ist, von dem ist leider nie
die Frage !' hatte sich ihm eingeprägt
Denn grade das, das hatte er seinerzeit, wer
weiß wie oft, gedacht. Das war lebendig in ihm
gewesen in den Tagen seiner Knechtschaft. Das hätte
er dichten können und müssen, hätte die Natur ihn
zum Dichter geschaffen. Er hatte ihn empfunden, den
Abscheu und den Haß gegen ein angeerbtes Joch.
Mit Gewalt hatte er sich daraus befreit!

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Wenn die Unfreiheit und der Zwang, die auf
Eberhard gelegen, auch anderer Art gewesen waren,
als jene, unter denen er zu leiden gehabt, Zwang
war Zwang, und Eberhard that recht, wenn er sich
frei machte von demselben, wenn er ihn nicht fort-
pflanzen wollte auf seines Blutes Erben, wenn er sie
frei wissen wollte wie sich. - Jetzt war Eberhard
sein Mann! Auch den Dichtern hatte er gerecht zu
sein, die solche Gedanken in solcher Form als Gemein-
gut hineinschleuderten in die großen Massen ihrer
Zeitgenossen.
Er hatte sie bisher zu gering geschätzt, die
Dichter, das hatte ihm schon Eberhard an Arndts
Beispiel dargethan. Er hatte auch noch vom Leben
zu lernen; und schrankenlos wahr gegen sich selbst,
gestand er sich es ein: es war das zweite Mal, daß
ihm eine Lehre gegeben ward von denen, die jünger
waren als er, die er nach anderen Seiten an Einsicht
überragte.
Er hatte in dem Bewußtsein seiner Kraft und
seines redlichen Willens die berechtigte Gewalt des
Einzelnen, des Vaters, des Familiengründers inner-
halb seiner Familie überschätzt.- In der Zeit, in
welcher die Völker in Masse sich zu erheben begannen
aus eigener Machtvollkommenheit, gegen die Willküür,
konnte es nicht fehlen, daß in der Familie im
kleinen sich das Gleiche wiederholte. Nun, da die
Herrschenden zu ahnen begannen, daß sie mit ihren
Völkern zu rechnen hätten, wenn sie dieselben zu ge-
meinsamem Eingreifen bereit finden wollten in der
Stunde der Noth, nun hatte Jeder in seinem Hause
mit dem Einzelnen und seiner Eigenart und seinen
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Darner hatte es nicht vergessen und sich seine

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Lehre daraus gezogen, wie Frank ihn an seine per-
sönlichen Rechte gemahnt an dem Geburtstag seines
Sohnes.- Jetzt zeigte ihm Eberhard, wie unertrag-
bar das sich forterbende Joch der Familiengewalt
unter Verhältnissen dem Einzelnen werden könne, und
daß in der Familie, wie in den Staaten, unum-
schränkte Gewalt zwar für eine gegebene Zeit Knecht-
schaft erzwingen und Knechte erzeugen könne, daß
aber die Auflehnung gegen dieselbe nicht ausbleibt,
und daß endlich das Joch abgeworfen wird, wenn
zur Plage geworden, was einst Wohlthat gewesen
sein konnte.
Darner durfte sich sagen, daß jede neue Er-
kenntniß ihm ein Kapital gewesen sei, welches er in
seiner Handlungsweise fruchtbar gemacht. Die Herr-
schaft, welche er in der liebenden Fürsorge über die
Menschen, die er in die Welt gesezt, zu üben als
seine Aufgabe und Pflicht angesehen, durfte nicht
mehr eine unbedingte bleiben, wenn sie ihre Selbst-
ständigkeit zu brauchen verstanden und begehrten.
Er hatte sich erzogen und gebildet und sie erzogen;
er hatte sie und sich an ihnen weiter fort zu ent-
wickeln in dem Geist und nach den Bedürfnissen der
Zeit, die heraufgekommen war seit den Tagen seiner
Jugend und seiner Knechtschaft. Er hatte. sich zu
finden in die Bedingungen dieser Zeit, in welcher
jede Kraft herangezogen werden wollte und sollte zu
freier, sich bethätigender Wirkung für die Gesammtheit,
für das Ganze.
Er sah ruhig in seine Vergangenheit zurück, denn
wie er es vor der Verlobung von Dolores gegen
Justine ausgesprochen, man hat nichts zu bereuen,
wenn man in dem gegebenen Falle nach seinem
besten Wissen gehandelt hat; man hat nur seinen
Irrthum zu beklagen.

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Es kam auch kein Wort über seine Lippen von
dem Kampfe und der Neuerung, welche Eberhards
Entschluß in ihm hervorgerufen hatte; aber wie er
in den von ihm unvergessenen Tagen seiner Jugend,
von denen er mit den wachsenden Jahren immer
mehr zu sprechen liebte, Nachts auf dem Schiffe
stehend, in tiefem Sinnen und Brüten hinausgeschaut
gen Osten, dem dämmernden Schimmer des neuen
Tageslichtes entgegen, so sah er jett, ein Mann auuf
den Höhen des Lebens, sinnend in die Zukunft hin-
ein, bereit zu jedem Werke, das der neue Tag von
ihm erfordern konnte.
z-ss,e
GAfik-
= s=ss -=-=e = u-zeuucU.
In Königsberg sauste der Wind des beginnenden
Novembexs winterlich kalt durch die Straßen und
trieb den Regen vor sich her, welcher dem Schnee-
fall gefolgt war und der ersten Schlittenbahn ein
rasches Ende gemacht hatte.- In Venedig glitten
die Gondeln sanft durch die Kanäle, und mit dem
zweiten November war der Tag aller Seelen, die Er-
innerungsfeier an die Todten, herangekommen.
In allen Kirchen riefen die Glocken die Lebenden
zum Beten für die Todten. Auf den Marmorplatten
des Fußbodens knieten sie in den Kirchen, vor und
zwischen den hunderten von Läämpchen, welche die
einzelnen Grabsteine erhellten, daß es anzusehen war,
als lockten die frommen Wünsche und Erinnerungen
die erloschenen Lebensflammen aus dem kalten Gestein
empor zu neuem Erstehen.-- Auf den Wegen und ,
Plätzen wandelten die Menschen umher, der Herzens-
pflicht zu folgen; durch alle Kanäle zogen die Gondeln