Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 05

-=- IF.--
nach der Todteninsel, zum Kirchhof von S. Michele
hinaus, und in allen Gondeln saßen ernste und stille
Menschen, alt und jung, arm und resch, mit Todten-
kränzen oder mit einem kleinen grünen Zweig in
Händen, sie nieberzulegen auf die Gräber der vor
ihnen Hingeschiedenen, die dort ihre letzte Ruhestätte
gefunden hatten.
Es war seit Wochen der erste stille Tag, den
Dolores in ihrer neuen Heimat verlebte. Wie im
Fluge war die Zeit nach der Entfernung der Ihren
an der jungen Frau vorübergerauscht, in buntestem
zerstreuenden Lebensgenuuß.
Freilich war Venedig nicht mehr die gewaltige
Republik, die es gewesen, auch nicht mehr die Stadt,
in welcher die Fürsten und die Vergnügen Suchenden
aus aller Herren Länder sich zu frohem und aus-
schweifendem Lebensgenuß zusammenfanden, bevor es
unter die französische Herrschaft gekommen war. Aber
die Lebenslust steckte den Venetianern doch noch im
Blute; das fröhliche Geldausgeben, das bel spencers
war ihnen immer noch eigen. Die Nachkommen der
fürstlichen Geschlechter, von welchen viele durch den
Handel emporgekommen waren, hielten noch in großer
Weise Haus in ihren Palästen. Der glänzende Hof-
halt Eugen Beauharnais', die große Zahl junger
französischer Offiziere und Beamten, die dort ansässig
geworden waren und deren Frauen die leichte Sitte
und den leichten Ton, wie die ganze französische
Lebensführung von Paris nach Venedig mit hinüber-
gebracht, machten, da man sich gerade einmal eines
Friedenszustandes in Oberitalien zu erfreuen hatte,
Venedig doch wieder zu einem Orte, an welchem, be-
günstigt durch die Natur und die Eigenart der Stadt,
man sich mit Bewußtsein dem verlockenden Reiz des
Augenblickes überließ.

--- IH --
Jeder Tag brachte ein Fest, jeder Tag brachte
Neues für Dolores. Die leidenschaftliche Zärtlichkeit
ihres Gatten, seine Freude an der Bewunderung,
welche die Männer ihrer Schönheit zollten, sein Ver-
langen, sie immer neu und immer reicher zu schmücken,
Aufsehen mit ihr zu erregen, wo er mit ihr erschien,
im Theater oder in den Gesellschaften der schönen
Welt, hielten sie beständig in Athem und in Erregung.
Wenn Polydor nicht in seinem Geschäfte oder
im Klub war, der sich nach englischem und franzö-
sischem Muster, halb als Vergnüügungs- halb als po-
litisches Institut gebildet hatte, war er meist bei Do-
lores; und die Zeit, in welcher er fern von ihr war,
nahmen die Besuche, die man ihr machte oder die sie
zu erwidern hatte, fast ganz in Anspruch.
Die Stille, die Feier des Allerseelentages stimmten
sie ernsthaft, und es war ihr eine Erquickung, als
sie, den eifrigen Händen und Berichten ihrer fran-
zösischen Kammerjungfer endlich entronnen, sich nieder-
lassen konnte in der überdachten Halle, welche sich
an der Vorderseite des ersten Stockes in dem reinen
Stil des Palastes hinzog-
Der Himmel war leicht bewölkt, der Kanal und
die Lagunen, in welche sie neben der Punta della
Salute hinaussah, wie ein Spiegel glatt und klar;
und zurückgelehnt in den mit persischem Teppiche be-
hängten Polstersitz, sah sie, erfreut durch die Milde der
Luft und die sie umgebende Stille, ruhebedürftig in
die Ferne hinaus. Sie hatte es gar nicht gewußt,
wie sie die Ruhe nöthig hatte, wie müde sie sei.
Immer, so lange sie denken konnte, war der
Blick in die Ferne und auf das Wasser ihr eine Lust
und Erquickung gewesen. Und unter welch verschiedenen -
Umgebungen hatte sie dieselbe genossen! Unter den
Palmen der Havanna als spielendes Kind, an den

==- g,h --
Ufern des Genfersees, am Strand der Ostsee hatte
sie die großen, weiten Wasserflächen vor Augen ges
habt; und selbst an den Fenstern des geliebten Vater-
hauses war der Pregelstrom vorübergezogen, und
immer und überall war Virginie mit ihr gewesen,
überall!
Hier in Venedig--- heute- war sie allein!
Es war schön auch hier! Das Alleinsein ruhte sie
aus, aber es machte sie traurig. Alle die Schwarz-
gekleideten da unten hatten hier Lebende und Todte,
hatten hier Erinnerungen an gute und böse Tage.
Sie?-- Sie hatte keine. Sie war hier in der
Fremde! Sie hatte Niemand!
Sie sprang auf. Wie ein Stich fuhr es ihr
durch die Brust, als sie sich auf dem Gedanken, auf
so schwarzem Undank betraf, in dem Hause ihres
Mannes, der sie liebte, der jeden ihrer Wünsche zu
errathen strebte, um ihm die überschwänglichste Er-
füllung zu gewähren. Undankbar war sie niemals
gewesen!
,, Wenn er es ahnte!' sagte sie sich, und in dem
Bestreben, den Gedanken zu verscheuchen, wiederholte
sie ihn und sie konnte ihn nicht bannen. Er stand
vor ihr, fest und deutlich,' als wäre er emporgestiegen,
ein unheimlich Gespenst, auf den breiten, hohen
Marmortreppen, die hinaufführten aus dem Wasser,
durch das Viereck des weiten Lichthofes, zwischen
dessen Quuadern das feuchte, moosige Grün hervorwuchs,
hinauf durch die säulengetragenen Hallen, bis hin zu
ihr, sie aufzuschrecken aus ihrem Herzensfrieden, mitten
in den Freuden, in denen sie lebte.
Sie hatte sie angestaunt, als sie sie zuerst er-
blickte, diese für Festzüge gemachten königlichen Treppen,
die Hallen, die Flucht der Zimmer, welche durch alle
vier Flügel des Palastes in einander griff; aber wenn

==- g ?
die Dämmerung und die Nacht sich in ihnen lagerten,
wenn der Schein der Lampen, die in den großen
eisernen Laternen am Hauptportale hingen und auf
den Absätzen der Treppen brannten, flackernd die ver-
witterten antiken Heldengestalten im Hofe und die
Fresken in den Hallen traf, daß bald hier, bald dort
ein Kopf plötzlich aus dem Dunkel auftauchte, sie
fremd mit großen Augen anzusehen und ebenso schnell
wieder zu verschwinden, so kam ein Schauer über sie.
Die Leere, die Fremde machten ihr bange, dasß sie
erst wieder frei aufathmete, wenn sie sich in den kleinen
Gemächern befand, welche Polydor in dem einen
Flügel des Hauses sich zur Wohnung mit ihr einge-
richtet hatte.
Manch liebes Mal hatte sie sich zurückgesehnt
in die Stuben, die sie mit der Schwester getheilt;
manch liebes Mal, wenn die Kammerjungfer sie so
lange in ihrem Ankleidezimmer vor dem Spiegel fest
gehalten, daran gedacht, wie bald sie ihr Haar zu-
sammengenestelt, wie schnell sie das Kleid übergeworfen
und das Band und die Schleife um die Taille ge-
knüpft hatte in dem Vaterhause, und wie sie doch
den Menschen damit gefallen hatte, Polydor und
allen, allen!
Und wieder stiegen ein Gedanke und ein Schatten
vor ihr auuf, die sie nicht gerufen, vor denen sie er-
schauerte; und sie hatte sie klopfenden Herzens von
sich zu scheuchen.
Wie war er mit einem Male so lebendig vor
ihr! Sie sah seine ernsten Augen, seinen ruhigen,
in die Seele dringenden Blick. Sie hörte seine
Stimme! Sie vernahm sie wieder, die letzten Worte,
die er zu ihr gesprochen, als sie sich vor ihm ihrer
Rührung über die Geburt ihres Neffen geschämt:
, Sie sind kein Kind mehr, aber das Weib, wie es

g,ß --
aus des Schöpfers Hand gekommen in seiner reinen
Heiligkeit! Weinen Sie Ihre Freudenthränen ohne
Scheu! Die sammeln die Engel und flechten sie
Ihnen einst als Kranz in Ihr Haar!
Und die heißen, großen Thränentropfen stürzten
ihr aus den Augen, und es waren nicht Freuden-
thränen, es waren Thränen eines unsagbaren
Schmerzes. Nicht über den schönen kleinen Lorenz
weinte sie. Sie weinte über sich!
Wie es über sie gekommen, ob es in ihr so lange
geschlafen, ob die Trauer um die Todten, um die,
die nicht mehr waren, es in ihr erweckt- sie wußte
es nicht. Aber es war da! Sie auch hatte zu
trauern um Eine, die nicht mehr da war, zu trauern
um sich selbst!
Sie war nicht mehr das Weib, das er gngebetet,
nicht mehr das Weib, die Jungfrau voll heiliger
Reinheit! Sie war das Weib eines Andern ge-
worden. - Und sie mußte Den vergessen, der sie in
ihrer Unschuld angebetet, wenn sie nicht noch elender
werden wollte, als sie sich in dieser Stunde fühlte,
wenn sie nicht ganz abfallen wollte von sich selbst und
von der Dolores, die er geliebt.
In ihrer Versunkenheit hatte sie es nicht gemerkt,
daß eine Gondel gelandet war an dem Traghetto
des Palastes. Der laute Schall des Klopfers, der
am Portal ertönte, schreckte sie auf. Der Diener
meldete: ,Donna Serafine, die Frau Marquise von
Beauvrignon !' und ihm auf dem Fuße folgend, trat
die hochgewachsene, majestästische Frau in die Halle,
während Dolores erschreckend und eilig ihre Augen
trocknete, ihrem Gaste entgegenzugehen.
Die Marquise war eine berühmte Schönheit, eine
jener stolzen, prächtigen Erscheinungen, die noch hin-
reißender werden, wenn sie über die erste Jugend-

=- g,ß -
blüthe hinaus sind. Ihre Mutter, von welcher sie
die Schönheit geerbt, war eine Venetianerin und als
Frau eines Gesandten der Republik nach Paris ge-
kommen. Dort war Serafina geboren und aus dem
Kloster, in welchem sie erzogen worden, mit sechzehn
Jahren in die Welt getreten, um an den vierzig-
jährigen Marquis von Beauvrignon verheirathet zu
werden. Er war ein Freund und Verwandter des
hingerichteten Generals Beauharnais gewesen, hatte
in Folge davon eine Rolle gespielt, seit Josephine
Beauharnais die Gattin Napoleons und Kaiserin ge-
worden; und mit Eugen nach Venedig gekommen,
hatte Beauvrignon dort eine hervorragende Stellung
im Rathe desselben eingenommen, als ihn ein plötz-
licher Tod ereilt und die schöne Marquise zur Wittwe
gemacht.
Reich von Hause aus, als schön und geistreich
gefeiert von der Pariser Gesellschaft neben den be-
rühmtesten Frauen unter dem Konsulat, neben Frau
von Recamier, neben den schönen Schwestern Bona-
parte's, und nicht strenger gegen sich als die andern
Frauen ihrer Zeit, hatte sie in Venedig bald den
Thron zls Meisterin des guten Tones und Geschmacks
fast ohne ihr Zuthun eingenommen, und sie hatte
ihr Scepter aufrecht erhalten auch nach dem Tode
ihres Gatten. Mit achtunddreißig Jahren war sie
von einer Schaar von Verehrern umringt, für die
es eine Sache des Ehrgeizes war, von der Marquise
Serafina der Beachtung oder gar der Auszeichnung
werth gefunden zu werden.
Polydor hatte schon zu Lebzeiten ihres Mannes
für ihren erklärten Günstling gegolten, bis er diese
Bevorzugung mit einem jungen Polen, dem zweiten
Sohn eines Grafen Vranitzki, zu theilen gehabt,
welcher auf der großen Reise, die jeder junge Mann
Lewald. Die Familie Darner. Tl.
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= Jß -
von Stande zu machen hatte, einige Monate in
Venedig verweilt, und dann von den in Galizien ge-
legenen Gütern seines Vaters wieder nach Venedig
zurückgekehrt war, um sich in der Nähe der Marquise,
in dem dunklen Glanze ihrer Augen zu sonnen. Das
hatte zu einem Zerwürfniß zwischen ihr und Polydor
geführt, obschon sie fortgefahren, sich zu sehen.
Die Eingeweihten des Kreises wollten behaupten,
daß Polydor sich nur aus Liebesverdruß verheirathet
habe; daß er der Marquise habe beweisen wollen, wie er
sie entbehren und verschmerzen könne. Indeß wenn
dies auch vielleicht der ursprüngliche Grund gewesen
war, welcher ihn geneigt gemacht, auf die Freiheit
seines Junggesellenlebens zu verzichten, so hatte doch
Dolores es ihm angethan, und seine Leidenschaft für
sie war ihm von Herzen gekommen.
Auch war die Marquise, als Polydor sie zu seiner
Hochzeit eingeladen, dieser Einladung gefolgt und
hatte, als er ihr seine Erwählte vorgestellt, mit ge-
wohntem guten Geschmack sofort ihre Stellung gegen-
über ihrem Anbeter und seiner Frau genommen.
Sie hatte Dolores auf das Freundlichste begrüßt,
sich erboten, ihr in der Fremde mit ihrem Rath zur
Hand zu sein, da sie ja eine Einheimische und eine
Frau sei, welche ihre Mutter sein könne, denn ihre
beiden in Spanien im Felde stehenden Söhne seien
älter als Madame Joannu; und die Marquise war
nie bestrickender, als wenn sie lächelnden Mundes
und süßen Blickes sich als eine alte Frau bezeichnete.
Polydor hatte ihr versichert, er habe es von
ihrer Freundschaft für ihn nicht anders von ihr er-
wartet; Darner hatte ihr für die Güte gegen seine
Tochter dankbar die ihm gebotene Hand geküßt, und
Dolores war von ihr eingenommen worden durch
das erste Wort.

--- h!--
Für Darner aber war der Name der Marquise
kein fremder gewesen. Sein venetianischer Geschäfts-
freund, bei dem er sich seiner Zeit um die persön-
lichen Angelegenheiten Polydors erkundigt, hatte eines
mehrjährigen, aber gelösten Liebesverhältnisses zwischen
Polydor und einer, nicht mehr jungen Frau der
großen Welt erwähnt, deren Namen er ihm genannt.
Darin hatte für Darner kein Anlaß gelegen, auf die
geplante Verbindung zu verzichten. Die Begegnung
mit der Marquise hatte ihn aber doch zu denken ge-
geben, und als er am Abschiedstage seine Tochter
zum letzten Male umarmt, hatte er ihr gesagt:,Frage
hier in der Fremde Niemand um seinen Rath als
Deinen Mann und Dein Gewissen; und spricht dies
nicht klar zu Dir, so frage Dich, was Dein Vater
Dir zu thun gebieten würde, und darnach handle.
Wer Dritte um Rath fragt, will in der Regel das-
jenige von ihnen gecathen bekommen, was das Ge-
wissen ihm zu thun verbietet.?
Danach hatte Dolores sich gehalten, aber der
Verkehr mit der Marquise war ihr lieb geworden und
diese fühlte sich einerseits durch die Hingebung der
jungen Frau geschmeichelt, während andrerseits gegen
ihren eigenen Willen der Verkehr mit Polydor wieder
wachsend an Reiz für sie gewann. Sie verstand es
obenein, Jeden neben sich an den Platz zu stellen,
der ihm behagen, an welchem er ihr dienen konnte.
Eine so unschuldige Schönheit wie Dolores war eine
Anziehungskraft für jeden Salon und eine absichtliche
Nebenbuhlerschaft hatte man von ihr nicht zu ge-
wärtigen. Die Gesellschaft, Polydor an ihrer Spitze,
der Serafina's Gegnerschaft für seine Frau befürchtet,
fand es ihrer würdig, daß sie ohne kleinlichen Neid
mit dem neuen Ehepaar verkehrte, und Niemand
bedachte es, wie die lange Gewohnheit engsien

-- I?--
Vertrauens sich der Marquise wieder bemächtigte,
wie das Verstehen mit halbem Blick und halbem
Wort ihr die Nähe Polydors wieder lieb machte, und
wie es ihr angenehm war, sich von Dolores in
Polydors Beisein immer auf das Neue gelobt und
bewundert zu finden. Sie liebte Dolores dafür, denn
ihre Verbindung mit Polydor hatte zu lange gewährt,
als daß sie sie vergessen konnte; und die sichere Ruhe,
mit der er ihr entgegentrat, reizte doch wieder ihre
Eitelkeit auf. Sie mochte es machen, wie sie wollte,
sie war immer in ihrem Sinne mit den beiden Ehe-
leuten beschäftigt und sie sah sie viel, denn ihre Zu-
vorkommenheit forderte von Polydor die Anerkennung
derselben.
,,Da bin ich wieder, mein Kind!r rief sie, als
Dolores ihr in dem Saal entgegenging. ,Ich.komme
frühzeitig wie die Aurora, die hier von der Decke auf
uns niederschaut. Es sind die Todten, die uns heute
vor Tag herausgerufen; ich habe in Santa Maria
Formosa und in den Frari meinem Manne, meinen
Eltern und deren Ahnen ihr Opfer gebracht; aber
ich sterbe vor Hunger! Lassen Sie mir eine Chokolade
bringen!r
Und Dolores betrachtend, welche die Glocke zog,
zu befehlen, daß man die Marquise bediene, setzte sie
hinzu: ,Wie denn, meine Schöne, was soll das be-
deuten? Sie sind nicht in Trauer, wie der Tag es
fordert? Und Sie haben geweint, geweint, daß Ihre
Lider roth sind?=- Was haben Sie?-- Aber vor
Allem kleiden Sie sich um; man darf Sie heute nicht
im farbigen Kleide sehen!-- Gehen Sie!-- Ich
erwarte Sie und bekomme inzwischen meine Choko-
lade!
Dolores gehorchte und war nach wenig Minuten
wieder da, um der Marquise das Frühstück selbst zu

-- ZZ --
reichen, das man inzwischen für sie hereingetragen
hatte.
,. Und nun, da Ihre Augen wieder trocken sind,?
hob die Marquise an, ,was hat's gegeben??
,P, nichts, Signora! Ich bin heute einmal
vom Heimweh überfallen, daß ich mich nicht dagegen
wehren konnte. Es war stärker als ich,' sagte
Dolores, die sich wieder gesammelt hatte. ,Es muß
der Trauertag sein. Ich konnte mich des Weinens
nicht erwehren.?
, Und sonst nichts? sragte Serafina und heftete
ihre dunklen Augen auf die junge Frau, daß diese,
wahrhaft bis in die tiefste Seele, den Blick nicht er-
tragen konnte, und flammende Röthe sich über sie
ergoß.
,Sehen Sie!'- rief Serafina mit jener feinen,
abwehrenden Fingerbewegung, der die Jtalienerinnen
einen so verschiedenen Ausdruck zu geben wissen.
, Sehen Sie wohl! O, mich täuscht man nicht!
Eine kleine Ehestandsscene, nicht wahr! Der abscheu-
liche Polydor! Noch in den Honigwochen! Aber
was wollen Sie, sie sind sich Alle gleich! Man muß
ihnen nicht denGefallen thun, sich darüber zu betrüben.?
Dolores betheuerte, daß die Marquise sich irre,
daß nicht das geringste Mißverständniß vorgekommen
sei zwischen ihr und ihrem Manne.
Serafina lächelte dazu.
,,Das nennt man gut erzogen sein!' sagte sie,
,und ich lobe Sie für Ihre Verschwiegenheit, mein
Kind! Aber ausbleiben wird das ja nicht; und uns
erzieht man ja nicht für die Welt und de irdische
Liebe, man erzieht uns für das Kloster und die
himmlische Liebe. - Gehen Sie! Sie suchen auch
noch auf der Erde und in der Gesellschaft die un-
wandelbare Liebe und das Glücfr

= hI --
Dolores hatte ihr mit Bangen zugehört. Sie
besorgte, irgendwie verrathen zu haben, was ihr selbst
verborgen, in ihr nicht erloschen war. Es klang aus
den Worten der Marquise ein Etwas an ihr Ohr, dem
sie zustimmen mußte, von dem es sie gelüstete, mehr
zu hören, mehr zu erfahren, obschon sie nicht danach
zu fcagen wagte.
,Man hängt ja so sehr an der Heimat, an den
Seinen, an den Erinnerungen,'' sagte sie, um doch
etwas zu sprechen, ,und doppelt in der großen Ferne!'
Und wieder traf sie Serafina's warmer und doch
fester Blick.
,,Ob man daran hängt, ob man sich in der
Welt wie in der Fremde fühlt? Ich will Ihnen
sagen, mein Kind, wie es ist und wie es jeder von
uns ergeht, jeder, die man in die Welt schickt aus
dem Vaterhause oder aus dem Kloster. Fragen Sie,
welche Frau Sie wollen. Es erlebt es jede. Man
erzieht uns als weißgeflügelte Tauben, rein, rein wie
die Engel des Himmels! Und eines schönen Tages
kommt man uns sagen: hsts, bel srgiol mio! Jetzt
gehe und amüsire Dich, mein Täubchen, in dem Lande
der Falken und der Geier, und sieh zu, wie Du Dich
aus der Affaire ziehst!'r
,O, rief Dolores, ,das ist ein furchtbares Bild!
Nein, Signora, so ist es nicht, so kann's nicht sein!
Polydor ist ja so gut, so voll Liebe für mich, daß
ich oft denke =-e-
Die Unterhaltung war abwechselnd italienisch
und französisch geführt worden, da die Marquise des
Deutschen nicht mächtig war. Auch Polydor sprach
nicht mehr deutsch mit seiner Frau, denn das Fran-
zösische war ihm gewohnter; und doch vermißte die
jnge Frau das Deutsche. Es war ihr an das Herz
gewachsen, als wäre es ihre Muttersprache.

-'-
=-- hH -
,Woran denken Sie? fragte Serafina, da Do-
lores inne hielt.
,Wie ich seine Liebe verdienen soll und was ich
thun kann, ihm zu gefallen,' entgegnete Dolores,
und das Schuldbewußtsein in ihrem Innern machte
ihren Ausdruck noch wärmer erklingen.
Serafina sah sie voll Verwunderung an. ,Aber
Sie kommen ja wirklich wie aus einer andern Welt!
Sie sind wirklich ein Engel!'' rief sie und sie meinte
es ehrlich mit den Worten, denn die Unschuld Jder
jungen Frau hatte sie wieder einmal gerührt! Sie
ergriff deren Hand. Eine Erinnerung an lang ver-
gangene Zeiten, an die Tage ihrer eigenen frühesten
Jugend bewegte sie. Ihr Schweigen beunruhigte
Dolores.
,Ich habe etwas gesagt, was Sie vielleicht recht
kindisch finden!'' hob sie an.
, Kindisch?' rief die Marquise in ganz veränder-
tem Tone. ,Kindisch! -- Ach, unser Erlöser hat es
ja ausgesprochen: ,So ihr nicht werdet wie die
Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen!k
Ich war auch ein Kind wie Sie, und Sie werden
eine Frau werden wie ich, denn Sie sind schön wie
ich! Aber der Weg ist lang, ist nicht immer heiter und
selbst seine Rosen haben scharfe Dornen! Sie können
ja nicht die kleine Pensionärin bleiben neben einem
Mann von Welt wie Polydor. Sie dürfen es nicht
bleiben, wenn Sie ihn sich erhalten wollen. Er muß
Sie bewundert sehen, um sich Ihrer immer auf das
Neue zu erfreuen. Er muß Sie täglich neu zu er-
obern haben, denn alle Männer sind auf das Er-
obern, auf den Kampf gestellt. Und je mehr Sie
ihn lieben, je beständiger, um so weniger verrathen
Sie es ihm; denn alle Männer hassen das Einerlei,
alle verlangen nach Wechsel: was Sie mit Sicherheit

==== Js --
besitzen, hat keinen Werth für sie. Auch in der Liebe
verlockt sie das Glücksspiel, und je gewagter, um so
mehr!-=- Die Marquise sprach aus ihrer Neberzeu-
guung und von Herzen.
Dolores hatte die Häände in den Schooß sinken
lassen und schüttelte langsam das Haupt.
,Ich habe Sie erschreckt, armes Kinb !? sagte
die Marquise, ,aber wozu hat man seine Erfahrungen,
als um denen, mit welchen man es gut meint, so
viel man kann, die Schmerzen und die Enttäuschungen
zu ersparen, die man erlitten hat.?
,C, gewiß, ich fühle es, Sie meinen's gut mit
mir, wiederholte Dolores, ,aber ich kann nicht
scheinen, was ich nicht bin, kann nicht verbergen, was
ich fühle--e
,,Sie müssen es lernen! Alles, Alles will ge-
lernt sein !?
Dolores schüttelte noch einmal traurig den schönen
Kopf. Was sollte aus ihr werden, wenn Polydor, die
Welt, die Männer dem Bilde glichen, das die Mar-
auise vor ihr enthüllt?=- Und mitten in ihrer rath-
losen Angst. flammte wieder die feste Neberzeugung
in ihr auf: Eberhard war kein solcher Mann!-
Und die Thränen stürzten ihr aus den Augen und
haltlos warf sie sich der Marquise an die Brust, als
Polydor dazu kam.
,Man muß Glück haben! Gut, daß ich mich
beeilte!r rief er. ,Clles, was ich verehre und liebe,
auf einem Fleck! Welch ein Glücksstern leuchtet
diesem ernsten Tage?? Er sah jedoch sogleich, als
er die Hand der Marquise küßte, daß sie sein Kommen
nicht erwartet hatte, und er sah die Thränen seiner
Frau. Die Marquise kam seinem fragenden Blick ge-
wandt zuvor.
, Stellen Sie sich vor, mein Freund,? sagte sie,

== ZF --
,, ich bin schon seit einer Stunde hier, habe mich hier
bei Ihnen förmlich zum Frühstück festgesett, um Ihrer
Frau das Heimweh zu vertreiben, das der Allerseelen-
tag ihr erweckt hat. Weshalb lassen Sie sie auch
allein an solchem Schwermuth brütenden Tage?-
Aber Sie haben immer Glück gehabt! Welch eine
himmlische Seele ist Ihre Frau!-- Eine Tochter wie
diese, und ich wäre die beste, die glücklichste der
Mütter, mein ganzes Leben würde ein anderes ge-
worden sein !'?
,, Und welche Tochter würden Sie erzogen haben,
meine schöne Freundin!' gab ihr Polydor zurück,
ohne daß sein Mißtrauen beseitigt worden wäre. Die
Marquise ließ die galante Bemerkung auf sich beruhen,
theilte Polydor ein paar politische Nachrichten mit,
die sie zufällig erhalten, man tauschte noch ein paar
Stadtneuigkeiten mit einander aus, dann küßte die
Marquise Dolores, und empfahl sich, von Polydor
begleitet.
Als er wieder zu seiner Frau zurückkam, sprach
er: ,Laß uns mit einander ehrlich sein, mein Engel!
Was hat es gegeben zwischen Dir und Madame
Serafina? Hast Du wirklich Heimweh gehabt und
hast Du's iht geklagt?
, Ja,' sagte Dolores, ,ich bangte mich nach der
Schwester und dem Vater. Ich hatte geweint--
und so hat sie mich gefunden.?
, Und dann ?' fragte er weiter.
,Dann hat sie mir gesagt, das müsse jede Frau
erleben, wenn sie ihr Vaterhaus verlassen, und hat
mir davon gesprochen, daß die Welt uns hart machen
müsse, und daß die Männer gar nicht begehrten, ge-
liebt zu werden, daß sie unserer Liebe sehr bald über-
drüssig würden.?
, Ah, da habe ich sie!'r rief Polydor mit einer

==- hF -
Heiterkeit, welche Dolores wohl that.,Da hab' ich
sie!- Die trübselige Männerverachtung der ver-
lassenen Ariadnen! Tröste Dich, mein Schatz! -
Madame hat nicht immer so von uns gedacht; Ma-
dame wird alt, findet, daß ihr Reich zu Ende geht,
und neidet Dir Deine Jugend-- vielleicht ein bischen
auch Deinen Mann! Denn wozu Dir auch ver-
schweigen, was Andere, und vielleicht sie selbst, Dir
einmnal erzählen könnten? Dein Mann, ehe er Dich
kannte, hat mitgezogen an dem Triumphwagen der
Unvergleichlichen, vor dem jetzt die jüngere Kohorte
der Cavalieri serventi den Dienst versieht! Aber
nicht weinen, Dolores! Das verbitt' ich mir! Die
Thränen nehmen den Schmelz der Jugend von den
Wangen und=-'
, Ich soll schön sein! fiel Dolores ihm ins Wort,
bemüht, auf seine Stimmung einzugehen.,DDie Mar-
auise sagt, das willst Du -
,Das ist ein vernünftig Wort!'' scherzte er.
, Ja! Du sollst schön sein, man soll Dir huldigen,
Du sollst Dich mit mir Deines Lebens freuen, und
wenn sie Dich bewundern, dann lachst Du-- und
fliegst in meine Arme.?
Er breitete sie ihr entgegen, sie reichte ihm die
Hände.
,Wie das gut klingt, ganz anders, als aus dem
Munde der Marquise! Sie muß schon Trauriges er-
fahren haben.'?
,, Und desholb kommst Du nicht in die Arme
Deines Mannes? Deshalb stehst Du neben mir, als
wärest Du nicht mein??
Sie zögerte einen Augenblick, dann gab sie nach.
Als aber ihr Kopf an seiner Schulter ruhte, sagte
sie: ,Polydor, wir wollen nicht mehr zur Marquise
gehen, ich mag sie nicht!'r

=- Zß -
,Was fällt Dir ein? Wir sollen die Marquise
nicht wieder sehen? Närrchen! Willst Du sie glauben
machen, daß ich ihren Einfluß auf Dich fürchte?
Nein, mein Kind! Man bricht auch nicht mit
einer Tonangeberin, mit einer Frau von Einfluß!
Und den hat sie, in der Gesellschaft wie am Hofe;
und am wenigsten, da sie heute ihr Wort für Dich
gefunden hat. Eine Tochter, wie Du, das wäre ihr
höchster Wunsch! Den wird sie jett wiederholen,
überall! Man wird es bewundern, Dich bewundern,
sie bewundern! Wir werden wie die Engel im Himmel
mit einander leben! Was willst Du mehr, Dolores??
,Nichts, nichts, denn Du bist so gut!' sagte
sie unter seinen Küssen.
Aber sie wollte doch nicht von ihr weichen, die
schwere Last des heute in ihr klar und fest gewordenen
Bewußtseins, daß die Erinnerung an Eberhard
zwischen ihr und Polydor stehe, daß sie ihn nicht ver-
gessen habe, daß sie mit seinem Bilde im Herzen
eines Andern Weib geworden, daß zu schweigen und
froh zu scheinen fortan ihre Pflicht war. Eine Pflicht,
deren Erfüllung sie erniedrigte vor sich selber und
vor ihm.
Womit hatte sie dies Geschick verschuldet? Wie
hatte der Vater, ihr Vater, sie dazu verdammenkönnen?
Und man pries sie glücklich, man beneidete ihr Los!
oooooooooooooow oowaoneGGGgao
V,ik
Sechsles o===-»s
Polydor war keiner von den Männern, die sich
einen Eingriff in ihre Verhältnisse gefallen lassen.
Es war ihm gelungen, Dolores zu erheitern, und er