Josias eine Geschichte aus alter Zeit
Fanny Lewald
   
Band 01
Titel

Josias
Eine Geschichte aus alter Zeit
von
Fanny Lewald.
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Feipzig.
Verlag von Ernst Keil's Nach folger.
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Kapitel 01

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Erstes Kapitel.
Den Josias hatte ich gekannt, so lange ich denken
kann, und weil ich ihn sehr lieb gehabt und hoch
geschätt, will ich, da er nun lange todt ist, zu
meiner Befriedigung von ihm schreiben, weil ich nicht
mehr mit ihm sprechen kann. Mag die Blätter denn
einmal lesen, wem sie in die Hände kommen werden.
Es leben jetzt in unserem Zeitalter, in welchem die
Menschen alle durch einander gewürfelt und an ein-
ander abgeschliffen werden wie die Kiesel am See-
strand, wohl nicht mehr Viele, die eigenartig ßind,
wie er's gewesen!
Mit den Worten fing die Erzählung in dem Tage-
buch von Tante Franziska an, und die Seite trug
das Datum vom zehnten September achtzehnhundert-
achtundsechzig. Die Schreiberin war damals selbst
den Sechzigern nahe.
Fanny Lewald, Josias.
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b- Z -=
Den Josias also hatte ich gekannt, so lange ich
denken konnte, und ich habe aus meinen frühesten
Tagen ein deutliches Bewußtsein. Unser Vater hatte
von seinem Vater die großen Seidenfabriken an der
Oberspree nach Köpnick zu ererbt, wo damals noch
ganz freies Feld gewesen ist. Dorthin zogen wir immer
in den Sommermonaten, und da sich an die Fabriken
unser großer Garten anschloß, so war es ein angenehmer -
Aufenthalt, denn von Dampfmaschinen und von der
durch den Dampf verdorbenen Luft war noch gar
keine Rede. Die Luft war frisch, die Wiesen an der
Spree waren voll Blumen, und still war es da draußen,
wenn die Arbeitsstunden vorüber waren, wenn die
Webestühle und die Spulen nicht mehr rasselten,
gerade wie auf einem einsamen Dorfe tief im Lande.
Den Winter aber verlebten wir in dem Hause
in der Stadt, in welchem das Verkaufsgeschäft betrieben
wurde; und der Josias, dessen Voreltern zugleich mit
den unseren und mit den anderen vertriebenen Hugee
notten zusammen aus Frankreich ausgewandert und
in Preußen aufgenommen worden, war immer zu uns

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gekommen, draußen in der Fabrik sowohl' als in der
Stadt. Die französische Kolonie hatte gut zusammen-
gehalten, seit sie unter dem preußischen Adler eine
neue Heimath gefunden, und die Einzelnen hielten
auf sich selber, die Bürgerlichen, die zum Theil große
Fabrikanten geworden waren, wie die Adeligen in der
Armee und unter den Beamten. Vom General her-
unter bis zum Tanzmeister und Koiffeur nannten sie
sich alle noch Refugiss, und waren sie Alle sammt und
sonders aus ungerecht und grausam vertriebene Fran-
zosen geachtete und treue Preußen geworden. Es
hatte ein gut Theil von ihnen mitgefochten in den
Befreiungskriegen und die Viktoria nach Hause bringen
helfen, welche Napoleon nach Frankreich fortgeschleppt
s hatte. Sie stand schon wieder auf dem Brandenburger
Thore in der Zeit, von der ich rede, und ich war
achtzehnhundertsechzehn sieben Jahre alt.
Wenn der Josias kam, so meldete das Mädchen
ihn immer als den Herren Kassenrendanten an. - -
Was ein Kassenrendant bedeutete, das wußte ich
zwar nicht, aber ich zerbrach mir darüber auch weiter

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nicht den Kopf, obwohl ich ein nachdenkliches Kind
gewesen bin. Ich hatte schon oftmalö lange darüber
gegrübelt, wo der liebe Gott eigentlich hergekommen
sei, und wo er gewohnt habe, ehe er die Welt ge-
schaffen; während ich nach rechter Kinderart über alle
mich zunächst umgebenden und meine Welt ausmachen-
den Dinge und Menschen noch niemals nachgedacht.
Es war ja unser Haus, in dem wir wohnten, es waren
unser Vater und unsere Mutter, die Onkel, die Tanten,
der Doktor und Der und Jener und der Josias! Das ver-
stand sich Alles ganz von selbst; das war, wie es war.
Der Vater, der damals in der Mitte der Dreißig
stand, nante den Josias Du, obschon der Josias
zwölf, dreizehn Jahre voraus hatte vor ihm. Die
Mutter hieß ihn, wenn sie zu ihm redete, lieber Cour-
ville, und wenn sie von ihm zu uns Kindern sprach,
den guten Josias! -- und gut war er zu Jedermann.
--- Mich aber zog er doch den anderen Geschwistern
vor, und wenn er mit mir scherzte und tändelte,
nannte er mich Franull.
Als ich ihn einmal gefragt, weshalb er das thue,

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dem Tambourinrahmen die Gardinen für die Pracht-

säle der Königsschlösser stickte. Vor den schönen Kunst- -
schnizereien der großen Interlakener Magazine, vor den -
Schaufenstern der Uhren- und Goldwaarenfabriken vgn ?
Genf haben sie eine Weile stille gestanden und sie
wissen somit, daß die Schweizer ein Volk von fleißigen
Bürgern sind, die Ackerbau und Industrie treiben. -
Man hat ihnen gesagt, daß in Basel ein sehr reicher, -
geldstolzer und zum Theil pietistischer Kaufmannsstand I
existirt, daß die südliche Schweiz einen lebhaften ?
Handelsverkehr mit Italien treibt, und wenn sie etwa -
das Nheinthal hinauf fahren und ihnen auf beiden
Seiten des Weges von den steilsten Felshöhen die -
Trümmer der Ritterburgen und tiefer hinab die zum ;
Theil noch bewohnten Schlösser der alten Geschlechter !
in die Augen fallen, so stört sie das in ihrem erlernten -
Urtheil über das Land und seine Bewohner nicht -
sonderlich. Sie fragen sich nicht, woher diese Schlösser -
einer alten Aristokratie in der republikanischen Schweiz, s -
sondern sie rechnen die Ruinen als zur Decoration des I
Weges gehörend, unh sie haben ja auch schon am ? ;
deutschen Rheine eben solche Burgen gesehen.- Was ? -
denn aus all den alten Adelögeschlechtern in der freien ? ,
republikanischen Schweiz geworden ist, darauf ;lassen - s
sie sich nicht ein, denn dazu haben sie auf dex Reise, -
die sie ja zu ihrem Vergnügen machen, keine Zeik.

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Wer aber etwas mehr Zeit hat, und wer ein an-
deres Vergnügen von der Reise erwartet, als das mög-
lichst schnelle Durchziehen möglichst weiter Strecken,
dem muß es, wenn er vom Bodensee aufwärts durch
das Glarner Land nach Graubündten geht, sich auf-
fallend darthun, wie mit dem sanften, lieblichen Cha-
rakter der Gegend sich auch die Gestalten und Physiog-
nomien seiner Bewohner ändern, und welch eine Ver-
schiedenheit den blonden Schweizer von St. Gallen,
und Glarus von dem dunkelhaarigen, schlanken und
doch so kraftvollen Schweizer aus Graubünden trennt, ;
über dessen Flecken und Dörfer sich die eisgekrönten
Hochgebirge erheben, und in dessen Felsenthäler einzu-
dringen und sich festzusetzen, einst den Beherrschern der
Welt, den -Mömern, eine so schwere Aufgabe ge-
wesen ist.
Noch steht er da, der hohe viereckige Römerthurm
mit seinen altersgeschwärzten Quadern, der Ueberrest
der alten Vuria lhaetorur, welche einst die kriege-
rischen Rhätier im Zaum halten sollte. Noch nennt
das Volk von Chur, der Hauptstadt des Bündner
Landes, diesen Thurm den Spinöl, die sgins. iv ooulis,
den Dorn im Auge des Volkes, und wie der Zeuge
jener grauen Vorzeit noch von der Höhe auf die Haupt-
stadt des Bündner Landes, auf Chur, hinabschaut, so
ist auch das Blut der alten Rhätier noch nicht in den

Adern des Volkes versiecht, denn noch heute sind die
Bündner ein kriegslustiger und beharrlich ausdauernder
Volksstamm.
Wenn schon die Zeiten lgnge vorüber waren, in
welchen die alten Rhäätiex ihr Land mit wilder Energie
gegen das Eindringen der Römer pextheidigten, und
wenn auch den Raubrittern, welche hier im Mittelalter
eine furchtbare Tyrannei geübt haben müssen, ihr Ge-
werbe längst gelegt, so;schicken doch die alten ße-
schlechter, die Toggenburg, die Buol, die Liechtenstein,
die Salis, die Travers und viele andere,, ihre Söhne
, immer noch in das Ausland, um sie zu Söldnern ir-
gend. einer Gewaltherrschaft zu machen und sie das
heiße Blut in fremder Sache abkühlen zu lassen. Ein
Theil der alten Bündner Familien, der den deutschen
Fürsten gedient hatte, sezte sich inDeutschland fest
und half die deutsche Adelsaristokratie verstärken; ein
anderer Theil aber blieb, im Eande, stieg, Furch, den
Wandel der politischen Ereignisse und , durch die pex-
änderten Lebensbedingungen gezwungen, aus; seinen
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einsamen Burgen, aus seinen Wäldern und von seinen . j
Felsen in die Thäler und in die Städte hinab, um
nach dem Anschluß des Graubündner Landes gn die
Eidgenossenschaft unter den freien Bürgern, der freien -
Schweiz wenigstens äußerlich ein bürgerliches Leben
zu führen.
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glänzenden Brillantring, und in Gesellschaft erschien
er immer in Escarpins mit seidenen Strümpfen und
Schnallenschuhen. Er kleidete sich überhaupt nicht wie
die anderen Männer nach der damals aufgekommenen
bequemen, englischen Mode, sondern so, wie es vorher
in Frankreich Brauch gewesen war. Sie nannten es
damals bei uns in Deutschland d l Werther: im
blauen Frack, in Kniehosen, kurzen Stiefeln und weitem
Hemdkragen, wobei es ihn nicht anfocht, daß er
damit in Gesellschaft und mehr noch auf der
Straße auffiel.
Als einmal bei uns ein Fremder darüber eine
spottende Bemerkung machte, entgegnete ihm mein
Vater: ,Herr Courville sei allerdings in gewissem
Sinne ein Sonderling, ein Original, aber ein so
durchaus ehrenwerther, unterrichteter und vortrefflicher
Mann, daß man ihn in seinen kleinen Grillen ge-
währen lassen müsse. Nun hatte ich es also endlich
ganz heraus: Ein Original war ein vortrefflicher
Mensch, der Grillen hatte, und den man gewähren
lassen mußte. Warum auch nicht?!

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Seine Schuhe und Schnallen und die feierlichen
Escarpins und seidenen Strümpfe thaten ja Keinem
was zu Leide, und er that Allen zu Liebe, was er
nur wußte und konnte.
Je älter ich wurde, um so bessere Freunde wurden
wir, wenngleich meine Vorstellungen von Josias immer
öfter wechselten. In der Zeit, in welcher ich anfing,
die preußische Geschichte zu lernen und die Reihen-
folge der Kurfürsten und Könige mit Selbstbewußt-
sein am Schnürchen herzuzählen, war er mir eine,
Zeitlang zu einer historischen Person geworden, weil
sein Vater eine Domäne des alten Fritz verwaltet,
weil einer von Ziethens Husaren, der Major Graf
Josias v. Dubimin, sein Pathe gewesen war, und
weil der alte Fritz, als er seine Domäne einmal be-
sucht, mit dem kleinen Josias gesprochen und ihm
für sein dreistes Antworten einen Dukaten geschenkt
hatte, den er dann zum Andenken an den großen
König unter den anderen-Berloques an seiner Uhr trug. -
Dann wieder hatte er mich angezogen, weil er
im Gespräch bisweilen schöne Verse anführte,-in

==- ,fs -
welchen von Liebesleid und Liebesfreud, von Tod und
Seligkeit die Rede war.- Man nannte ihn und diese
Verse sentimental. Sie klangen aber gut, ich behielt
sie gut, und da Josias doch einmal ein Original war,
das Grillen haben durfte, so konnte er ja auch die
Grille haben, sentimental zu sein, wenn's ihm gefiel.
Ich hätte nur gern wissen mögen, weßhalb er eben
ein Original geworden sei.
Einmal, als eine größere geladene Gesellschaft
bei uns versammelt war, erschien natürlich auch Josias
in aller seiner Pracht. Bei seinem Eintreten war von
irgend einer neu übersetzten indischen Dichtung die
Rede, von der Seelenwanderung, wie die Inder sie sich
wworwärts und rückwärts bildend gedacht, und mein
Vater bemerkte scherzend, er werde danach wohl an
einen geheimen Zusammenhang zwischen sich und den
Elephanten denken müssen, weil ihm der Reis fast
die liebste Speise sei.
Daß mein schöner, schlanker Vater so Etwas von
sich sagen konnte, das verdroß mich; aber wie ich mir
den Josias darauf ansah, dachte ich, daß der wohl


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von solchem gutmüthigen Riesenthiere stammen könne;
und während das Märchenhafte jener religiösen Vor-
stellung meine Phantasie lebhaft beschäftigte, blieb mein
Auge doch, als hätte ich es nicht allezeit gesehen, an
dem kleinen goldenen Ohrring haften, den Josias in
dem linken Ohre trug, und ich fand das plötzlich
lächerlich. Denn außer an den Schiffsknechten, welche
die Kähne draußen bei uns am Spreeufer vorwärts -
stießen, und an einzelnen Handwerkern hatte ich an
Männern einen Ohrring noch nicht wahrgenommen.
Kaum also entstand eine Pause in der Unter-
haltung, so hielt ich mit der Frage nicht zurück:
, Josias, nimm's nicht übel, Du bist ja doch kein
gemeiner Mann, weßhalb trägst Du denn den Ohr-
ring ?
,Das thut unser guter Josias wohl seiner Augen
wegen!'' bedeutete mich die Mutter an seiner Statt,
,es ist gut gegen Augenschmerzen !'' - und sie glaubte
das vielleicht wirklich.
,Nein, Madame, nein !'' fiel Josias ihr aber in
das Wort. ,WZozu eine Unwahrheit in diesem Falle?-

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Meine Augen sind gesund, mein Kind ! Der Ohr-
ring ist ein Souvenir, eine gsgge ä' ammdur !''
Und wieder befand ich mich vor einem Räthsel! --
Es war, das merkte ich, kein, Fertigwerden mit Josias!
Wie konnte meine Mutter sagen, daß ein Souvenir,
eine gszge ä'srour ein Mittel gegen kranke Augen
sein sollte? Aber in der That hielt man damals das
Tragen eines Ohrringes noch für ein Heilmittel gegen
manche Kopfbeschwerden; ich hatte es nur unter unseren
Bekannten nie gesehen. Und während also mein
Freund mir komisch vorkam mit seinem Auspuh, ge
wann er doch an dem Abend wieder einen Stein bei
mir im Brett. Denn weil es mich bereits verdroß,
wenn man mein allerdings oft ungehöriges Gefrage
mit Ausflüchten und Halbheiten abspeisen wollte, wußte
ich es dem guten Josias doppelt Dank, daß er dies
nicht zugegeben und mir die ehrliche Wahrheit ge-
sagt hatte.
Seine Wahrhaftigkeit hatte ich übrigens auch sonst
schon rühmen hören, wie denn Alle nur Gutes von ihm
sagten. Man nannte ihn einen erprobten Landwirth,

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obschon er kein Gut besaß, sondern das von seinem
Vater ererbte verkauft hatte. Einen tüchtigek Ge-
schäftsmann hießen sie ihn, aber er betrieb kein eigenes
Geschäft. Er lebte als ein reicher Privatmann in
seinem schönen Hause, unfern von dem Predigerhause
der französischen Kolonie, und machte von seinen Zin-
sen einen guten Gebrauch. Er war wohlthätig für
die Armen, verwaltete als Rendant die Armenpflege
der französischen Gemeinde unentgeltlich und übte in
weitem Kreise eine feine, vornehme Gastlichkeit aus.
Er war eben ein ganz vortrefflicher Mann; nur
der Ohrring hatte mir in dem Nebermuth meiner Jus
gend den guten sentimentalen Elephanten nun einmal
komisch gemacht, und den Eindruck wurde ich eine Zeit
hindurch nicht los, wie sehr die Männer ihn auch
achteten, wie gern die Frauen auch mit ihm verkehrten.
Von den Frauen aber verdiente er das allerdings
in höchstem Grade, denn kaum ein Anderer war für
sie so aufmerksam als er; und man lebte damals
doch noch in den Zeiten, in welchen die Männer
um die Gunst der Frauen sich durch Zuvorkom-
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menheit gegen sie und ihre Neigungen und Wünsche
bemühten, während heut zu Tage die Rollen allmälig
gewechselt zu werden scheinen, und es die Männer
sind, welche immer mehr von den ihnen zu gefallen
bestrebten Frauen umworben werden.
Man mußte den Josias an den großen Ehren-
tagen sehen! An dem Geburtsfest meiner Mutter, an
dem Hochzeitstage meiner Eltern oder beim Jahres-
wechsel!-- Der Hausfrau bei sohchem Anlaß nicht mit
einem schönen Strauß aufzuwarten, ihr zum Neu-
jahr nicht einen jener künstlich gemalten Neujahrs-
wünsche zu üüberreichen, der, mehrfach zu ziehen, jedes
Mal eine Neberraschung in galanten Versen und Sinn-
bildern enthüllte, das hätte Josias sich nicht verziehen;
und wie für unsere Mutter, war er aufmerksam auch
für die Frauen seiner anderen Freunde.
Er war dann womöglich mit doppelter Sorgfalt
gekleidet. Sein Taschentuch duftete nach ssu äe mille
keurs, seine Handschuhe waren von leuchtendem
Weiß. Er hielt den Strauß oder den Neujahrswuunsch
so behutsam zwischen den beiden Fingern, als sei es

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eine Ehre für ihn, das Geschenk zu berühren, das
huldigend darzubringen er gekommen war; und die
Art und Weise, in welcher er dann die Hand der von
ihm verehrten Frau an seine Lippen drückte, während
er seine schönen braunen Augen zu ihr erhob, war
ihm auch ausschließlich zu eigen und komisch. - Jetzt
in der Erinnerung kommt mir das alles schön und rüh-
rend vor, wenn es den Jungen auch altmodisch er-
scheinen mag, ich bin ja aber auch schon altmodisch ge-
worden. Und besser als das zutappsige Handschütteln,
mit welchem heut zu Tage die Männer den Frauen, alt
und jung - sie nennen's d larglsäise - so zu sagen
,,auf Du und Du'' begegnen, war die alte Mode
formvoller Huldigung gewiß! Daß der Josias es
dabei vielleicht ein wenig übertrieb, weil er ein Original
war, dafür konnte er ja nicht.
Aber -= noch einmal! weßhalb war er ein Original
geworden?-- Die Frage beschäftigte mich, je mehr
ich heranwuchs, um so mehr, und Niemand gab mir
darauf Antwort.
pggMgggggg

Kapitel 02

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Bweites Kapitel.
Inzwischen gingen die Tage und die Jahre ihren
Lauf. Wir waren in das Jahr achtzehnhundertneun-
undzwanzig gekommen. -=- Ich war aus einem Kinde
ein Mädchen von fast zwanzig Jahren und, wie es
im Geiste jener Zeit lag, auch ein recht schwärmerisches
Mädchen geworden. Kein Gedicht war mir zu über-
schwänglich, kein Roman zu romanhaft. Ich ließ mir
herzlich gern den Hof machen, und obschon ich eine Un-
vermählte geblieben bin, hat es mir an Verehrern und
Bewerbern nicht gefehlt. Ich sah --- ohne Eitelkeit zu
vermelden -- gar nicht übel aus, unsere Familie war
wohl geachtet, und man wußte, daß unser Vater mich
nicht nackt und bloß in die Ehe geben würde. Aber
wie das mit mir gekommen ist, daß ich trotzdem nicht
geheirathet habe, daß ich eben Tante Fränzchen, Mam-
sell Fränzchen und allein geblieben bin, das hat mit
dem Josias nichts zu thun, das steht auf einem an-
deren Brett, und also hier davon nichts weiter.
Dazumal um achtzehnhundertneunundzwanzig -
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ich entsinne mich des Jahres ganz genau, denn der
Vater hatte gerade das Stück Wiesenland gekauft, das
die Fabrik und unseren Garten von der Spree ah-
trennte, damit wir an das Wasser heran konnten, und
hatte gleich zwei schöne Böte für uns angeschafft - dazu-
mal kamen viel Gäste in unser Haus, und es ging
lustig bei uns her. Ich tanzte leidenschaftlich gern;
mir war dann zum Fliegen leicht un's Herz. Ich
weinte jedoch fast noch lieber meine heißen Thränen
. mit allen unglücklich Liebenden in der Poesie und
Wirklichkeit; und da ich im Nebrigen verständig war,
die Eltern sich auf meine Vernunft und Sittlichkeit
verlassen konnten, und schlechte Bücher im Hause nicht
gelitten wurden, so hatte ich freie Wahl für meine
Leselust und durfte meinen empfindsamen Neigungen
ihren freien Lauf lassen.
Ich hatte gute Tage. Die Eltern, die Freunde
liebten und lobten mich, und der Josias wiederholte
es immer,,seine schlanke Franull sei recht ein Mädchen
nach seinem Herzen!?'
Gerade in dem Jahre jedoch war er zum ersten
Fanny Lewald, Josias.

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Male krank gewesen. Er hatte einen Anfall von Poda-
gra gehabt, und es war verabredet, daß er nach seiner
Rückkehr von Teplitz, wohin er zur Kur gegangen, zu
uns in den Garten kommen und den Rest des Sommers
zu seiner Erholung bei uns verbringen sollte. Als dann
endlich am Ende des Juli unser Freund, von uns
Allen ersehnt, von seiner Reise bei uns anlangte, hatten
wir zu gewahren, daß äußerlich eine Wandlung mit
ihm vorgegangen war, durch die er nicht verloren,
sondern eher gewonnen hatte, während er in seinem -
Jnnern ganz derselbe gute Josias geblieben wie vorher.
Der Arzt hatte es ihm nämlich zur Pflicht ge-
macht, seine Kleidung seinen Jahren angemessen zu
ändern; sich, seines Podagras wegen, zu der üblichen
Tracht zu bequemen, weil sie die wärmere sei; und Josias
ging denn nun gekleidet wie alle anderen Männer,
so daß man es nicht- mehr nöthig hatte, beständig
seine Absonderlichkeit gegen solche Leute zu erklären
und zu vertreten, die mit ihm zum ersten Male in
Berührung kamen. War es doch zuletzt auch mir, so
lieb ich ihn hatte, nicht mehr angenehm gewesen, mit

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ihm durch die Straßen zu gehen, weil die Menschen ihn
so verwundert betrachteten, die Kinder, mit den Fingern
auf ihn weisend, vor ihm stehen blieben, und wenn er
es auch vielleicht sich selber nicht recht eingestand --
Gott verzeihe mir's, falls ich ihm Unrecht damit thue -
ich glaube, es war ihm am Ende gar nicht unlieb,
daß er in die große Masse versinken mußte. Man
kann ja unter einem Kreuz, das man mit Begeisterung
auf sich genommen hat, doch allmälig müde werden.
Daneben sah der Josias, der nun an das Ende
seiner Fünfziger angelangt war, im langen Neberrock,
mit langem Beinkleid und mit den feinen, schönen
Klappenstiefeln, bei seiner Gestalt weit besser als vor-
dem aus. Jedweder mußte es jetzt sagen, daß er noch
ein schöner Mann sei, und er hätte nicht eben ein
schöner Mann sein müssen, hätte er an dem Wohl-
gefallen, das er erregte, nicht eine gewisse Freude
haben sollen.
Es war von dem Augenblicke gb, da er zu uns
hinausgezogen war, von der Mutter festgestellt, daß
ich im Besonderen für ihn sorgen solle. Ich hatte
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=-- Zls -
mich deßhalb mit seiner Haushälterin in Verbindung
gesetzt, damit ihm Alles bereitet werden konnte, wie er
es bei sich gewohnt war, und es verstand sich also
auch von selber, daß ich zu Hause blieb, ihm Gesell-
schaft zu leisten, als die Eltern an einem Sonntag nach
Charlottenburg gefahren waren, der Einladung einer
befreundeten Familie zu einem Mittagbrod zu folgen.
Als ich dann mit meinem Gast und mit den Ge-
schwistern unser Mahl eingenommen, für Josias den
Kaffee gemacht und er sich in sein Zimmer zurückge-
zogen hatte, ging ich hinunter nach dem mit Geis-
blatt umrankten Gartenhäuschen, das der Vater eben
dicht am Wasser hatte errichten lassen, und das, wie
die Mode es mit sich brachte, schön mit chinesischen
Tapeten ausgeschlagen war.
Indeß ich sah weder die schlitzäugigen Schönen,
noch die langzöpfigen Mandarinen, die mit ihnen in
Reih und Glied unter den fremdartigen Blumenbüschen
saßen. Was gingen die mich an?
Ich hatte mir aus der Eltern Bücherschrank den
heiß geliebten Werther wieder einmal hervor geholt,

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-=- Zh-
und die Hoffnung schwellte mir das Herz, mich den
ganzen, langen Nachmittag, so tief ich wollte, in die
Poesie von Werthers Leiden hinein versenken, seine
letzten Worte lesen, sein Geschick beweinen und neben-
her Lotte verdammen zu können, die solcher Liebe gar
nicht werth gewesen war. - Und alt, wie ich heut zu
Tage bin, fühle ich es auch jetzt noch nicht viel an-
ders!-- Gott! hätte mich einer in meinen jungen
Tagen so geliebt, Vater und Mutter und Heimath
und Geschwister und meinen guten Namen hätte ich
geopfert! nicht nur einen Bräutigam, der nichts weiter
war, als ein ordentlicher Mensch, als einer von den
Bräutigams, mit denen man sich verheirathet, wenn
es gerade so paßt und man nichts Besseres zu thun hat.
Ich hatte denn auch, ich weiß nicht zum wie vielten
Male, das Ende des Romans gelesen, hatte in voller
Andacht und Zärtlichkeit die Hände über dem Buch ge-
faltet und sah in den Abend hinaus, der sich still über
die Wiesen und das Wasser und weit hinaus über die
jenseitigen Fluren zu verbreiten begann, als Josias,
vom Hause kommend, in das Gartenhäuschen eintrat.
.kUan

-- Z!--
,Nun,'' rief er mich an, ,was hast Du den Nach-
mittag gethan, mein Schatz?'
,Ich habe gelesen!'' entgegnete ich, das Buch zur
Seite legend.
, Und was?' fragte er, indem er es zur Hand nahm.
Als er dann den Titel gesehen, blickte er mich an und
sprach:,Wirst Du denn gar nicht damit fertig?--
Der Ton des Spottes, mit welchem er das sagte,
fiel mir auf; denn ich wußte, wie sehr er Goethe be-
wunderte, und wie er selber sich oft genug Rath und
Erhebung aus ihm holte; aber er ließ mir zum Fra-
gen keine Zeit.
,Es springt keiner, wie die Minerva, gleich fix und
fertig aus dem Haupte Jupiters. Jeder begeht seine
Jugendsßnden, und wohl ihm, wenn er allein und
nicht andere sie zu büßen haben !'' sagte er.,So ist
denn auch der Werther eine von Goethes schweren
Juugendsünden!'' Darauf hielt er einen Augenblick
inne und setzte dann hinzu: ,Aber werde Du mir
nicht schwachherzig oder gar empfindsam! - Weil. Du
ein so frisches, ehrliches Kind gewesen bist, habe ich Dich

?
- ZZ --
lieb gehabt vor allen Anderen! Empfindsam darfst
Du mir nicht werden, denn Empfindsamkeit ist eine
Schwäche, die ungerecht macht gegen die Starken; und
vollends Thränen weinen, um--
, Um ein unglücklich liebendes Herz soll man nicht
weinen?' fiel ich ihm in die Rede, meinem Ohr nicht
trauend.
,Man soll nicht weinen über einen Deserteur !''
entgegnete er bestimmt, mir das Wort abschneidend.
Ich sah ihn an, als stände ein Fremder vor mir;
aber gutmüthig, wie er's ja immer war, mochte er
fühlen, daß er mich erschreckt, mir wehe gethan, und
mit milderem Ton sette er hinzu: ,Wer selbstsüchtig
nur an sich denkt, wer flüchtet vor dem Feind, dem
Schmerz, der vor ihm steht, statt ihm die Stirn zu
bieten und sich, wenn auch schwer verwundet, zu be-
haupten in Reih und Glied mit denen, zu denen er
gehört und die zu ihm gehören, der ist ein Feigling
und ein Deserteur! Nichts mehr, nichts weniger! Er
salvirt sich und fragt nicht nach den Anderen! Er
wirft sein Leben, das er nutzen sollte, ehrlos von sich
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F

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und fragt nicht danach, wie schwer er das Leben der
Anderen belastet, die besser sind und muthiger als er.
Leben kann in manchem Augenblick schwerer sein als
sterben. Glaube das !''
Ich kannte ihn nicht wieder, ich kannte mich selbst
nicht wieder! Es war mir, als wäre ich zehn Jahre
älter geworden, als habe er mich empor gehoben, um
mich ihm näher zu bringen; und diese Stunde be-
nutzend, faßte ich mir ein Herz.
,Josias,'' sagte ich, ,Du bist boch selbst empfind-
sam! Du trägst noch heute das Souvenir am Ohr,
das mir als Kind schon zu denken gegeben.- Du
hast, ich bin des sicher-- Du hast geliebt - hast
unglücklich geliebt.'
,Du irrst Dich nicht!'' sprach er, und seine schöne
wohlklingende Stimme wurde wieder mild. ,Du
irrst Dich nicht! Ich habe eine leidenschaftliche, un-
glückliche, wenn schon erwiderte Liebe gehabt - aber
wenn sie auch entschieden hat über mein ganzes Leben
--- ich habe kein fremdes Glück zerstört. Ich habe es
nicht von mir geworfen das Leben, so weh es mir


»E
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gethan; ich habe getrachtet, daraus für Andere zu
machen, was ich konnte, und - ich bin der Liebe treu
geblieben, die dereinst in flüchtiger Stunde mein gan-
zes Glück gemacht.'
Und wieder hielt er inne, und ich hatte mich zu
sammeln.-- Wie wenig hatte ich ihn gekannt den
Mann, unter dessen Augen ich gelebt seit meinem ersten
Athemzuge. Und kannten ihn die Anderen mehr?
Wußten mein Vater, meine Mutter mehr von ihm, als
die Anderen alle und als ich?
Sein halbes Bekennen hatte mir Muth gegeben.
,Und sie lebt, die Du geliebt hast? fragte ich.
,I. sie lebt!?'
,Und sie ist glücklich??
,Sie lebt an ihres Gatten Seite, im Kreise ihrer
? Kinder, geliebt und hoch geehrt.?
,Aber Du?
,Die wahre Liebe denkt nicht an sich! - Mein
Herz ist zeitig still geworden - mein Gewissen auch!
und ich bin nicht verlassen. Ihr Alle liebt mich ja.?
,Alle, Alle!'' rief ich, ,und von Herzen! Aber

- Zß -
wenn Du mich liebst, mich, die Du Franull genannt,
weil Deine Geliebte so geheißen - sage mir, wer
war sie, wo hat sie gelebt, und warum hast Du sie
nicht erwerben, nicht zur Frau gewinnen können?
Er strich mir mit seiner feinen Hand über das
Haar, sah dann nach Westen, nach dem Sonnenunter-
gang hin. Die Sonne stand noch hoch am Himmel.
Vom Thurm der Klosterkirche schlug es sieben Uhr,
ihr Glockenspiel tönte freundlich zu uns herüber.
, Wir haben noch mehr als drei Stunden vor
uns, ehe die Eltern von Charlottenburg zurückkehren
werden,'' sagte er, ,und die Erzählung dessen, was
Deine Zuneigung zu mir Dich hören zu machen wünscht,
ist bald geschehen. Es hat sie noch kein Ohr ver-
nommen. Dir soll sie vertraut sein, eben weil Du
jung bist. So lange Du leben wirst, werden wir fort-
leben in Deinem Gedächtniß, Franull und ich. Es
ist ein Stückchen irdischer Unsterblichkeit, das ich mir
und unserer Liebe sichere. - Komm, setz Dich her zu
mir, wo das Licht nicht blendet; und nun höre zu.''

Kapitel 03

:
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Drittes Kapitel.
- =?- -1? ue E
Du weißt, hnb er an, daß wir Courvilles
aus dem Bievrethal stammen, wo unser Vorfahr
Elaude Frangois Courville auf schönem Grundbesitze
lebte. Ohne von Adel zu sein, war unsere Familie
angesehen; die Herren vom Hofe hatten, wenn die
königlichen Jagden sich bis in unsere Gegend erstreckten,
zum Defteren einen kurzen Halt vor dem stattlichen,
schloßartigen Hause gemacht und sich es gefallen lassen,
wenn ihnen in dem trefflichen Wein und den köstlichen
Früchten, die unsere Weinberge und Gärten erzeugten,
eine Erfrischung dargeboten wurde. Die Courvilles
waren glückliche Leute gewesen auf ihrem Grund und
Boden. Sie hatten auch in der Kaufmannschaft, in
der Robe und in der Verwaltung ihre nahen Ver-
wandten gehabt, aber die ganze Familie hatte sich
dem Katholicismus abgewendet; und eines schönen
Tages hatte man die Hugenotten vertrieben, hatte es
ein Ende gehabt mit all dem Frieden und mit all der
Herrlichkeit auch in Beauchamp.

-- Z -
Seiner Umsicht und einem Zusammentreffen günsti-
ger Umstände hatte unser Stammvater es zu danken,
daß er ein immerhin beträchtliches Vermögen retten
können; und nachdem er in Preußen die neue Hei-
math gefunden, und die Verhältnisse des Landes ken-
nen lernen, hatte er, in Frankreich an die Nähe einer
großen Stadt, an die Nähe von Paris gewöhnt, sich
fünf Meilen von Berlin in der Mark angekauft.
Die adelige Familie, welcher das Schloß Eichhausen
gehört, hatte durch eine neue reiche Erbschaft im
Bayreuthischen sich veranlaßt gefunden, den alten
Besitz um des neuen willen aufzugeben, und mein
Vater hatte im Andenken an Beauchamp sein Schloß
,Schönfelde'' getauft. In Schbnfelde sind die Cour-
villes von Vater auf den Sohn ansässig geblieben,
und unter ihrer aus Frankreich mitgebrachten Kennt-
niß der verbesserten Landwirthschaft hatte sich Schön-
felde zu einer Art von Musterwirthschaft herausge-
bildet, in welcher namentlich die Pflege des Obstes
und die großen Anpflanzungen von Maulbeerbäumen
die Aufmerksamkeit erregten. als man ein Jahrhun-

== Zß =-
dert später von Seiten der preußischen Regierung die
Seidenerzeugung im Lande einzuführen und zu fördern
beabsichtigte.
Als mein Vater das Gut von seinem Vater nach
Beendigung des siebenjährigen Krieges überkam,' hatten
wir gen Osten hin die Königliche Domäne Benwit,
gen Westen hin Schloß Dombow zu Nachbarn, welch
letzteres einem Grafen Dubimin, einem Major von
den Zieten'schen Husaren gehörte, der es aber bis dahin
selten bewohnt, weil der Dienst ihn fern hielt, und
weil die schöne Gräfin, die er sich zugelegt, als er
ein Mann in den dreißiger Jahren gewesen, die Freuden
des Hoflebens nicht entbehren mochte.
Mit einem Male jedoch erschien der Graf mitten
im Winter des Jahres siebzehnhundertfünfundsechzig -
plötzlich in Dambow. Seine Wagen, seine Pferde,
sein alter Wachtmeister langten mit ihm an. Es
wurde Alles auf sein Verweilen eingerichtet; nur
die Gräfin kam nicht mit, und nicht der Sohn,
den sie anderthalb Jahre vorher in ihrer bis dahin
kinderlosen Ehe geboren hatte, und über dsn da-
,

==- Zl
mals, als die Nachricht von Berlin gekommen, in
Dambow unter des Grafen Leuten große Freude ges
wesen war.
Sonst war der Graf, wenn er einmal während
der Kriegsjahre für kurze Zeit einen Urlaub erhalten,
als ein leidenschaftlicher Jäger und lebenslustiger Herr
immer gleich von großer Gesellschaft umgeben gewesen.
Es war dann hoch hergegangen. Der ganze Adel
von den Nachhargütern war geladen worden, die Jagd-
frühstücke, die Mittagbrode, die Abendfeste hatten ein-
ander abgelöst. Von früh bis in die späte Nacht
war es ein glänzendes Leben gewesen; dies Mal blieb
Alles still. Der Förster fragte vergebens nach des
Herrn Befehlen. Der Graf gab kaum Acht auf die
Berichte über den Wildstand, er rührte keine Flinte an.
Man wußte nicht, was man davon zu denken hatte.
Aus dem Wachtmeister war Nichts herauszubringen, und
die Bedienten ließen sich auch nicht viel vernehmen
über das, was den Grafen so verwandelt hatte. Und
trotdem wußte man es doch bald, daß er seinen Ab-
schied genommen, daß er seine Frau und seinen Sohn

== Z! --
verstoßen habe. Erklären konnte man sich das nicht,
bis sechs, acht Wochen später der Verwalter von der
Königlichen Domaine, der in Berlin gewesen war, die
Nachricht mitbrachte, daß der Graf ein Duell gehabt
habe. Sein Gegner, ein Sekretär der französischen
Gesandtschaft, ein Vicomte von Solanges, sei an der
erhaltenen Wunde gestorben. Die Gräfin Dubimin
sei mit ihrem Sohn erst zu ihren Eltern, dann aber
nach Frankreich in die Bretagne gegangen, da der
Vicomte vor seinem Tode ihr und ihrem Sohn seinen
ganzen liegenden Besitz und sein Vermögen verschrieben.
Der Graf habe die Trennung seiner Ehe eingeleitet
und dabei darauf angetragen, daß der Gräfin und
ihrem Sohn die Führung seines Namens verboten
würde.
Was daneben noch weiter über die Gräfin und
die näheren Umstände dieses Ehescheidungsprozesses
verlautete, war traurig genug für den Grafen und
zum Wiederholen nicht gemacht. Es konnte sich damals
aus den Andeutungen Jeder seinen Vers machen, und
machte sich ihn auch.

-- ZZ --
Wer irgend den Grafen näher kannte, der be-
klagte ihn. Er war ein tapferer Soldat gewesen,
hatte sich Ehre und Ruhm erworben durch seinen Muth,
durch seine bis zur Tollkühnheit gehende Verwegenheit,
und er hatte eben deßhalb bei dem König, der solche
rasche Entschlossenheit, der die Husarenstreiche liebte,
in großer Gunst gestanden. - Eben dieser Gunst und
der Rücksicht auf die französische Gesandtschaft schrieb
man es also zu, daß das Duell und die ganze traurige
Scheidungsangelegenheit möglichst in der Stille abge-
handelt und dem Grafen die lange Festungsstrafe in
eine kurze Haft verwandelt worden war, nach welcher
er seinen Abschied gefordert und sich auf sein Gut
zurückgezogen hatte.
Neberall gab man ihm Recht. Man sagte, er
habe gehandelt, wie er mußte, und nun sei, eben Alles
in Ordnung. Er jedoch vermochte die schwere Kränkung
seiner Ehre und seine verrathene Liebe nicht zu ver-
winden. Aus dem lebensfrohen Offizier war ein
finsterer Mann, man sagte ein Menschenfeind geworden.
Er besuchte Niemand; und wenn man ihm Sonntags

rf. z.
aa
-=- ZZ =-
in der Kirche begegnete, sah man's ihm an, wie ver-
sunken er in sich war, und daß er an seinen alten
Bekannten und an Nichts mehr Antheil nahm, obschon
er in allem Geschäftlichen seine Schuldigkeit that, und
seinen Leuten nach wie vor ein gnädiger, guter Herr
geblieben war. Nur mit meinem Vater hielt er noch
einigen Verkehr, das stammte aus ihrer Kinderzeit.
So mochten drei Jahre verstrichen sein, als der
König einmal in unsere Gegend kam; und als wolle
er seinem früheren Major und Günstling öffentlich -
eine Ehrenerklärung geben, ließ er ihm die Nachricht
zuugehen, daß er bei ihm vorzusprechen denke, wenn er
die Domäne Banwitz besucht haben werde, die ein
gewisser Kräutner seit langen Jahren bewirthschaftete,
und schlecht bewirthschaftete. Es war um die Zeit-
überhaupt die Rede davon gewesen, daß der König
die bisherige Verwaltung seiner Güter nicht zweckent-
sprechend finde, daß eine andere Einrichtung mit den
Domänen gemacht werden solle.
Die Nachricht, daß der König den Grafen mit
seinem Besuche beehren werde, brachte mit einem Male
Fanny Lewald, Josias.
L

=- Ze -
Leben in das stille Schloß. Es wurden Reitknechte nach
rechts und links gesendet, der Koch und die Diener-
schaft hatten sich zu rühren, und auch unser Gärtner
wurde in Anspruch genommen, in aller Eile die Ehren-
pforten errichten zu helfen, mit denen der König
empfangen werden sollte. Wer es konnte, war im
Lande auf den Beinen,' den König zu sehen, den man
schon damals den ,großen König'' nannte, und es hatte
sich viel Volk gesammelt, als er vor Schloß Dambow
vorfuhr, wo der Graf, zum exsten Male wieder in
voller Uniform, seinen Herrn an seines Gartens Thor
empfing.
Es war dem Grafen die Weisung ertheilt worden,
daß keine weiteren Gäste einzuladen wären, und nach-
dem der König den Grafen huldvoll begrüßt und
seine Dankbezeugung gnädig aufgenommen, hatte man
sich zu dem vorbereiteten Gabelfrühstück niedergesetzt.
Vorher hatte jedoch der Generaladjutant dem Grafen
mit flüchtigem Worte zu verstehen gegeben, daß der
König nicht sonderlich aufgelegt sei, weil er mit der
Verwaltung der Domäne und dem Kräutner unzus

=- ZJ--
frieden gewesen wäre. Kaum aber hatte der Adjutant
das gesagt, als der König sich erkundigt, wem das
Nachbargut Schönfelde gehöre, da seinem Adlerauge
trotz des raschen Vorüberfahrens die vielen, reiche Frucht
versprechenden Obstspaliere und die Alleen der kräftig
emporgewachsenen Maulbeerbäume bei uns aufgefallen
waren.
Der Graf hatte darauf dem Könige meinen Vater
genannt, hatte berichtet, was der König sonst noch zu
wissen gewünscht, und sofort war auch ein Reitknecht
nach Schönfelde gesendet worden, weil der König, der
auf die Refugiss viel hielt, meinen Vater zu sprechen
verlangt. Der Graf war meinem Vater, als man
ihn in Dambow gemeldet, entgegengegangen, hatte
ihn im Voraus benachrichtigt, um was es sich wahr-
scheinlich handeln würde, hinzusetzend, daß der König
Nerger in Banwitz gehabt und daß der Vater sich
danach zu achten habe.
Wie der Vater darauf vor dem Könige erschien -
und mein Vater war ein stattlicher Mann, der sich
vornehm ausnahm in der schönen Tracht von damals -

-
==- Ihs -
wie mein Vater also ehrfurchtsvoll und wüürdig vor
seinem Könige stand, sagte dieser: ,EEr stammt von
den Refugiss, wie ich von dem Grafen vernommen,
und ich lobe seine Obst- und seine Maulbeerzucht. So
wie sie bei ihm ist, will ich sie eingeführt haben; aber
der Kräutner versteht sein Metier nicht und nicht
meine Intention. Er hat Banwitz verwirthschaftet
und muß fort. Verkaufe Er mir Schönfelde. Ich
schlage es zur Domäne, und Er soll mir beide Güter
bewirthschaften nach der Weise, wie Er sein Schön-
felde in Kultur gebracht hat.?
Josias machte eine kleine Pause. -,Du kannst
Dir wohl denken,'' nahm er darauf wieder das Wort,
,daß es kein leichtes Stück war, ein Mein' zu sagen,
wenn der große Friedrich seine scharfen, blauen Augen,
eine andere Antwort erwartend, auf einen seiner Unter-
thanen gerichtet hielt. Indeß der Vater hing an
seinem, an dem Familiengute. Das Gut, in das
durch nahezu ein Jahrhundert beträchtliches Kapital
hineingesteckt worden war, konnte auch nicht billig
fortgegeben werden, und daß der König ein knapper

r
-- Z? --
Zahler war und sein muußte, das war Jedermann
bekannt, das lag in den Verhältnissen. Allein da der
Vater ein großer Verehrer des Königs war, da er
auch den schönen Zug fühlte, einem Hohenzollern, so
weit es in seiner geringen Macht stand, sich dankbar
zu erweisen für den Schutz, welchen unsere Vorfahren
unter dem Scepter der Hohenzollern in Preußen ge-
funden, so sagte er, als der gewandte und rasch -
entschlossene Mann, der er gewesen ist alle Zeit:
,Majestät werden es gut zu heißen geruhen, daß ein
Refugis an seinem Grund und Boden, den er unter
dem preußischen Adler erworben hat, mit derselben
festen Treue hält, wie an seinem neuen Vaterlände
und an dessen ruhmreichem Könige und Herrn! Aber -
wenn Dero Majestät Zutrauen zu mir fassen könnten
und Dero Unterthan eine große Gnade erweisen
wollten, so getraute ich mir, da Schönfelde im Stande
ist und mir freie Zeit läßt, die Domäne, wenn Herr
Kräutner bleibt, zu beaufsichtigen oder zu bewirth-
schaften, wie Dero Majestät es zu befehlen geruhen,
ohue daß ich - Schönfelde deshalb auufgeben müßte.

==- ZZ -
Denn ich möchte es vererben auf den Sohn, auf das
erste Kind, das mir in dieser Nacht geboren ist, wie-
meine Vorfahren es vererbt, vom Vater auf den
Sohn,'
Mein Vater merkte an den Mienen der Anwesen-
den, daß sie von Seiner Majestät etwas Ungnädiges
zu vernehmen erwarteten; sie hatten sich aber geirrt.
Der König war zu gerecht, um einem Manne ein
gerechtes Verlangen als Verbrechen anzurechnen. Er
sah meinen Vater scharf an, dann sagte er: ,Wenn
Er nicht lassen will von seiner Scholle, behalt! Er sie.
Ich will's mit ihm probiren! Der Kräutner soll
Ordre bekommen, sich ihm zu unterstellen. Seh' Er,
ob's mit ihm geht. Parirt er nicht, meld' Er's der
Kanzlei, dann geht er. Aber nehm' Er's mit Banwitz
gleich in Angriff! Sein Schade soll's nicht sein, wenn
Er seinen König contentirt. Also aufs nächste Jahr,
Monsieur Courville! Ich werde nachsehen lassen, wo
Er halten wird !'
Damit reichte er meinem Vater die Hand, der
sie ihm mit stolzer Freude küßte; und als dann der



- Zß =-
=e lP SeAF
König gleich darauf das Schloß verließ, nickte er dem
- Vater noch einmal gnädig mit dem Kopfe, bevor der
Wagen dem Auge entschwand.
Der Graf lud den Vater darauf ein, mit ihm
in das Schloß zurückzukehren, um bei einem Glase
Wein zu besprechen, wann der betreffende Befehl an
Kräutner eintreffen könne, und wie es rathsam sei,
bis dahin von der Angelegenheit zu schweigen. Dabei
gab ein Wort das andere. - Des Grafen Herz war
aufgeschlossener als seit langen Jahrey- ggDie Gnade
des Königs hatte ihn neu belebt, und weil er sich
befreiten Sinnes fühlte, mochte er auch Freude be-
reiten, wollte er dem einstigen Spielkameraden, dem
Gutsnachbar, dem der König eben die Huld erwiesen,
seine freien Dienste anzunehmen, auch eine Ehre an-
thun, denn der Vater war nun in des Grafen Augen
noch mehr gestiegen und noch ein ganz Anderer ge-
worden als bisher.
Er fragte den Vater theilnehmend nach dem Be-
finden der Wöchnerin und settte hinzu: ,Da Ihnen,
lieber Courville, gerade an dem Tage, den wir Beide

=- Fß -
in unsere Annalen einzutragen haben werden, ein
Sohn geboren worden, so nehmen Sie mich, als
Jugendbekannten, zu seinem Pathen an, und da ich
Ihr nächster Nachbar bin, werde ich das Vergnügen
haben, ihn unter meinen Augen heranwachsen zu sehen.
Ein Einsamer muß sich an fremdem Glück erfreuen
lernen !'
Mein Vater erkannte natürlich diese Ehre dank-
barst an, und weil des Grafen Stimme und Rede
weicher und herzlicher geklungen, als er sie je ver-'
nommen, sagte er, er hoffe, der Graf werde nicht
immer einsam bleiben, und auch ihm und seinem Hause
werde noch Glück erblühen, und der Erbe ihm nicht
fehlen zu seiner Zeit.
Der Graf schüttelte verneinend das Haupt. ,Was
hin ist, ist dahin!'' sprach er.,Der Baum, den ein
Blitzstrahl getroffen, mit dem ist's vorbei, der trägt
keine Frucht mehr !''
,Sie irren, Herr Graf, es kommt nur auf die
Kraft des Stammes an,'' wendete ihm der Vater ein.
,Wenn ich die Ehre haben werde, Sie in Schönfelde

===- g, --
zu sehen, zeige ich Ihnen einen Baum, den der Blitz
vor Jahren seiner mächtigsten Aeste beraubt; und er
hat neue Aeste getrieben, und verspricht noch auf weit
hinaus Bestehen und gute Frucht.? Der Graf nahm
das wie eine gewöhnliche Bemerkung hin. Nur ein
flüchtiges Lächeln glitt über sein gefurchtes, düsteres
Antlitz und es war weiter die Rede nicht davon.
Vierzehn Tage danach ward ich in der Kirche der
Domäne, in welcher wir und die von Dambow ein-
geßfarrt waren, auf den Namen Friedrich Claudius
Josias getauft, und mit dem letzten Namen gerufen,
welcher der des Grafen war; mit dem Namen, über
den Du Dich so sehr gewundert hast, als Du noch ein
kleines unnützes Ding gewesen bist.?
Und wieder unterbrach sich Josias, seiner ge-
mächlichen Weise getreu, in seiner Erzählung. - Die
Sonne war untergegangen, die Luft war klar und hell;
- von dem Wasser und von den jenseitigen Wiesen stieg
es, wie ein kaum merklicher, leichter Nebel auf. All
mälig begann er silbern zu schimmern und sich zu
färben, denn der Mond tauchte am östlichen Horizont

== IZ -
auf. Josias blickte eine ganze Weile in das sanfte
Wallen und Weben des Nebels hinein.
,Sieh,- sprach er, ,wie das nahende Licht die
ganze weite Fläche und den Himmel verklärt mit seinem
Zauber. Ist es doch, als löste er die harten Umrisse
in Duft, als höbe er das Gesetz der Schwere auf!
Wie macht diese Herrlichkeit es uns empfinden, daß
wir eingeboren sind in die Schönheit der Natur, daß
wir zu ihr gehören, ein Theil von ihr sind! Wie
fühlt man sie aufwallen im Herzen, die Anbetung
dessen, der uns diese schöne Welt geschaffen hat! -
Und über ein Kleines, ein paar Stunden noch, wenn
des Mondes Helle unserem Auge entschwunden sein,
wenn das Dunkel uns umhüllen wird, so wird trotz-
dem das Licht, das jetzt von ihm in' unsere Seelen
gefallen, fortleuchten in uns in aller seiner Schönheit,
in unverlierbarer Erinnerung -- fortleben und leuchten
wie die wahre Liebe, die auch ein Gottgegebenes und
also auch ein Unverlierbares, ein Ewiges ist, obschon
sie uns nicht wiederkehrt, wie des Mondes holdes Licht.?
Ich habe diese Worte des guten Josias und dieser

=- PF-
Stunde nie vergessen. Ich trage sie im Gedächtniß,
als hätte ich sie eben durchlebt. Mir war es zu Muth
wie in der Kirche, so fromm, so still, so hingegeben,
da ich Josias mit solchem Vertrauen aus seinem
tiefsten Herzen zu mir reden hörte. - Er jedoch raffte
sich plötzlich aus seinen Betrachtungen empor, und
seine freundlichen Augen zu mir wendend, sprach er,
seine Erzählung in seinem gewohnten Tone wieder
aufnehmend: ,Wßas ich Dir bis jetzt berichtet, habe ich
natürlich nur vom Hörensagen; nun aber kann und
muß ich von mir selber und von meinem eignen Er-
lebten reden, und mein Erinnern reicht ein gut Ende
zurück.
Bis ich in mein siebentes Jahr gekommen bin,
flossen meine Tage vorüber, wie sie einem einzigen
Kinde in begüterter Familie auf dem Lande eben hin-
gehen, und eines besonders lebhaften Eindruckes weiß
ich mich nicht zu erinnern aus meiner ersten Kindheit.
Ich war von je, wie Figura noch heute zeigt, ein
großer, starker Bursche gewesen, hatte mit sechs Jahren
an dem Doktor Hartusius einen rechtschaffenen, ges

==- ee -=-
bildeten Erzieher bekommen, von dem ich mit Ver-
gnüügen lernte, weil mir das nicht schwer fiel. Zun
meinem achten Geburtstage hatte mein Herr Pathe,
der Graf, der zum Defteren nach mir sah, und dem
ich sonntäglich in der Kirche die Hand zu küssen hatte,
mir ein eigenes Pferd geschenkt, und bei dem wachs
senden Wohlstand meiner Eltern, bei ihrer Zärtlichkeit
für mich, lebte ich als ein seelenvergnüügter Junge in
dem Sonnenschein ihrer Liebe und des Glücks.
Der Vater hatte dem Könige leisten können, was zu
thun er sich erboten, er hatte eine Oberaufsicht in
Banwi geführt, obschon der bisherige Verwalter ihm
diese Aufgabe nicht leicht gemacht. Er hatte Obstbäume,
Maulbeerbäume pflanzen lassen, Felder- und Wiesen-
stand durch bessere Düngung und Wasserableitung in
ihrem Ertrag gehoben, und inzwischen hatten die Maß-
nahmen in der Verwaltung der Domänen sich geändert.
Man hatte die Erfahrung immer mehr bestätigt
gefunden, daß Nichts dabei herauskam, wenn der Staat
die königlichen Güter selbst bewirthschaftete, hatte also
beschlossen, sie in Pacht zu geben, wobei dann den


==- HJ -
Pächtern die polizeiliche Macht, die Steuererhebung
und Gerichtsbarkeit derselben mit dem Titel königliche
Rentmeister zuerkannt, und sie also in gewissem Sinne -
den königlichen Beamten und den adligen Gutsbesitzern
gleichgestellt wurden.- Daß man meinem Vater
den Antrag machte, die Domäne zu pachten, verstand
, -
sich fast ebenso von selbst, als daß mein Vater ihn
annahm, besonders da der König ihm gleichzeitig als
Zeichen seiner bisherigen Zufriedenheit einen Orden
verliehen; und ohne daß darüber gesprochen wurde,
hatte sich in der Familie und in der Gegend die
Meinung festgestellt, daß auch ich, wenn ich einmal
so weit sein würde, die Domäne übernehmen, daß
die Hohenzollern und die Courvilles zusammen, bleiben
würden - wobei dann immer in Erwähnung gebracht
wurde, daß ich, als ein reicher junger Mann, die
Welt sehen und ein Leben haben würde, wie ein
solcher junger Mann sich's wünscht. - Durch meiner
Mutter Sinn strich daneben wohl auch der Gedanke
an Adelung durch des Königs Gnade, an eine vor-
nehme Heirath für mich in Folge der Adelung; und

= ls; =-
die Idee war im Grunde keine vermessene.- So
jung ich war, so verstand ich, da ich immer unter Er-
wachsenen lebte, das Alles ebenso gut, wie ein Kron-
prinz es früh verstehen lernt, daß er für den Thron
geboren ist. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt!
- Die Eltern sind nicht alt geworden, es ist nicht
gekommen, wie sie es erwartet.
Um die Zeit nun, von welcher ich eben jett ges
redet, ging ich einmal mit Herrn Hartusius auf dem
Wege nach Dambow spazieren. Er war ein feiner
Mann, denn auf feine Manieren hielt man damals
mehr als heut zu Tage. Er hatte in Pvredun bei
Pestalozzi seine Schule gemacht, in Leipzig und Weimar
eine Weile unter den dortigen Schöngeistern gelebt,
und war von Gellert an Professor Ramler nach Berlin
empfohlen worden. Durch diesen war er in unser
Haus gekommen, sehr zur Befriedigung meiner Mutter,
die eine poetische Seele hatte. Er machte sehr hübsche
Verse, machte auch alle die Gedichte, welche ich bei
feierlichen Anlässen zu Hause und zum Neujahr für
meinen Herrn Pathen abzuschreiben und herzusagen

=- 1F =-
hatte, und meine beiden Eltern besaßen in dem philo-
logisch und ästhetisch gebildeten Mann einen sehr
angenehmen Hausgenossen und verläßlichen Freund.
Ihm verdanke ich meine eigene Freude an der Poesie
und meine frühe Bekanntschaft mit unserer schönen
Literatur.
An dem Abende also waren wir noch nicht lange
auf dem sonst stillen und einsamen Wege einherge-
schritten, als wir uns vor einem Haufen von Leuten
befanden, die sich zwischen den beiden letzten Wagen
der Dambower Gerstenernte, laut durcheinander
sprechend und wirr durcheinander schreiend hin und
her bewegten.
Die Binderinnen waren von den Wagen her-
unter, die Knechte von den Pferden gesprungen; es
waren Leute aus dem Dorf dazu gekommen, zu sehen,
was da vor sich gehe, und wie wir dann auch in
gleicher Absicht herangetreten waren, hatten wir keine
Mühe zu erkennen, um was es sich dort handelt.
Wir sahen einen großen Kerl vor uns, dem ein
Affe auf der Schulter saß, während er einen Bären

== 1F --
an doppelter Kette neben sich hatte. Hinter ihm hielt
ein starker, noch junger Mensch ein altes, kraushaariges
Pferd, einen rechten struppigen Pollaken, der schwer
und hoch mit allerlei Stangenwerk und sonstigem Kram
beladen war. Ein kleines, verhutzeltes Weib trug einen
zweiten, kleineren Affenin einem Korbe auf dem Rücken,
und sie und ein schönes, etwa siebzehnjähriges Mädchen
mit rabenschwarzem Haar und großen schwarzen Augen,
aus denen sie finster vor sich hinstierte, hatten jede
einen Pudel an der Leine. - Es war fahrendes Volk,
wie es, bald nach dem Kriege, sich oft im Lande herum-
getrieben hatte. Jezt in den Friedenszeiten sah man
es selten, und der Schulze und der herbeigerufene
Gendarm wiesen mit lauter Abwehr die Bitte des
Mannes zurück, der in Dambow nächtigen und am
anderen Tage dort vor allem Volk seine Künste machen
wollte. Das Hin- und Herreden, das Hinzukommen
von immer mehr Leuten hatte die Hunde unruhig
gemacht, die laut bellend gegen die Menschen an-
sprangen. Der Bär brummte dazwischen; der fremde
Ton und das zischende Quiken der Affen regte die
l

-- Iß =-
Kinder auf, und des Schulzen beide Jungen wendeten
sich vorbittend für die Truppe an den Vater.
Wie gesagt, es kam nur selten vor, daß solche
Bande sich bei uns blicken ließ, und seit ich ein paar
Mal mit den Eltern in Berlin gewesen war, wo man
mich in die Komödie und in die Vorstellung einer
Seiltänzergesellschaft mitgenommen, machten die Bären-
führer mit ihrem Gefolge mir nicht mehr den früheren
Eindruck. Aber in dem Stillleben auf dem Lande
war doch jede Abwechslung etwas Willkommenes, und
ich bat Herrn Hartusius, er möge sich ins Mittel legen,
damit man die Leute in Dambow nächtigen lasse, wo-
nach wir dann versuchen wollten, ihnen für den nächsten
Abend eine Erlaubniß zum Nächtigen in Schönfelde
von meinem Vater zu erwirken, der diesen Abend nicht
zu Hause, sondern zu einem Erntefeste in der Nachbar-
schaft geladen war.
Der Führer der Truppe, den sein Gewerbe und
sein Wanderleben zu schärfster Achtsamkeit gewöhnt,
sah nach mir herüber, errieth an meinen Mienen, daß
???--- == ==-= == ==
s

-- Zls -
zu mir wendend, sagte er: ,Nh, jung' Graf! Pudel
klug, Bär marschirt, Aff' reitet wie Husar und zieht
Säbel, und da, da! Die da! Franull tanzt! Tanzt
oben! Hoch! Schön hoch wie Dach!''
In dem Augenblick kam der Graf zum hintern
Gartenthor heraus, übersah mit raschem Blick was
vorging, und Hartusius, den die Schönheit und der
finstre Blick in den Augen des Mädchens überrascht
hatten, machte den Grafen auf dasselbe aufmerksam -
,Das war Franull?' fragte ich voll Erstaunen.
, Unterbrich mich nicht!'' mahnte Josias, der im
Fortgang seiner Erzählung lebhafter geworden war.
Der Graf, ebenso angezogen als Hartusius und
selbst ich, trat an das schöne Kind mit der Frage
heran, ob der Führer ihr Vater sei. Das Mädchen
schüttelte verneinend den Kopf; die Alte aber versuchte,
dem Grafen, der es ihr wehrte, den Rock zu küssen,
und sagte in einem verständlichen Deutsch, dem man
den Dialekt von Oberschlesien anhörte: ,S ist meiner
Tochter Kind! Allergnädigster Herr! Der Vater war
auch Kroat wie der hier; der Vater ist im Krieg ge-


==- J!--
blieben. Der da, der Jablonski, lag bei mir ver-
wundet im Quartier. Da sind die Preußen gekommen,
die haben uns das Dach über dem Kopf angesteckt, daß
wir uns hingeschleppt bis in den Wald. Und wie er
dann wieder gehen, und ich das arme Wurm fort-
schleppen gekonnt, da ist's dann so geworden. Erst
sind wir herumgezogen mit einem Anderen, der die
Franull auf die Beine gebracht! Ich hab' gekocht für
Alle; dann hat sich gut angelassen die Franull, und
er hat sich selber zum Hauptmann machen können;
aber sie parirt nicht - und sie muß doch, wie der
Bär und Alles! Sie muß! Küß' die Hand, Franull!''
Das Mädchen gehorchte stumm und ohne aufzu-
sehen. Der Graf, der kein Auge von der jungen
Schönheit verwendete, hatte damit der Alten Zeit ge
lassen, ihre Geschichte abzuhaspeln. Mir war sie wie
ein Märchen zu Herzen gegangen, um des Mädchens
willen. Ich gab ihr das Geld, das ich bei mir
hatte, sie nahm's ohne Dank und reichte es dem
Führer.
Dem Grafen war das nicht entgangen. ,ßr

-- NJ--
will hier bleiben und seine Künste machen?' sagte er
zu dem Kroaten.
,Allergnädigster Herr, sind wir doch geworden
Preußen in Schlesien. Wollen allergnädigster Herr
lassen ehrliche Preußen ihr ehrlich Gewerb' haben hier,
und sich lassen verdienen ihr elend Brod hier!-
Machen schöne Kunst, junger Herr!'' versicherte er mich
dann wieder.
Es waren nicht die Beredsamkeit der Alten, noch
des Kroaten Betheuerungen seiner Ehrlichkeit, sondern
Franulls finstere Schönheit, die auf den Grafen
wirkte.
,Verstehst Du Deutsch?' fragte er. Sie nickte,
ohne zu antworten, mit dem Kopfe.
,Wo kommt Ihr her?
,Vom anderen Dorf !'' erwiderte sie, aber sie
hob die Augen nicht zu ihm empor.
,Wie lang seid Ihr unterwegs ?
,Immer !''
,Wo seid Ihr zu Hause?
,Nirgends !''--

E -
.
l.
RRR? RRRRFRF? RFFRRRFR RFRRR
===- ZZ=
Ihre Wortkargheit, ihre zusammengepreßten
Lippen, ihre Blässe, die Erschöpfung,, die man ihr
ansah, hatten etwas Erschütterndes, und eben wollte ich
eine Fürbitte bei meinem gräflichen Herrn Pathen für
einlegen, als dieser einen seiner Leute heranwinkte.
,Bringt sie in den Schafstall! - er stand leer,
weil die Schafe noch draußen in der Hürde blieben. -
,Bringt sie in den Schafstall, gebt ihnen zu essen, auch
Milch dem Mädchen! Sie mögen morgen, da es -
Sonntag ist, hinten auf der Koppel ihre Künste
machen! -- Aber Montag mit Tagesanbruch fort!?'
herrschte er den Kroaten an.
,Fort!'' sprach Franull dem Grafen nach, der sich
auf das Wort noch einmal zu ihr zurückwendete, während
Jablonski und die Alte in überschwenglichen, lohpreisen-
den Ausrufen des Dankes kein Ende finden konnten.
Der Graf, dem ich für mein Theil dankend die
Hand zu küssen hatte, trug mir einen Gruß an meinen
Herrn Vater und meine Frau Mutter auf und machte
gegen Doktor Hartusius die Bemerkung: ,Söchade um
das schöne Geschöpsl''

Kapitel 04

-- Ze1 -
,Es wird unter die Füße getreten werden !''
warf der Doktor ein.
,Wie anders!'' entgegnete der Graf mit Achsel-
zucken und ging davon, während wir unseren Heims
weg antraten.
Viertes Kapitel.
Zu Hause war von dem Vorgang nicht eben viel
die Rede, denn es war ja kein außergewöhnlicher, aber
ich konnte das sonderbare Mädchen nicht vergessen.
Die großen, finsteren Augen sahen mich immer noch
an, und auch der Doktor erwähnte der jungen, eigen-
artigen Schönheit so lebhaft, daß mein Vater lächelnd
sagte, wir hätten ihn neugierig gemacht, und wenn
gerade Nichts dazwischen käme, so könne man sich ja
das Wunder morgen einmal ansehen, falls das Wetter
sich halte, das mit Regen drohte.
Indeß am Morgen hatten die Wolken sich ver-
theilt, die Sonne strahlte hell hernieder, da wir nach
Banwitz zur Kirche fuhren, die der Graf wie wir mit

Fe -
e
==- ZJ --
strengster Regelmäßigkeit besuchte; und als wir nach
dem Gottesdienste vor dem Kirchhof bei unseren
beiderseitigen Wagen zusammentrafen, sagte der Graf
scherzend zu mir:,Nun, Monsieur Josias, Er wird
wohl Lust haben, heute die famose Gesellschaft in
Dambow ihre Künste machen zu sehen! Der Kerl
hat mit merkwürdiger Geschicklichkeit und Schnelle das
Gerüst aufgeschlagen und das Seil gespannt, auf dem
das Frauenzimmer tanzen soll; und wenn es den
werthen Nachbaren gefallen sollte, mit dem Josias und
seinem Gouverneur den Kaffee bei mir zu nehmen, so
würde ich erfreut sein, sie in Dambow zu empfangen.''
Solche Einladungen kamen im Laufe des Jahres
äb und zu einmal vor, wurden stets eben so dankbar
angenommen als erwidert, und es war um die vierte
Nachmittagsstunde, als wir in den Schloßhof einfuhren.
Der Kroat war, nachdem er seine Vorbereitungen
am Morgen getroffen, mit seiner Truppe durch die
drei Dörfer gezogen, so weit es möglich gewesen, und
hatte trommelnd oder trompetend die Leute zusammen-
gerufen, ihnen die Herrlichkeiten anzukündigen, deren

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sie theilhaftig werden könnten, wenn sie sich pünktlich
um fünf Ühr auf der Koppel hinter Schloß Dambow
einfinden wollten. Er hatte auch ein paar von den
Musikanten geworben, die in den Schänken der Dörfer
zum Tanz aufspielten, und es sah denn bunt geng
auf dem umzäunten Weidenplatze aus, als ich eine
Stunde später, nach dem eingenommenen Kaffee, die
Erlaubniß erbat und erhielt, dem Schauspiel bei-
wohnen zu gehen.
Meine Mutter zeigte Lust, sich mir und Doktor
Hartusius anzuschließen, da die beiden Männer sich in
ihre Unterhaltung über die Zweckmäßigkeit der immer
weiter durchgeführten Domänenverpachtung vertieft
hatten; und der Graf, der trotz der völligen Einsam-
keit, in welcher er sich nach wie vor gefiel, die feine
Sitte der guten Gesellschaft doch niemals außer Acht
ließ, brach darauf sofort das Gespräch mit meinem
Vater ab, um meiner Mutter den Arm zu bieten, als
sie sich auf seinem Grund und Boden zu ergehen wünschte.
Schon im Park klang von der Wiese zwischen
dem lustigen Dreitritt, den wir sonntäglich aus dem

-=- ZF -
Kruge zu hören gewohnt waren, der laute Jubel und
das Hurrahrufen hinüber, mit dem die zahlreich zus
sammengeströmte Menge ihren Beifall' kund gab; und
wie wir dann den freien Blick auf die Koppel ges
wannen, sahen wir - die Thiere hatten ihre Künste
bereits alle zum Besten gegeben -- wie Franull sich
auf dem Seile in gemessenem Schritte hin und her
bewegte, sich neigend, sich erhebend, sich wendend und
sich wieder neigend, und was immer sie that, es stand
ihr gut, und sie sah schön aus in dem elenden, rothen
Röckchen, das ihr nicht weit über das Knie hinab-
reichte, und ihre Glieder, ihre feinen Schultern, ihre
schönen Arme dem Blicke überließ. Sie trug einen
Kranz von Ebereschen in dem schwarzen Gelock und
die mit Schellen besetzte Balancirstange in den Händen.
Mir kam sie wo möglich noch schöner als am verwichenen
Abende vor; aber der Ausruf meiner Mutter: ,Herr
Gott! das Mädchen ist ja zum Erbarmen schön!''
bezeichnete den Eindruck, den sie machte, auf das
Richtigste.
Unverwandt sah sie auf ihre Stange und auf

-=- ZF--
das Seil hernieder. Sie schien weder die Musik, noch
die Freudenrufe der Leute, weder das Janitscharen-
geklingel des Kroaten zu hören, noch seinen immer
wiederholten Zuruf: ,He! he! liustik! he! hoch! hoch!
?
schön Franull! lach', schön Franull!'
Es machte offenbar keine Wirkung auf sie. Man
sah, ihr Thun war ihr eine Qual, und eben wollte
der Graf, da wir nahe herangekommen waren, gleich
meiner Mutter von Mitleid mit dem armen Geschöpf
ergriffen, den Befehl geben, der Vorstellung ein Ende
zu machen, als Jablonski's Ruf:,Hoch! hoch!
oder=- =-- Das fremde Wort mußte eine Drohung
enthalten, die er mit der Bewegung seines erhobenen
Armes noch zu verstärken suchte, und deren Aus-
führung das Mädchen zu fürchten gelernt hatte.
Franull sprang in die Höhe -- ein allgemeiner
Schrei des Entsezens erfüllte die Luft! Die Musik
verstummte in grellem Mißton! Die Tänzerin hatte
das Seil verfehlt, die Balancirstange fiel klirrend zu
Boden -= Franull lag leblos auf dem grünen Rasen.
Der Kroat hob sie empor. Von allen Seiten

-=- Z -
liefen namentlich die Weiber zum Helfen herbei. Man
sah, wie das rechte Bein des Mädchens schlaff zur
Seite hing, wie das Blut aus einer Kopfwunde das
blasse Antlitz und die nackte Schulter der Bewußtlosen
überströmte. Aber ehe noch Jablonski sich mit ihr
durch die Herandrängenden hatte fortmachen können,
war der Graf, dem man natürlich sogleich Raum ge-
geben, raschen Schrittes dazwischen getreten, hatte die
Bewußtlose in seine Arme genommen, ihren Ober-
körper an seine breite Brust gelehnt, dem Doktor
Hartusius, der ihm auf dem Fuße gefolgt war, zu-
gerufen: ,Stützen Sie den Unterkörper! Das Bein
ist gebrochen !'' und hatte dann mit seiner leichten Last
den Weg nach dem Schlosse eingeschlagen.
Das Alles war schneller vor sich gegangen, als
ich es erzählen konnte. Der Kroat stand machtlos
fluchend auf dem Plan, die Alte schlich händeringend
dem Grafen und Hartusius nach. Die Einen schrieen,
daß man den Schäfer kommen lassen müsse, der Hand
anzulegen verstehe, wenn Noth an Mann sei; der
Inspector befahl, den Doktorwagen anzuspanten und

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sogleich nach Bernau zu fahren, um den Doktor oder
den Chirurgen herauszuholen; und ich ging in all
dem Hin und Her, meinen Eltern folgend, in das
Schloß, da die Mutter, als eine erfahrene Hausfrau,
zunächst darauf bedacht war, des Mädchens Kopf vor-
läufig zu verbinden, um womöglich das heftige Bluten
desselben zu stillen.
Auf der Koppel und im Dorfe wurde es danach
still, im Schlosse war's noch stiller. Man hatte Franull.
auf ein Bett in der Mägdestube gelegt, meine Mutter
hatte sie verbunden, die Haushälterin hatte eine Magd
an das Krankenbett gesetzt und die Alte hinausgeschickt,
die mit ihrem lauten Wehklagen und mit dem Ver-
langen, das Bein zu untersuchen, zur Last fiel; und
unser Wagen war dann vorgefahren, uns nach Hause
zu bringen, da man trotz des Mitleids, das man hegte,
unmöglich im Schlosse bleiben konnte, bis der Arzt,
auch wenn man ihn zu Hause antraf, aus der andert-
halb Meilen entfernten Kreisstadt nach Dambow ges
kommen sein konnte.
Ee blieb aber während der Fahrt und auch noch


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AEäcö cFg.
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O- Lr-anIuA
zu Hause bei dem Abendessen immer die Rede von
dem Vorfall, von Franull, von ihrer eigenartigen
Schönheit; und meine Mutter hegte den Glauben,
daß dies Mädchen nicht die Enkelin der Alten, sondern
ein geraubtes Kind sei, denn Rosen wüchsen nicht am
Dornstrauch. Sie band es deshalb dem Doktor
Hartusius auf die Seele, daß er dem Grafen von
diesem ihrem Gedanken sprechen solle, wenn er am
nächsten Tage, wie es verabredet worden, nach
Dambow hinüber reiten würde, sich zu erkundigen,
wie es mit der Verunglückten stehe; und es erging
derselben denn so, wie es zu erwarten gewesen war.
Der
Sie lag noch immer bewußtlos in vollem Fieber.
Arzt hatte die Erschütterung des Kopfes für
bedenklich erklärt; und nach seiner bestimmt aus-
gesprochenen Ansicht konnte selbst bei der glücklichsten
Heilung des Beinbruchs nie wieder die Rede davon
sein, Franull ihre Kunst ausüben zu lassen. - Dies
festgestellt, hatte der Graf am Morgen den Kroaten
und die Alte vor seinen Justitiarius kommen und in
aller Form verhören lassen, nachdem er erklärt, daß

hZ -
er das Mädchen bis zu dessen vollständiger Heilung
im Schlosse behalten werde.
Die Alte hatte unter heißen Thränen beschworen,
daß Alles sich verhalte, wie sie es zuerst ausgesagt,
daß Franull ihrer Tochter Kind und auf den Namen
des Kroaten Wizkowich in einer protestantischen Kirche,
die sie angab, getauft sei. Wizkowich sei ein ehrlicher
Soldat gewesen, der ihre Tochter gewiß geheirathet
haben würde, und der Jablonski habe sich auch Nichts
zu schulden kommen lassen. Wenn er auch mit Pferd
und Vieh besser umzugehen verstand, als mit dem
Kinde, wenn er das Mädchen wohl auch einmal im
Zorn seine Faust habe fühlen lassen; an ihr, an der
Alten, habe er sich nie vergriffen, selbst nicht, wenn
er einmal Etwas im Kopfe gehabt. Hungern habe er
sie auch niemals lassen, sondern habe seinen letzten
Bissen Brod mit ihnen getheilt, und ein ehrlicher
Kerl sei er, so wahr Gott lebe.
Der Kroat hatte, während die Alte redete, finster
und mit geballten Fäusten vor dem Grafen und dessen
Justitiar dagestanden. Daß er nicht in Dambow
z

== ßZ
liegen bleiben könne, bis Franull geheilt sein würde,
das verstand sich von selbst; und wenn künftig auf
dem Seile mit ihr Nichts mehr zu machen war, so
waren sie, und mehr noch die Alte, ihm nur eine
Last. Er hatte also der Erklärung des Justitiars mit
den Worten begegnet:,Ja! gleich fort! nix da
Gllck! fort allein!-- Aber noch sehen!-- Krank
Kind sehen! und fort! fort!''
Die Alte jedoch hatte natürlich vor Gott und
nach Gott gebeten, daß man sie nicht hinausstoßen,
daß man sie bei ihrer Enkelin bleiben lassen solle, bis
diese wieder würde mit ihr gehen können, wonach sie
dann zusammen versuchen müßten, sich weiter durch-
zuschlagen in der Welt; und wollte der Graf, dessen
gutes Herz bekannt war, nicht grausam sein, so hatte
er kaum eine Wahl gehabt, als Beiden zu willfahren. -=
Die Alte wurde sofort in eine der Kathen bei hörigen
Leuten untergebracht, und die Wirthin hatte den Befehl
erhalten, den Kroaten an das Bett Franull's heranzus
lassen, nachdem der Graf ihm, wie die Leute erzählten,
noch ein Geldstück als Wegzehrung in die Hand gedrückt.

Kapitel 05

-=- s -
Die Wirthin war darauf mit dem Kroaten an
das Bett des Mädchend gegangen; er war vor dem-
selben lautlos siehen geblieben, hatte sie angesehen
und angesehen. Dann hatte er ein kleines Kreuz los-
gemacht, das er unter dem Kolett am Halse getragen,
hatte es Franull auf die heiße Stirn gelegt und war
mit einem kurz hervorgestoßenen ,Hm !, ohne sich
umzublicken, aus dem Zimmer fortgegangen.
Der Graf selber hatte das dem Doktor Hartusius
mit dem Bemerken erzählt, der Kerl habe ihm leid
gethan, und der Doktor hatte gegen meine Mutter
geäußert: wie gütig der Herr Graf sich auuch gegen
ihn und gegen mich stets gezeigt, für so gefühlvoll,
als er sich bei dem Anlaß erwiesen, hätte er ihn,
hinter seiner strengen Außenseite, nie gehalten.
Fünftes üapitel
Damit war das Abenteuer zunächst abgethan.
Es hatte jedoch die Eltern und den Grafen einander
näher gebracht. Der Graf und der Vater luden sich

-=- ßJ -
seitdem häufiger zum Jagen ein; man plauderte beim
Fortgehen aus der Kirche länger mit einander, bevor
man in die Wagen stieg, und da eben in jenem Herbste
meine Mutter sich nicht gut befand, so daß sie längere
Zeit das Zimmer hüten mußte, kam der Graf, was
sonst nicht geschehen war, mehrmals ungeladen nach
Schönfelde, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.
Alle die Jahre hindurch hatte man als nächste
Nachbarn mitten im Lande gelebt, ohne dieses Ver-
hältnisses sonderlich zu nutzen; nun fand man sich
zusammen und hätte doch kaum sagen können, wie
oder wodurch es sich also gemacht, während man es
mit Behagen bemerkte. Es war angenehm, ab und
zu eine Partie Boston zu haben; der Graf, welcher
in meinem Vater den erfahrenen Landwirth anerkannte,
zog ihn gelegentlich gern zu Rathe, und Franll und
die Alte wurden zwischen dem Grafen und meiner
Mutter mehrfach ein Gegenstand theilnehmender Be-
sprechung. I
Als Franull im Spätherbst so weit genesen war,
daß sie, wenn auch noch unsicher, wieder im Hause -
Fanny Lewald, Josias.
d

- hß -
umher gehen konnte, hatte der Graf gegen meine
Mutter einmal die Aeußerung gethan, wie sonderbar
die Verhältnisse sich manchmal gestalteten, wenn man
im gegebenen Augenblicke das von ihm unbedingt Ge-
forderte thue, und danach zu erkennen habe, daß man
damit eine weitgehende Verpflichtung über sich ges
nommen, an die man im Entferntesten nicht gedacht.
,,Ich hatte gemeint,'! sagte er, ,die Alte werde
Gott weiß wie glücklich sein, wenn sie eine Weile
unter Dach und Fach ihr Essen und Trinken haben
würde; aber sie ist an das Herumziehen gewöhnt, sie
will nicht arbeiten, treibt sich im Dorf umher, bestärkt
die andern Weiber in ihrem Aberglauben an das
Besprechen von Menschen und von Vieh, und neulich
hat meine Wirthschafterin sie darauf ertappt, daß sie
dem Mädchen die Schiene aus dem Verband nehmen
und ihre Heilkünste an jhm versuchen wollte, wogegen
dieses sich gesträubt. Ich habe also meine Maß-
regeln getroffen und schicke sie in das Landarmen-
haus, um sie nicht dem Arbeitshause verfallen zu
lassen.?!

= F -
,Alle Beide?' hatte meine Mutter verwundert
gefragt.
,, bewahre!'' hatte der Graf gerufen. ,Mit
dem Mädchen ist es ja etwas ganz Anderes. Das
ist ein sehr sonderbares Geschöpf.'
Meine Mutter hatte sich erkundigt, was er damit
sagen wolle.
,Ja! was will ich damit sagen?' hatte der Graf
erwidert. ,Bei ihr, bei Franull, ist Alles gleichsam
instinktiv. Sie handelt ohne Neberlegung und trifft
meistens dabei das Rechte. Sie beobachtet offenbar
sehr scharf, erräth, was man von ihr erwartet und
will, macht nach, was sie die Andern thun sieht, so-
weit sie in ihrem jetzigen Zustande es eben vermag,
und meine Wirthin und der Diener behaupten, wenn
man sie gut anleitete, würde sie ein sehr brauchbares
Frauenzimmer werden. Natürlich aber müsse die land-
streicherische Alte fort. - Sie würden sich wundern,
wenn Sie unsere Seiltänzerin sähen! Sie ist im
Liegen gewachsen, bei der guten Kost voll und frisch
geworden, und im Hause hat Alles sich an sie ge-

-- hsß =-
wöhnt, von der Wirthin bis zu den Kindern der Leuute,
bis zu den Hunden, die sie charmant zu dressiren ver-
steht! Und das ist freilich auch das Einzige, was sie
gelernt hat.?
Die Mutter fragte, ob sie noch so finster aus-
sähe, wie an dem Unglückstage.
,Ihr Ausdruck ist noch immer auffallend schen
und verschlossen, doch scheint sie anhänglich zu sein.
Sie hält sich zu der Magd, zu der Wirthin, die sie
gepflegt haben, wie ein Kind oder wie ein junger
Hund. Es ist das eben, was ich das Instinktive an
ihr nenne. Mir kommt sie ja natürlich selten in den
Weg, aber dann fährt sie auf, und'' -- der Graf
lachte -- ,ich glaube, wenn sie es sich traute, sie
würde wie mein Hektor an mir in die Höhe springen.
Ich brächte sie mit einem Winke wieder auf das Seil,
wenn sie sich darauf halten könnte. Sprechen habe
ich sie kaum noch hören.?
, Und was denken Sie mit ihr zu thuun, Herr
Graf?' erkundigte sich mein Vater.
,Man jagt ja einen Vogel, einen Huund nicht

s
z

-- ßß =-
fort, wenn er uns ins Fenster geflogen oder zugelaufen
ist, geschweige denn solch ein armes, verwildertes Ge-
schöpf. Ich behalte sie eben noch im Schlosse, denn
sie ist ja auf den Füßen lange noch nicht fest. Jn-
zwischen will ich den Schulmeister kommen lassen und
mit ihm Abrede treffen, daß sie lesen lernt. Sie ist
nach den eingezogenen Erkundigungen im achtzehnten
Jahr, ist, wie die Alte es angegeben, wirklich pro-
testantisch getauft, da muß man zusehen, daß sie doch
auch confirmirt wird, denn das ist noch nicht ges
schehen.''
Und wie der Graf es gesagt hatte, so wurde es
gehalten. Am Neujahrstage kam Franull zum ersten
Mal mit der Wirthschafterin des Grafen nach Banwitz
in die Kirche, und weil viele Leute aus der Gemeinde
dabei gewesen waren, als sie vom Seil gestürzt,
richteten sich alle Augen auf sie, und Viele nickten ihr
gutmüthig zu, obgleich in der großen, schönen, wie
eine anständige Magd gekleideten und schüchtern den
Gruß erwidernden Person die blasse, finstere Seil-
tänzerin kaum noch zu erkennen war.

-- FHs--
;

Beim Fortgehen aus der Kirche sprach meine
Mutter sie an und ermahnte sie zum Guten. Später
einmal dankte der Graf ihr dafür mit dem Bemerken,
es komme ja für dies Mädchen vor Allem darauf an,
daß man es in Reih und Glied stelle mit den Anderen,
denn bis jetzt bleibe es immer noch in Ausnahme-
zuständen, wie auch in der Kinderlehre, wo es unter
Kindern als Erwachsene wieder eine Ausnahme mache.
Franuull kam von da ab regelmäßig in die Kirche,
die Leute gewöhnten sich an sie, achteten nicht mehr
viel auf sie; nur als sie dann im nächsten Herbste
mit den Anderen eingesegnet wurde, fiel es auf, daß
sie nicht wie sonst die Kleidung der Mägde trug,
sondern einen mehr städtischen Anzug wie die Wirthin,
und man zog daraus den Schluß, daß man sie ganz
im Schlosse behalten, sie zur Hülfe im Hauswesen
benutzen werde, wie es auch geschah.
Wenn man zum Besuch in das Schloß kam, so
traf es sich zuweilen, daß man Franull begegnete.
Einmal, als wir uns schon oben im Vorsaal befanden
und der Graf uns entgegenkam, trat Franull aus

==- 7! -
einer Seitenthür mit einem Korb voll Erdbeeren
herein. Ich rief sie an, trotz des Grafen Gegenwart,
und fragte, wie es ihr gehe.
,Schön Dank! junger Herr! ich bin gesund und
hab's, ach, so gut!''
,Du hast ja ordentlich sprechen gelernt !'' bemerkte
meine Mutter, und ohne daß man es Franull geheißen,
küßte sie meiner Mutter, dann rasch dem Grafen die
Hand, der ihr auf die Backe klopfte, und danach
machte sie sich davon.
Meine Mutter war ganz verwundert über sie.
Das entging dem Grafen nicht. ,Ja !'' sagte er, ,an
dem Mädchen kann man sehen, was rechtzeitige Ver-
pflanzung für das Gedeihen thun kann, wo ein guter
Keim vorhanden. Ich versichere Sie; ich habe wirk-
lich Freude daran, es zu beobachten, wie sie vorwärts
kommt, wie sie ein ganz anderer Mensch geworden ist;
und ich frage mich oftmals, wie es möglich gewesen,
daß sie bei dem elenden Landstreicherleben, das sie
von je geführt, nicht zu Grunde gegangen ist.? -
Auf der Heimfahrt am Abende sprachen die


Mutter und Doktor Hartusius über Franull und über
den Grafen, und die Mutter sagte, es sei merk-
würdig, wie das Leben oft den Menschen durch Er-
eignisse zu wandeln wisse, von denen man das durch-
aus nicht vorhersehen könne. Seit der Graf die Sorge
für Franull, für irgend ein Menschenwesen, wirklich
über sich selber genommen, sei er wie erlöst von dem
Bann der Abgeschlossenheit, in welchen die Treulosig-
keit seiner Frau ihn versetzt; und es müsse ja auch
wirklich ein Vergnügen sein, das schöne Geschöpf, die
Franull, um sich zu sehen.
,Das ist'e !'' meinte der Vater, ,sie ist zu schön!
Wir werden ja sehen, wie der Hase läuft!'' -- Ich
verstand damals nicht, was er damit meinen konnte,
aber eben deshalb fiel mir an dem Abende die Redens-
art auf, die der Vater auch sonst wohl gebrauchte,
und sie blieb mir im Gedächtniß.
Seit der Vater die Domäne gepachtet hatte,-
waren unmerklich allerlei kleine Veränderungen in
unserem häuslichen Leben eingeführt, so daß es weniger
einförmig und belebter geworden war als vordem.


-
Den Vater führten seine Geschäfte jetzt mehrmals
im Jahre nach Bernau und nach Berlin, wir wurden
dann bisweilen mitgenommen. Die Beamten, mit
welchen er in Bernau zu thun hatte, unsere Berliner
Verwandten, welche wir auf die Weise öfter wieder
sahen, kamen auch häufiger zu uns hinaus, und es
wurde, wie es dem Vater bei seinen Verhältnissen
wohl anstand und der Mutter gefiel, ein breites Leben
und ein gastfreies Haus geführt; der Graf aber nahm
keine Einladung zu den Gastgeboten an, obschon sein
Verkehr mit meinen Eltern immer vertrauter geworden
war, und beide ihn als ihren Freund betrachteten und
hielten. Er besprach mit ihnen, das hörte ich, viele
seiner Angelegenheiten, aber von Franull war nicht
mehr wie vordem die Rede; und das würde mir
vielleicht nicht aufgefallen sein, trotz der neugierigen
Aufmerksamkeit, die mir so wenig wie anderen Kindern
fehlte, hätte ich sie nicht auch in der Kirche vermißt.
Als ich der Mutter einmal während des Singens
sagte:,DDie Franull ist ja wieder nicht da!''- sprach
sie leise:,DDie Großmutter ist neulich im Armenhause

=- Fe -
gestorben.?-- ,Cber dann geht man doch erst recht in
die Kirche !'' wendete ich ein. Die Mutter tadelte mich,
daß ich während des Gottesdienstes spreche und ich
schwieg also. Als ich jedoch nach der Kirche, im Fortgehen,
mit der gleichen Bemerkung wieder kam, wies sie mich,
gegen ihre sonstige Gewohnheit, kurz zurück. -,Was
gehen Dich des Herrn Pathen Leute und die Franull.
an!'' sagte sie. ,Vielleicht hat er sie fortgeschickt.!

Das war im Sommer, und die Manöver waren
wieder einmal in unserer Gegend, also Leben und
Bewegung überall und Einquartierungen in allen
Dörfern, und Offiziere in allen Gutshäusern und in
allen Schlössern. Es gab viel Herüber und Hinüber
zwischen Dambow, Schönfelde und der Domäne, in
welcher der Stab der Zieten'schen Husaren lag, unter
Führung von des Grafen früherem Regiments-
Chef, und mein Vater hatte als Rentmeister von der
Domäne dem General dort die Honneurs zu machen.
Der General war dadurch auch unser Gast in Schön-
felde, des Grafen Gast in Dambow geworden, und
als er einmal bei uns gespeist hatte, und ich im Zimmer
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sein dürfen, während man den Kaffee einnahm, hörte
ich, wie er, von dem Grafen redend, mit Lachen hin-
zuufügte, in aller seiner Menschenverachtung und Ein-
samkeit habe er sich, wie es heiße, doch getröstet.
Die Eltern sprachen nach wie vor mit großer
Freundschaft von dem Grafen; aber es ging Etwas
vor, das hatte ich gemerkt. Es war Etwas anders-
geworden, und so viel hatte ich heraus, daß ich nicht
danach fragen sollte.
Da, als die Manöver längst vorüber waren, im
Herbst, wenige Tage nach meinem elften Geburtstage,
zu Ende Oktober - es war ein rauher, grauer und
so stürmischer Tag, daß die Aeste an den großen
Ulmen vor unserem Hause knarrten und knackten und
die letzten Blätter in wildem Wirbel durch die Luft
gejagt wurden, da trug der Wind das Glockengeläute
von der Kirche in Banwitz zu uns herüber, und wie
ich an das Fenster trete, sehe ich von Dambow her
ein Begräbniß herankommen. -- Ich, schnell hin-
unter!- Sie sind mit dem Sarge gerade vor unserem
Gartenthor. Ich mache es auf und frage: ,Wer ist

-==- F -
denn da gestorben?- denn ein Begräbniß kommt
auf dem Lande nicht so alltäglich wie in der Stadt
vor, daß man es gleichgültig wie anderes Transport-
fuhrwerk an sich vorüberziehen sieht.
,Wer gestorben ist?? -- wiederholte der eine
der Träger: ,Das Franenzimmer vom Schloß! die
Franuull!'' -- und damit gehen sie ihres trauurigen
Weges weiter.
Ich fuhr erschreckend zusammen und hatte nichts
Eiligeres zu thun, als mit dieser Nachricht zu Doktor
Hartusius zu laufen, der sie mit einer mir auffallenden
Gleichgültigkeit hinnahm.-- ,Wissen Sie noch, Herr
Doktor, wie wir sie damals auf dem Seile gesehen
haben?' fragte ich, ,und wie schön sie aussah !''
, Freilich,'' gab er mir zurück. ,Es sind nun
vier Jahre her und etwas darüber !'' Und als ob ihn
die Erinnerung milder stimmte, sezte er hinzu: ,Schade
um sie!?'
Auch beim Mittagessen wurde über den Tod
Franulls, als ich ihn auf das Tgpet gebracht, rasch
hinweggegangen, und die Eltern hatten doch sonst
=-aSe=- »GaF d..?z;enV?.b =s ßren = . I=-- e-- -, E.-K is? T,? .?- -
-Na. p ==ue =aro f =ee DrEA-KTJze! «z!eaa,k=

immer ein Herz für die Leute von den Dörfern, und
die Mutter hatte sich doch für Franull interessirt und
sich an ihr gefreut. Was konnte geschehen sein, was
konnte sie verbrochen haben, daß man es mit solcher
Geflissentlichkeit vermied, von ihr zu reden? Es ging mir
im Kopf herum. Ich wendete mich, da ich von den
Anderen keine Antwort erhielt, fragend an Jeanette.
Mamsell Jeanette war meine Bonne gewesen, ein
braves, nicht mehr junges Mädchen von der Kolonie,
das man im Hause behalten, und das zu einer Ver-
trauensperson geworden war. Sie behauptete Nichts
zu wissen, es stürben ja in jedem Herbste vieleMenschen;
und da der Vater uns bald darauf wieder nach Berlin
mitnahm, wo wir dies Mal länger als gewöhnlich
verweilten, kam mir die Sache aus dem Sinn.
Als wir dann nach Hause zurückgekehrt waren,
packte meine Mutter mit Mamsell Jeanette die Koffer
aus, und sie hatte mich herbeigerufen, damit ich die
Bücher in Empfang nehmen sollte, welche man in
Berlin für mich gekauft.
-- ,Was hat es hier Neues gegeben in unserer-
z= .-.eaasa===s==zsKP

-- FF-
Abwesenheit?'' fragte die Mutter, während Jeanette
ihr half, ihre Sachen zu ordnen.
,Das Neueste,' berichtete Jeanette, ,das Neueste
ist, daß der Herr Graf von Dambow das Kind von
der Franull in Banwitz mit den Namen seiner Mutter,
Franziska Wizkowich, hat taufen lassen, und daß er
es bei sich im Schloß behält. Da gerade keine nährende
Frau unter den Leuten zu finden war, hat er die Frau
von dem Grenwitzer Hirten als Amme in das Schloß
genommen.''
Die Mutter machte, mit einem Blick auf mich,
eine tadelnde und abwehrende Bewegung; es war aber
zu spät. Ich hatte Alles gehört und fuhr mit der
Frage dazwischen:,Das Kind von der Franull? Die
hat ja keines gehabt!''
,Sie hat eines bekommen in der Nacht, in welcher
sie gestorben ist!'' sagte die Mutter, ging hinaus, hieß
Mamsell Jeanette ihr zu folgen, und=-'
,Josias, das war Deine Franull!'' fiel ich ihm,
ich möchte sagen jubelnd, in die Rede.
, Ia, das war sie! Das ist sie!'' sprach er mit
l

- Jaaaeau

Kapitel 06

-- Iß-
erhobener Stimme und seine treuen Augen leuchteten auf.
,,Das war meine Franull! Und ich wollte, Du hättest
sie gesehen in der Schönheit, in der Pracht ihrer frühen
Juugend; Du hättest sie gekannt in dem unwandelbaren
Adel ihres Sinnes! Sie hätte einen Thron geziert.?
Ich nutte die kleine Pause, die er machte, ihn
an den Aufbruch aus dem Freien zu mahnen. Ess
war kühl geworden, er hatte sich warm gesprochen.
Von der Spree und von den Wiesen her machte
die Feuchtigkeit sich fühlbar. Ich hatte ja einzustehen
für den meiner Pflege anvertrauten Freund, und meiner
Erinnerung nachgebend, zog er sich mit mir in das
Haus zurück, als gerade der Wagen meiner Eltern
vorfuhr. Da konnte denn von der Fortsetzung seiner
Erzählung an dem Abend nicht mehr die Rede sein.
IäEeMMäOFM
Sechstes Lapitel.
Der nächste Tag verging, so fängt das neue Kapitel
an in der Tante Tagebuch, und noch ein anderer. -
Bei Allem, was ich that, dachte ich nur an Josias,

-- Zts =- -
an den Grafen, an Franuull's Tod und an ihr Kind.
Ich träumte davon in der Nacht. Ich schien mir älter
geworden, nahm mich wichtiger, weil ich das Vertrauen
unseres Freundes gewonnen hatte, und auch -- ich

schildere mich nicht besser, als ich mit meinen zwanzig
Jahren war-- weil ich mich im Besitze eines Ge-
heimnisses wußte, das meinen Eltern vorenthalten
worden. Ich wartete ungeduldig auf die Stunde,
in welcher ich wieder einmal mit Josias allein sein
würde, er jedoch suchte offenbar nicht nach der Ge-
legenheit; und nicht mich allein wollte es bedünken,
als sei er nicht so gut aufgelegt, als bis dahin.
Am dritten Nachmittag fuhr der Vater, wie an
jedem Sonnabend, und es war ein solcher, zur Stadt
in das Geschäft, sich die Wochenrechnungen vorlegen
zu lassen. Die Mutter, Josias und ich waren allein
beisammen, und sie sagte zu ihm, allerdings sei es
nicht schicklich, einem Gast bemerkbar zu machen, daß
man an ihm seine gewohnte gute Laune vermisse;
-
es sei ihr jedoch so viel werth, ihn unter unserem Dache
zufrieden zu stellen, daß sie ihn bäte, ihr zu sagen,,

z



i

uT - -
-= F! -
ob er irgend Etwas entbehre, oder ob Etwas geschehe,
was ihm nicht zusagend sei und was man ändern
knne.
,Nein, nein, Madame !'' rief er, ,wie können
Sie mich für so anspruchsvoll halten, daß ich nicht
in jedem Augenblick dankbarst die herzliche Freundschaft
und Vorsorge empfände, mit der es Ihnen gefällt, mich
zu umgeben. Nur mit mir bin ich unzufrieden, denn
ich habe mich verfehlt gegen die Gastfreundschaft und
gegen die Zuversicht, die Sie mir gewähren. Ich habe
Fränzchen ohne ihre Zustimmung zur Vertrauten meiner
Vergangenheit gemacht, in welcher -- ich darf das
sagen --- ich mich keiner Verschuldung anzuklagen habe,
die man einem jungen Mädchen zu verbergen hätte.
Aber es ist gesündigt worden gegen die Sittlichkeit
und gegen die Sitte innerhalb des Kreises, in welchem
ich meine Kindheit und erste Jugend zuzubringen ges
habt, und das hat seinen Schatten geworfen auf meinen
Lebensweg. Davon habe ich mit Franziska gesprochen,
während ich zugleich die Forderung an fie gestellt, gegen
Jedermann, also auch vor Ihnen zu verschweigen, was
6
Fanny Lewald, Josias.
-- - ==a==-

=- ZZ -
sie von mir gehört. Das war Beides ein Unrecht
gegen Sie, meine Freundin! Wollen Sie's verzeihen?''
Die Mutter, zuerst betroffen, hatte doch das sich
nie verleugnende Zartgefühl unseres Freundes an-
zuerkennen, aber er ließ ihr zu der Entgegnung nicht
die Zeit, sondern bat sie, ihm zu gestatten, daß er
auch sie in sein Vertrauen ziehe; und mit ebenso
raschen als sicheren Zügen schilderte er ihr, wie er
dazu gekommen, mit mir von seinen Erlebnissen zu
sprechen, und theilte ihr in kurzem Umriß mit, was
er mir in Ausführlichkeit berichtet.
Als er bis zu dem Punkte gelangt war, zu welchem
er neulich seine Erzählung geführt, sagte die Mutter
mit ihrem sanften Ernste, indem sie ihm die Hand gab:
, Sie machen sich Ihren Vorwurf nicht ganz ohne
Grund, denn Sie haben Franziska verleitet, nicht auf-
richtig gegen mich zu sein. Mag sie sich das vergeben,
wenn sie's kann. Sie, mein Freund, haben Ihre Buße
gethan, und nun, da wir beisammen sind, Mutter und
Tochter, wie es sich gebührt, erzählen Sie ihn uns weiter,
den Roman Ihres Lebens, der uns ja weit näher an-

==- ZZ -
geht, als die Erfindung der Dichter, oder die Er-
lebnisse von uns fremden Menschen, welche uns zue
getragen werden in dem täglichen Verkehr der Gesell-
schaft, die doch auch nicht frei ist von Schuld und
Fehle, so wenig wie der Graf und wie die Frau,
die ihn verrathen. Erzählen Sie! Wir hören Ihnen
mit dem Herzen zu!''
Josias küßte ihr die Hand, ich that desgleichen,
sie wehrte es mir nicht, und nach ihrer wiederholten
Aufforderung sagte er:,Die Geburt jenes Kindes
war mein Schicksal!
keinen nachhaltigen
Doch würde sie in jenen Tagen
Eindruck auf mich gemacht haben,
wäre es nicht eben das Kind der schönen Tänzerin
gewesen, deren Sturz vom Seile zu meinen lebhaftesten
Erinnerungen gehörte, und wäre diese nicht gestorben.
Nun war sie hin und die kleine Franull war eben da.
Gegen die Gewohnheit der letzten Jahre ver-
gingen jedoch mehrere Wochen, bevor der Graf wieder
bei uns in Schönfelde erschien. Der Vater war ein-
mal ohne die Mutter nach Dambow gefahren, man
hatte den Grafen nicht eingeladen, und er hatte sich

=- Ze==
nicht ansagen lassen. Darüber waren wir bis in den
-
Anfang des Dezember gekommen. Der Schnee lag
schwer auf Feld und Wald. Der Herbst war sehr
naß gewesen, dazwischen hatte es gefroren und wieder
gethaut, die Wege waren zwischen Halten und Brechen
fast grundlos. Es war mit den Wagen kaum durch-
zukommen. Das bot für eine Unterbrechung des Ver-
kehrs zwischen den Gutsnachbaren den natürlichsten
Vorwand. Da kam endlich nach klarem Tage und
scharfem Frost ein Abend, den der Mond erleuchtete,
daß es von den Zweigen und Aesten unserer Ulmen
flimmerte wie die Sterne am Himmel, und man mit
Vergnügen hinaus sah aus den Fenstern in die Weite,
und ich hatte noch nicht lange in dem vorgebauten
Erker gestanden, als zwei Reiter sichtbar wurden und
einritten in den Hof. Es war der Graf, gefolgt von
seinem Reitknecht.
Der Vater eilte ihm entgegen. Gleich darauf
traten sie in das Zimmer. Die Begrüßung war die
herzliche wie stets, die Unterhaltung und das Abend-
essen heiter, und als dann Doktor Hartusius, was ex

===- sJ=-
sonst nicht zu thun pflegte, sich gleichzeitig mit mir
entfernte, blieben der Graf und meine Eltern noch
über die sonst gewohnte Zeit beisammen. Es war
gegen Mitternacht, als er Schönfelde verließ, und am
nächsten Sonntag speisten wir Alle bei ihm in Dambow.
Erst viel später habe ich erfahren und begreifen
können, was an jenem Abend zwischen dem Grafen
und den Eltern zur Sprache gekommen war. Wir
lebten, ich muß das vorausschicken, damals ja noch in
den Zeiten, in welchen auch bei uns in der Mark die
Leute noch Hörige, wenn schon nicht mehr im strengsten
Sinne des Wortes Leibeigene waren. Sie waren noch
an die Scholle gebunden, ihr Fortgehen, ihr Heirathen
hingen ganz von dem Belieben des Gutsherrn ab,
und die Sittlichkeit hatte darunter zu leiden, daß es
von dem Herrn abhing, ob er einem Ehepaar ein
Unterkommen in einer Kathe gebenwollte oder nicht geben
wollte. Knechte und Mägde nahmen es leicht mit ihrem
Verkehr, die Gutsherren sahen durch die Finger, ließen
geschehen, was sie nicht hindern konnten; und ein Kind
mehr, das in guten Zeiten nicht schwer mit durchzufüttern

-=- Zß-
war, wurde bald zu einer Arbeitskraft, die man brauchen
konnte. Nur schlug man bei der Geburt solcher Kinder,
am wenigsten, wenn sie unter den Dienern im Guts-
hause oder in den Schlössern stattgefunden hatte, nicht
R -----
Daß der Graf dies nicht gethan, er, gegen dessen
persönlich ernste, ehrbare Lebensführung, seit er in
Dambow lebte, nie der Schatten eines Zweifels laut
geworden war, daß er, indem er das Kind der Seil-
tänzerin im Schloß behielt, ein öffentliches Aergerniß
und sich dem fremden Urtheil ohne alle Nothwendigkeit
Preis gab, das hatten meine Eltern, eben weil er ihr
Freund war, und sie streng auf Zucht und Anstand
hielten, ihm verargt -- denn sie hatten ihn, als ihren
Freund, zu vertreten vor allen Denen, die nicht seine
nahen Freunde waren und die ihm seine Abgeschlossen-
heit als Hochmuth und als Stolz auslegten, obschon
sie den Anlaß kannten, der ihn in sich zurückgewiesen.
Er hatte denn es natürlich sofort empfunden,
daß meine Eltern sich von ihm zurückgehalten, und
:
==

-=- ZF --
er war, wie gesagt, gekommen, sich zu erklären, sich
mit ihnen wieder in das Gleiche zu setzen. Er hatte
meine Mutter gefragt, ob sie ihn hören wolle. Wie
hätte sie ihm das weigern können? Und zum ersten
Male hatte er darauf vor den Eltern von der nicht
zuu vergessenden, tödtlichen Kränkung gesprochen, die
er durch seine Frau erlitten.
?
,Wie Jeder, der überhaupt von mir weiß,'' hatte
er gesagt, ,werden auch Sie es wissen, welch ein Ge-
schick mich getroffen, was mich in die Einsamkeit ges
trieben. Ich habe mich loszureißen gehabt von meiner
ganzen Vergangenheit, ich habe verzichtet auf den
Dienst in meines Königs Heer, nach allen Seiten
habe ich mich durchzuschlagen gehabt mit harter Ge-
walt. Man stößt eine Frau, die man frei gewählt,
die man sehr geliebt, der man, weil man selbst Ver-
trauen verdiente, fest vertraut - man stößt ein Kind,
das unseren Namen getragen, an das man sein Herz
gehängt, seine Hoffnungen geknüpft, nicht leichten
Sinnes von sich. Ein Edelmann giebt sich nicht ohne
die äußerste Nothwendigkeit dem Gerede der Menge


-=- Z--
Preis, ein Mann, der sich in langen Kriegen, in
blutigen Schlachten bewährt, schreitet zu keinem Zwei-
kampf ohne die unabweislichste Pflicht, sein Leben an
die Vernichtung des Mannes zu setzen, der den schnö-
desten Verrath an ihm geüübt- da man ja ein Weib
und ein Kind nicht tödten kann! -- Es ist mir hart
an's Leben gegangen! Die vernarbte Wunde schmerzt,
da ich sie berühre in diesem Auugenblick. Wäre mein
Gewissen nicht rein-- die Menschenverachtung, der
Unglaube an die Wahrheit irgend einer Liebe hätten
mich zum Menschenhaß getrieben. Die Erinnerung
an die Liebe, die ich für Vaterliebe gehalten, die ich
gehegt für den Knaben, der nicht der meine war, hat
mich durch all die Jahre zweifeln machen selbst an
der Wahrhaftigkeit meines eigenen Empfindens. Weder
die Verurtheilung der Schuldigen, noch die mir seit
Jahren wieder bewiesene Gnade meines Königs hatten
mir die Lust am Leben wiedergegeben in der liebe-
leeren Einsamkeit, in der ich gelebt in meinem Hause.
Ich that meine Schuldigkeit- Sie haben es ja ge-
sehen - gegen die Leute, die abhingen von mir, die
A
aa

se-
=- Zß -
von den Verhältnissen auf mich gewiesen waren -
aber ich that sie kalten Herzens. Sie waren mir
gleichgültig wie Alles! - Da warf der Zufall --
oder sagen wir der Himmel - mir das todtwunde
Mädchen in die Arme. Ihre Hülfsbedürftigkeit, ihre
Schönheit, ihre Verlassenheit rührten mich, ihre Dank-
barkeit wendete ihr meine Sorge zu, die Reinheit
ihres Herzens erquickte mnich wie den Verschmachtenden
der frische Quell, der vor ihm hervorsprudelt, wo er
am wenigsten ihn vermuthet. Wie an ein Kind hatte
ich allmälig mein Herz an sie gehängt, bis ich sie zu
lieben begonnen, bis die Menschennatur, mächtig in
ihr wie in mir, ihre Liebe für mich, meine Leiden-
schaft für sie erweckt und uns verbunden hat. --
Wäre es möglich gewesen, ohne noch einmal den Kampf
mit den Verhältnissen aufzunehmen durch eine Mes-
alliance ohne Gleichen, ich hätte Franull geehelicht.
Denn die Liebe, an die ich nicht mehr geglauubt, sie
hat sie für mich gefühlt. Sie hat mich geliebt wahr-
haft, ganz ausschließlich, mit aller Kraft ihrer starken,
ungebrochenen Natur! und trotz meiner sechsundvierzig

-=- (s - --
Jahre habe auch ich sie sehr geliebt. Nicht daß sie vom
Leben scheiden mußte und von dem Kinde - daß sie
von mir gehen sollte, dao war ihr letzter Schmerz -
ihre letzte Klage -- ihr letztes Wort, mit dem sie mir
das Kind an's Herz gelegt, und an meinem Herzen
werde ich es halten!- Die Tochter eines freiherr-
lichen Hauses ist mir zum Fluch geworden; das Kind
des niedrigsten Volkes hat ihn von mir genommen
diesen Fluch, hat mich erlöst und der Liebe wieder-
gegeben. Und nun -
Er vollendete nicht. Der Vater reichte ihmt die
Hand, er küüßte die Hand meiner Mutter. Sie sagte,
als sie mir davon gesprochen, des Grafen Ergriffen-
heit, der Zwang, den er sich angethan mit seinem
Bekenntniß, habe sie überwältigt, obschon sie im: Grunde
Nichts erfahren, als was sie sich selber hatte sagen
können; und trotz der geforderten Gewissenhaftigkeit,
mit welcher sie und mein Vater auf Zucht und An-
stand hielten, hätte sie empfunden, daß außergewöhn-
liche Schicksale eine außergewöhnliche Charakterentwick-
lung erzeugen und darum eine besondere Beurtheilung
- »K

===- ßs s --
und Behandlung verlangen; und so hatte denn trot
des Widerstrebens, das meine Mutter gegen die Vor-
güünge gehegt, die Freundschaft zwischen meinen Eltern
und meinem Pathen an dem Abende eine neue Be-
festigung erhalten, eben weil man es erkannte, wie
wichtig es sei, ihm beizustehen, und daß er an der
Tochter vergüte, was er an der Mutter gefehlt.
Auf den Gütern in der Nachbarschaft aber fand
man sich auch bald mit dem Anfangs unglaublichen,
viel besprochenen und viel verspotteten Entschluß des
Grafen ab. Hatte man doch überall in der Welt,
auf dem Lande wie in den Städten, überall, wo man
unter Menschen lebte, Manches zu sehen und zu wissen,
was nicht zu sehen und nicht zu wissen man sich den
Anschein geben mußte! Manches und Vieles geschehen
zu lassen, was man nicht ändern konnte.- Warum
sollte man dem Grafen, der ohnehin Niemandem in
den Weg kam, der den Sonderling spielte, nicht die
Grille durchgehen lassen, sich zu seiner Gesellschaft statt
eines Pudels oder eines Papageis das Kind einer
Landstreicherin auffüttern und aufziehen zu lassen.



-=- IZ =
Was er nachher damit machen wüürde, das war seine
Sache; was daraus werden würde, das werde man -
ja erleben. - Das sagte Dieser, das sagte Jener!
und man meinte damit fertig zu sein. Und doch!
eben weil man auf dem Lande lebte, wo die Neuigs
keiten eines Tages die des anderen nicht so rasch ver-
- drängen, blieb das Kind im Schloß zu Dambow
gleichsam ein öffentliches Geheimniß, blieb es unter
allgemeiner Aufsicht und der Gegenstand neugierigen
Nebelwollens.
Ess lebten rund um Dambow auf den adeligen
Gütern, in den Herrensitzen und Schlössern gar zu
viel alte und junge Edelfräulein, die bereit gewesen
wären, den Grafen Dubimin in rechtschaffener, christ-
licher Ehe über seine Vergangenheit zu trösten und
die Mutter seiner Kinder zu werden. Warum muußte er
denn sein Herz hängen an das Kind einer Zigeunerin?
Glücklicher Weise schadeten aber das Gerede und
das Nebelwollen dem Gedeihen des Kindes nicht, das
ja nicht Schuld war an seinem Dasein. Es kam
natürlich in seiner ersten Lebenszeit nicht zum Vor-
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t dA

= Z=-
schein, wenn ein Gast im Hause war, was selten
genug geschah, und als ich sie bei einem Besuche, zu dem
wir nach Dambow geladen waren, zum ersten Male
sah, war Franull schon ihre zwei Jahre alt.
Wir hatten im Schlosse gespeist und gingen da-
nach in den Garten hinaus, in welchem, wie immer
in der guten Jahreszeit, unter den Linden, vor denen
sich der Rasenplatz ausbreitete, der Kaffee getrunken
und zugleich die eben in voller Pracht blühenden
Rosen in Augenschein genommen werden sollten; und
da saß mitten auf dem Rasen die kleine Franull, hell
von dem warmen Sonnenlicht umfluthet, eine Menschen-
knospe, schöner als die ganze Rosenpracht umher.
Den Grafen sehen, sich auf die Händchen stützen,
um schneller aufzustehen, ihm mit vorgestreckten Aermchen
entgegeneilen, das war das Werk einer Minute. Des
Grafen ernstes Antlitz erhellte sich bei dem Anblick.
Er ging ihr entgegen, hob sie empor, und ich höre
TT- - - - -
Man sah dem Grafen an, wie wohl ihm die

-= ße1 --
Bewunderung seines Kindes that. - ,Nicht wahr?!
sagte er, ,sie ist ein liebes Geschöpf! Jeden Morgen,
wenn man sie mir bringt, freue ich mich an ihr;
jeden Abend freue ich mich, daß ich sie am Morgen
wieder sehen werde. Ihre Fröhlichkeit, ihr Lachen er-
hellen mir die Tage! Franull! wie lieb hast Du mich?
,So, so lieb ' rief sie und schmiegte ihr blondes
Lockenköpfchen an des Grafen gebräuntes und ge
furchtes Antlitz.
Der Graf küßte sie, settzte sie auf den Boden;
meine Mutter machte sich entzückt mit ihr zu schaffen,
die Wärterin wollte sie auf den Arm nehmen und sich
mit ihr entfernen.
,Nein! nicht mit Lise !'' rief sie, sich fträubend.
, Gehen! gehen !''-- Und wohl weil ich ihr zus
nächst stand, langte sie nach meiner Hand und sagte:
,Komm! Du!''
Wie alle Burschen meines Alters hatte ich mir
aus Kindern nie Etwas gemacht. Jeder Spitz- und
jeder Jagdhund waren mir lieber gewesen als ein
kleines Kind; aber daß dieses Kind von seltener Schön-

1
Il
-l
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==-- ßß -
heit wvar, das mußte auch der Achtloseste bemerken;
und die selbstwillige Freundlichkeit, mit der die Kleine
sich an mich hing, sich meiner bemächtigte, gefiel mir.
Ich fragte, ob ich mit ihr spielen solle. --
,Ja! Du sollst!'' rief sie und zog mich mit sich
fort, während ich meine Mutter scherzend sagen
hörte:,Wie sie befehlshaberisch ist! -- Wo sollns
denn hin?
,Wohin sie will!'' rief ich zurück. ,Ich weiß nicht!''
Ach! ich wußte es freilich nicht! - Und ich
hatte den Tag schnell geng vergessen, denn bald -
darauf kam ich in die Stadt, und erst viele, viele
Jahre später habe ich dieses Nachmittages wieder ges
dacht, und wie oft gedacht wie heut !''
Da wir Reformirte waren, hatte nie davon die
Rede sein können, mich zum Konfirmandenunterrichtnach
Banwitz zu schicken, wenn gleich die Eltern die dortige
lutherische Kirche regelmäßig besuchten, weil eben keine
reformirte in unserem Bereiche vorhanden war. Aber
zum Genuß des heiligen Abendmahls waren die Eltern
alljährlich zweimal nach Berlin gefahren, und es hatte

Kapitel 07

= ß =
immer festgestanden, daß ich im vierzehnten Jahr zu
meinem Onkel nach Berlin gegeben würde, der die
Stelle eines Recnungsrathes bekleidele, um von da
ab auch das französische Kolleg zu besuchen und den
Religions- und Konfirmandenumnterricht in unserer Kirche
zuu genießen.
Als ich mit Doktor Hartusius nach Dambow
hinüberritt, mich von meinem Herrn Pathen vor meiner
Nebersiedlung in die Stadt zu verabschieden, während -
der Doktor, der durch Vermittlung unserer Familie
eine Anstellung am französischen Kolleg erhalten, sich
ihm gleichzeitig ebenfalls empfehlen wollte, sah ich
mich beim Fortgehen überall nach Franull um. Ich
hätte das fröhliche Kind gern wieder gesehen. Nach
ihm zu fragen, wagte ich nicht, und ich würde Franulls
gewiß bei dem völlig neuen Leben nicht mehr gedacht
haben, wäre nicht in meines Onkels Haus ein kleines,
ihr gleichaltriges Mädchen gewesen, das mich oftmals
zu Vergleichen zwischen ihm und Franull veranlaßte,
die immer zu Gunsten der letzteren ausfielen, und das
steigerte sich mit den Jahren.
s
1
D
-

!
-

= ß?=-
Es verstand sich von selbst, daß jch alle meine
Ferien bei den Eltern in Schönfelde verlebte und
ebenso, daß ich dabei jedes Mal meinen Herrn Pathen
in Dambow besuchte, zu dem wir dann regelmäßig
auch eine Einladung erhielten; und jedes Mal, wenn
ich nach Dambow kam, fand ich, daß Franull un-
gewöhnlich rasch heranwuchs, daß sie immer schöner,
immer klüger, immer zutraulicher zu mir wurde; und
kehrte ich dann nach Berlin zurück und sah dort in
den Hofkarossen und sonstigen vornehmen Equipagen
die kleinen Fürstenkinder und Komtessen spaziren
fahren, so gefielen mir die auch sehr wohl, aber mit
Franuull waren sie sammt und sonders doch nicht zu
vergleichen.
=FF
Siebentes Lapitel.
Darüber gingen wieder Jahre hin, meine Ein-
segnung war vorüber, der Graf hatte mir zu der-
selben geschrieben, mich mit einer kostbaren englischen
???; -===-======-
?

-- ßZ --
Antheil als ein treuer Pathe bezeigt. Ich trage die Uhr
noch heute und habe an ihr alle guten und schweren '
Stunden meines Lebens abgezählt. Als ich die Klassen
des Kollegs durchgemacht, stand ich im neunzehnten
Jahr. Mein Vater erachtete mich noch zu jung, mich
allein auf Reisen gehen zu lassen. Er beschloß also,
mich nach Ilsenburg in den Harz zu senden, wo das
mals ein viel erfahrener Landwirth und Forstmann,
Herr Zarenthin, eine Meisterschule für künftige Land-
wirthe errichtet hatte; und dieser Plan, mich in der
Forstkultur besonders unterweisen zu lassen, hing auch
mit den Wandlungen zusammen, welche mein Vater
in seinen Angelegenheiten herbeigeführt hatte.
Er hatte seiner Zeit die Domänenpachtung für
zwanzig Jahre üübernommen. Aber er hatte bei seinem
Eifer und seinen Kenntnissen nicht so lange Zeit be-
durft, um die Verbesserungen zu bewerkstelligen, welche
der König durch ihn eingeführt haben wollte. Die
Maulbeer-Alleen waren schön herangewachsen, die Obst-
zucht in Banwitz gab der in Schönfelde und in
Sanssouci Nichts mehr nach, der ganze Boden war
e

a: - -
-- ßß --
ertragsfähiger geworden; und so hatte der Vater schon
bei dem Tode Friedrichs des Großen, dem er sich
verpflcchtet, daran gedacht, sein Pachtverhältniß zu
lösen, wenn es ohne Nachtheil für ihn geschehen könnte.
Denn während er dem Könige gedient, hatte er auch
seinen Besitz nicht vernachlässigt, sondern einen be-
trächtlichen Theil der an Schönfelde grenzenden Wal-
dungen gekauft, um sein Gut besser abzurunden, und
er hatte daran gedacht, sich das Leben durch Rücktritt
von der Pachtung arbeitsfreier zu machen. Indeß
die Regierung hatte damals Nichts davon hören wollen.
Erst, als ich nach dem Verlauf meines ersten Studien-
jahres in Ilsenburg in die Ferien nach Hause gehen
wollte, war er zu einem Abkommen mit der Regierung
gelangt, da sich ein geeigneter Mann gefunden, welchem
der Minister die Vortheile des Banwitzer Rentmeister-
amtes zuzuwenden wünschte. Der Vater war gerade
mit der Nebergabe von Banwitz an den neuen Pächter
beschäftigt, als ich in Schönfelde anlangte. Ich war
seit länger als einem Jahre nicht mehr dort gewesen, denn
ich hatte in den vorigen Sommerferien meine Mutter

-- ,ss(s ==
in das Bad nach Pyrmont zu begleiten gehabt und
war von dort geraden Weges in meine Lehre zurück-
;
gegangen. Auch dies Mal war mein Verweilen bei
meinen Eltern nur kurz bemessen, und so wollte ich,
dieZeit zu ntzen, schon am zweitenTage nach Dambow
hinüber reiten.
Meine Mutter sagte, ich würde dort große Ver-
änderungen gewahren. Franuull entwickle sich körperlich
und auch geistig mit merkwürdiger Schnelligkeit. Der
Graf habe neben Madame Fleuron, der Schweizerin,
die schon länger bei Franull war, noch einen Hauslehrer
für sie angenommen, einen ältlichen, sehr braven Kan-
didaten der Theologie, der schon in verschiedenen adeligen
Häusern Erzieher gewesen sei, weil ein Halsleiden ihm
das Predigen verbiete, und der Graf lebe mur in und
mit Franull. Er habe ihr im Frühjahr ein Pferd
, zugeritten, sie reiten gelehrt, ihr von dem Schneider,
welcher in Berlin für die Damen des Hofes arbeite,
den Reitanzug kommen lassen, und er sei täglich zu
Pferde mit ihr zu sehen.- Wenn man nicht so genau
Tag und Stunde ihrer Geburt wisse, müsse man sie
z

= ß! -=-
für mehrere Jahre älter halten, als sie sei Sie habe
die große Statur des Grafen Dubimin und des Grafen
ganze Art geerbt. Er nenne sie offen seine Tochter,
sie nenns ihn Vater, und darüber könne man allenfalls
hinwegsehen, da dies zwischen Pflegeeltern und Pflege-
kindern nichts Ungewöhnliches sei.-- Ob sie und
mein Vater für ihr Theil damals xichtig gehandelt,
als sie des Grafen Zutrauen nicht abgewiesen, darüber
habe sie sich schon manchmal schwere Gedanken ge-
macht; aber der Graf sei ein so edler, vortrefflicher
Mann und das Kind habe sie gejammert. Was man am
Hofe und in der Welt, dem König Friedrich Wilhelm l.
nachzusehen für erlauubt halte, damit müsse sich der
Einzelne auch abzufinden suchen, wo es die Befriedigung
eines treu bewährten Freundes und eine Gerechtigkeit
gelte, die zu üben im Grunde seine Pflicht sei. Der
Graf allein nenne seine Tochter noch Franull. Die
Nebrigen wären angewiesen, sie als Fräulein Franziska
anzureden. Die alte Haushälterin und die andere alte
Dienerschaft habe das nur schwer erlernt; und in der
Umgegend habe man Franull so lange als das gnädige

- 10!--
-L
Fräulein von Dambow verspottet, bis es zur fest-
stehenden Gewohnheit geworden sei, sie das Fräulein
von Dambow zuu nennen. Was der Graf schließlich
mit ihr im Sinn habe, könne man ja nicht wissen.
Er sei, nachdem er sich vor Jahren zur Beerdigung
des Königs zum ersten Male wieder an den Hof be-
geben, jetzt öfters nach Hof gegangen und von dem
König Friedrich Wilhelm l. in Berlin und im
Marmorpalais sehr gnädig aufgenommen worden;
es gehe sogar dac Gerede, daß er den nächsten
Winter in Berlin verleben und Franull und seinen
ganzen übrigen Hausstand mit sich nehmen werde,
was ihr persönlich doch nicht wahrscheinlich dünke.
Mit diesen Nachrichten beschäftigt hatte ich mich
auf's Pferd geworfen und war raschen Trabes durch
die köstlichste Herbstluft gen Dambow geritten, als mir
kurz vor dem Heck des Dorfes der Graf und Franull
von der Waldseite entgegen kamen. Als wir nahe
geng bei einander waren, rief der Graf mir mit den
Worten:,Nun, läßt Du Dich wieder einmal sehen!''
seinen Willkomm entgegen, und während Franull ihr
s

-- 103 -
Pferd mit einer Kraft und Sicherheit, zum Stehen
brachte, die mir an dem so jungen Mädchen auffielen,
fiügte sie dem Gruß des Vaters die Aufforderung
hinzu: h,Komm heran, daß man Dir die Hand doch
geben kann!'
Ich gehorchte, doch fühlte ich mich verwirrt, denn
während ihre Schönheit mich entzückte, verdroß mich
ihr gebieterischer Ton, der Ton des Herrenkindes,
das gewohnt war zu befehlen und Gehorsam
zu finden. Weil ich aber doch Etwas entgegnen
mußte, sagte ich:,Sie sind eine vortreffliche Reiterin
geworden !''
s ==«
,Ich habe einen guten Lehrer gehabt an Papa!''
gab sie mir zurück, den Blick nach dem Grafen, hin-
gewendet, der mich nach dem Ergehen der Eltern,
nach der Dauer meines Aufenthaltes fragte. - So er-
reichten wir das Schloß. Die Reitknechte kamen heran,
ich war schnell vom Pferde, Franull meine Dienste
anzubieten, und als ich dann den kleinen Fuß -in
meiner Hand hielt und sie die ihre auf meine Schulter -
legte, sagte sie mit der fröhlichen Unbefangenheit

==- hss. ---
ihrer frühesten Kindheit: ,Nun Du da bist, Josias,
bleibst Du auch!''
Ich versetzte, daß ich das nicht könne. ,Ach!''
lachte sie, ,nicht können! Ich werde Papa sagen,
daß er Dich nicht fortläßt und damit ist es gut!''--
Sie eilte, ihr Reitkleid zusammenraffend, die
Rampe hinauf, und der Graf nahm mich mit sich in
das Zimmer des Erdgeschosses, in dem sein Arbeits-
pult und die Registraturen standen, und in dem er sich
früher ganz ausschließlich aufgehalten hatte, wenn wir
nicht seine Gäste gewesen waren und man oben die
Zimmer geöffnet.
Er fragte mich um meine Beschäftigung in Jlsen-
burg, erkundigte sich um meine weiteren Plane, und
wir waren noch nicht lange bei einander, als der
Diener meldete, daß das Essen bereit sei. Der Graf
hieß mich vorangehen, weil er die Reitstiefel ablegen
wolle. Oben im Wohnzimmer stand Franull in ges
wählter modischer Tracht an dem Käfig eines Papageiö,
mit dem sie sich zu schaffen machte. Madame Fleuron
saß in demselben Fenster, eine Arbeit in den Händen.

s
==-- P0H -
Ich stellte mich ihr vor, sie meinte, ich sei doch
noch gewachsen, was ja mit zwanzig Jahren nicht
auffallend sei, aber Franull fiel ihr in's Wort: , dlon
amnis ! ßrief sie ihr zu, ,handeln Sie das nachher beim
Diner mit ihm ab! Jetzt komm her, Josias! und
mache Bekanntschaft mit Coco, er bekommt heute eine
neue Lektion, er soll Dich rufen lernen: Komm, Josias!
---- sprich's nach, Coco! Komm, Josias! - Sprich!
Sei ein guter Coco! Komm! Sage: Josias !''
Sie hatte sich mir dabei an den Arm gehängt,
aber Madame Fleuron trat dazwischen: ,heris!?
mahnte sie,,Sie sind kein Kind mehr, es schickt sich
nicht für Sie, die Gäste des Herrn Grafen u' zu
nennen!''
g
,Gäste!'' sprach Franull ihr nach --- ,es kommen
ja keine in das Haus, und Josias ist nicht des Vaters
Gast, er ist sein Pathe! =- Nicht wahr, Papa, der
Josias ist Dein Pathe, also mein Freund und wie
ein Stück Bruder vön mir!'' -
Der Graf klopfte ihre heißen, rothen Wangen.
,Man kann sehr gut Freund sein, ohne einander zu

-=- , fsHs

duzen!'' bedeutete er sie, ,und Josias ist nicht mehr
ein Wildfang wie Du! Madame Fleuron hat Recht!
Nun aber zu Tisch!''
Wir gingen in den Speisesaal, wo der Kandidat -
uns erwartete; der Graf war in seiner würdigen Ge-
haltenheit gütig füür mich, wie ich es gewohnt war,
aber Franull hatte ihr fröhliches Geplauder eingestellt,
und ich sehnte mich fortzukommen. Ich mußte mir
sagen, daß nuur das Schickliche geschehen sei, ich hatte
Franll auch bei den ersten Worten nicht mehr,Du?
genannt, denn sie sah nicht mehr wie ein Kind aus; aber
die ertheilte Parole lag mir auf der Seele und ich
war froh, als die Tafel aufgehoben war, alö ich mit
dem Grafen und dem Kandidaten wieder allein unten-
in dem Arbeitszimmer, und dann die Zeit gekommen
war, in welcher ich mit Anstand meinen Rückzug
nehmen konnte.- Als man mein Pferd vorführte,
fragte mich der Graf, ob ich mich nicht Madame
Fleuron empfehlen und Franziska Lebewohl sagen
wolle, da ich ja nach meiner Aussage zunächst nicht
wiederkehren könne. Ich nahm die Erlaubniß mit
ineaa

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-- 10?=-
gebührendem Danke an, und schon auf der Treppe
kam Franziska mir entgegen.
,Du willst also doch fort!'' sprach sie - gegen
die von Madame Fleuron erhaltene Weisung - ,Du
Pillst fort? Und als ich das bejahte, schlang sie ihre
schönen, bis zum Ellenbogen entblößten Arme uum
meinen Hals und rief, französisch sprechend: ,SSo er-
lauben Sie, Monsieur Josias, daß Mademoiselle Fran-
y
ziska Sie umarmt zum Abschied! und nun-'
,Du bist ein Engel, Franull!'' -- das war Alles,
was ich, hingerissen von dem fröhlichen Nebermuth
des entzückenden Mädchens, hervorzubringen vermochte,
während ich es an mich zog-
Sie aber riß sich von mir los. - ,Ach was,
Engel!'' rief sie; ,und nun geh und nimm Abschied
von ms honne armie, und umarme sie auch, wenn
Du Lust hast!''
Ihr Lachen schallte noch an mein Ohr, als sie
mir hinter der nächsten Thür verschwunden war, und
eine Viertelstunde später war ich auf dem Wege nach
Schönfelde, voll Freude über das reizende Erlebniß,

- Fßs -
und mehr davon hingenommen, als ich selber wußte.
Wie ich dann zu Hause berichten mußte von dem
Empfang, den ich gefunden, that ich es mit aller Ge-
wissenhaftigkeit; nur was sich zuletzt zwischen Franull
und mir begeben, das verschwieg ich, um, wie ich mir
einbildete, sie keinem Tadel auszuseten. - Josias
lächelte bei den Worten, da er sah, daß es meine
Mutter that.
,ka,'' sagte er, ,lächeln wir nur über unsere
Jugend, wenn sie hinter uns liegt, weit! wie weit!
Sie war doch schön!''-- Er seufzte! ---,Und,'' setzte
er hinzu, ,ich konnte damals am Ende meines Be-
richts, trotz meiner Vorsicht, doch meinen Eltern gegens
über nicht den Ausruf unterdrücken: Franull ist
wirklich zum Verlieben schön!''
Mein Vater, dem es offenbar recht gewesen war,
daß Madame Fleuron die Schranke zwischen Franull
und mir gezogen, machte bei meiner bewundernden
Aeußerung eine leise Kopfbeweguung, die ich kannte,
und die bei ihm immer ernste Abwehr in mildester
Form bedeutete.

.i ssueaauau

=- 10ss ==
,Gleich zum Verlieben!'' sprach er mir nach.
, Unterlassen Sie das Verlieben, wenn ich bitten darf,
Monsieur Josias! Franull. Wizkowich und ein Cour-
ville, das vereint sich nicht zusammen! Und das Fräulein
von, Dambow, selbst wenn es dem Grafen gefallen
sollte, es als Gräfin von Dubimin anzuerkennen -
was immer denkbar ist nach dem jetzigen Treiben an
dem jetzigen preußischen und manch anderem Hofe,
mit welchem die Aristokratin sich abzufinden weiß, das
Fräulein von Dambow gehört nicht in das makellose
bürgerliche Haus der Courvilles in Schönfelde!'' --
Meine Mutter, die es sehen mochte, wie be-
fremdend die strenge Mahnung des Vaters mir erschien,
wechselte den Gegenstand der Unterhaltung; in mir
aber tönten und wirkten seine Worte fort, und gruben
mir in die Seele, was mich vorher nur wie ein
Freudenstrahl flüchtig berührt hatte. -
Ich konnte' die Nacht nicht schlafen. Das war
mir ein völlig neuer Zustand. Fxanull kan mir nicht
aus dem Sinn. Ich rief mir die Zeit in das Gedächtniß
zurück, in der ich sie als kleines Kind spielend auf

=- ,1ß--
dem Rasen gesehen und sie sich an meine Hand gee
hängt. Sie hatte mich immer lieb gehabt, mich -=-
je mehr ich darüber nachdachte-- lieber gehabt als
alle Anderen; und sie war mir, dem Knaben, schon
das Urbild aller Schönheit gewesen, aller Holdseligkeit.
Jmmer hatte ich sie geliebt! -- Ich stutzte bei dem
Worte und sagte, verwundert meine Stimme laut an
mein Ohr schlagen zu hören: es ist aber doch wahr!
--- Und mit dem Gedanken, daß ich sie liebte, der
mich glücklich machte, tauchte das Bewußtsein auf, daß
es etwas Besonderes sei, ein Mädchen zu lieben, das
im Grunde noch ein Kind sei; und daneben regte sich
in mir das sicherste Kennzeichen der Liebe in des
Jünglings Herzen, der Vorsat, einzutreten für die
Geliebte, deren ungefestete Verhältnisse nicht sie ver-
schuldet, und die sie doch zu büßen hatte.
Damit kam der erste Zwiespalt in mein Leben. -
Konnte, durfte ich dem berechtigten Ehrgefühle meiner
Eltern widerstreben, deren Güte sich nie verleugnet,
denen mein Glück ihr höchster Wunsch war? Oder
konnte ich mich blind und taub machen gegen jenen

-
-- 111--
Zauber, dem dereinst das starke Herz des Grafen er-
legen war? Und weßhalb hatten meine Eltern, wenn
ihre Grundsätze so unerbittlich waren, mich von früh
an gewöhnt, daran zu denken, daß auch die strengste
Zucht und Sitte Nachsicht in Ausnahmefällen zu üben
verstehen und für geboten halten sollen. Durften,
konnten sie weniger nachsichtig sein, wenn einmal die
Zeit und Stunde gekommen. sein würde, in welcher
ihr eigener Sohn ihr Nachgeben für sich und sein
Glück von ihnen zu heischen hätte. Ich fing zu rechnen,
zu überlegen an, wann ich das von ihnen fordern
würde. Dann wieder suchte ich mir klar zu machen,
welche Absichten der Graf mit seiner Tochter haben
könne. Ich dachte mit Schrecken an die Duldsamkeit
der Höfe und des Adels, deren mein Vater erwähnt;
denn wenn der Graf Franull anerkannte, so hatte ich
auch von seiner Seite auf einen entschiedenen Wider-
stand gefaßt zu sein; und immer mehr gefiel mir der
eigenwillige - Gedanke, die Eltern und den Grafen
meiner dereinstigen Verbindung mit dem reizenden
Geschöpfe geneigt zu machen. Wie nun alle diese

-- 1 --
Vorstellung sich durcheinander zu wirr und in ein-
ander zu verschwimmen begannen, fühlte ich wieder
die kühlen schlanken Arme sich schlingen um meinen
Hals, und von ihnen umfangen schlief ich gegen den
Morgen ein, um zu träumen - von der Geliebten,
wie ich sie in der Nacht zum ersten Male in meinem
Herzen nannte - und lachen Sie nur darüber! Ihr
alter Freund Josias nennt sie heut' noch so.
Am anderen Tage kamen Gäste in das Haus
zur Jagd. Wir hatten eine fröhliche Woche. Von
Dambow und von dem Grafen, von dem Fräulein
von Dambow, das der Graf jetzt auch im Schießen
unterweise, und das er wohl dazu bestimme, dereinst
als Amazone oder Fähnrich bei den rothen Ziethen-
Husaren einzutreten, ward ein paar Mal im Ernst
-
s
s
F
und im Scherz gesprochen, aber man spottete nicht
mehr darüber. Man hatte wieder einmal vor den
feststehenden Thatsachen Front gemacht; und der erste
Nachtreif schimmerte auf den Wiesen und glänzte an
den Riesentannen des Ilsenburger Waldes, als ich
von Schönfelde kommend, nach Ablauf der Vakanzzeit,
I
s
-
- P

Kapitel 08

=- 11Z =-
in das Rechnuungszimmer unseres Herrn Zarenthin, des
Gründers der Anstalt, eintrat, mich wieder bei ihm
anzumelden!''
Josias erhob sich, als er so weit in seinen Mit-
theilungen gekommen war.
,Wenn man in späten Jahren, wie ich jetzt. vor
Ihnen, auf seine Vergangenheit zurückblickt,'' sagte
er,s,,so sind es eigentlich immer nur die Wendepunkte
in unserem Dasein oder die großen Freuden und die
großen Schmerzen, die sich uns wie die Berggipfel
aus der weiten Ferne am deutlichsten vor das Auge
stellen, während die lange Reihe' der ruhigeren Tage,
in deren stillem: Wechsel sich unsere Entwicklung all-
mälig vollzieht, gleich den Thälern, die zwischen den
Bergen liegen, sich unserem Blick verhüllen. Und
nach jenem Besuche in Schönfelde und Dambow
folgte eine Reihe von Jahren für mich, von denen
ich Ihnen Nichts zu sagen habe, was sich auf den
Roman meines Lebens bezieht. Vielleicht werden Sie
des froh sein, denn ich bin kein Erzähler von Fach,
und mein einsames Leben hat mich nicht dazu ver-
Fanny Lew ald, Josias.
8

-=- I1H --
- u-
anlaßt, von mir selbst zu sprechen, wie man's in der
Familie gerne thut.-- Schreiben Sie es Ihrer Güte
zu, Madame, wenn Ihre Freundschaft mir hier das
Herz erwärmt und aufschließt, wie mir's nie zuvor
geschehen, und wollen Sie das Ende von dem Liede
erfahren, so rufen Sie mich zu der Stunde, in welcher
es Ihnen paßt!''
Wir wollten ihm danken, ihm aussprechen, mit -
welchem Antheil wir ihm folgten, er wehrte es von
sich ab.
,Sie sind mir gegenüüber immer die Gewährenden
gewesen, verehrte Freundin!'' versetzte er. ,Mein
Leben wäre seit vielen Jahren seiner besten Freude
beraubt, ohne Ihre und Ihres Gatten Freundschaft,
ohne den Antheil, den sie mir an Ihrem Kinde, an-
Franull, gewährt, wie ich sie so gerne nenne; und -
daß jetzt unter Ihrem Dache noch einmal meine ganze
Jugend wie in einer tta Korgans vor mir auf-
ersteht -- wem habe ich's zu danken als Ihnen,
unserer Franull, und Ihrer Güte!''
awwwwgpwwwöeFKpwrr Knöegg

K
=- 11B---
Kchtes Kapitel.
Wie Josias nach der ersten Unterbrechung seiner
Bekenntnisse mit der Fortsetzung derselben gezögert,
so führte er diese jetzt schon am folgenden Tage von
selbst herbei.
,Die Epoche, von der ich Ihnen, zunächst zu
sprechen habe, war in der Welt eine ganz andere ge-
worden, als jene, in welcher der große Friedrich seine
lezten Jahre verlebt hatte. Der amerikanische Frei-
heitskrieg, dessen Wogen bis nach Europa hinübep-
flutheten, hatte Preußen und vollends uns in den
stillen Gefilden des märkischen Landes nicht berührt,
aber mit der französischen Revolution war es anders;
und abgesehen davon, war der preußisch-holländische
Krieg, den König Friedrich Wilhelm l. im Interesse
seiner Schwester und damit seines Hauses unter-
nommen, überall bei uns im Lande fühlbar geworden.
Auch der Reiseplan, den mein Vater für mich ent-
worfen, hatte eine Aenderung dadurch erfahren müssen.
Er war auf zwei Jahre angelegt gewesen. Mit meinem

-- 11 ß=-
zweiundzwanzigsten Jahre war meine Lehrzeit in Ilsen-
burg beendet; dann sollte ich, wie man es damals
nannte, die große Tour machen, das heißt Frankreich,
England, Holland und Jtalien bereisen, um zur Zeit
s
meiner Volljährigkeit, mit vierundzwanzig Jahren, in
das Vaterhaus zurückzukehren und dem Vater so weit
zur Hand gehen, daß es ihm möglich wurde, die
Winter theilweise in der Residenz zu verleben, wie
meine Mutter es sich wünschte.
Von der Reise nach Frankreich mußte abgesehen
werden, da die Revolution es durchtobte, und der
Feldzug der Koalition gegen die Feinde der franzö-
sischen Monarchie es für einen Preußen obenein un-
möglich machte, sich dorthin zu begeben. So durch-
reiste ich Holland, England, Schottland, ging auf einem
englischen Schiffe nach Jtalien und war heimkehrend
bis nach Genua gekommen, als mich, wenige Monate
vor der Vollendung meines vierundzwanzigsten Jahres,
in Genua die Nachricht erreichte, daß mein Vater
hoffnungslos darnieder liez Ein unglücklicher Zu-
fall hatte sein Pferd im Walde scheu gemacht. Die
s

ggur -
-- 1? --
sonst so sichere Hand des Reiters hatte es nicht zu
bändigen vermocht. Er war von dem durchgehenden
Thiere gegen einen der riesigen Eichenbäume geschleudert
worden, die Kinnlade war zerschmettert, er hatte eine
schwere Gehirnerschütterung davongetragen, und sein
Zustand war der Art, daß man sein Fortleben nicht
wünschen durfte.
Es war meine treue Mutter, die mir das Un-
glück selber meldete. Der Brief war sechs Wochen
alt, als ich ihn erhielt; und wie sehr ich auch eilte,
die Heimath zu erreichen, so deckte das Grab schon
lange die Hülle meines Vaters. - Ich hatte noch
fünf Wochen vor mir bis zur Vollendung meiner
Minderjährigkeit.- Der Graf, wie er mein Pathe
gewesen, war mit seiner Bewilligung von meinem
Vater, als dieser dereinst sein Testament gemacht,
auch zu meinem Vormunde ernannt worden. Die
nahe Nachbarschaft, die Freundschaft, welche die beiden
Männer verbunden, hatte diese Einrichtung zu einer
sehr wünschenswerthen gemacht, und meine Mutter
konnte es nicht genug rühmen, wie sich der Graf ihr
. - -. - LoKH

-- j Z-
bewährt in dem Unglück, das uns betroffen hatte.
Mein Vater hatte sein dreiundfünfzigstes Jahr noch
nicht vollendet, meine Mutter war in der Mitte der
Vierziger --- die Silberhochzeit meiner Eltern, auf
die unser Auge stets mit freudiger Hoffnung gerichtet
gewesen war-- sie hatten sie nicht erreicht. Ich
schweige von dem, was Sie sich selber denken können,
von meinem Empfinden bei dem Wiedersehen der,
Mutter! Meines Vaters Grab hatte man auf dem
französischen Kirchhof in Berlin gegraben.
Was sich während der zwei Jahre meiner Ab-
wesenheit in Dambow zugetragen, hatte ich durch die
Briefe meiner Eltern erfahren, es war mir also nichts
Neues mehr. Der Graf war, sich selber treu, nicht
auf halbem Wege stehen geblieben. Es war gekommen,
wie man es schon zu der Zeit vorausgesehen, in welcher
ich die Heimath verlassen. Gleich im Beginn jenes
Herbstes war das alte Herrenhaus im oberen Ende
der Breiten Straße, nahe der Ritterakademie, wieder
eröffnet worden, das die Dubimin besessen schon in
den Tagen des großen Kurfürsten. Es hatte ver-

i
=w
-- 19 --
schlossen dagestanden, seit der Graf seine Frau daraus
verwiesen. Nun war es neu hergerichtet worden. Der
Graf hatte es mit seiner Tochter den Winter hindurch
bewohnt, überall in den Konzerten und Theatern hatte
man sie an seiner Seite gesehen. Er hatte seine alten
Verbindungen aufgenommen, war auf, das Verbind-
lichste empfangen, und die Herren-Mittagbrode und
die gelegentlichen Spielpartien in seinem Hause waren
mit Vergnügen besucht worden. Einige alte Freun-
dinnen von ihm hatten sich allmälig auch zu dem
Boston und lorbrs eingefunden. Erst gegen Ostern
war er nach Dambow zurückgekehrt, und damals hatte
man erfahren, daß er - seinem Gewissen und der
Ehre seiner Tochter zu genügen -- diese gerichtlich -
anerkannt habe. Es ward hinzugesett, daß er diesen
Schritt mit ausdrücklicher Zustimmung des Landes-
herrn gethan, der, wie der Graf selber, den Namen
derer von Dubimin erhalten zu sehen gewünscht, weil
sie eins der ältesten wendischen Geschlechter in den
Marken waren. - Damit stand es denn natürlich
nun auch fest, daß die Gräfin Franziska, wenn sie

-- 1Z--
sich verheirathen würde, ihren Familiennamen dem
Namen ihres künftigen Gatten beizufügen und auf
die Kinder zu übertragen haben werde, die man für
das Fortbestehen des Geschlechtes von ihr erwünschte.
Neberrascht hatte mich die Nachricht nicht, als
ich sie in Palermo erhalten, und die überwältigende
Fülle der rasch wechselnden neuen Eindrücke hatte sie -
mich leicht nehmen machen, denn es war ja schon
früher die Rede davon gewesen. Als ich jedoch später
darauf zurückkam, that Franull mir leid wie ein ein-
gefangener Vogel, während ich mir doch sagen mußte,
welch ein großes Glick es für sie sei, durch ihres
-
Vaters Liebe und Gerechtigkeit aus der falschen, recht-
losen Stellung befreit worden zu sein, in der sie bis
dahin gelebt hatte. Aber mit dem fröhlich jubelnden
Flattern, das sah ich ein, mit dem sie mir bei dem
letzten Beisammensein die frischen Arme um den Hals
geschlungen, mit dem war es freilich nun ein für
allemal vorbei - und sie war bezaubernd gewesen!
Das stand fest, das konnte ich nicht vergessen; selbst
nicht, als ich schweren Herzens in meinen Trauer-

?
- M21--
kleidern zum ersten Mal nach meiner Rückkehr nach
Dambow hinüberritt. Unwillkürlich fragte ich mich,
inmitten all der Gedanken an die Pflichten, die mir
jetzt oblagen, mitten in dem Erwägen der zunächst
mit dem Grafen abzuthuenden Geschäfte: wie wird
Franull geworden sein? wie werde ich sie wieder-
finden?
Als man mich bei dem Grafen angemeldet hatte,
kam er mir bis an die Thüre seines Arbeitszimmers
entgegen. - Ich war kein Schwächling, ich hatte feste
Nerven, dennoch traten die Thränen mir in die Augen,
als der Graf mich umarmte und küßte. Er hatte das
nie zuvor gethan, und es that mir wohl.
,Fasse Dich, mein junger Freund !'' sprach er,
und auch mit dieser Anrede hatte er mich nie zuvor
begrüßt.,Fasse Dich! Du darfst mit ruhigem Ge-
wissen an Deinen Vater denken. Er hat Dich immer
einen guten, gehorsamen Sohn geheißen! und es gibt
ja auch kein festeres Band, als das der Eltern und
der Kindesliebe. Es ist eine Naturbestimmtheit und
bindend wie jedes Naturgesetz. Halte sie darum heilig,

-- 1L!--
die beiden kostbaren Vermächtnisse! die kostbarsten
Güter, die er Dir hinterlassen; seine treue Lebens-
gefährtin, Deine Mutter, und den alten, guten Namen,
den er noch höher gehoben - Deinen Namen, und
seine und Deine Ehre!
,Man lehrt uns in der Jugend: was hülfe es
dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und
nähme doch Schaden an seiner Seele; und im Leben,
mein lieber Josias, heißt es: was hülfe es dem
Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme
Schaden an seiner Ehre! oder was kann der Mensch
geben, daß er seine Ehre wieder löse! -- Und ich
sage Dir: Alles muß der Mensch geben, Alles muß
er daran setzen, daß er seine Ehre wieder löse! Aber
es ist nichts Kleines, wenn man dazu gedrängt wird !
-- Darum lebe mit Bedacht. Sei Herr über Dich,
sei Dir ein strenger Richter und laß den Augenblick
nicht Herr werden über Dich, denn er bindet Dich
durch das, was Du ihm zugestanden!-- Beherzige
das und mache Dir das Leben leicht !''
Er drückte mir die Hand bei diesen Worten und
-


-- 1J --
brach plötzlich ab. Ich fühlte, wie er großherzig und
freimüthig mir mit seinen persönlichen Erfahrungen
zu Hilfe zu kommen, wie er mir einen festen
Halt zu geben gewünscht, nun ich auf mich selbst
angewiesen, des Rathes und der Führung zu ent-
behren hatte, die mir bis dahin von meinem Vater
gekommen waren. Ich dankte ihm aus vollem
Herzen.
«
,, Und nun laß uns von Geschäften reden,' sprach
er, während er sich in den großen, alten Ledersessel-
vor seinem Schreibtisch niederließ und mich anwies,
ihm gegenüber Plat zu nehmen.,Wir wollen gleich
in den nächsten Tagen abthun, was uns obliegt, damit
Du die Hand bald, wenn auch nicht an das Steuer,
so doch an den Pflug auf den Feldern legen kannst,
welche nun die Deinen sind. Ist Madame Courville
dazu bereit, so fahren wir morgen in der Frühe nach
Berlin, da Dein Vater dort sein Testament hinter-
legt hat. Das Nebrige wird sich leicht abwickeln lassen
in den paar Wochen, während denen Du noch unter
meiner Vormundschaft stehst; und heute, Herr Nachbar!

-- 1F4--
sei mir wieder einmal ein willkommener Tischgast nach
so langer Zeit.
Er stand auuf und zog die Glocke. ,Herr Cour-
ville wird mit uns speisen !'' bedeutete er dem ein-
tretenden Diener, ,und sag' Er der Comtesse, ich lasse
sie ersuchen, zu mir zu kommen, Herr Courville von
Schönfelde sei zurückgekehrt.?
Mir war sonderbar zu Muthe. Alles, was mich
umgab, war mir vertraut und berührte mich doch wie
ein Fremdes. Der Graf, der während meiner Ab-
wesenheit in die Sechsziger getreten, war noch immer
dieselbe mächtige Gestalt, die frühere heroische Er-
scheinung. Das Roth der Gesundheit färbte sein
Antlitz noch, und er sah schöner aus als vordem,
denn der düstere Schatten, der sonst auf seiner Stirn
gelagert, die harten Züge um den stolzen, starklippigen
Mund, der finstere Blick seiner Auugen, vor denen ich
Scheu getragen in meiner Kindheit, das Alles hatte
sich gemildert; und wie er mich scherzend seinen Herrn
Nachbar genannt, hatte er trotz seines in den beiden
Jahren völlig ergrauuten Haares vortrefflich ausgesehen.

- 12 --
Aber war es, daß seine Frische mich doppelt
schmerzlich an den Verlust meines Vaters gemahnt,
der jünger gewesen war als der Graf, war es der
gallonirte Diener in des Grafen Farben oder der
Befehl, die Comtesse herbei zu rufen- es fiel mir
Etwas schwer auf's Herz, und ich fühlte mich unfrei,
als im nächsten Augenblick Comtesse Franziska vor
mir stand und nicht näher an mich herantrat. -
Ja! es war Comtesse Franziska! sie durfte nicht mehr
Franull sein, nicht mehr die Franull, die ich im
Herzen getragen, überall mit mir hin! über. Berg
und Thal!
Ich erschrak vor der Deutlichkeit, mit der ich mir
dessen bewußt ward, aber der Graf sollte mir seine
Mahnung nicht vergeblich an das Herz gelegt haben!
Es galt, Herr zu bleiben über sich in dem gegebenen
Augenblick.
, Kennen Sie mich nicht mehr, gnädige Comtesse?
fragte ich, ihr entgegengehend, mit einer, wie ich hoffte,
gut gespielten Unbefangenheit.
,Doch !'' entgegnete sie, sich mir nahend, um mir
s

=- PFs -
die Hand zu reichen, die ich an meine Lippen zeg,
,,doch, Herr Courville! seien Sie willkommen !''--
Und nicht das leiseste Zucken ihrer Hand begegnete
meiner Huldigung. Indeß die Thränen traten ihr
in die Aiigen, und während sie mir die kleine Hand
entzog, sagte sie:,Sie haben mir so leid gethan!
Seinen Vater zu verlieren! --- Ich kann's nicht
sagen !''
Der Graf strich ihr leise über das goldige Haar,
sie hob die thränenschweren, schwarzen Augen zu ihm
empor. Es war doch Franull! Trotz des seidenen,
modisch aufgeputten Kleides, trotz des Chignons, in
das man ihr schönes Haar zusammen gebunden, und
trot der Stelzenschuhe, welche die schnell empor-
gewachsene, sich füllende Gestalt noch ansehnlicher
erscheinen machten, als sie bereits geworden war.-
,Keine Thränen, Franziska! was sollen die?
tadelte der Graf. ,Herr Courville findet leider der
Trauer jett genug in seinem Hause. Er hat Freude
nöthig. Heiße ihn heiter willkommen. Du weißt,
ein Soldatenkind wie Du, darf nicht thränenselig,

s
s - waggg

s


=- 1F? -
muß tapfer sein!-- Komm, laß uns vorangehen!
Herr Courville wird uns folgen! Er hat ein groß
Stlck Welt gesehen, er wird uns Vieles zu erzählen
haben! Komm, Josias ! Du kennst den Weg !'
Ja! ich kannte ihn, den Weg, den ich hier fortan
znu gehen hatte, der Graf hatte ihn mir in ehrendem
Vertrauen vorgezeichnet mit fester Hand. - Ich saß
Franull gegenüber, der Graf, Madame Fleuron, der
Kandidat erwiesen mir lebhaften Antheil. -Ich sollte
berichten von London und von Rom, von der Fingals-
höhle und vom Vesuv; und ich erzählte und erzählte,
und Franull hörte mir achtsam zu, hier und da meine
Worte mit einer Frage unterbrechend, und wenn sie
dabei ihr Auge auf mich richtete, fragte ich mich: wie
soll ich ihn gehen, den Weg, der allein mir offen
steht, unter dem Lichte dieser Augen? wie soll ich
schweigen, wenn die süßen Lippen und der holde Blick
mich zu fragen scheinen: bin ich denn nicht mehr ich?
und Du nicht mehr Josias? -
Ich durfte mich nicht versenken in ihr Anschauen!
mich nicht anrufen! Wie ein Schlafwandler kam ich

-=-- 1I8 --
durch den Abend hin. -- Hellsehend geworden, langte
ich in Schönfelde in meinem Hauuse an.
Mein Haus! mein Gut! Mitten in meiner
Trauer um den Vater, mitten in der Liebesschwär-
merei bemächtigte sich meiner eine Empfindung, die
ich nie gekannt: die Freude an dem eigenen Grund
und Boden, am Besitz. Ich schämte mich ihrer, denn
sie erwuchs auf meines Vaters Grab, und ich konnte
sie doch nicht unterdrücken, verdankte ich sie doch ihm
und der Vergangenheit unseres Geschlechtes. Mein
Vater hatte sie gefühlt wie ich, und sie erhob mich,
diese Freude. Es lag so würdig vor mir, unser,
mein schönes Haus, wie es, vom Mondlicht übergossen,
aus dem dichten Laub unserer Ulmen hervorschimmerte,
als ich es spät genug erreichte. - Das Licht aus meiner
Mutter Fenstern winkte mir so freundlich; die weißen
monddurchglänzten Wölkchen, denen mein Auge so
gern gefolgt war in den Tagen meiner Kindheit,
zogen jetzt wie damals lind und leise darüber hin -
und wie von meines Vaters klarer Stimme gesprochen,
hörte ich wie an jenem längst entschwundenen Tage

i
=-- hZß--
die Worte in mir erklingen: Franull Wizkowich, das
Fräulein von Dambow, die Comtesse Dubimin gehört
nicht in das makellose Bürgerhaus der Courville von
Schönfelde.- Sie! die die Zier und Krone jedes
Hauses!
Ich zuckte davon zusammen. »Fs konnte ehen
nicht sein! und es gab doch noch ein Anderes als -
Liebesglück! Es gab die Axbeit, die Erfüllung der
Pflichten, welche der Besiy mir auferlegte. Ich hatte
meiner Mutter ihre Liebe zu vergelten, sie so glücklich
zu machen, als sie es ohne meinen Vater sein konnte.
Auch die Plane des Grafen durfte ich nicht durch-
kreuzen. Er war meines Vaters Freund gewesen,
hatte sich großsinnig mir zum Freunde angeboten.
Ich hatte den schwer errungenen Frieden seines Herzens,
das schwer erkämpfte Gllck seines Lebensabends, und
vor Allem hatte ich die Herzensruhe seiner Tochter
zu ehren, auf welcher all seine Hoffnungen beruhten.
Meine Liebesträume mußten weichen; der Tag der
Arbeit war gekommen. Ich hatte einzustehen und
Af ---

-=- 1Zß-
Festen Willens trat ich in der Mutter Zimmer.
Ich hatte es sie vergessen zu machen, daß wir nicht
mehr zuDreien einander gegenüber saßen. Ich ging leicht
über den Besuch in Dambow hinweg, ich hielt mich
an das dort geschäftlich Verhandelte. Ich erlangte ,
es, daß wir am nächsten Tage zur Eröffnung des
Testamentes uns nach Berlin begaben. Ich wollte
zur Vollendung der Ernte in Schönfelde sein. Den
Leuten sollte, trot des Todes ihres bisherigen Herrn,
ihr Erntefest nicht fehlen, ich hatte zu zeigen, daß
ich seines Sinnes sei. Auf meine Veranlassung hatte
er einen neuerfundenen Pflug aus England kommen
lassen; ich wollte die ersten Furchen mit ihm ziehen
mit eigener Hand. Wie die ersten Courvilles die Maul-
beeren nach Schönfelde gebracht, so wollte ich's ver-
suchen mit dem Mais und manchem Anderen noch.
Ich redete mich an dem Abende immer zuversichtlicher
in meine Seelenruhe und Charakterfestigkeit hinein,
die Zufriedenheit meiner Mutter machte mich immer
heiterer. Mein neuer guter Wille wirkte auf mich
wie neuer Wein. Er stieg mir zu Kopfe. Ich be-

Kapitel 09

--- 1Z!--
rauschte mich an mir selbst; und sehr mit mir zu-
frieden, schlief ich an dem Abend ein, um wieder-
einmal zu träumen von Franull, der schönen Comtesse
von Dubimin.''
Josias lächelte bei diesem Schlusse.-,Weiter!
weiter,' riefen meine Mutter und ich, denn er machte
uns mit erleben, was er uns erzählt. Er aber wehrte
uns ab mit sachter Handbewegung.
,Gemach, gemach, Madame!'' sprach er. ,Ver-
leiten Sie einen alten Mann, der sich schon genugsam
selbst bespiegelt, nicht dazu, sich auch im Alter noch
an sich selber zu berauschen. Es war genug an jenem
einen Male.'
,Aber Josias!'' stieß ich hervor, ,es ist ja Poesie,
ein Roman, den Du uns hier erzählt - und Du bist
ein Dichter.?
,Mein Kind !' bedeutete er mich, ,die Jugend
und die Liebe sind an sich die wahre Poesie, nur daß
wir's oft erst inne werden, wenn sie entschwunden
sind, wenn wir sinnend an der sanften Herrlichkeit
des Alpenglühens es erkennen, wie hell die Sonne

b=- hZF--
auch uns dereinst geleuchtet. Wer wahrhaft ge-
liebt hat, hat sein Theil dahin! - Doch nun zum
Schluß!'
Meuntes Kapitel.
Alle unsere Verhältnisse waren von meinem
Vater auf das Sorgfältigste geordnet. Wir waren
reiche Leute. Es haftete keine Schuld auf meinem
Gute, außer dem eingebrachten Vermögen meiner
Mutter, das ich ihr zu verzinsen hatte. Als das
Ende des August und mit ihm meine Mündigkeit ges
kommen war, legte der Graf mein Vermögen in
meine Hände, und ich konnte nach eigenem Ermessen
vorwärts gehen. Die Ernte war sehr reich aus-
gefallen, ich hatte mit einem eigenen Boten einen
Erntekranz nach Berlin auf meines Vaters Grab
geschickt, geflochten aus den Aehren, zu denen er noch
die Saaten streuen ließ; und der Erntetanz und
das Erntebier hatte unseren Leuten nicht gefehlt.
, »e


b.
= 1ZZ -
Mit dem Beginn des Herbstes gab es mehr und
mehr für mich zu thun. Die Bestellung der Felder,
der Forst nahmen mich in Anspruch. Ich hatte die
beiden letzten Jahre nur mir selbst und dem Genuß
gelebt, ich fand jetzt in der Arbeit fast größere Be-
friedigung, als in dem Reiseleben; und betraf ich
mich darauf, daß ich nach einem Vorwand suchte, der
mich nach Dambow führen konnte, so wies ich ihn
zurück. Neben meinen anderen Beschäftigungen spielte
ich Komödie mit mir selbst, und betrog, wie ich mußte,
mich mit tugendhafter Lüge.
Sah ich doch an jedem Sonntag in der Kirche,
wie Franull sich immer strahlender entwickelte! Konnte
ich sie doch ungestört beobachten, wenn sie die Blicke
niedersenkte in das Gesangbuch, wenn ihre Augen sich
auf den Pfarrer richteten; aber wenn sie sie erhob,
wenn sie mich streiften - ach, nicht wie eine Heilige
sah sie aus - sie war mit ihrem goldgelockten Haar
die strahlende, farbenprächtige Aurora, die auf den
Bildern der alten Meister mich entzückt - die Aurora,
die dem Sonnengott voranzieht, das glorreiche Licht

- 1I -
des Tages zu verkünden. Mit meiner Andacht freilich
war es schlecht bestellt.
Wir sprachen den Grafen und seine Tochter nach
wie vor an jedem Sonntag nach dem Gottesdienste,
und da Franull immer mehr zuur Dame werdend, an
sicherer Haltung gewann, wurde ganz von selbst unser
Verkehr einfach und natürlich. Ich freute mich dessen;
denn was sollte daraus werden, wenn sie und ich es
einander gegenüber nicht vergessen konnten, daßsie einmal
ein Kind gewesen war, wenn ich es überhaupt nicht lernte
zu vergessen, wenn ich dem Grafen meine Liebe für die
Comtesse verrieth und ihn damit nöthigte, mir den
Zutritt zu ihr zu versagen? - Aber mit aller meiner
Weisheit und Vernunft stand ich dabei doch immer
auf dem alten Fleck! Ich liebte die Comtesse. Ich
liebte die Jungfrau mit Leidenschaft, die ich als ein
Kind geliebt; jedoch des Grafen Mahnung hatte ich
nicht vergessen. Ich wwar Herr über mich geworden,
und ich blieb es bis auf die eine letzte Stunde.
Kaum ein Monat verging, in welchem ich nicht
ein oder zwei Mal nach Dambow kam und immer

i
!

fand ich
Berliner
adel, der
b= 1ZH--
Gäste dort. Sie gehörten meistens den
Adelskreisen an; denn der märkische Land-
immer sehr ausschließlich gewesen, war dies
seit dem Ausbruch der französischen Revolution nur
noch mehr geworden, und der Graf hatte sich dem-
selben nicht genähert, weil er sich der Möglichkeit
nicht aussetzen durfte, seine Tochter nicht nach seinen
Wünschen aufgenommen zu finden. Es sah ja am
Ende des vorigen Jahrhunderts ganz anders bei uns
aus als jetzt, weil sich gleich nach den Freiheitskriegen
bei uns viel geändert,
einander in Reih und
in denen alle Stände unter-
Glied für das Vaterland ge-
fochten, in denen der
Bürgerhause, der Sohn
verwundete Grafensohn im
des Handwerkers seine Pflege
gefunden hatte von der Fürstentöchter Händen!
Der Graf hatte, seit er die Tochter anerkannt,
sich an eine bestimmte Jahreseintheilung für seine
Lebensweise gewöhnt. Im Frühjahr besuchte er das
Karlsbad, im Winter verlebte er während der Gesell-
schaftszeit zwei Monate in Berlin, und die Tochter
und Madame Fleuron waren dabei seine beständigen

-- 1ZG--
Begleiter. Die Comtesse müsse Uusagge äu monäe
gewinnen, sagte der Graf. Madame Fleuron, die
mit meiner Mutter eng befreundet war, gab zu ver-
stehen, daß er sie natürlich zeitig zu verheirathen denke,
damit sie nicht allein stehe in der Welt, wenn er
früher oder später abgerufen werden sollte, In ihren
Verhältnissen konnte sie ja auch eines Beschützers
und Haltes weniger entrathen, als jedes andere
Mädchen.
, Und hat der Graf einen bestimmten Gatten
für sie im Auge?'' fragte einmal meine Mutter.
Madame Fleuron entgegnete, sie wisse das nicht,
aber sie glaube, daß eine entfernte Verwandte des
Grafen, an die Comtesse für einen ihrer Söhne
denke.
,Was hilft das Denken der Mutter,'' sprach die
meine, ,wenn Gott nicht die Herzen der Kinder lenkt!''
----- und ich hatte keine Mühe zu verstehen, was sie
damit meinte. Ich hatte es abgelehnt, eine meiner
Cousinen zu heirathen, die Tochter des Rechnungss
rathes, in dessen Hause ich dereinst gelebt; und ich

!
-- PZ? -
mußte lächeln, als Madame Fleuron tröstend vec-
sicherte, was nicht geschehen sei, könne deßhalb doch
immer werden, und der rechte Augenblick erfülle oft
plötzlich, was man vergebens lang erwartet!- Nun,
er ist nicht gekommen dieser Augenblick für mich; aber
für
zur
und
die Verwandte des Grafen, welche sich Franuull
Schwiegertochter ausersehen, kam der Augenblick,
wir kannten diese Verwandte bereits, sowie
den Sohn, für den sie um die schöne reiche Erbin
warb.
Schon bei meiner Heimkehr von der. Reise hatte
die Baronin v. Klothen einmal in Dambow ges
troffen. Sie war älter als meine Mutter, dem
Grafen irgendwie aber sehr entfernt verschwägert,
eine Frau von sanfter, vornehmer Haltung, mit klugen
Augen und freundlichem Ton in der Sprache. Ver-
mögend von Hause her, hatte sie einen Herrn
v. Klothen geheirathet, der Hofmarschall eines der
Prinzen, und ein schöner Lebemann gewesen war.
Er hatte das Vermögen der Frau verspielt, war zeitig
gestorben und hatte die Baronin mit ihren drei Söhnen

-=- 1 ZF--
in beschränktesten Verhältnissen zurickgelassen. Mit
dem Beistand, welchen der Hof ihr gewährt, hatte sie
ihre Söhne zu braven Männern erzogen. Des Vaters
Beispiel hatte ihnen zu einer heilsamen Lehre gedient.
Die beiden Jüngeren waren im Militär, der Aelteste,
Baron Hans v. Klothen, der viel Sprachtalent besaß
und sich eine allgemeine Bildung angeeignet hatte,
wurde im Ministerium des Auswärtigen beschäftigt.
Er war ein paar Jahre älter als ich und ein schöner
Mann.
Die Baronin kam allmälig häufiger zum Besuch
nach Dambow und verweilte bei jeder Rückkehr länger.
Sie war von zarter Gesundheit, versicherte, die Ruhe
thue ihr so wohl, und da sie sich anspruchslos erwies,
war sie dem Grafen eine angenehme Gesellschaft, ein
gutes Vorbild für Franziska, die sich bald an sie ge-
wöhnte, weil die Baronin sich ihr mit Vorliehe ge-
fällig zeigte. Es währte denn auch nicht lange, bis
man in der Pfarre davon sprach, Madame Fleuron
denke daran, in ihre Heimath nach der Schweiz zurück
zu kehren, und die Baronin werde sie ersetzen, weil


--- 1Zß-
der Graf eine Dame neben ihr haben müsse, die hof-
fähig sei und seine Tochter an den Hof begleiten
könne. Im Rentamte zu Banwitz und in der übrigen
Nachbarschaft ging das Gerücht, der Graf werde sich
mit der Baronin verheirathen. Seit ich zum ersten
Mal den schönen Baron Hans neben Franull ges
sehen hatte, wußte ich, was ich davon zu halten hatte;
und es war das ja auch völlig in der Ordnung, es
mußte so, es konnte gar nicht anders sein! Ob sie
Baron Hans oder einen anderen Edelmann zum
Gatten nahm - erleben, erleiden mußte ich es
doch einmal.
Die Thatsache, daß Madame Fleuron entlassen
wurde, ergab sich bald als richtig. Im zweiten Früh-
jahr nach meiner Nebernahme von Schönfelde, als
wieder die Badereise nach Karlsbad vor der Thüre
stand, fuhr an einem Nachmittage der gräfliche Wagen
bei uns vor. Der Diener meldete die Frau Baronin,
Madame Fleuron und die Comtesse von Dubimin.
Was hatte das zu bedeuten?- Die Baronin
war nie zuvor in unserem Hause gewesen, Franull

-=- j gßs -
hatte es seit lange nicht mehr betreten, der Graf war
stets allein gekommen, und ich hatte mir das zu deuten
gewußt, denn sie hatte es nie hehl gehabt, daß sie
Vorliebe füür mich hegte, und er kannte ihre Natur,
unnd
ihn
behandelte sie danach.
Die ganze Liebe, welche das arme Kroatenkind fitr
gehegt, hatte es mit seinem Blute auf die Tochter
vererbt, die bei ihrem frühreifen und scharfen Verstande
nebenher klar einsah, was sie der Zärtlichkeit ihes Vaters
verdankte. Er durfte sicher sein, Alles von ihr zu er-
erlangen, wenn er sie nicht durch Strenge an die
Willenskraft erinnerte, die sie ebenso geerbt hatte von
ihm, mit dem stolzen Sinn der Grafen von Dubimin,
wie von dem Kind des Volks.-- Was war geschehen,
das den Grafen bestimmte, von dem bisherigen Ver-
halten abzuweichen?-- Weil ich mir es nicht erklären
konnte, regte es mich auf.
Ich eilte unsere Gäsie zu empfangen, auch meine
Mutter kam ihnen entgegen. Ich hatte der Baronin
den Arm zu bieten; sie sagte meiner Mutter, da sie
fortan in Dambon leben werde, habe sie gewüinscht,

- hH! -
sich als Nachbarin vorzustellen. Madame Fleuron
sprach von ihrer Abreise und wollte mit diesem
Besuche zugleich Abschied nehmen. Es war die
Rede davon, die freundliche gegenseitige Gesinnung
auch ferner aufrecht zu erhalten zwischen den Hausfrauen
von Schloß Dambow und Schönfelde. Es wurde,
während wir durch den Garten nach der Mooshütte
schritten, viel leeres Höflichkeitsstroh gedroschen, ich
half dabei, wie sich's gebührte. Die Comtesse ging
ruhig nebenher.
Ich athmete auf, als ich die Baronin in die
Hütte geleitet, als die beiden fremden Damen sich
auf dem Kanapee niedergelassen hatten, als man den
Kaffee trank, und ich endlich, etwas seitab sitzend mit
Franull, sie fragen konnte, was uns die Ehre ver-
schaffe, auch sie einmal wieder bei uns begrüßen zu.
dürfen.
,Mein Verlangen hierher zu kommen, und die
gute Tante Klothen! Ich bin auf Probe in Vakanz!''
gab sie mir zur Antwort, ohne eine Miene zu ver-
ziehen.

-- !F-
,Wie soll ich das verstehen, gnädigste Comtesse?
fragte ich wieder.
,Erklären Sie sich's vorläufig, wie Sie wollen!
Ich sag' es Ihnen später!?!--
Die Unterhaltung mit den Anderen ging daneben -
ruhig fort, und während mich die Ungeduld verzehrte,
wurde mir die Gelassenheit Franull's nur räthselhafter.
Nahezu eine Stunde mochte so hingegangen sein, als
die Damen sich erhoben, eine Promenade durch den
Garten zu machen, den ich in den letzten beiden Jahren
nach der Forstseite eröffnet und so weit ausgedehnt
hatte, daß er sich parkartig in den Wald hineinzog
und verlief. Bei dem Herumgehen war es leicht für
mich, an Franuulls Seite, den Anderen ein Ende
voraus und aus dem Hörbereich zu kommen. Als
sie das bemerkte, fing sie von selber zu sprechen an.
,Sie wundern sich, mich hier zu sehen, Herr
Courville!'' sagte sie, ,aber ich hoffe, Sie werden sich
noch mehr gewundert haben, mich hier nicht gesehen
zu haben seit Ihrer Rückkehr. Daran aber trage ich
allein die Schuld.?

==- PgZ -
,Sie, Comtesse? Sie wollten also nicht mehr zu
uns kommen?'
,Ich hatte mir selbst die Möglichkeit dazu ver-
scherzt; durch mein ungehöriges Betragen bei Ihrem
ersten Besuche in Dambow, nach Ihres guten Vaters
Tod. Ich lerne es leider etwas schwer, mich zu be-
meistern; ich tanze dann immer auf bem Seill Vor
Ihnen kann ich das ja sagen!'' schaltete sie mit einem
spöttischen Lächeln ein, das sie viel älter erscheinen
machte als ihre sechzehn Jahre. -- ,ßor Anderen
betrage ich mich schon völlig eomwwe gur ssng. Ich
wollte, Sie sähen mich in Berlin!''
,Ich bin glücklich genug, Sie hier zu sehen,
Comtesse!'' entgegnete ich ihr. Ich durfte ihr auf
dem Weg nicht folgen, den sie eingeschlagen. Ich
wollte das Vertrauen des Grafen verdienen, wollte,
und das war doch die Hauptsache, mich der Freude
nicht berauben, sie auch künftig wieder zu sehen in
meinem Hause.
Sie nahm jedoch die Worte, die wie eine leere
Höflichkeit klingen sollten, in ihrem wahren Sinne.

=- j H H=-
, Und glauben Sie, daß ich nicht ebenso von
Herzen froh bin, hier zu sein?! fiel sie mir in die
Rede mit der Lebhaftigkeit, mit welcher sie zu sprechen
gewohnt war. ,Ich habe lang danach getrachtet,
hierher zu kommen; Ihre Mutter und Sie in dem -
Garten, in dem Hause wieder zu sehen, in welchem
ich willkommen und geliebt war, bevor man sich
anderwärts entschloß, mich auch nur zu bemerken.
Ich sehnte mich förmlich danach, in das Haus zu-
kommen, in dem ich meine arme Mutter nicht zu
verleugnen brauche, wie ich es ja sonst überall --
außer in der Pfarre - thun muß, wenn ich ihr
gleich sein will in ihrer Liebe und in ihrem Gehorsam
für den besten aller Väter, wenn ich seinem Willen
und seinen Planen nicht entgegen handeln will.
Glauben Sie es mir, Josias, ich tanze auf dem Seil!
Aber ich falle nicht herunter. Wir Dubimins haben
feste Köpfe. Um mich soll mein Vater keine trübe
Stunde haben !'!
, Comtesse Franziska!'' warnte ich, und Gott weiß
es, was es mich kostete, ,nicht weiter!,Wenn der Herr
l

- PHJ--
Graf, die Frau Baronin es hörten, wie Sie die
schmerzliche Vergangenheit heraufbeschwören !''
,Sind Sie auch pedantisch geworden, wie der
Kandidat, wie die gute Fleuron? Wollen Sie ihn mich
nicht genießen lassen, den Nachmittag, den ich mir als
Tugendpreis von der Tante Klothen dafür errungen, daß
ich jeht ganz somne il kaut und durchaus präsentabelbin?
Schämen Sie sich, Josias! Könnte ich denn meinen Vater
lieben, anbeten, wenn ich meine Mutter zu vergessen
im Stande wäre? Ich kenne Sie nicht mehr, Josias!
Hatten Sie nur Mitleid mit dem Kinde, gls es scheel
angesehen wurde, und nicht mehr mit mir?
,Mitleid mit Ihnen, Comtesse! die Sie=-
Sie ließ mich nicht weiter sprechen.,Ja! Mit-
leid mit mir, trotz all dem Glanz, trotz meines Vaters
Liebe! O! wir haben nicht Zeit, viel Worte zu ver-
lieren, und Sie dürfen mit mir nicht umgehen wie
die Männer, die der reichen Erbin huldigen! In
Verhältnissen wie die meinen, wird man zeitig klug.
Ich habe sehen, hören, verstehen gelernt in dem Alter,
-?? ;?; -- ===- =-

-- 11ss--
Ich ütbersehe meine Zuuustände sehr klar und ich kenne
meine Pflichten ebenso.?
Diese Seelenstärke hatte ich nicht in ihr ver-
muthet; aber sie rief die meine auf, so schwer es
mir ward, mich zu behaupten. Ruhig und ernst, als.
hämmerte mir das Blut nicht in den Schläfen, als
dränge mein Herz mich nicht, niederzuknieen vor ihr,
sagte ich: ,Ich weiß das, fühle ja das Alles! aber
wohin soll es Sie führen?
Sie blieb stehen, sah mich an, dann gab sie mir
die Hand. ,Sie haben recht!'' sagte sie, ,und nun
ist's ja auch gut. Nun habe ich, was ich gewollt, was
mir gefehlt hat.-
Ihr Ton, ihre Mienen waren wie umgewandelt.
Sie blickte mir fest ins Gesicht und wiederholte:,Nun
habe ich, was ich gewollt!''
, Und was ist das? Was hat Ihnen gefehlt?
Was haben Sie gewollt?
,Ich habe mir's einmal, vom Herzen sprechen
wollen, was mir seit lange, und vollends seit ich
die Gräfin Dubimin geworden bin, wie eine schwere

= 1? -
Last auf demt Herzen gelegen hat; und- sie reichte
mir abermals die Hand- ich behielt sie in der
meinen, ,ich habe wie Sie, nicht Bruder und
nicht Schwester! ich habe keine Mutter, keine Kind-
heits-, keine Jugendfreundin, Niemand als meinen
Vater. Aber ich weiß es ietzt, ich weiß es ganz bes
stimmt, jetzt habe ich an Ihnen den Freund gefunden,
dem ich mein Herz ausschütten kann, wenn es einmal
mir gar zu schwer ist. Sie sind der Freund in der
Noth meines Alleinseins !?
,Ihr Freund auf jede Probe !'' betheuerte ich,
ihre Hand an meine Lippen pressend, und ich durfte
ihr nicht sagen: ich bete Dich an! Ich durfte ihr
nicht die stolze Stirne, nicht die Thränen fortküssen,
die in ihren Augen perlten und die sie zu zerdrücken
strebte, als sie mit lächelndem Munde, die Hände zus
sammenschlagend, ausrief: ,Gottlob! nun ist mir wohl!
Nun bin ich nicht mehr allein! Ich habe einen Ver-
trauten, einen Freund! Ach Josias, Sie wissen
nicht, was das für mich heißt und wie ich's Ihnen
danke!''

-- h 1Z =-
Es war gut für mich, daß aus der Seitenallee
die drei Frauen heraus- und vor uns hintraten, daß
ich, ihrem Lob der neuen Anlagen zu begegnen, mich
mit ihnen zu beschäftigen hatte, und daß die Anwesen-
heit unserer Gäste nicht mehr lange währte. Ich -
sprach Franull nicht mehr allein, sie sah heiter und
zufrieden aus, redete mit voller Unbefangenheit zu
mir. Eine Schwester konnte sich dem Bruder gegen-
über nicht sicherer und ruhiger betragen. Mir war
nichts weniger als brüderlich zu Muthe. Ich war
ans Kreuz geschlagen und sollte lächeln! Ich brachte
es zu Stande. Ich hielt auch Stich, als meine Mutter
mir von dem Aufsehen erzählte, welches die Schön-
heit der Comtesse in Berlin erregt; aber die alten
Maler, welche uns die lächelnden Märtyrer gemalt,
haben sehr wohl gewußt, was sie thaten, wenn sie
dieselben meistens von Menschen umgeben dargestellt
haben.
Als ich mich endlich allein fand, brach der
Schmerz wild in mir hervor. Ich fragte mich wieder
und wieder: was ist es mit der Gewalt unserer Liebe,

-= P49 -
wenn diejenige sie nicht empfindet, der sie geweiht ist,
die wir mit aller ihrer Gluth umfangen? Sah, fühlte
Franull es nicht, daß sie mein ganzes Dichten und-
Trachten war? Klang Nichts in ihrer Seele wieder -
von alle dem, was die meinige erfüllte? Oder betrog
sie sich? Wußte sie Alles, und wollte sie mir helfen -
fortzukommen über das Unabänderliche? Ich fand -
mich nicht zurecht. - Ich bewunderte sie, ich segnete -
sie, ich grollte ihr, ich nannte sie fühllos! Ich ver-
wüünschte alle ihre Bewunderer und Bewerber, Hans
von Klothen an ihrer Spitze! Ich verwünschte des
Grafen Liebe für seine Tochter, ihre Anerkennung
und die ehrbare Bürgerlichkeit meiner Familie. E
stand ja das Alles mir entgegen. Ein Landloser, ein
Landstreicher hätte ich sein mögen wie der Kroat und
s
mit ihr, dem ehrlos geborenen Kinde, fortziehen mögen-
in die weite Welt, über das Weltmeer hinweg, mir-
meine eigene Welt, mein Liebesglück, mein täglich -
Brod und einen eigenen Namen und neue, eigene -
.=R

- 1Jß --
sich meiner bemächtigt! - und Franull ging in be-
glückender und beglückter Kindesliebe ruhig ihres
Weges, als hätte sie kein Herz in der Brust! Stützen
wollte sie sich an mir, halten wollte sie sich an mir!
sich halten an mir!-- Und ich war selber ein Halt-
loser, der empörten Sinnes, nur gebunden durch die
Macht der Gewohnheit, der Erziehung, in der Tret-
mühle des Alltagslebens, dies Leben und sich selbst
verfluchte, während er, sich selber darob verspottend,
an jedem Tage sein Tagewerk abhaspelte, wie es eben
als ein Gebotenes vor ihm lag.
An jedem Morgen fragte ich mich: wird heut
die Nachricht kommen, daß sie der Graf verlobt hat?
Und wenn der Gedanke daran mich genugsam
geguält, so wünschte ich, wär's erst geschehen, damit
ich Ruhe fände!-- Aber sie waren im Bade ges
wesen, heimgekehrt, hatten uns besucht, wir hatten
den Besuch erwidert, und Alles war still, war geblieben
wie bisher, und es kamen sogar weniger Gäste in das
Schloß als in den beiden letzt verwichenen Jahren;
denn die wachsenden Schrecken der französischen Re-

-- 15 --
volution nahmen dem grundbesitzenden Adel. das
Gefühl der Sicherheit, in welchem er überall und
vornehmlich bei uns in der Mark bisher gelebt. Was
jenseits des Rheines geschehen war, konnte auch bei
uns geschehen. Wie vor einem fernen, furchtbaren
Erdbeben fühlte man den eigenen Boden unter den
Füßen mit erzittern; und die großen Weltereignisse,
ebenso wie das Stillleben, das mich für den Augen-
blick umgab, fingen doch an, mich allmälig zu be-
ruhigen. Wie nach einem hittigen Fieber kam ich zur
Besinnung. Ich nannte mich einen Thoren, daß ich
mich und mein Glück so wichtig genommen! Was
war der Einzelne werth? was war an mir gelegen,
wenn ein Herrscherpaar enthauptet worden war, wenn
täglich Bessere, Wichtigere als ich, ihr Leben lassen
mußten auf offenem Platze unter Henkers Hand?
Nun gut! ich war nicht glücklich! ich konnte es
nie werden! Aber weshalb sollte ich mich des Guten,
das ich noch genießen konnte, nicht erfreuen? -- Ich
konnte jetzt sie öfter, immer öfter sehen! Der Graf,
der sich wieder an Geselligkeit gewöhnt, sah mein

-=- 1IL--
Konmnen gern, forderte mich dazu auf. Franull's
heiterer Gleichmuth machte ihn sicher, wiegte mich ein.
Fch fing an, mir in der Entsagung zu gefallen, ich
bildete mir ein, meine Leidenschaft in einen Kultus
verwandelt zu haben. Es waren sanfte, schöne, glück-
selige Tage voll lauter Selbstbetrug, und es war
Niemand, der uns darin störte; am wenigsten die
Baronin, die gute Tante Klothen, wie sie ein Jeglicher
im Hause, ja in der ganzen Gegend hieß.
Die beiden jüngeren Söhne der Baronin standen
im Heere jetzt an der Grenze, Baron Hans war schon
vor Jahr und Tag als Legationssekretär der Gesand-
schaft in Wien beigegeben. Er schrieb sehr regel-
mäßig. Die Briefe wurden im Schlosse viel besprochen,
die Berichte von dem Leben am österreichischen Hofe,
die Schilderungen der verschiedenen Personen waren
sehr interessant; die Grüße an die Comtesse, an die
holdselige, gnädige Eousine, an den schönen Wildfang
fehlten nie. Ab und zu, wenn die Entsendung eines
sich gefällig erweisenden Couriers es ermöglichte,
sendete Baron Hans seiner Mutter ein Geschenk, und

-- 15Z --
es lag dann meist irgend eine elegante Kleinigkeit
dabei, von welcher der Absender erhoffte, daß Com-
tesse Franziska es nicht verschmähen würde, sie anzus
nehmen; und diese Zwischenfälle erregten immer
Freude, wie jede Abwechslung in dem gleichförmigen
Dasein auf dem Lande.- Ich sah und erfuhr das
Alles. Manchmal, wenn ich meine ruhigen Tage hatte,
nahm ich's wie ein Selbstverständliches hin; an andern
Tagen, wenn Franull's Zutraulichkeit meine Leiden-
schaft mehr als sonst erregte, fand ich es unerträglich,
neben ihr den Tag der Entscheidung erwarten zu
sollen. -- Nun ist's genuug! heute bist Du zum letzten
Mal in Dambow gewesen! sagte ich mir, wenn ich
sie verlassen! - Und ehe die Woche zu Ende war,
fand ich mich auf dem alten Punkte, die Tage zählend,
die seit meinem letzten Besuch im Schlosse verstrichen
waren, und überlegend, wann die gebotene Zurück-
haltung es mir gestatten würde, wieder gen Dambow
zu reiten und sie wieder zu sehen!- Das Ende
stand ja doch vor der Thüre bald genug! Aber von
den in Paris zum Tode Verdammten drängte sich ja

-=- hJz--
auch keiner dazu, die Guillotine zu besteigen! Jeder
Tag, jede Stunde des Aufschubs war Gewinn und
Gluc!
Und so ward es noch einmal Sommer und Herbst
und Winter und Frühling; und wie unser Herrgott
seine Sonne scheinen ließ über Gerechte und Un-
gerechte und über all mein Glück, all meine Ver-
zweiflung, so ließ er es auch wachsen und gedeihen
um uns rund, und Franull blühte in ihrem achtzehnten
Jahre schön wie die Natur um sie her; und in
Dambow stand die Karlsbader Reise vor der Thüüre.
Sie sollte wie immer am ersten Juni angetreten
werden. Am neunundzwanzigsten Mai fuhren meine
Mutter und ich nach Dambow, um die Herrschaften
noch einmal zu sehen, bevor sie gingen.
Dort angelangt, fanden wir den Grafen nicht zu
Hause. Er war zu einer Taufe in der Nachbarschaft
und wurde erst am Abende zurückerwartet. Wir
wurden wie immer herzlich empfangen, erfuhren gleich
bei der ersten Unterhaltung mit den Damen, daß die
Baronin und die Comtesse, seit wir sie zulett gesehen,

--- 1J -
in Berlin gewesen waren, Einkäufe an Kleidern, Put
und Schmuck zu machen; und während die Baronin
meiner Mutter eine und die andere dieser Herrlich-
keiten zum Ansehen herbeiholen ließ, schlug die Com-
tesse mir vor, in den Garten hinaus zu treten.
Das war oftmals geschehen, seit sie mich zu ihrem
Vertrauten gemacht. Sie hatte dann in aller Seelen-
ruhe mit mir von jenen kleinen Ereignissen geplaudert,
die sich zugetragen, sie hatte auch von den Büchern
gesprochen, mit denen sie sich gerade beschäftigt, ab
und zu war von den Hilfsleistungen die Rede gewesen,
mit welchen der Graf jetzt mehr noch als bevor sich
seiner Unterthanen annahm und bei denen er die
Baronin und die Comtesse sich zur Hand gehen ließ,
um eben ein gutes Verhältniß zwischen der Herrschaft
und den Leuten fortbestehen und die Leute nicht auf-
sässig werden zu machen; und von dem Allem hatten
wir verhandelt, als wäre ich wirklich ihr ein Bruder,
nur ein Bruder! nicht eben ich!
An dem Abende jedoch waren wir schon ein
ganzes Ende vom Schlosse entfernt, ohne daß sie ein

==-- ! Jhs---
Wort gesprochen, und mir war es gleich am Anfang
aufgefallen, daß ein Schatten über ihrer Stirne lag.
Sie war trotz ihrer Freundlichkeit ernster gewesen als
sie sich zu zeigen pflegte. Es überfiel mich eine
Bangigkeit. Ich mußte wissen, was es mit ihr war.
,Sie sind so schweigsam, theuerste Comtesse!
darf ich fragen, was Sie innerlich beschäftigt? denn
beschäftigt sind Sie!'' sagte ich.
,Wie Sie mich kennen !' entgegnete sie mir, sah
aber zu Boden, nicht mir ins Gesicht. -- ,Es ist
wirklich eine Füügung Gottes, daß Sie gerade heute
noch gekommen sind, denn ich wäre sehr ungern fort-
gegangen, ohne daß Sie's wußten; und seit all den
Tagen habe ich gesonnen und gesonnen, wie ich es
Ihnen kund thun sollte; denn Ihnen schreiben konnte
ich doch nicht!''
,Sie wollten mir schreiben, daß Sie am ersten
Juni reisen werden? Das stand ja fest, als ich die
Ehre hatte, Sie zum letzten Mal zu sehen !''
,Nein! das nicht!'' sprach sie mit einer Befangen-
heit, die mich mit ergriff und mich erschreckte.

-- 1??--
,Aber was denn? was denn wollten Sie mir
schreiben?
,Was Sie'' -- ihre Stimme wurde immer
weniger sicher ---,was Sie, Courville! = Sie, der Sie
mich ja kennen -- mein Vertrauter, mein vertrauter
Freund sind!-- Wissen mußten Sie's vor allen
Anderen- ?
,Reden Sie! reden Sie! was soll ich erfahren??'
rief ich mit angstvoll dringender Bitte. Ich konnte
ja nicht zweifeln, was es war.
,Sie stockte, nahm sich zusammen und sagte:
,Es ist eigentlich kindisch, daß man so davor bangt,
so Etwas auszusprechen, Etwas, das sich die Spatzen
auf den Dächern schon lang erzählt haben.?-- Und
wieder stockte sie:
Wie um mich, um sie zu halten, hatte ich ihre Hand
ergriffen. Mir schauderte vor dem Wort, das ich doch
hören mußte. Sie hielt meine Hand in der ihren fest.
,Ich sehe, Sie wissen' !' begann sie auf das
Neue, ,also kann ich kurz sein! Wenn wir nach
Karlsbad kommen, finden wir den Vetter Klothen

== h JZ --
s
schon dort, und - dann-- nun, Sie wissen's ja!
dann wird unsere Verlobung gefeiert !''
,Franull! Franull !'' schrie ich auf, meiner selbst
nicht mächtig; aber in demselben Augenblicke hing sie
an meinem Halse, preßten wir Brust gegen Brust,
brannten meine Lippen auf den ihren, und bebend
unter meinen Küssen rief sie:,Ich hab's ja nicht
gewußt! nicht geahnt! - Wie konnte ich, da es ja
immer, immer so gewesen ist!''
,,Franull !'' rief ich wieder - ,immer! immer
so gewesen ! -- Ich kannte sie, mich selber nicht
mehr; der jähe Wechsel war zu groß
,Immer! immer !'' sprach sie mir nach.,Ee,
jett weiß ich's! jetzt! Ich habe Dich geliebt! geliebt
wie die Augen in meinem Kopfe, ohne je daran zu
denken, daß ich sie habe. Und weil's immer so ge-
wesen, hab' ich's nicht gemerkt! Es war mit mir
geboren, glaub' ich, mit mir geboren wie die Liebe
für meinen Vater !''
Sie ließ die Arme sinken, machte sich von mir
los. Ich wollte sie halten.

-=- P59 =-
- z==aaaaaJ,aa ,aaaaaaaaaaaaaaagp.aaaaaaaagggggggs ,, aao,aaaaa,aa- asg ,. =aaa aaaaaaaaaaaaaaaaaa.ggg,,aag,ggg,gg,gg,,.ööGgögpööör
, Laß mich! laß mich !'' stieß sie hervor. -
,Mein Vater!-- Ach! mein Vater !'' und heiße
Thränen entströmten ihren Augen. --
Wie ein Blitzstrahl war das Wort niedergefahren
zwischen ihr und mir.
, Er wird nicht unerbittlich sein !'' sagte ich trot
der Gewißheit, daß er's sein würde. Es war uns
nicht zu helfen.
, Er wird es sein, er muß es sein!'' sagte Franull.
,, Ich habe ihm, er hat dem Vetter sein Wort gegeben!
Ich, grad' ich darf meinem Vater mein Wort nicht
brechen, und er bricht auch das seine nicht. ---
Andere Töchter mögens können! Aber es ist nicht
zwischen mir und meinem Vater, wie zwischen Anderen!
Oder könntest Du mich lieben, könnte ich vor ihm,
vor Dir die Stirn erheben, wenn ich ehrlos handelte
gegen ihn, der mir mehr gegeben als das Leben, der
mir seine Liebe gegeben, seine Ehre, seinen Namen?
Der sein Leben neu auferbaut hat in seiner Liebe
für meine Mutter und für mich ?'
,Und mit der Liebe, die Du, Du Abgott meiner

--- 1ß-
Seele mir eingestehst, mit der Leidenschaft, die uns
durchzittert in dem seligen Augenblick, den Du geruht
an meiner Brust, mit dieser Liebe willst Du Dich
einem Anderen anverloben, willst Du das Weib werden
eines Anderen?
,Mach' mich nicht wahnsinnig!'' flehte sie, die
Hände zusammenschlagend und wie im Gebet zu mir
erhoben.
,Besinne Dich!'' mahnte ich, auf ihre Liebe
bauend, und hoffend - ich wußte nicht worauf;
denn daß der Graf sie mir nicht geben würde,
, darüber konnte ich mich nicht täuschen, hätt' ich's auch
gewollt.
,Ja !'' sagte sie, ,ich besinne mich, ich komme
zur Besinnung !''-- Und wieder sank sie mir ans
Herz, wieder hielt ich sie umschlungen. Dann richtete
sie sich auf, und mit einer Stimme, deren Wehklage
in mir nachtönen wird in meiner letzten Stunde,
sprach sie:,Nuun geh, und laß mich gehen!''
,Aber was soll denn werden aus Dir? aus
mir?

.- 1ß! -
,Was aus mir werden soll? Was zu sein ich
eben jetzt vergessen: meines Vaters Eigenthum und Hans
von Klothens Frau, zu der er mich bestimmt. Kein
Athemzug soll je daran erinnern, daß ich Dich ge-
liebt, daß ich es Dir gestanden, daß ich diesen Augen-'
blick der Freiheit und des Glücks gekannt! Ich muß
es vergessen, Dich vergessen - vergiß auch Du!?'
Die gewaltsame Fassung, zu der sie sich zwang!
mit ihrer jungen Kraft, brachte mich außer mir, ich
grollte ihr darüber. Unfähig den Gedanken zu er-!
tragen, daß sie mich liebend, geliebt von mir, einen,
Anderen angehören sollte, rief ich:,Franull! bedenke
was Du thust! entehre Dich nicht, unsere Liebe.
nicht! Thust Du's, so ist's mein lezter Tag!?' -
Ihre Arme waren schlaff herabgesunken, sie trat,
von mir zurück starren Angesichtes. Sie sah sich
selbst nicht ähnlich. Ich rief sie an, sie gab mir keine
Antwort. -- ,Franull, sprich, Franull! sage mir
wenigstens, daß Du mich hörst!''
. ,Ich darf Dich nicht hören, ich höre Dich auch
nicht. Die Franull ist jetzt gestorben. Ich muß sie
Fanng Lewald, Josias.
1

-- l ts.-
vergessen, Dich vergessen, diese Stunde! Alles! Alles!
Kein Wort mehr zwischen Dir und mir! - Und
kannst Du nicht leben-- nun! Mach mich nicht
wahnsinnig !'' rief sie noch einmal, sich selber unter-
brechend.,Soll ich denn leben mit dem Bewußtsein,
Dich gejagt zu haben in den Tob?'
,Lebe, lebe, Du Engel meines Lebens !'' rief
ich.,ßebe, Franull! Ich will nicht kleiner sein
als Du! Ich will leben, weil Du leben mußt! Es
soll kein Schatten fallen auf Deine Zukunft! aber
vergessen kann ich nicht! Ich will's im Herzen tragen
für uns Beide, will's bewahren in mir, unser, ach!
so kurzes leidensvolles Glüc!=- Und nun ein letztes
Lebewohl!-- Lebewohl!'' Und noch einmal hielt ich
sie -- dann war's zu Ende!
Behntes Lapitel.
Josias fuhr sich mit der Hand über die Stirne
und trocknete sich dabei die Augen, die ihm feucht
geworden waren.

==- 1isZ--
, Josias, guter Josias!'' rief ich, ,ach, nun ver-
stehe ich's! Nun weiß ich, was Du gemeint, als
Du das Wort gesprochen, das mich damals so schwer
gekränkt hat, als Du den Werther einen Feigling,
einen Deserteur genannt, der sein Leiden höher an-
geschlagen als das Leiden und als das Glück der
Geliebten!''=-
Er wiegte schweigend das Haupt. Meine Mutter
fragte, was meine Worte bedeuteten. Ich hatte es
ihr zu erklären, und wie ich es that - ich konnte mir
nicht helfen, und warum sollt' ich's nicht?- da kniete
ich vor ihm nieder und küßte ihm die Hand.
,Recht so!'' sagte die Mutter. ,Verdient es -
Einer, daß man ihn mit Verehrung liebt, so ist es
unser Freund! --- Jetzt erst sind Sie ganz der Unsere,
wir die Ihren! - Und nun nur noch das Eine:
Wie ward's danach mit Ihnen? Haben Sie die
Gräfin in der That nicht mehr gesehen?''
,kn den ersten Jahren sah ich sie nicht! - - Ich
hatte es zu vermeiden für uns Beide. Später habe
ich sie oft gesehen. Zuerst einmal, als sie an mir

- hisg.-
vorüberfuhr ,lnter den Linden?, an ihres Vaters
Seite, ihr Gatte und zwei schöne Knaben mit einer
Wärterin ihr gegenüber; und später, noch ganz
neuerdings habe ich sie im Theater gesehen mit ihrem
Manne, mit ihren verheiratheten Kindern. Das
Leben hat eine heilende Kraft und die Narben hören
auf zu schmerzen. Daß ich aber durch jenen ersten
Tag gekommen bin, das ist mir heute noch ein
Räthsel. Als sie mich verlassen hatte, ging sie nach
der anderen Seite, ohne sich umzublicken, dem Schlosse
zu und entschwand mir in der Thüre von ihres
Vaters Arbeitsstube. Ich sah ihr nach, wußte,
daß ich allein sei, und sah sie doch noch immer so
deutlich vor mir stehen, daß ich mich halten mußte,
nicht die Arme auszustrecken in das Blaue.- Mir
bangte für meinen Verstand. Ich schaute um mich
her!- Die Bäume, der Garten, es war Alles so
wie sonst- da blinkte Etwas an der Erde! - Ihr
kleiner Ohrring war es! Ich hob ihn auf. Er war
ein Heiligthum für mich! Er hatte ihr gehört, sie
hatte ihn getragen. Er war mir zugefallen!''

, =- 1ßJ --
Von der Uhr des Wirthschaftshauses schlug es
sieben. Das war die Stunde, zu welcher unser
Kutscher den Befehl erhalten hatte, vorzufahren. Ich
ging nach dem Balkon vor der Baronin Zimmer, wo
wir die- Damen verlassen. Ich fand nur meine
Mutter und in sichtbarer Bestürzung-
,Wo bist Du denn geblieben? Was ist vor-
gegangen? Die Comtesse ist unwohl aus dem Garten
gekommen, hat sich zurückgezogen, ohne bei uns vor-
zusprechen. Die Kammerjungfer ist es der Baronin
melden gekommen, sie hat sich zu ihr begeben und
ist noch nicht zurückgekehrt. Was ist geschehen?
Warum hast Du sie nicht hineingeleitet, wenn sie
sich nicht gut befunden?' fragte meine Mutter in
sichtlicher Bestürzung.
,Sie hat mich geheißen, ihr nicht zu folgen.
Es hatte sie plötlich ein jäher Schmerz in der Brust
befallen.'' --
!
Ich fügte weiter Nichts hinzu, ich fühlte, daß
ich keinen Glauben fand, daß das Mutterauge nicht
zu täuschen war. Die Baronin kam dann auch

==- , ßHs --
herbei, da das Rollen des Wagens sie gerufen.
Sie sprach leichthin über den kleinen Anfall, den
wohl die Hitze dem vollblütigen lieben Kinde zugezogen.
Sigz hatte am wenigsten Grund, mein Bleiben zu
wünschen. -
Wortkarger hatten wir den Weg von Dambow
nach Schönfelde nie zurüückgelegt, und wie große Auf-
regungen den Menschen hellseherisch machen, merkte
ich es meiner Mutter an, daß ihr das Herz befreit
war, daß sie in ihrer Liebe und Sorge für mich
aufgthmete wie nach einem schweren Gewitter, das
man lange heraufziehen sehen und das sich nun ent-
laden. Wozu hätte sie auch führen sollen die Leiden-
schaft, die ich von früher Jugend an fir Franull
gehegt?-- Es war ein Glück, daß der Graf die
Tochter verlobt, daß sie aus unserer Nähe fortkommen
wüürde durch ihre Heirath, weit fort!-- Es war
die Rede von Klothens Versetzung nach Petersburg!
-- Ee würde doch endlich mit mir von einer schicklichen
Heirath zu reden sein, ich würde doch zur Vernunft
kommen müssen.
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=-- 18? -
Nichts von dem allem wurde unterwegs geeI
sprochen! Ich aber hörte das alles heraus aus
meiner Mutter gelegentlichen Bemerkungen während
unseres Abendessens. Und bei dem allem wußte ich
im Grunde doch nicht, was ich hörte oder sprach! Zur
Vernunft kommen! Zu Verstand kommen! Ich
fühlte ner zu sehr, wie sehr ich's nöthig hatte, mich
zusammen zu nehmen, wenn ich ihn nicht verlieren
wollte.
Ich sprach laut mit mir selber! ich weinte! ich
warf mich auf mein Lager in der Einsamkeit meines
Zimmers und sprang wieder auf! -- Verachten Sie
mich nicht, meine Freundin! Lächle nicht über den
Greis, mein Kind! Die Leidenschaft in einer ge-
sunden Seele ist eine dämonische Kreft!-- Ich
hatte die Pistole in der Hand! der Gedanke an
Franull hielt mich zurück! Es lag so lang, so grau,
so öde vor mnir das Leben, das zu leben ich ihr
gelobt.
Durch einen Zufall griff ich in die Tasche. Ihr
Ohrring kam mir in die Hand. Ich drückte ihn an

--- 11ß --
meine Lippen. Ihr warmes Blut hatte gegen ihn
pulsirt, sie hatte ihn lange, lange getragen. Ich
preßte ihn mit fester Hand mir durch das Ohr --
ich trage ihn noch heute! Er soll begraben mit mir
werden.
Und wie dem verirrten Wanderer in tiefem
Dunkel ein Stern auftaucht, so leuchtete inmitten
meiner Verzweiflung der Gedanke in mir auf: Sie
hat Dich doch geliebt! von je geliebt! Sie will es,
daß Du lebst, und Du bist glücklicher als sie. Du
brauchst sie nicht zu vergessen! Du bist frei - und
blelbst es!-- Wollte ich nicht verzweifeln, so mußte
ich mich zwingen, es lernen, mich glücklich zu
preisen.
,Und Sie haben es gelernt! Sie haben es
vermocht, Josias!'' sagte die Mutter, ,sich und Ihr
Leben zu einer Freude für Andere zu machen. Sie
haben empfunden, daß eine große. Liebe den
Menschen, dem sie zu Theil wird, erhebt, ihn
adelt, ihn für sich selber heiligt; und wie Franull Sie
geliebt, so haben Sie bleiben, so haben Sie sich

RRRRRFFFRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRA
= Phß =-
selber sehen wollen für und für! -- Oh! nun verstehe
ich Alles! Darum haben Sie beharrt in der Tracht,
die Sie an jenem Tage getragen!''
,Ja, darum !'' bekräftigte Josias.,Ihr feines
Herz hat es errathen. - Zuerst war's eine Schwär-
merei. Alles, was sie, was Franull berührt, war zur
Reliquie für mich geworden. Dann befing mich die
Gewohnheit und der Reiz des Eigenwillens.?
, Und so - ach, Josias !'' rief ich aus, ,wenn
Du es wüßtest, was für Kopfbrechen es mich gekostet,
wenn sie sagten, Du seiest ein Original! =-' so bist Du
zum Orginal geworden !
Er lächelte. ,Thörichte, liebe Franull!'' sagte
er; aber die Mutter meinte: ,Hätten wir viele solche
Originale wie Sie, die Glück zu finden wissen in
dem Wohl der Anderen, wenn ihnen selber das Leben
nicht gewährt, was sie für sich erstrebt! Was aber
haben Sie gemacht mit Schönfelde, und wie hat
Ihre Mutter sich darein gefunden, daß Sie es ver-
kauft?'
,Sie hat es nicht erlebt !'' antwortete ihr Josias

=-- ( Fhs -
seufzend. ,Es war gekommen, wie die Comtesse es
mir gesagt. Sie war verlobt worden in Karlsbad,
ihre Hochzeit war für den Herbst anberaumt. Ich
wollte, durfte nicht in Schönfelde sein in jenem
Zeitpunkte. Ich hatte wenig Mühe, meine theure
Mutter zu einer Reise in den Süden zu überreden.
Sie hatte selber an eine solche oft gedacht, sie geplant
mit meinem Vater fir die Zeit meiner Rückkehr von
meiner Reise. Wir machten uns im Beginne des
Septembers auf den Weg, und sie genoß die Herbst-
monate wie den Winter in Oberitalien und in Rom
mit großer Freude; aber der tiefe Süden zeigte sich
ihr verderblich. Ein Malariafieber, das sie befallen
in Neapel, entriß sie mir.- Ich kehrte gegen den
folgenden Winter allein nach Schönfelde zurück.-
Der Graf Dubimin-Klothen, so nannte sich der junge
Legationssekretär jetzt mit königlicher Bewilligung,
hatte seine Flitterwochen in Dambow und Berlin
verlebt und sich dann mit seiner Gemahlin nach
Petersburg begeben auf seinen neuen Posten.
Ich sah den Grafen, meinen Pathen, nach wie

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R h f P -
vor. Er und Frau von Klothen blieben mir wohl-
gesinnte Freunde, und ich behielt Schönfelde noch
mehrere Jahre, bis es feststand, daß Graf Hans sich
vom Dienste zurückziehen und mit seiner Frau und
seinen Kindern bei seinem Schwiegervater in Dambow
leben würde, das er ja dereinst zu übernehmen hatte.
Damit war mein Weg mir vorgezeichnet, mein Ent-
schluß gefaßt.
Der älteste meiner Berliner Vettern war ein
tüchtiger Landwirth geworden und ein Mann von
Ehre durch und durch. Er hatte einiges Vermögen
von Haus aus und eine reiche, wackere Fagu! Er
war ein Courville, den die Familie hoch zu halten
hatte. Ihm habe ich Schönfelde abgegeben. Es ist
heute noch im Besitze unserer Familie, und der
König hat meinem Nachfolger in neuester Zeit den
erblichen Adel verliehen. Sie nennen sich jetzt Couur-
ville von Schönfelde!- Das Nebrige, nun, das
wissen Sie! und möge es bleiben zwischen Ihnen,
meiner Freundin, Ihrem theuren Mann und diesem
Kinde und mir so wie bisher! Sie drei haben

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mich'ö vergessen machen, das: ich einsam stehe in der
Welt!
, Und die Gräsin?'' fragte meiee Mutter.
, Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß ihre
Ehe eine durchaus glückliche geworden ist. Graf Hans ist
nach Allem, was ich von ihm erfahren, ein Edelmann
im besten Sinne und ihrer werth. Ihr Vater hat
Freude erlebt an der Tochter, dem Schwiegersohn,
den Enkeln; und hat die Gräfin von mir gehört,
nuun, ich hoffe, sie wird Nichts von mir vernommen
haben, daß mich des Glückes unwerth gemacht,
ihre Liebe besessen zu haben, ihre erste Liebe gewesen
zu sein. -
Damit endet die Erzählung in der Tante
Franziöka altem Tagebuche; und es steht noch
Mancherlei darin, das frend klingt in unseren Tagen.
Aber wir wollen sie nicht schelten die Zeit der
romantischen Liebe!-- Drängt sich mir doch selber
oft genug die Frage auf: Ist das, was an die Stelle

der Romantik getreten, besser, edler, erhebender als
ihre süße Schwärmerei?
Die Autwort darauf wird verschieden genng
ausfallen!-- Ich für mein Theil halte die meine
zuurick. Doch ist sie vielleicht darin zu erkennen,
daß ich die Geschichte des Josias eben des Erzählens
werth gefunden. Sind die Leser der gleichen Meinung,
nun, so erzähle ich wohl noch eine oder die andere,
wie es kommt.
==ee-
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