Josias eine Geschichte aus alter Zeit
Fanny Lewald
Kapitel 02

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Bweites Kapitel.
Inzwischen gingen die Tage und die Jahre ihren
Lauf. Wir waren in das Jahr achtzehnhundertneun-
undzwanzig gekommen. -=- Ich war aus einem Kinde
ein Mädchen von fast zwanzig Jahren und, wie es
im Geiste jener Zeit lag, auch ein recht schwärmerisches
Mädchen geworden. Kein Gedicht war mir zu über-
schwänglich, kein Roman zu romanhaft. Ich ließ mir
herzlich gern den Hof machen, und obschon ich eine Un-
vermählte geblieben bin, hat es mir an Verehrern und
Bewerbern nicht gefehlt. Ich sah --- ohne Eitelkeit zu
vermelden -- gar nicht übel aus, unsere Familie war
wohl geachtet, und man wußte, daß unser Vater mich
nicht nackt und bloß in die Ehe geben würde. Aber
wie das mit mir gekommen ist, daß ich trotzdem nicht
geheirathet habe, daß ich eben Tante Fränzchen, Mam-
sell Fränzchen und allein geblieben bin, das hat mit
dem Josias nichts zu thun, das steht auf einem an-
deren Brett, und also hier davon nichts weiter.
Dazumal um achtzehnhundertneunundzwanzig -
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ich entsinne mich des Jahres ganz genau, denn der
Vater hatte gerade das Stück Wiesenland gekauft, das
die Fabrik und unseren Garten von der Spree ah-
trennte, damit wir an das Wasser heran konnten, und
hatte gleich zwei schöne Böte für uns angeschafft - dazu-
mal kamen viel Gäste in unser Haus, und es ging
lustig bei uns her. Ich tanzte leidenschaftlich gern;
mir war dann zum Fliegen leicht un's Herz. Ich
weinte jedoch fast noch lieber meine heißen Thränen
. mit allen unglücklich Liebenden in der Poesie und
Wirklichkeit; und da ich im Nebrigen verständig war,
die Eltern sich auf meine Vernunft und Sittlichkeit
verlassen konnten, und schlechte Bücher im Hause nicht
gelitten wurden, so hatte ich freie Wahl für meine
Leselust und durfte meinen empfindsamen Neigungen
ihren freien Lauf lassen.
Ich hatte gute Tage. Die Eltern, die Freunde
liebten und lobten mich, und der Josias wiederholte
es immer,,seine schlanke Franull sei recht ein Mädchen
nach seinem Herzen!?'
Gerade in dem Jahre jedoch war er zum ersten
Fanny Lewald, Josias.

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Male krank gewesen. Er hatte einen Anfall von Poda-
gra gehabt, und es war verabredet, daß er nach seiner
Rückkehr von Teplitz, wohin er zur Kur gegangen, zu
uns in den Garten kommen und den Rest des Sommers
zu seiner Erholung bei uns verbringen sollte. Als dann
endlich am Ende des Juli unser Freund, von uns
Allen ersehnt, von seiner Reise bei uns anlangte, hatten
wir zu gewahren, daß äußerlich eine Wandlung mit
ihm vorgegangen war, durch die er nicht verloren,
sondern eher gewonnen hatte, während er in seinem -
Jnnern ganz derselbe gute Josias geblieben wie vorher.
Der Arzt hatte es ihm nämlich zur Pflicht ge-
macht, seine Kleidung seinen Jahren angemessen zu
ändern; sich, seines Podagras wegen, zu der üblichen
Tracht zu bequemen, weil sie die wärmere sei; und Josias
ging denn nun gekleidet wie alle anderen Männer,
so daß man es nicht- mehr nöthig hatte, beständig
seine Absonderlichkeit gegen solche Leute zu erklären
und zu vertreten, die mit ihm zum ersten Male in
Berührung kamen. War es doch zuletzt auch mir, so
lieb ich ihn hatte, nicht mehr angenehm gewesen, mit

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ihm durch die Straßen zu gehen, weil die Menschen ihn
so verwundert betrachteten, die Kinder, mit den Fingern
auf ihn weisend, vor ihm stehen blieben, und wenn er
es auch vielleicht sich selber nicht recht eingestand --
Gott verzeihe mir's, falls ich ihm Unrecht damit thue -
ich glaube, es war ihm am Ende gar nicht unlieb,
daß er in die große Masse versinken mußte. Man
kann ja unter einem Kreuz, das man mit Begeisterung
auf sich genommen hat, doch allmälig müde werden.
Daneben sah der Josias, der nun an das Ende
seiner Fünfziger angelangt war, im langen Neberrock,
mit langem Beinkleid und mit den feinen, schönen
Klappenstiefeln, bei seiner Gestalt weit besser als vor-
dem aus. Jedweder mußte es jetzt sagen, daß er noch
ein schöner Mann sei, und er hätte nicht eben ein
schöner Mann sein müssen, hätte er an dem Wohl-
gefallen, das er erregte, nicht eine gewisse Freude
haben sollen.
Es war von dem Augenblicke gb, da er zu uns
hinausgezogen war, von der Mutter festgestellt, daß
ich im Besonderen für ihn sorgen solle. Ich hatte
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mich deßhalb mit seiner Haushälterin in Verbindung
gesetzt, damit ihm Alles bereitet werden konnte, wie er
es bei sich gewohnt war, und es verstand sich also
auch von selber, daß ich zu Hause blieb, ihm Gesell-
schaft zu leisten, als die Eltern an einem Sonntag nach
Charlottenburg gefahren waren, der Einladung einer
befreundeten Familie zu einem Mittagbrod zu folgen.
Als ich dann mit meinem Gast und mit den Ge-
schwistern unser Mahl eingenommen, für Josias den
Kaffee gemacht und er sich in sein Zimmer zurückge-
zogen hatte, ging ich hinunter nach dem mit Geis-
blatt umrankten Gartenhäuschen, das der Vater eben
dicht am Wasser hatte errichten lassen, und das, wie
die Mode es mit sich brachte, schön mit chinesischen
Tapeten ausgeschlagen war.
Indeß ich sah weder die schlitzäugigen Schönen,
noch die langzöpfigen Mandarinen, die mit ihnen in
Reih und Glied unter den fremdartigen Blumenbüschen
saßen. Was gingen die mich an?
Ich hatte mir aus der Eltern Bücherschrank den
heiß geliebten Werther wieder einmal hervor geholt,

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und die Hoffnung schwellte mir das Herz, mich den
ganzen, langen Nachmittag, so tief ich wollte, in die
Poesie von Werthers Leiden hinein versenken, seine
letzten Worte lesen, sein Geschick beweinen und neben-
her Lotte verdammen zu können, die solcher Liebe gar
nicht werth gewesen war. - Und alt, wie ich heut zu
Tage bin, fühle ich es auch jetzt noch nicht viel an-
ders!-- Gott! hätte mich einer in meinen jungen
Tagen so geliebt, Vater und Mutter und Heimath
und Geschwister und meinen guten Namen hätte ich
geopfert! nicht nur einen Bräutigam, der nichts weiter
war, als ein ordentlicher Mensch, als einer von den
Bräutigams, mit denen man sich verheirathet, wenn
es gerade so paßt und man nichts Besseres zu thun hat.
Ich hatte denn auch, ich weiß nicht zum wie vielten
Male, das Ende des Romans gelesen, hatte in voller
Andacht und Zärtlichkeit die Hände über dem Buch ge-
faltet und sah in den Abend hinaus, der sich still über
die Wiesen und das Wasser und weit hinaus über die
jenseitigen Fluren zu verbreiten begann, als Josias,
vom Hause kommend, in das Gartenhäuschen eintrat.
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,Nun,'' rief er mich an, ,was hast Du den Nach-
mittag gethan, mein Schatz?'
,Ich habe gelesen!'' entgegnete ich, das Buch zur
Seite legend.
, Und was?' fragte er, indem er es zur Hand nahm.
Als er dann den Titel gesehen, blickte er mich an und
sprach:,Wirst Du denn gar nicht damit fertig?--
Der Ton des Spottes, mit welchem er das sagte,
fiel mir auf; denn ich wußte, wie sehr er Goethe be-
wunderte, und wie er selber sich oft genug Rath und
Erhebung aus ihm holte; aber er ließ mir zum Fra-
gen keine Zeit.
,Es springt keiner, wie die Minerva, gleich fix und
fertig aus dem Haupte Jupiters. Jeder begeht seine
Jugendsßnden, und wohl ihm, wenn er allein und
nicht andere sie zu büßen haben !'' sagte er.,So ist
denn auch der Werther eine von Goethes schweren
Juugendsünden!'' Darauf hielt er einen Augenblick
inne und setzte dann hinzu: ,Aber werde Du mir
nicht schwachherzig oder gar empfindsam! - Weil. Du
ein so frisches, ehrliches Kind gewesen bist, habe ich Dich

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lieb gehabt vor allen Anderen! Empfindsam darfst
Du mir nicht werden, denn Empfindsamkeit ist eine
Schwäche, die ungerecht macht gegen die Starken; und
vollends Thränen weinen, um--
, Um ein unglücklich liebendes Herz soll man nicht
weinen?' fiel ich ihm in die Rede, meinem Ohr nicht
trauend.
,Man soll nicht weinen über einen Deserteur !''
entgegnete er bestimmt, mir das Wort abschneidend.
Ich sah ihn an, als stände ein Fremder vor mir;
aber gutmüthig, wie er's ja immer war, mochte er
fühlen, daß er mich erschreckt, mir wehe gethan, und
mit milderem Ton sette er hinzu: ,Wer selbstsüchtig
nur an sich denkt, wer flüchtet vor dem Feind, dem
Schmerz, der vor ihm steht, statt ihm die Stirn zu
bieten und sich, wenn auch schwer verwundet, zu be-
haupten in Reih und Glied mit denen, zu denen er
gehört und die zu ihm gehören, der ist ein Feigling
und ein Deserteur! Nichts mehr, nichts weniger! Er
salvirt sich und fragt nicht nach den Anderen! Er
wirft sein Leben, das er nutzen sollte, ehrlos von sich
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und fragt nicht danach, wie schwer er das Leben der
Anderen belastet, die besser sind und muthiger als er.
Leben kann in manchem Augenblick schwerer sein als
sterben. Glaube das !''
Ich kannte ihn nicht wieder, ich kannte mich selbst
nicht wieder! Es war mir, als wäre ich zehn Jahre
älter geworden, als habe er mich empor gehoben, um
mich ihm näher zu bringen; und diese Stunde be-
nutzend, faßte ich mir ein Herz.
,Josias,'' sagte ich, ,Du bist boch selbst empfind-
sam! Du trägst noch heute das Souvenir am Ohr,
das mir als Kind schon zu denken gegeben.- Du
hast, ich bin des sicher-- Du hast geliebt - hast
unglücklich geliebt.'
,Du irrst Dich nicht!'' sprach er, und seine schöne
wohlklingende Stimme wurde wieder mild. ,Du
irrst Dich nicht! Ich habe eine leidenschaftliche, un-
glückliche, wenn schon erwiderte Liebe gehabt - aber
wenn sie auch entschieden hat über mein ganzes Leben
--- ich habe kein fremdes Glück zerstört. Ich habe es
nicht von mir geworfen das Leben, so weh es mir


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gethan; ich habe getrachtet, daraus für Andere zu
machen, was ich konnte, und - ich bin der Liebe treu
geblieben, die dereinst in flüchtiger Stunde mein gan-
zes Glück gemacht.'
Und wieder hielt er inne, und ich hatte mich zu
sammeln.-- Wie wenig hatte ich ihn gekannt den
Mann, unter dessen Augen ich gelebt seit meinem ersten
Athemzuge. Und kannten ihn die Anderen mehr?
Wußten mein Vater, meine Mutter mehr von ihm, als
die Anderen alle und als ich?
Sein halbes Bekennen hatte mir Muth gegeben.
,Und sie lebt, die Du geliebt hast? fragte ich.
,I. sie lebt!?'
,Und sie ist glücklich??
,Sie lebt an ihres Gatten Seite, im Kreise ihrer
? Kinder, geliebt und hoch geehrt.?
,Aber Du?
,Die wahre Liebe denkt nicht an sich! - Mein
Herz ist zeitig still geworden - mein Gewissen auch!
und ich bin nicht verlassen. Ihr Alle liebt mich ja.?
,Alle, Alle!'' rief ich, ,und von Herzen! Aber

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wenn Du mich liebst, mich, die Du Franull genannt,
weil Deine Geliebte so geheißen - sage mir, wer
war sie, wo hat sie gelebt, und warum hast Du sie
nicht erwerben, nicht zur Frau gewinnen können?
Er strich mir mit seiner feinen Hand über das
Haar, sah dann nach Westen, nach dem Sonnenunter-
gang hin. Die Sonne stand noch hoch am Himmel.
Vom Thurm der Klosterkirche schlug es sieben Uhr,
ihr Glockenspiel tönte freundlich zu uns herüber.
, Wir haben noch mehr als drei Stunden vor
uns, ehe die Eltern von Charlottenburg zurückkehren
werden,'' sagte er, ,und die Erzählung dessen, was
Deine Zuneigung zu mir Dich hören zu machen wünscht,
ist bald geschehen. Es hat sie noch kein Ohr ver-
nommen. Dir soll sie vertraut sein, eben weil Du
jung bist. So lange Du leben wirst, werden wir fort-
leben in Deinem Gedächtniß, Franull und ich. Es
ist ein Stückchen irdischer Unsterblichkeit, das ich mir
und unserer Liebe sichere. - Komm, setz Dich her zu
mir, wo das Licht nicht blendet; und nun höre zu.''