Die Familie Darner. Roman in 3 Banden.
Fanny Lewald
Kapitel 07

=- Z --
Liebhabereien und Launen, wie alle große Herren und
alle schönen Frauen; und wie solche hebt sie immer
ihre Günstlinge eine Zeit lang auf den Schild, und
macht sie zum Gegenstande ihrer Bewunderung, bis
sie eines schönen Tages plötzlich einen Makel an
ihnen entdeckt, neben dem alle bisher gepriesenen
Vorzüge in den Staub sinken.
In dem Winter, welcher der Heirath Polydors
folgte, waren es die Marquise, Dolores und Polydor,
die alles Interesse und alles Wohlwollen für sich in
Anspruch nahmen, weil es etwas so Ungewohntes
war, daß Liebende, die einander untreu geworden,
sich wieder zusammenfanden, daß die verlassene Ge-
liebte die Beschützerin der rechtmäßigen, makellosen
Frau des Ungetreuen wurde, daß die junge Frau
dieser gefährlichen Beschützerin in Liebe anhing, daß
ihr Mann sich mit so feiner Rücksicht fir Beide
zwischen ihnen zu bewegen wußte, daß beide Frauen
voll seines Lobes waren.
Man weidete sich an dem ungewohnten Schauspiel
und man beobachtete es, um zu entdecken, wo sich
etwa ein Mangel, ein Riß, der Anfang eines Zer-
würfnisses zeigen möchte. Man sprach von ihnen,
man suchte beide Frauen auf, und als Dolores im
Beginn des neuen Jahres zum Karneval ihre Säle
für die Gesellschaft öffnete, war man erstaunt, zu
sehen, wie ihre mädchenhafte Schüchternheit sich rasch
verloren, wie sie an Sicherheit gewonnen, wie viel
sie, absichtlich oder unbewußt, von der Haltung der
Marquise angenommen hatte. Ihr ruhiger Blick hatte
beobachten gelernt; sie wußte zur rechten Zeit zu
lächeln, sie kleidete sich vortrefflich, verstand zu sprechen
und zu schweigen. Niemand hatte erwartet, daß sie
sich so schnell in eine Frau von Welt verwandeln

=- I -
würde, und Niemand erkannte den Grund dieser Ver-
änderung klarer und bewußter als sie selbst.
Ja, sie wußte zu sprechen, und zu schweigen:
zu sprechen mit unerbittlicher Wahrhaftigkeit gegen sich
selbst; zu schweigen mit ebenso fester Selbstbeherrschung
gegen ihren Mann und in ihren Briefen gegen die Ihren.
Ihr Vater, ihre Geschwister, hatten es gut mit
ihr gemeint, als sie, bestrebt, sie von einer hoffnungs-
losen Liebe zu heilen, sie zu der Heirath mit Polydor
überredet. Es waren Gehorsam und Liebe gegen
ihren Vater, es war ein unfreiwilliger Selbstbetrug
gewesen, und doch eine Unwahrheit gegen Polydor,
als sie, von seiner Liebenswürdigkeit und Leidenschaft
bestrickt und hingerissen, geglaubt, Eberhard vergessen
und Polydor freien Herzens lieben zu können. Das
war ihre, nicht seine Schuld gewesen. Sie hatte ihm
nichts vorzuwerfen, was sie nicht selber traf. Sie
waren Beide schuldig gegen einander, jedes auf die
Weise, welches seiner Vergangenheit entsprach.
Beide waren sie mit einer andern, nicht er-
loschenen Liebe im Herzen ihre Ehe eingegangen; und
wie es sie auch schmerzte, den Einfluß, die Gewalt
zu erkennen, welche die Marquise immer noch auf
Polydor ausübte, so sagte sie sich doch in ihrer Ehr-
lichkeit: ,Würde es mir anders ergehen, wenn Eber-
hard in meiner Nähe lebte? Kann ich doch nicht auf-
hören, an ihn zu denken, sein Bild im Herzen zu
tragen, obschon er mir so fern ist und meiner viel-
leicht vergessen hat, seit er mich die Gatiin eines
Anderen weiß??
Aber diese Erkenntniß half ihr nicht gegen das
niederschmetternde Bewußtsein des Ehebruchs, in dem
sie lebte; wie ihr die Leichtfertigkeit kein Trost war,
mit welcher rund um sie her die Menschen sich nach
Landessitte in ähnlichen Verhältnissen bewegten. =,

- 7h -
wenn sie zurückdachte an ihr Vaterhaus und an
Eberhard, kamen eine Herzensangst, ein Gefühl der
Erniedrigung über sie, daß sie hätte fliehen, fliehen
mögen, fort von ihrem Manne, von Venedig, fliehen
vor sich selbst. Aber wohin? zu wem?
Zu ihm?--- Was sollte ihm und bei ihm das
Weib eines Andern, das er nicht erwählt, als es
frei und seiner werth gewesen war?
Zu ihrem Vater?-- Worüber hatte sie sich bei
ihm zu beschweren? Polydor blieb sich ihr gegenüüber
immer gleich an Zärtlichkeit und Rücksicht; er dankte
ihr für ihr Bestreben, sich ihm angenehm zu machen,
sein Haus seinen Wünschen gemäß zu führen, seinen
Willen zu thun. Die Marquise war immer bemüht,
sie gelten zu lassen, wenn schon es sich von selbst
verstand, daß ihre Erfahrung, ihre Weltklugheit, ihr
langer Verkehr mit Polydor diesen bei ihr finden ließen,
was Dolores ihm nicht zu bieten hatte. -- Konnte
er doch Dolores auch nicht ersetzen, was Eberhard
ihr gewesen, was er ihr noch in dieser Stunde war.
Mit der eigenen Untreue im Herzen hatte sie sich
auch bei ihrem Vater nicht über die Untreue ihres
Mannes zu beklagen.
,Frage allein Dein Gewissen um Rath, hatte
ihr Vater ihr gesagt, als er von ihr gegangen war,
,und wenn Dich das im Stiche läßt, so frage Dich,
was Dein Vater Dir zu thun heißen würde!'?=-
Sie hatte sich das oft gefragt und sich mit schwerem
Herzen die Antwort darauf gegeben.
Sie hatte auszuharren und Polydor zufrieden
zu stellen, was ihr ja gelang; aber er gewann dadurch
in ihren Augen nicht, daß er die Liebe gar nicht
ahnte, deren ihre Seele fähig war, und daß er sie
also auch nicht entbehrte, daß er mit so wenigem
zufrieden war.

-=- 7F -
Sie hatte keine Wahl. Sie mußte sich zu zer-
streuen, zu übertäuben suchen; sie mußte lächeln, um
nicht zu weinen in bitterem Schmerz; sie mußte ver-
zweifeln oder hoffen -- worauf?-- das wußte sie
freilich selber nicht; nur hoffen!
Die Welt um sie her war lauter Lust und
Freude, trotz der Kriegsnachrichten, die wieder in ihr
ertönten. Man feierte die Siege des Kaisers in
Spanien, Feste folgten den Festen. Die vornehme
Gesellschaft, das leichtherzige Volk der Lagunenstadt,
sie alle lebten am Tage den Tag, jeder Tag bot
reichen Wechsel, anregenden Genuß. Sie mußte vor-
wärts mit den Anderen!
Achtes Kapites
Dolores schrieb allwöchentlich nach Hause. Die
Briefe, welche sie den Ihren in die Heimat sendete,
schilderten ihr Leben in seiner ganzen Farbigkeit.
Wie Lichtstrahlen drangen sie durch die Trübe des
Herbstes, durch die mit Eisblumen dicht befrorenen
Fensterscheiben in die Zimmer und in die verlangenden
Herzen der Leser und da auch Polydor, wenn er
schrieb, voll des Lobes seiner Frau und seines Ehe-
glückes war, konnte Niemand an der Zufriedenheit
der Beiden zweifeln oder daran denken, daß diese
lichten Bilder an der jungen Frau auf dem dunkelsten
Hintergrunde vorüberzogen. Da sie stets der Liebling
der Familie gewesen war, vernahm man von ihrem
Glück und ihrer Lust mit doppelter Befriedigung;
wie sehr sie auch abstachen von den Sorgen, von
der Stimmung, mit denen man sich in Preußen trug,