Josias eine Geschichte aus alter Zeit
Fanny Lewald
Kapitel 09

--- 1Z!--
rauschte mich an mir selbst; und sehr mit mir zu-
frieden, schlief ich an dem Abend ein, um wieder-
einmal zu träumen von Franull, der schönen Comtesse
von Dubimin.''
Josias lächelte bei diesem Schlusse.-,Weiter!
weiter,' riefen meine Mutter und ich, denn er machte
uns mit erleben, was er uns erzählt. Er aber wehrte
uns ab mit sachter Handbewegung.
,Gemach, gemach, Madame!'' sprach er. ,Ver-
leiten Sie einen alten Mann, der sich schon genugsam
selbst bespiegelt, nicht dazu, sich auch im Alter noch
an sich selber zu berauschen. Es war genug an jenem
einen Male.'
,Aber Josias!'' stieß ich hervor, ,es ist ja Poesie,
ein Roman, den Du uns hier erzählt - und Du bist
ein Dichter.?
,Mein Kind !' bedeutete er mich, ,die Jugend
und die Liebe sind an sich die wahre Poesie, nur daß
wir's oft erst inne werden, wenn sie entschwunden
sind, wenn wir sinnend an der sanften Herrlichkeit
des Alpenglühens es erkennen, wie hell die Sonne

b=- hZF--
auch uns dereinst geleuchtet. Wer wahrhaft ge-
liebt hat, hat sein Theil dahin! - Doch nun zum
Schluß!'
Meuntes Kapitel.
Alle unsere Verhältnisse waren von meinem
Vater auf das Sorgfältigste geordnet. Wir waren
reiche Leute. Es haftete keine Schuld auf meinem
Gute, außer dem eingebrachten Vermögen meiner
Mutter, das ich ihr zu verzinsen hatte. Als das
Ende des August und mit ihm meine Mündigkeit ges
kommen war, legte der Graf mein Vermögen in
meine Hände, und ich konnte nach eigenem Ermessen
vorwärts gehen. Die Ernte war sehr reich aus-
gefallen, ich hatte mit einem eigenen Boten einen
Erntekranz nach Berlin auf meines Vaters Grab
geschickt, geflochten aus den Aehren, zu denen er noch
die Saaten streuen ließ; und der Erntetanz und
das Erntebier hatte unseren Leuten nicht gefehlt.
, »e


b.
= 1ZZ -
Mit dem Beginn des Herbstes gab es mehr und
mehr für mich zu thun. Die Bestellung der Felder,
der Forst nahmen mich in Anspruch. Ich hatte die
beiden letzten Jahre nur mir selbst und dem Genuß
gelebt, ich fand jetzt in der Arbeit fast größere Be-
friedigung, als in dem Reiseleben; und betraf ich
mich darauf, daß ich nach einem Vorwand suchte, der
mich nach Dambow führen konnte, so wies ich ihn
zurück. Neben meinen anderen Beschäftigungen spielte
ich Komödie mit mir selbst, und betrog, wie ich mußte,
mich mit tugendhafter Lüge.
Sah ich doch an jedem Sonntag in der Kirche,
wie Franull sich immer strahlender entwickelte! Konnte
ich sie doch ungestört beobachten, wenn sie die Blicke
niedersenkte in das Gesangbuch, wenn ihre Augen sich
auf den Pfarrer richteten; aber wenn sie sie erhob,
wenn sie mich streiften - ach, nicht wie eine Heilige
sah sie aus - sie war mit ihrem goldgelockten Haar
die strahlende, farbenprächtige Aurora, die auf den
Bildern der alten Meister mich entzückt - die Aurora,
die dem Sonnengott voranzieht, das glorreiche Licht

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des Tages zu verkünden. Mit meiner Andacht freilich
war es schlecht bestellt.
Wir sprachen den Grafen und seine Tochter nach
wie vor an jedem Sonntag nach dem Gottesdienste,
und da Franull immer mehr zuur Dame werdend, an
sicherer Haltung gewann, wurde ganz von selbst unser
Verkehr einfach und natürlich. Ich freute mich dessen;
denn was sollte daraus werden, wenn sie und ich es
einander gegenüber nicht vergessen konnten, daßsie einmal
ein Kind gewesen war, wenn ich es überhaupt nicht lernte
zu vergessen, wenn ich dem Grafen meine Liebe für die
Comtesse verrieth und ihn damit nöthigte, mir den
Zutritt zu ihr zu versagen? - Aber mit aller meiner
Weisheit und Vernunft stand ich dabei doch immer
auf dem alten Fleck! Ich liebte die Comtesse. Ich
liebte die Jungfrau mit Leidenschaft, die ich als ein
Kind geliebt; jedoch des Grafen Mahnung hatte ich
nicht vergessen. Ich wwar Herr über mich geworden,
und ich blieb es bis auf die eine letzte Stunde.
Kaum ein Monat verging, in welchem ich nicht
ein oder zwei Mal nach Dambow kam und immer

i
!

fand ich
Berliner
adel, der
b= 1ZH--
Gäste dort. Sie gehörten meistens den
Adelskreisen an; denn der märkische Land-
immer sehr ausschließlich gewesen, war dies
seit dem Ausbruch der französischen Revolution nur
noch mehr geworden, und der Graf hatte sich dem-
selben nicht genähert, weil er sich der Möglichkeit
nicht aussetzen durfte, seine Tochter nicht nach seinen
Wünschen aufgenommen zu finden. Es sah ja am
Ende des vorigen Jahrhunderts ganz anders bei uns
aus als jetzt, weil sich gleich nach den Freiheitskriegen
bei uns viel geändert,
einander in Reih und
in denen alle Stände unter-
Glied für das Vaterland ge-
fochten, in denen der
Bürgerhause, der Sohn
verwundete Grafensohn im
des Handwerkers seine Pflege
gefunden hatte von der Fürstentöchter Händen!
Der Graf hatte, seit er die Tochter anerkannt,
sich an eine bestimmte Jahreseintheilung für seine
Lebensweise gewöhnt. Im Frühjahr besuchte er das
Karlsbad, im Winter verlebte er während der Gesell-
schaftszeit zwei Monate in Berlin, und die Tochter
und Madame Fleuron waren dabei seine beständigen

-- 1ZG--
Begleiter. Die Comtesse müsse Uusagge äu monäe
gewinnen, sagte der Graf. Madame Fleuron, die
mit meiner Mutter eng befreundet war, gab zu ver-
stehen, daß er sie natürlich zeitig zu verheirathen denke,
damit sie nicht allein stehe in der Welt, wenn er
früher oder später abgerufen werden sollte, In ihren
Verhältnissen konnte sie ja auch eines Beschützers
und Haltes weniger entrathen, als jedes andere
Mädchen.
, Und hat der Graf einen bestimmten Gatten
für sie im Auge?'' fragte einmal meine Mutter.
Madame Fleuron entgegnete, sie wisse das nicht,
aber sie glaube, daß eine entfernte Verwandte des
Grafen, an die Comtesse für einen ihrer Söhne
denke.
,Was hilft das Denken der Mutter,'' sprach die
meine, ,wenn Gott nicht die Herzen der Kinder lenkt!''
----- und ich hatte keine Mühe zu verstehen, was sie
damit meinte. Ich hatte es abgelehnt, eine meiner
Cousinen zu heirathen, die Tochter des Rechnungss
rathes, in dessen Hause ich dereinst gelebt; und ich

!
-- PZ? -
mußte lächeln, als Madame Fleuron tröstend vec-
sicherte, was nicht geschehen sei, könne deßhalb doch
immer werden, und der rechte Augenblick erfülle oft
plötzlich, was man vergebens lang erwartet!- Nun,
er ist nicht gekommen dieser Augenblick für mich; aber
für
zur
und
die Verwandte des Grafen, welche sich Franuull
Schwiegertochter ausersehen, kam der Augenblick,
wir kannten diese Verwandte bereits, sowie
den Sohn, für den sie um die schöne reiche Erbin
warb.
Schon bei meiner Heimkehr von der. Reise hatte
die Baronin v. Klothen einmal in Dambow ges
troffen. Sie war älter als meine Mutter, dem
Grafen irgendwie aber sehr entfernt verschwägert,
eine Frau von sanfter, vornehmer Haltung, mit klugen
Augen und freundlichem Ton in der Sprache. Ver-
mögend von Hause her, hatte sie einen Herrn
v. Klothen geheirathet, der Hofmarschall eines der
Prinzen, und ein schöner Lebemann gewesen war.
Er hatte das Vermögen der Frau verspielt, war zeitig
gestorben und hatte die Baronin mit ihren drei Söhnen

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in beschränktesten Verhältnissen zurickgelassen. Mit
dem Beistand, welchen der Hof ihr gewährt, hatte sie
ihre Söhne zu braven Männern erzogen. Des Vaters
Beispiel hatte ihnen zu einer heilsamen Lehre gedient.
Die beiden Jüngeren waren im Militär, der Aelteste,
Baron Hans v. Klothen, der viel Sprachtalent besaß
und sich eine allgemeine Bildung angeeignet hatte,
wurde im Ministerium des Auswärtigen beschäftigt.
Er war ein paar Jahre älter als ich und ein schöner
Mann.
Die Baronin kam allmälig häufiger zum Besuch
nach Dambow und verweilte bei jeder Rückkehr länger.
Sie war von zarter Gesundheit, versicherte, die Ruhe
thue ihr so wohl, und da sie sich anspruchslos erwies,
war sie dem Grafen eine angenehme Gesellschaft, ein
gutes Vorbild für Franziska, die sich bald an sie ge-
wöhnte, weil die Baronin sich ihr mit Vorliehe ge-
fällig zeigte. Es währte denn auch nicht lange, bis
man in der Pfarre davon sprach, Madame Fleuron
denke daran, in ihre Heimath nach der Schweiz zurück
zu kehren, und die Baronin werde sie ersetzen, weil


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der Graf eine Dame neben ihr haben müsse, die hof-
fähig sei und seine Tochter an den Hof begleiten
könne. Im Rentamte zu Banwitz und in der übrigen
Nachbarschaft ging das Gerücht, der Graf werde sich
mit der Baronin verheirathen. Seit ich zum ersten
Mal den schönen Baron Hans neben Franull ges
sehen hatte, wußte ich, was ich davon zu halten hatte;
und es war das ja auch völlig in der Ordnung, es
mußte so, es konnte gar nicht anders sein! Ob sie
Baron Hans oder einen anderen Edelmann zum
Gatten nahm - erleben, erleiden mußte ich es
doch einmal.
Die Thatsache, daß Madame Fleuron entlassen
wurde, ergab sich bald als richtig. Im zweiten Früh-
jahr nach meiner Nebernahme von Schönfelde, als
wieder die Badereise nach Karlsbad vor der Thüre
stand, fuhr an einem Nachmittage der gräfliche Wagen
bei uns vor. Der Diener meldete die Frau Baronin,
Madame Fleuron und die Comtesse von Dubimin.
Was hatte das zu bedeuten?- Die Baronin
war nie zuvor in unserem Hause gewesen, Franull

-=- j gßs -
hatte es seit lange nicht mehr betreten, der Graf war
stets allein gekommen, und ich hatte mir das zu deuten
gewußt, denn sie hatte es nie hehl gehabt, daß sie
Vorliebe füür mich hegte, und er kannte ihre Natur,
unnd
ihn
behandelte sie danach.
Die ganze Liebe, welche das arme Kroatenkind fitr
gehegt, hatte es mit seinem Blute auf die Tochter
vererbt, die bei ihrem frühreifen und scharfen Verstande
nebenher klar einsah, was sie der Zärtlichkeit ihes Vaters
verdankte. Er durfte sicher sein, Alles von ihr zu er-
erlangen, wenn er sie nicht durch Strenge an die
Willenskraft erinnerte, die sie ebenso geerbt hatte von
ihm, mit dem stolzen Sinn der Grafen von Dubimin,
wie von dem Kind des Volks.-- Was war geschehen,
das den Grafen bestimmte, von dem bisherigen Ver-
halten abzuweichen?-- Weil ich mir es nicht erklären
konnte, regte es mich auf.
Ich eilte unsere Gäsie zu empfangen, auch meine
Mutter kam ihnen entgegen. Ich hatte der Baronin
den Arm zu bieten; sie sagte meiner Mutter, da sie
fortan in Dambon leben werde, habe sie gewüinscht,

- hH! -
sich als Nachbarin vorzustellen. Madame Fleuron
sprach von ihrer Abreise und wollte mit diesem
Besuche zugleich Abschied nehmen. Es war die
Rede davon, die freundliche gegenseitige Gesinnung
auch ferner aufrecht zu erhalten zwischen den Hausfrauen
von Schloß Dambow und Schönfelde. Es wurde,
während wir durch den Garten nach der Mooshütte
schritten, viel leeres Höflichkeitsstroh gedroschen, ich
half dabei, wie sich's gebührte. Die Comtesse ging
ruhig nebenher.
Ich athmete auf, als ich die Baronin in die
Hütte geleitet, als die beiden fremden Damen sich
auf dem Kanapee niedergelassen hatten, als man den
Kaffee trank, und ich endlich, etwas seitab sitzend mit
Franull, sie fragen konnte, was uns die Ehre ver-
schaffe, auch sie einmal wieder bei uns begrüßen zu.
dürfen.
,Mein Verlangen hierher zu kommen, und die
gute Tante Klothen! Ich bin auf Probe in Vakanz!''
gab sie mir zur Antwort, ohne eine Miene zu ver-
ziehen.

-- !F-
,Wie soll ich das verstehen, gnädigste Comtesse?
fragte ich wieder.
,Erklären Sie sich's vorläufig, wie Sie wollen!
Ich sag' es Ihnen später!?!--
Die Unterhaltung mit den Anderen ging daneben -
ruhig fort, und während mich die Ungeduld verzehrte,
wurde mir die Gelassenheit Franull's nur räthselhafter.
Nahezu eine Stunde mochte so hingegangen sein, als
die Damen sich erhoben, eine Promenade durch den
Garten zu machen, den ich in den letzten beiden Jahren
nach der Forstseite eröffnet und so weit ausgedehnt
hatte, daß er sich parkartig in den Wald hineinzog
und verlief. Bei dem Herumgehen war es leicht für
mich, an Franuulls Seite, den Anderen ein Ende
voraus und aus dem Hörbereich zu kommen. Als
sie das bemerkte, fing sie von selber zu sprechen an.
,Sie wundern sich, mich hier zu sehen, Herr
Courville!'' sagte sie, ,aber ich hoffe, Sie werden sich
noch mehr gewundert haben, mich hier nicht gesehen
zu haben seit Ihrer Rückkehr. Daran aber trage ich
allein die Schuld.?

==- PgZ -
,Sie, Comtesse? Sie wollten also nicht mehr zu
uns kommen?'
,Ich hatte mir selbst die Möglichkeit dazu ver-
scherzt; durch mein ungehöriges Betragen bei Ihrem
ersten Besuche in Dambow, nach Ihres guten Vaters
Tod. Ich lerne es leider etwas schwer, mich zu be-
meistern; ich tanze dann immer auf bem Seill Vor
Ihnen kann ich das ja sagen!'' schaltete sie mit einem
spöttischen Lächeln ein, das sie viel älter erscheinen
machte als ihre sechzehn Jahre. -- ,ßor Anderen
betrage ich mich schon völlig eomwwe gur ssng. Ich
wollte, Sie sähen mich in Berlin!''
,Ich bin glücklich genug, Sie hier zu sehen,
Comtesse!'' entgegnete ich ihr. Ich durfte ihr auf
dem Weg nicht folgen, den sie eingeschlagen. Ich
wollte das Vertrauen des Grafen verdienen, wollte,
und das war doch die Hauptsache, mich der Freude
nicht berauben, sie auch künftig wieder zu sehen in
meinem Hause.
Sie nahm jedoch die Worte, die wie eine leere
Höflichkeit klingen sollten, in ihrem wahren Sinne.

=- j H H=-
, Und glauben Sie, daß ich nicht ebenso von
Herzen froh bin, hier zu sein?! fiel sie mir in die
Rede mit der Lebhaftigkeit, mit welcher sie zu sprechen
gewohnt war. ,Ich habe lang danach getrachtet,
hierher zu kommen; Ihre Mutter und Sie in dem -
Garten, in dem Hause wieder zu sehen, in welchem
ich willkommen und geliebt war, bevor man sich
anderwärts entschloß, mich auch nur zu bemerken.
Ich sehnte mich förmlich danach, in das Haus zu-
kommen, in dem ich meine arme Mutter nicht zu
verleugnen brauche, wie ich es ja sonst überall --
außer in der Pfarre - thun muß, wenn ich ihr
gleich sein will in ihrer Liebe und in ihrem Gehorsam
für den besten aller Väter, wenn ich seinem Willen
und seinen Planen nicht entgegen handeln will.
Glauben Sie es mir, Josias, ich tanze auf dem Seil!
Aber ich falle nicht herunter. Wir Dubimins haben
feste Köpfe. Um mich soll mein Vater keine trübe
Stunde haben !'!
, Comtesse Franziska!'' warnte ich, und Gott weiß
es, was es mich kostete, ,nicht weiter!,Wenn der Herr
l

- PHJ--
Graf, die Frau Baronin es hörten, wie Sie die
schmerzliche Vergangenheit heraufbeschwören !''
,Sind Sie auch pedantisch geworden, wie der
Kandidat, wie die gute Fleuron? Wollen Sie ihn mich
nicht genießen lassen, den Nachmittag, den ich mir als
Tugendpreis von der Tante Klothen dafür errungen, daß
ich jeht ganz somne il kaut und durchaus präsentabelbin?
Schämen Sie sich, Josias! Könnte ich denn meinen Vater
lieben, anbeten, wenn ich meine Mutter zu vergessen
im Stande wäre? Ich kenne Sie nicht mehr, Josias!
Hatten Sie nur Mitleid mit dem Kinde, gls es scheel
angesehen wurde, und nicht mehr mit mir?
,Mitleid mit Ihnen, Comtesse! die Sie=-
Sie ließ mich nicht weiter sprechen.,Ja! Mit-
leid mit mir, trotz all dem Glanz, trotz meines Vaters
Liebe! O! wir haben nicht Zeit, viel Worte zu ver-
lieren, und Sie dürfen mit mir nicht umgehen wie
die Männer, die der reichen Erbin huldigen! In
Verhältnissen wie die meinen, wird man zeitig klug.
Ich habe sehen, hören, verstehen gelernt in dem Alter,
-?? ;?; -- ===- =-

-- 11ss--
Ich ütbersehe meine Zuuustände sehr klar und ich kenne
meine Pflichten ebenso.?
Diese Seelenstärke hatte ich nicht in ihr ver-
muthet; aber sie rief die meine auf, so schwer es
mir ward, mich zu behaupten. Ruhig und ernst, als.
hämmerte mir das Blut nicht in den Schläfen, als
dränge mein Herz mich nicht, niederzuknieen vor ihr,
sagte ich: ,Ich weiß das, fühle ja das Alles! aber
wohin soll es Sie führen?
Sie blieb stehen, sah mich an, dann gab sie mir
die Hand. ,Sie haben recht!'' sagte sie, ,und nun
ist's ja auch gut. Nun habe ich, was ich gewollt, was
mir gefehlt hat.-
Ihr Ton, ihre Mienen waren wie umgewandelt.
Sie blickte mir fest ins Gesicht und wiederholte:,Nun
habe ich, was ich gewollt!''
, Und was ist das? Was hat Ihnen gefehlt?
Was haben Sie gewollt?
,Ich habe mir's einmal, vom Herzen sprechen
wollen, was mir seit lange, und vollends seit ich
die Gräfin Dubimin geworden bin, wie eine schwere

= 1? -
Last auf demt Herzen gelegen hat; und- sie reichte
mir abermals die Hand- ich behielt sie in der
meinen, ,ich habe wie Sie, nicht Bruder und
nicht Schwester! ich habe keine Mutter, keine Kind-
heits-, keine Jugendfreundin, Niemand als meinen
Vater. Aber ich weiß es ietzt, ich weiß es ganz bes
stimmt, jetzt habe ich an Ihnen den Freund gefunden,
dem ich mein Herz ausschütten kann, wenn es einmal
mir gar zu schwer ist. Sie sind der Freund in der
Noth meines Alleinseins !?
,Ihr Freund auf jede Probe !'' betheuerte ich,
ihre Hand an meine Lippen pressend, und ich durfte
ihr nicht sagen: ich bete Dich an! Ich durfte ihr
nicht die stolze Stirne, nicht die Thränen fortküssen,
die in ihren Augen perlten und die sie zu zerdrücken
strebte, als sie mit lächelndem Munde, die Hände zus
sammenschlagend, ausrief: ,Gottlob! nun ist mir wohl!
Nun bin ich nicht mehr allein! Ich habe einen Ver-
trauten, einen Freund! Ach Josias, Sie wissen
nicht, was das für mich heißt und wie ich's Ihnen
danke!''

-- h 1Z =-
Es war gut für mich, daß aus der Seitenallee
die drei Frauen heraus- und vor uns hintraten, daß
ich, ihrem Lob der neuen Anlagen zu begegnen, mich
mit ihnen zu beschäftigen hatte, und daß die Anwesen-
heit unserer Gäste nicht mehr lange währte. Ich -
sprach Franull nicht mehr allein, sie sah heiter und
zufrieden aus, redete mit voller Unbefangenheit zu
mir. Eine Schwester konnte sich dem Bruder gegen-
über nicht sicherer und ruhiger betragen. Mir war
nichts weniger als brüderlich zu Muthe. Ich war
ans Kreuz geschlagen und sollte lächeln! Ich brachte
es zu Stande. Ich hielt auch Stich, als meine Mutter
mir von dem Aufsehen erzählte, welches die Schön-
heit der Comtesse in Berlin erregt; aber die alten
Maler, welche uns die lächelnden Märtyrer gemalt,
haben sehr wohl gewußt, was sie thaten, wenn sie
dieselben meistens von Menschen umgeben dargestellt
haben.
Als ich mich endlich allein fand, brach der
Schmerz wild in mir hervor. Ich fragte mich wieder
und wieder: was ist es mit der Gewalt unserer Liebe,

-= P49 -
wenn diejenige sie nicht empfindet, der sie geweiht ist,
die wir mit aller ihrer Gluth umfangen? Sah, fühlte
Franull es nicht, daß sie mein ganzes Dichten und-
Trachten war? Klang Nichts in ihrer Seele wieder -
von alle dem, was die meinige erfüllte? Oder betrog
sie sich? Wußte sie Alles, und wollte sie mir helfen -
fortzukommen über das Unabänderliche? Ich fand -
mich nicht zurecht. - Ich bewunderte sie, ich segnete -
sie, ich grollte ihr, ich nannte sie fühllos! Ich ver-
wüünschte alle ihre Bewunderer und Bewerber, Hans
von Klothen an ihrer Spitze! Ich verwünschte des
Grafen Liebe für seine Tochter, ihre Anerkennung
und die ehrbare Bürgerlichkeit meiner Familie. E
stand ja das Alles mir entgegen. Ein Landloser, ein
Landstreicher hätte ich sein mögen wie der Kroat und
s
mit ihr, dem ehrlos geborenen Kinde, fortziehen mögen-
in die weite Welt, über das Weltmeer hinweg, mir-
meine eigene Welt, mein Liebesglück, mein täglich -
Brod und einen eigenen Namen und neue, eigene -
.=R

- 1Jß --
sich meiner bemächtigt! - und Franull ging in be-
glückender und beglückter Kindesliebe ruhig ihres
Weges, als hätte sie kein Herz in der Brust! Stützen
wollte sie sich an mir, halten wollte sie sich an mir!
sich halten an mir!-- Und ich war selber ein Halt-
loser, der empörten Sinnes, nur gebunden durch die
Macht der Gewohnheit, der Erziehung, in der Tret-
mühle des Alltagslebens, dies Leben und sich selbst
verfluchte, während er, sich selber darob verspottend,
an jedem Tage sein Tagewerk abhaspelte, wie es eben
als ein Gebotenes vor ihm lag.
An jedem Morgen fragte ich mich: wird heut
die Nachricht kommen, daß sie der Graf verlobt hat?
Und wenn der Gedanke daran mich genugsam
geguält, so wünschte ich, wär's erst geschehen, damit
ich Ruhe fände!-- Aber sie waren im Bade ges
wesen, heimgekehrt, hatten uns besucht, wir hatten
den Besuch erwidert, und Alles war still, war geblieben
wie bisher, und es kamen sogar weniger Gäste in das
Schloß als in den beiden letzt verwichenen Jahren;
denn die wachsenden Schrecken der französischen Re-

-- 15 --
volution nahmen dem grundbesitzenden Adel. das
Gefühl der Sicherheit, in welchem er überall und
vornehmlich bei uns in der Mark bisher gelebt. Was
jenseits des Rheines geschehen war, konnte auch bei
uns geschehen. Wie vor einem fernen, furchtbaren
Erdbeben fühlte man den eigenen Boden unter den
Füßen mit erzittern; und die großen Weltereignisse,
ebenso wie das Stillleben, das mich für den Augen-
blick umgab, fingen doch an, mich allmälig zu be-
ruhigen. Wie nach einem hittigen Fieber kam ich zur
Besinnung. Ich nannte mich einen Thoren, daß ich
mich und mein Glück so wichtig genommen! Was
war der Einzelne werth? was war an mir gelegen,
wenn ein Herrscherpaar enthauptet worden war, wenn
täglich Bessere, Wichtigere als ich, ihr Leben lassen
mußten auf offenem Platze unter Henkers Hand?
Nun gut! ich war nicht glücklich! ich konnte es
nie werden! Aber weshalb sollte ich mich des Guten,
das ich noch genießen konnte, nicht erfreuen? -- Ich
konnte jetzt sie öfter, immer öfter sehen! Der Graf,
der sich wieder an Geselligkeit gewöhnt, sah mein

-=- 1IL--
Konmnen gern, forderte mich dazu auf. Franull's
heiterer Gleichmuth machte ihn sicher, wiegte mich ein.
Fch fing an, mir in der Entsagung zu gefallen, ich
bildete mir ein, meine Leidenschaft in einen Kultus
verwandelt zu haben. Es waren sanfte, schöne, glück-
selige Tage voll lauter Selbstbetrug, und es war
Niemand, der uns darin störte; am wenigsten die
Baronin, die gute Tante Klothen, wie sie ein Jeglicher
im Hause, ja in der ganzen Gegend hieß.
Die beiden jüngeren Söhne der Baronin standen
im Heere jetzt an der Grenze, Baron Hans war schon
vor Jahr und Tag als Legationssekretär der Gesand-
schaft in Wien beigegeben. Er schrieb sehr regel-
mäßig. Die Briefe wurden im Schlosse viel besprochen,
die Berichte von dem Leben am österreichischen Hofe,
die Schilderungen der verschiedenen Personen waren
sehr interessant; die Grüße an die Comtesse, an die
holdselige, gnädige Eousine, an den schönen Wildfang
fehlten nie. Ab und zu, wenn die Entsendung eines
sich gefällig erweisenden Couriers es ermöglichte,
sendete Baron Hans seiner Mutter ein Geschenk, und

-- 15Z --
es lag dann meist irgend eine elegante Kleinigkeit
dabei, von welcher der Absender erhoffte, daß Com-
tesse Franziska es nicht verschmähen würde, sie anzus
nehmen; und diese Zwischenfälle erregten immer
Freude, wie jede Abwechslung in dem gleichförmigen
Dasein auf dem Lande.- Ich sah und erfuhr das
Alles. Manchmal, wenn ich meine ruhigen Tage hatte,
nahm ich's wie ein Selbstverständliches hin; an andern
Tagen, wenn Franull's Zutraulichkeit meine Leiden-
schaft mehr als sonst erregte, fand ich es unerträglich,
neben ihr den Tag der Entscheidung erwarten zu
sollen. -- Nun ist's genuug! heute bist Du zum letzten
Mal in Dambow gewesen! sagte ich mir, wenn ich
sie verlassen! - Und ehe die Woche zu Ende war,
fand ich mich auf dem alten Punkte, die Tage zählend,
die seit meinem letzten Besuch im Schlosse verstrichen
waren, und überlegend, wann die gebotene Zurück-
haltung es mir gestatten würde, wieder gen Dambow
zu reiten und sie wieder zu sehen!- Das Ende
stand ja doch vor der Thüre bald genug! Aber von
den in Paris zum Tode Verdammten drängte sich ja

-=- hJz--
auch keiner dazu, die Guillotine zu besteigen! Jeder
Tag, jede Stunde des Aufschubs war Gewinn und
Gluc!
Und so ward es noch einmal Sommer und Herbst
und Winter und Frühling; und wie unser Herrgott
seine Sonne scheinen ließ über Gerechte und Un-
gerechte und über all mein Glück, all meine Ver-
zweiflung, so ließ er es auch wachsen und gedeihen
um uns rund, und Franull blühte in ihrem achtzehnten
Jahre schön wie die Natur um sie her; und in
Dambow stand die Karlsbader Reise vor der Thüüre.
Sie sollte wie immer am ersten Juni angetreten
werden. Am neunundzwanzigsten Mai fuhren meine
Mutter und ich nach Dambow, um die Herrschaften
noch einmal zu sehen, bevor sie gingen.
Dort angelangt, fanden wir den Grafen nicht zu
Hause. Er war zu einer Taufe in der Nachbarschaft
und wurde erst am Abende zurückerwartet. Wir
wurden wie immer herzlich empfangen, erfuhren gleich
bei der ersten Unterhaltung mit den Damen, daß die
Baronin und die Comtesse, seit wir sie zulett gesehen,

--- 1J -
in Berlin gewesen waren, Einkäufe an Kleidern, Put
und Schmuck zu machen; und während die Baronin
meiner Mutter eine und die andere dieser Herrlich-
keiten zum Ansehen herbeiholen ließ, schlug die Com-
tesse mir vor, in den Garten hinaus zu treten.
Das war oftmals geschehen, seit sie mich zu ihrem
Vertrauten gemacht. Sie hatte dann in aller Seelen-
ruhe mit mir von jenen kleinen Ereignissen geplaudert,
die sich zugetragen, sie hatte auch von den Büchern
gesprochen, mit denen sie sich gerade beschäftigt, ab
und zu war von den Hilfsleistungen die Rede gewesen,
mit welchen der Graf jetzt mehr noch als bevor sich
seiner Unterthanen annahm und bei denen er die
Baronin und die Comtesse sich zur Hand gehen ließ,
um eben ein gutes Verhältniß zwischen der Herrschaft
und den Leuten fortbestehen und die Leute nicht auf-
sässig werden zu machen; und von dem Allem hatten
wir verhandelt, als wäre ich wirklich ihr ein Bruder,
nur ein Bruder! nicht eben ich!
An dem Abende jedoch waren wir schon ein
ganzes Ende vom Schlosse entfernt, ohne daß sie ein

==-- ! Jhs---
Wort gesprochen, und mir war es gleich am Anfang
aufgefallen, daß ein Schatten über ihrer Stirne lag.
Sie war trotz ihrer Freundlichkeit ernster gewesen als
sie sich zu zeigen pflegte. Es überfiel mich eine
Bangigkeit. Ich mußte wissen, was es mit ihr war.
,Sie sind so schweigsam, theuerste Comtesse!
darf ich fragen, was Sie innerlich beschäftigt? denn
beschäftigt sind Sie!'' sagte ich.
,Wie Sie mich kennen !' entgegnete sie mir, sah
aber zu Boden, nicht mir ins Gesicht. -- ,Es ist
wirklich eine Füügung Gottes, daß Sie gerade heute
noch gekommen sind, denn ich wäre sehr ungern fort-
gegangen, ohne daß Sie's wußten; und seit all den
Tagen habe ich gesonnen und gesonnen, wie ich es
Ihnen kund thun sollte; denn Ihnen schreiben konnte
ich doch nicht!''
,Sie wollten mir schreiben, daß Sie am ersten
Juni reisen werden? Das stand ja fest, als ich die
Ehre hatte, Sie zum letzten Mal zu sehen !''
,Nein! das nicht!'' sprach sie mit einer Befangen-
heit, die mich mit ergriff und mich erschreckte.

-- 1??--
,Aber was denn? was denn wollten Sie mir
schreiben?
,Was Sie'' -- ihre Stimme wurde immer
weniger sicher ---,was Sie, Courville! = Sie, der Sie
mich ja kennen -- mein Vertrauter, mein vertrauter
Freund sind!-- Wissen mußten Sie's vor allen
Anderen- ?
,Reden Sie! reden Sie! was soll ich erfahren??'
rief ich mit angstvoll dringender Bitte. Ich konnte
ja nicht zweifeln, was es war.
,Sie stockte, nahm sich zusammen und sagte:
,Es ist eigentlich kindisch, daß man so davor bangt,
so Etwas auszusprechen, Etwas, das sich die Spatzen
auf den Dächern schon lang erzählt haben.?-- Und
wieder stockte sie:
Wie um mich, um sie zu halten, hatte ich ihre Hand
ergriffen. Mir schauderte vor dem Wort, das ich doch
hören mußte. Sie hielt meine Hand in der ihren fest.
,Ich sehe, Sie wissen' !' begann sie auf das
Neue, ,also kann ich kurz sein! Wenn wir nach
Karlsbad kommen, finden wir den Vetter Klothen

== h JZ --
s
schon dort, und - dann-- nun, Sie wissen's ja!
dann wird unsere Verlobung gefeiert !''
,Franull! Franull !'' schrie ich auf, meiner selbst
nicht mächtig; aber in demselben Augenblicke hing sie
an meinem Halse, preßten wir Brust gegen Brust,
brannten meine Lippen auf den ihren, und bebend
unter meinen Küssen rief sie:,Ich hab's ja nicht
gewußt! nicht geahnt! - Wie konnte ich, da es ja
immer, immer so gewesen ist!''
,,Franull !'' rief ich wieder - ,immer! immer
so gewesen ! -- Ich kannte sie, mich selber nicht
mehr; der jähe Wechsel war zu groß
,Immer! immer !'' sprach sie mir nach.,Ee,
jett weiß ich's! jetzt! Ich habe Dich geliebt! geliebt
wie die Augen in meinem Kopfe, ohne je daran zu
denken, daß ich sie habe. Und weil's immer so ge-
wesen, hab' ich's nicht gemerkt! Es war mit mir
geboren, glaub' ich, mit mir geboren wie die Liebe
für meinen Vater !''
Sie ließ die Arme sinken, machte sich von mir
los. Ich wollte sie halten.

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, Laß mich! laß mich !'' stieß sie hervor. -
,Mein Vater!-- Ach! mein Vater !'' und heiße
Thränen entströmten ihren Augen. --
Wie ein Blitzstrahl war das Wort niedergefahren
zwischen ihr und mir.
, Er wird nicht unerbittlich sein !'' sagte ich trot
der Gewißheit, daß er's sein würde. Es war uns
nicht zu helfen.
, Er wird es sein, er muß es sein!'' sagte Franull.
,, Ich habe ihm, er hat dem Vetter sein Wort gegeben!
Ich, grad' ich darf meinem Vater mein Wort nicht
brechen, und er bricht auch das seine nicht. ---
Andere Töchter mögens können! Aber es ist nicht
zwischen mir und meinem Vater, wie zwischen Anderen!
Oder könntest Du mich lieben, könnte ich vor ihm,
vor Dir die Stirn erheben, wenn ich ehrlos handelte
gegen ihn, der mir mehr gegeben als das Leben, der
mir seine Liebe gegeben, seine Ehre, seinen Namen?
Der sein Leben neu auferbaut hat in seiner Liebe
für meine Mutter und für mich ?'
,Und mit der Liebe, die Du, Du Abgott meiner

--- 1ß-
Seele mir eingestehst, mit der Leidenschaft, die uns
durchzittert in dem seligen Augenblick, den Du geruht
an meiner Brust, mit dieser Liebe willst Du Dich
einem Anderen anverloben, willst Du das Weib werden
eines Anderen?
,Mach' mich nicht wahnsinnig!'' flehte sie, die
Hände zusammenschlagend und wie im Gebet zu mir
erhoben.
,Besinne Dich!'' mahnte ich, auf ihre Liebe
bauend, und hoffend - ich wußte nicht worauf;
denn daß der Graf sie mir nicht geben würde,
, darüber konnte ich mich nicht täuschen, hätt' ich's auch
gewollt.
,Ja !'' sagte sie, ,ich besinne mich, ich komme
zur Besinnung !''-- Und wieder sank sie mir ans
Herz, wieder hielt ich sie umschlungen. Dann richtete
sie sich auf, und mit einer Stimme, deren Wehklage
in mir nachtönen wird in meiner letzten Stunde,
sprach sie:,Nuun geh, und laß mich gehen!''
,Aber was soll denn werden aus Dir? aus
mir?

.- 1ß! -
,Was aus mir werden soll? Was zu sein ich
eben jetzt vergessen: meines Vaters Eigenthum und Hans
von Klothens Frau, zu der er mich bestimmt. Kein
Athemzug soll je daran erinnern, daß ich Dich ge-
liebt, daß ich es Dir gestanden, daß ich diesen Augen-'
blick der Freiheit und des Glücks gekannt! Ich muß
es vergessen, Dich vergessen - vergiß auch Du!?'
Die gewaltsame Fassung, zu der sie sich zwang!
mit ihrer jungen Kraft, brachte mich außer mir, ich
grollte ihr darüber. Unfähig den Gedanken zu er-!
tragen, daß sie mich liebend, geliebt von mir, einen,
Anderen angehören sollte, rief ich:,Franull! bedenke
was Du thust! entehre Dich nicht, unsere Liebe.
nicht! Thust Du's, so ist's mein lezter Tag!?' -
Ihre Arme waren schlaff herabgesunken, sie trat,
von mir zurück starren Angesichtes. Sie sah sich
selbst nicht ähnlich. Ich rief sie an, sie gab mir keine
Antwort. -- ,Franull, sprich, Franull! sage mir
wenigstens, daß Du mich hörst!''
. ,Ich darf Dich nicht hören, ich höre Dich auch
nicht. Die Franull ist jetzt gestorben. Ich muß sie
Fanng Lewald, Josias.
1

-- l ts.-
vergessen, Dich vergessen, diese Stunde! Alles! Alles!
Kein Wort mehr zwischen Dir und mir! - Und
kannst Du nicht leben-- nun! Mach mich nicht
wahnsinnig !'' rief sie noch einmal, sich selber unter-
brechend.,Soll ich denn leben mit dem Bewußtsein,
Dich gejagt zu haben in den Tob?'
,Lebe, lebe, Du Engel meines Lebens !'' rief
ich.,ßebe, Franull! Ich will nicht kleiner sein
als Du! Ich will leben, weil Du leben mußt! Es
soll kein Schatten fallen auf Deine Zukunft! aber
vergessen kann ich nicht! Ich will's im Herzen tragen
für uns Beide, will's bewahren in mir, unser, ach!
so kurzes leidensvolles Glüc!=- Und nun ein letztes
Lebewohl!-- Lebewohl!'' Und noch einmal hielt ich
sie -- dann war's zu Ende!
Behntes Lapitel.
Josias fuhr sich mit der Hand über die Stirne
und trocknete sich dabei die Augen, die ihm feucht
geworden waren.

==- 1isZ--
, Josias, guter Josias!'' rief ich, ,ach, nun ver-
stehe ich's! Nun weiß ich, was Du gemeint, als
Du das Wort gesprochen, das mich damals so schwer
gekränkt hat, als Du den Werther einen Feigling,
einen Deserteur genannt, der sein Leiden höher an-
geschlagen als das Leiden und als das Glück der
Geliebten!''=-
Er wiegte schweigend das Haupt. Meine Mutter
fragte, was meine Worte bedeuteten. Ich hatte es
ihr zu erklären, und wie ich es that - ich konnte mir
nicht helfen, und warum sollt' ich's nicht?- da kniete
ich vor ihm nieder und küßte ihm die Hand.
,Recht so!'' sagte die Mutter. ,Verdient es -
Einer, daß man ihn mit Verehrung liebt, so ist es
unser Freund! --- Jetzt erst sind Sie ganz der Unsere,
wir die Ihren! - Und nun nur noch das Eine:
Wie ward's danach mit Ihnen? Haben Sie die
Gräfin in der That nicht mehr gesehen?''
,kn den ersten Jahren sah ich sie nicht! - - Ich
hatte es zu vermeiden für uns Beide. Später habe
ich sie oft gesehen. Zuerst einmal, als sie an mir

- hisg.-
vorüberfuhr ,lnter den Linden?, an ihres Vaters
Seite, ihr Gatte und zwei schöne Knaben mit einer
Wärterin ihr gegenüber; und später, noch ganz
neuerdings habe ich sie im Theater gesehen mit ihrem
Manne, mit ihren verheiratheten Kindern. Das
Leben hat eine heilende Kraft und die Narben hören
auf zu schmerzen. Daß ich aber durch jenen ersten
Tag gekommen bin, das ist mir heute noch ein
Räthsel. Als sie mich verlassen hatte, ging sie nach
der anderen Seite, ohne sich umzublicken, dem Schlosse
zu und entschwand mir in der Thüre von ihres
Vaters Arbeitsstube. Ich sah ihr nach, wußte,
daß ich allein sei, und sah sie doch noch immer so
deutlich vor mir stehen, daß ich mich halten mußte,
nicht die Arme auszustrecken in das Blaue.- Mir
bangte für meinen Verstand. Ich schaute um mich
her!- Die Bäume, der Garten, es war Alles so
wie sonst- da blinkte Etwas an der Erde! - Ihr
kleiner Ohrring war es! Ich hob ihn auf. Er war
ein Heiligthum für mich! Er hatte ihr gehört, sie
hatte ihn getragen. Er war mir zugefallen!''

, =- 1ßJ --
Von der Uhr des Wirthschaftshauses schlug es
sieben. Das war die Stunde, zu welcher unser
Kutscher den Befehl erhalten hatte, vorzufahren. Ich
ging nach dem Balkon vor der Baronin Zimmer, wo
wir die- Damen verlassen. Ich fand nur meine
Mutter und in sichtbarer Bestürzung-
,Wo bist Du denn geblieben? Was ist vor-
gegangen? Die Comtesse ist unwohl aus dem Garten
gekommen, hat sich zurückgezogen, ohne bei uns vor-
zusprechen. Die Kammerjungfer ist es der Baronin
melden gekommen, sie hat sich zu ihr begeben und
ist noch nicht zurückgekehrt. Was ist geschehen?
Warum hast Du sie nicht hineingeleitet, wenn sie
sich nicht gut befunden?' fragte meine Mutter in
sichtlicher Bestürzung.
,Sie hat mich geheißen, ihr nicht zu folgen.
Es hatte sie plötlich ein jäher Schmerz in der Brust
befallen.'' --
!
Ich fügte weiter Nichts hinzu, ich fühlte, daß
ich keinen Glauben fand, daß das Mutterauge nicht
zu täuschen war. Die Baronin kam dann auch

==- , ßHs --
herbei, da das Rollen des Wagens sie gerufen.
Sie sprach leichthin über den kleinen Anfall, den
wohl die Hitze dem vollblütigen lieben Kinde zugezogen.
Sigz hatte am wenigsten Grund, mein Bleiben zu
wünschen. -
Wortkarger hatten wir den Weg von Dambow
nach Schönfelde nie zurüückgelegt, und wie große Auf-
regungen den Menschen hellseherisch machen, merkte
ich es meiner Mutter an, daß ihr das Herz befreit
war, daß sie in ihrer Liebe und Sorge für mich
aufgthmete wie nach einem schweren Gewitter, das
man lange heraufziehen sehen und das sich nun ent-
laden. Wozu hätte sie auch führen sollen die Leiden-
schaft, die ich von früher Jugend an fir Franull
gehegt?-- Es war ein Glück, daß der Graf die
Tochter verlobt, daß sie aus unserer Nähe fortkommen
wüürde durch ihre Heirath, weit fort!-- Es war
die Rede von Klothens Versetzung nach Petersburg!
-- Ee würde doch endlich mit mir von einer schicklichen
Heirath zu reden sein, ich würde doch zur Vernunft
kommen müssen.
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=-- 18? -
Nichts von dem allem wurde unterwegs geeI
sprochen! Ich aber hörte das alles heraus aus
meiner Mutter gelegentlichen Bemerkungen während
unseres Abendessens. Und bei dem allem wußte ich
im Grunde doch nicht, was ich hörte oder sprach! Zur
Vernunft kommen! Zu Verstand kommen! Ich
fühlte ner zu sehr, wie sehr ich's nöthig hatte, mich
zusammen zu nehmen, wenn ich ihn nicht verlieren
wollte.
Ich sprach laut mit mir selber! ich weinte! ich
warf mich auf mein Lager in der Einsamkeit meines
Zimmers und sprang wieder auf! -- Verachten Sie
mich nicht, meine Freundin! Lächle nicht über den
Greis, mein Kind! Die Leidenschaft in einer ge-
sunden Seele ist eine dämonische Kreft!-- Ich
hatte die Pistole in der Hand! der Gedanke an
Franull hielt mich zurück! Es lag so lang, so grau,
so öde vor mnir das Leben, das zu leben ich ihr
gelobt.
Durch einen Zufall griff ich in die Tasche. Ihr
Ohrring kam mir in die Hand. Ich drückte ihn an

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meine Lippen. Ihr warmes Blut hatte gegen ihn
pulsirt, sie hatte ihn lange, lange getragen. Ich
preßte ihn mit fester Hand mir durch das Ohr --
ich trage ihn noch heute! Er soll begraben mit mir
werden.
Und wie dem verirrten Wanderer in tiefem
Dunkel ein Stern auftaucht, so leuchtete inmitten
meiner Verzweiflung der Gedanke in mir auf: Sie
hat Dich doch geliebt! von je geliebt! Sie will es,
daß Du lebst, und Du bist glücklicher als sie. Du
brauchst sie nicht zu vergessen! Du bist frei - und
blelbst es!-- Wollte ich nicht verzweifeln, so mußte
ich mich zwingen, es lernen, mich glücklich zu
preisen.
,Und Sie haben es gelernt! Sie haben es
vermocht, Josias!'' sagte die Mutter, ,sich und Ihr
Leben zu einer Freude für Andere zu machen. Sie
haben empfunden, daß eine große. Liebe den
Menschen, dem sie zu Theil wird, erhebt, ihn
adelt, ihn für sich selber heiligt; und wie Franull Sie
geliebt, so haben Sie bleiben, so haben Sie sich

RRRRRFFFRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRA
= Phß =-
selber sehen wollen für und für! -- Oh! nun verstehe
ich Alles! Darum haben Sie beharrt in der Tracht,
die Sie an jenem Tage getragen!''
,Ja, darum !'' bekräftigte Josias.,Ihr feines
Herz hat es errathen. - Zuerst war's eine Schwär-
merei. Alles, was sie, was Franull berührt, war zur
Reliquie für mich geworden. Dann befing mich die
Gewohnheit und der Reiz des Eigenwillens.?
, Und so - ach, Josias !'' rief ich aus, ,wenn
Du es wüßtest, was für Kopfbrechen es mich gekostet,
wenn sie sagten, Du seiest ein Original! =-' so bist Du
zum Orginal geworden !
Er lächelte. ,Thörichte, liebe Franull!'' sagte
er; aber die Mutter meinte: ,Hätten wir viele solche
Originale wie Sie, die Glück zu finden wissen in
dem Wohl der Anderen, wenn ihnen selber das Leben
nicht gewährt, was sie für sich erstrebt! Was aber
haben Sie gemacht mit Schönfelde, und wie hat
Ihre Mutter sich darein gefunden, daß Sie es ver-
kauft?'
,Sie hat es nicht erlebt !'' antwortete ihr Josias

=-- ( Fhs -
seufzend. ,Es war gekommen, wie die Comtesse es
mir gesagt. Sie war verlobt worden in Karlsbad,
ihre Hochzeit war für den Herbst anberaumt. Ich
wollte, durfte nicht in Schönfelde sein in jenem
Zeitpunkte. Ich hatte wenig Mühe, meine theure
Mutter zu einer Reise in den Süden zu überreden.
Sie hatte selber an eine solche oft gedacht, sie geplant
mit meinem Vater fir die Zeit meiner Rückkehr von
meiner Reise. Wir machten uns im Beginne des
Septembers auf den Weg, und sie genoß die Herbst-
monate wie den Winter in Oberitalien und in Rom
mit großer Freude; aber der tiefe Süden zeigte sich
ihr verderblich. Ein Malariafieber, das sie befallen
in Neapel, entriß sie mir.- Ich kehrte gegen den
folgenden Winter allein nach Schönfelde zurück.-
Der Graf Dubimin-Klothen, so nannte sich der junge
Legationssekretär jetzt mit königlicher Bewilligung,
hatte seine Flitterwochen in Dambow und Berlin
verlebt und sich dann mit seiner Gemahlin nach
Petersburg begeben auf seinen neuen Posten.
Ich sah den Grafen, meinen Pathen, nach wie

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vor. Er und Frau von Klothen blieben mir wohl-
gesinnte Freunde, und ich behielt Schönfelde noch
mehrere Jahre, bis es feststand, daß Graf Hans sich
vom Dienste zurückziehen und mit seiner Frau und
seinen Kindern bei seinem Schwiegervater in Dambow
leben würde, das er ja dereinst zu übernehmen hatte.
Damit war mein Weg mir vorgezeichnet, mein Ent-
schluß gefaßt.
Der älteste meiner Berliner Vettern war ein
tüchtiger Landwirth geworden und ein Mann von
Ehre durch und durch. Er hatte einiges Vermögen
von Haus aus und eine reiche, wackere Fagu! Er
war ein Courville, den die Familie hoch zu halten
hatte. Ihm habe ich Schönfelde abgegeben. Es ist
heute noch im Besitze unserer Familie, und der
König hat meinem Nachfolger in neuester Zeit den
erblichen Adel verliehen. Sie nennen sich jetzt Couur-
ville von Schönfelde!- Das Nebrige, nun, das
wissen Sie! und möge es bleiben zwischen Ihnen,
meiner Freundin, Ihrem theuren Mann und diesem
Kinde und mir so wie bisher! Sie drei haben

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mich'ö vergessen machen, das: ich einsam stehe in der
Welt!
, Und die Gräsin?'' fragte meiee Mutter.
, Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß ihre
Ehe eine durchaus glückliche geworden ist. Graf Hans ist
nach Allem, was ich von ihm erfahren, ein Edelmann
im besten Sinne und ihrer werth. Ihr Vater hat
Freude erlebt an der Tochter, dem Schwiegersohn,
den Enkeln; und hat die Gräfin von mir gehört,
nuun, ich hoffe, sie wird Nichts von mir vernommen
haben, daß mich des Glückes unwerth gemacht,
ihre Liebe besessen zu haben, ihre erste Liebe gewesen
zu sein. -
Damit endet die Erzählung in der Tante
Franziöka altem Tagebuche; und es steht noch
Mancherlei darin, das frend klingt in unseren Tagen.
Aber wir wollen sie nicht schelten die Zeit der
romantischen Liebe!-- Drängt sich mir doch selber
oft genug die Frage auf: Ist das, was an die Stelle

der Romantik getreten, besser, edler, erhebender als
ihre süße Schwärmerei?
Die Autwort darauf wird verschieden genng
ausfallen!-- Ich für mein Theil halte die meine
zuurick. Doch ist sie vielleicht darin zu erkennen,
daß ich die Geschichte des Josias eben des Erzählens
werth gefunden. Sind die Leser der gleichen Meinung,
nun, so erzähle ich wohl noch eine oder die andere,
wie es kommt.
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