Josias eine Geschichte aus alter Zeit
Fanny Lewald
Kapitel 03

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Drittes Kapitel.
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Du weißt, hnb er an, daß wir Courvilles
aus dem Bievrethal stammen, wo unser Vorfahr
Elaude Frangois Courville auf schönem Grundbesitze
lebte. Ohne von Adel zu sein, war unsere Familie
angesehen; die Herren vom Hofe hatten, wenn die
königlichen Jagden sich bis in unsere Gegend erstreckten,
zum Defteren einen kurzen Halt vor dem stattlichen,
schloßartigen Hause gemacht und sich es gefallen lassen,
wenn ihnen in dem trefflichen Wein und den köstlichen
Früchten, die unsere Weinberge und Gärten erzeugten,
eine Erfrischung dargeboten wurde. Die Courvilles
waren glückliche Leute gewesen auf ihrem Grund und
Boden. Sie hatten auch in der Kaufmannschaft, in
der Robe und in der Verwaltung ihre nahen Ver-
wandten gehabt, aber die ganze Familie hatte sich
dem Katholicismus abgewendet; und eines schönen
Tages hatte man die Hugenotten vertrieben, hatte es
ein Ende gehabt mit all dem Frieden und mit all der
Herrlichkeit auch in Beauchamp.

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Seiner Umsicht und einem Zusammentreffen günsti-
ger Umstände hatte unser Stammvater es zu danken,
daß er ein immerhin beträchtliches Vermögen retten
können; und nachdem er in Preußen die neue Hei-
math gefunden, und die Verhältnisse des Landes ken-
nen lernen, hatte er, in Frankreich an die Nähe einer
großen Stadt, an die Nähe von Paris gewöhnt, sich
fünf Meilen von Berlin in der Mark angekauft.
Die adelige Familie, welcher das Schloß Eichhausen
gehört, hatte durch eine neue reiche Erbschaft im
Bayreuthischen sich veranlaßt gefunden, den alten
Besitz um des neuen willen aufzugeben, und mein
Vater hatte im Andenken an Beauchamp sein Schloß
,Schönfelde'' getauft. In Schbnfelde sind die Cour-
villes von Vater auf den Sohn ansässig geblieben,
und unter ihrer aus Frankreich mitgebrachten Kennt-
niß der verbesserten Landwirthschaft hatte sich Schön-
felde zu einer Art von Musterwirthschaft herausge-
bildet, in welcher namentlich die Pflege des Obstes
und die großen Anpflanzungen von Maulbeerbäumen
die Aufmerksamkeit erregten. als man ein Jahrhun-

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dert später von Seiten der preußischen Regierung die
Seidenerzeugung im Lande einzuführen und zu fördern
beabsichtigte.
Als mein Vater das Gut von seinem Vater nach
Beendigung des siebenjährigen Krieges überkam,' hatten
wir gen Osten hin die Königliche Domäne Benwit,
gen Westen hin Schloß Dombow zu Nachbarn, welch
letzteres einem Grafen Dubimin, einem Major von
den Zieten'schen Husaren gehörte, der es aber bis dahin
selten bewohnt, weil der Dienst ihn fern hielt, und
weil die schöne Gräfin, die er sich zugelegt, als er
ein Mann in den dreißiger Jahren gewesen, die Freuden
des Hoflebens nicht entbehren mochte.
Mit einem Male jedoch erschien der Graf mitten
im Winter des Jahres siebzehnhundertfünfundsechzig -
plötzlich in Dambow. Seine Wagen, seine Pferde,
sein alter Wachtmeister langten mit ihm an. Es
wurde Alles auf sein Verweilen eingerichtet; nur
die Gräfin kam nicht mit, und nicht der Sohn,
den sie anderthalb Jahre vorher in ihrer bis dahin
kinderlosen Ehe geboren hatte, und über dsn da-
,

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mals, als die Nachricht von Berlin gekommen, in
Dambow unter des Grafen Leuten große Freude ges
wesen war.
Sonst war der Graf, wenn er einmal während
der Kriegsjahre für kurze Zeit einen Urlaub erhalten,
als ein leidenschaftlicher Jäger und lebenslustiger Herr
immer gleich von großer Gesellschaft umgeben gewesen.
Es war dann hoch hergegangen. Der ganze Adel
von den Nachhargütern war geladen worden, die Jagd-
frühstücke, die Mittagbrode, die Abendfeste hatten ein-
ander abgelöst. Von früh bis in die späte Nacht
war es ein glänzendes Leben gewesen; dies Mal blieb
Alles still. Der Förster fragte vergebens nach des
Herrn Befehlen. Der Graf gab kaum Acht auf die
Berichte über den Wildstand, er rührte keine Flinte an.
Man wußte nicht, was man davon zu denken hatte.
Aus dem Wachtmeister war Nichts herauszubringen, und
die Bedienten ließen sich auch nicht viel vernehmen
über das, was den Grafen so verwandelt hatte. Und
trotdem wußte man es doch bald, daß er seinen Ab-
schied genommen, daß er seine Frau und seinen Sohn

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verstoßen habe. Erklären konnte man sich das nicht,
bis sechs, acht Wochen später der Verwalter von der
Königlichen Domaine, der in Berlin gewesen war, die
Nachricht mitbrachte, daß der Graf ein Duell gehabt
habe. Sein Gegner, ein Sekretär der französischen
Gesandtschaft, ein Vicomte von Solanges, sei an der
erhaltenen Wunde gestorben. Die Gräfin Dubimin
sei mit ihrem Sohn erst zu ihren Eltern, dann aber
nach Frankreich in die Bretagne gegangen, da der
Vicomte vor seinem Tode ihr und ihrem Sohn seinen
ganzen liegenden Besitz und sein Vermögen verschrieben.
Der Graf habe die Trennung seiner Ehe eingeleitet
und dabei darauf angetragen, daß der Gräfin und
ihrem Sohn die Führung seines Namens verboten
würde.
Was daneben noch weiter über die Gräfin und
die näheren Umstände dieses Ehescheidungsprozesses
verlautete, war traurig genug für den Grafen und
zum Wiederholen nicht gemacht. Es konnte sich damals
aus den Andeutungen Jeder seinen Vers machen, und
machte sich ihn auch.

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Wer irgend den Grafen näher kannte, der be-
klagte ihn. Er war ein tapferer Soldat gewesen,
hatte sich Ehre und Ruhm erworben durch seinen Muth,
durch seine bis zur Tollkühnheit gehende Verwegenheit,
und er hatte eben deßhalb bei dem König, der solche
rasche Entschlossenheit, der die Husarenstreiche liebte,
in großer Gunst gestanden. - Eben dieser Gunst und
der Rücksicht auf die französische Gesandtschaft schrieb
man es also zu, daß das Duell und die ganze traurige
Scheidungsangelegenheit möglichst in der Stille abge-
handelt und dem Grafen die lange Festungsstrafe in
eine kurze Haft verwandelt worden war, nach welcher
er seinen Abschied gefordert und sich auf sein Gut
zurückgezogen hatte.
Neberall gab man ihm Recht. Man sagte, er
habe gehandelt, wie er mußte, und nun sei, eben Alles
in Ordnung. Er jedoch vermochte die schwere Kränkung
seiner Ehre und seine verrathene Liebe nicht zu ver-
winden. Aus dem lebensfrohen Offizier war ein
finsterer Mann, man sagte ein Menschenfeind geworden.
Er besuchte Niemand; und wenn man ihm Sonntags

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in der Kirche begegnete, sah man's ihm an, wie ver-
sunken er in sich war, und daß er an seinen alten
Bekannten und an Nichts mehr Antheil nahm, obschon
er in allem Geschäftlichen seine Schuldigkeit that, und
seinen Leuten nach wie vor ein gnädiger, guter Herr
geblieben war. Nur mit meinem Vater hielt er noch
einigen Verkehr, das stammte aus ihrer Kinderzeit.
So mochten drei Jahre verstrichen sein, als der
König einmal in unsere Gegend kam; und als wolle
er seinem früheren Major und Günstling öffentlich -
eine Ehrenerklärung geben, ließ er ihm die Nachricht
zuugehen, daß er bei ihm vorzusprechen denke, wenn er
die Domäne Banwitz besucht haben werde, die ein
gewisser Kräutner seit langen Jahren bewirthschaftete,
und schlecht bewirthschaftete. Es war um die Zeit-
überhaupt die Rede davon gewesen, daß der König
die bisherige Verwaltung seiner Güter nicht zweckent-
sprechend finde, daß eine andere Einrichtung mit den
Domänen gemacht werden solle.
Die Nachricht, daß der König den Grafen mit
seinem Besuche beehren werde, brachte mit einem Male
Fanny Lewald, Josias.
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Leben in das stille Schloß. Es wurden Reitknechte nach
rechts und links gesendet, der Koch und die Diener-
schaft hatten sich zu rühren, und auch unser Gärtner
wurde in Anspruch genommen, in aller Eile die Ehren-
pforten errichten zu helfen, mit denen der König
empfangen werden sollte. Wer es konnte, war im
Lande auf den Beinen,' den König zu sehen, den man
schon damals den ,großen König'' nannte, und es hatte
sich viel Volk gesammelt, als er vor Schloß Dambow
vorfuhr, wo der Graf, zum exsten Male wieder in
voller Uniform, seinen Herrn an seines Gartens Thor
empfing.
Es war dem Grafen die Weisung ertheilt worden,
daß keine weiteren Gäste einzuladen wären, und nach-
dem der König den Grafen huldvoll begrüßt und
seine Dankbezeugung gnädig aufgenommen, hatte man
sich zu dem vorbereiteten Gabelfrühstück niedergesetzt.
Vorher hatte jedoch der Generaladjutant dem Grafen
mit flüchtigem Worte zu verstehen gegeben, daß der
König nicht sonderlich aufgelegt sei, weil er mit der
Verwaltung der Domäne und dem Kräutner unzus

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frieden gewesen wäre. Kaum aber hatte der Adjutant
das gesagt, als der König sich erkundigt, wem das
Nachbargut Schönfelde gehöre, da seinem Adlerauge
trotz des raschen Vorüberfahrens die vielen, reiche Frucht
versprechenden Obstspaliere und die Alleen der kräftig
emporgewachsenen Maulbeerbäume bei uns aufgefallen
waren.
Der Graf hatte darauf dem Könige meinen Vater
genannt, hatte berichtet, was der König sonst noch zu
wissen gewünscht, und sofort war auch ein Reitknecht
nach Schönfelde gesendet worden, weil der König, der
auf die Refugiss viel hielt, meinen Vater zu sprechen
verlangt. Der Graf war meinem Vater, als man
ihn in Dambow gemeldet, entgegengegangen, hatte
ihn im Voraus benachrichtigt, um was es sich wahr-
scheinlich handeln würde, hinzusetzend, daß der König
Nerger in Banwitz gehabt und daß der Vater sich
danach zu achten habe.
Wie der Vater darauf vor dem Könige erschien -
und mein Vater war ein stattlicher Mann, der sich
vornehm ausnahm in der schönen Tracht von damals -

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wie mein Vater also ehrfurchtsvoll und wüürdig vor
seinem Könige stand, sagte dieser: ,EEr stammt von
den Refugiss, wie ich von dem Grafen vernommen,
und ich lobe seine Obst- und seine Maulbeerzucht. So
wie sie bei ihm ist, will ich sie eingeführt haben; aber
der Kräutner versteht sein Metier nicht und nicht
meine Intention. Er hat Banwitz verwirthschaftet
und muß fort. Verkaufe Er mir Schönfelde. Ich
schlage es zur Domäne, und Er soll mir beide Güter
bewirthschaften nach der Weise, wie Er sein Schön-
felde in Kultur gebracht hat.?
Josias machte eine kleine Pause. -,Du kannst
Dir wohl denken,'' nahm er darauf wieder das Wort,
,daß es kein leichtes Stück war, ein Mein' zu sagen,
wenn der große Friedrich seine scharfen, blauen Augen,
eine andere Antwort erwartend, auf einen seiner Unter-
thanen gerichtet hielt. Indeß der Vater hing an
seinem, an dem Familiengute. Das Gut, in das
durch nahezu ein Jahrhundert beträchtliches Kapital
hineingesteckt worden war, konnte auch nicht billig
fortgegeben werden, und daß der König ein knapper

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Zahler war und sein muußte, das war Jedermann
bekannt, das lag in den Verhältnissen. Allein da der
Vater ein großer Verehrer des Königs war, da er
auch den schönen Zug fühlte, einem Hohenzollern, so
weit es in seiner geringen Macht stand, sich dankbar
zu erweisen für den Schutz, welchen unsere Vorfahren
unter dem Scepter der Hohenzollern in Preußen ge-
funden, so sagte er, als der gewandte und rasch -
entschlossene Mann, der er gewesen ist alle Zeit:
,Majestät werden es gut zu heißen geruhen, daß ein
Refugis an seinem Grund und Boden, den er unter
dem preußischen Adler erworben hat, mit derselben
festen Treue hält, wie an seinem neuen Vaterlände
und an dessen ruhmreichem Könige und Herrn! Aber -
wenn Dero Majestät Zutrauen zu mir fassen könnten
und Dero Unterthan eine große Gnade erweisen
wollten, so getraute ich mir, da Schönfelde im Stande
ist und mir freie Zeit läßt, die Domäne, wenn Herr
Kräutner bleibt, zu beaufsichtigen oder zu bewirth-
schaften, wie Dero Majestät es zu befehlen geruhen,
ohue daß ich - Schönfelde deshalb auufgeben müßte.

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Denn ich möchte es vererben auf den Sohn, auf das
erste Kind, das mir in dieser Nacht geboren ist, wie-
meine Vorfahren es vererbt, vom Vater auf den
Sohn,'
Mein Vater merkte an den Mienen der Anwesen-
den, daß sie von Seiner Majestät etwas Ungnädiges
zu vernehmen erwarteten; sie hatten sich aber geirrt.
Der König war zu gerecht, um einem Manne ein
gerechtes Verlangen als Verbrechen anzurechnen. Er
sah meinen Vater scharf an, dann sagte er: ,Wenn
Er nicht lassen will von seiner Scholle, behalt! Er sie.
Ich will's mit ihm probiren! Der Kräutner soll
Ordre bekommen, sich ihm zu unterstellen. Seh' Er,
ob's mit ihm geht. Parirt er nicht, meld' Er's der
Kanzlei, dann geht er. Aber nehm' Er's mit Banwitz
gleich in Angriff! Sein Schade soll's nicht sein, wenn
Er seinen König contentirt. Also aufs nächste Jahr,
Monsieur Courville! Ich werde nachsehen lassen, wo
Er halten wird !'
Damit reichte er meinem Vater die Hand, der
sie ihm mit stolzer Freude küßte; und als dann der



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König gleich darauf das Schloß verließ, nickte er dem
- Vater noch einmal gnädig mit dem Kopfe, bevor der
Wagen dem Auge entschwand.
Der Graf lud den Vater darauf ein, mit ihm
in das Schloß zurückzukehren, um bei einem Glase
Wein zu besprechen, wann der betreffende Befehl an
Kräutner eintreffen könne, und wie es rathsam sei,
bis dahin von der Angelegenheit zu schweigen. Dabei
gab ein Wort das andere. - Des Grafen Herz war
aufgeschlossener als seit langen Jahrey- ggDie Gnade
des Königs hatte ihn neu belebt, und weil er sich
befreiten Sinnes fühlte, mochte er auch Freude be-
reiten, wollte er dem einstigen Spielkameraden, dem
Gutsnachbar, dem der König eben die Huld erwiesen,
seine freien Dienste anzunehmen, auch eine Ehre an-
thun, denn der Vater war nun in des Grafen Augen
noch mehr gestiegen und noch ein ganz Anderer ge-
worden als bisher.
Er fragte den Vater theilnehmend nach dem Be-
finden der Wöchnerin und settte hinzu: ,Da Ihnen,
lieber Courville, gerade an dem Tage, den wir Beide

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in unsere Annalen einzutragen haben werden, ein
Sohn geboren worden, so nehmen Sie mich, als
Jugendbekannten, zu seinem Pathen an, und da ich
Ihr nächster Nachbar bin, werde ich das Vergnügen
haben, ihn unter meinen Augen heranwachsen zu sehen.
Ein Einsamer muß sich an fremdem Glück erfreuen
lernen !'
Mein Vater erkannte natürlich diese Ehre dank-
barst an, und weil des Grafen Stimme und Rede
weicher und herzlicher geklungen, als er sie je ver-'
nommen, sagte er, er hoffe, der Graf werde nicht
immer einsam bleiben, und auch ihm und seinem Hause
werde noch Glück erblühen, und der Erbe ihm nicht
fehlen zu seiner Zeit.
Der Graf schüttelte verneinend das Haupt. ,Was
hin ist, ist dahin!'' sprach er.,Der Baum, den ein
Blitzstrahl getroffen, mit dem ist's vorbei, der trägt
keine Frucht mehr !''
,Sie irren, Herr Graf, es kommt nur auf die
Kraft des Stammes an,'' wendete ihm der Vater ein.
,Wenn ich die Ehre haben werde, Sie in Schönfelde

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zu sehen, zeige ich Ihnen einen Baum, den der Blitz
vor Jahren seiner mächtigsten Aeste beraubt; und er
hat neue Aeste getrieben, und verspricht noch auf weit
hinaus Bestehen und gute Frucht.? Der Graf nahm
das wie eine gewöhnliche Bemerkung hin. Nur ein
flüchtiges Lächeln glitt über sein gefurchtes, düsteres
Antlitz und es war weiter die Rede nicht davon.
Vierzehn Tage danach ward ich in der Kirche der
Domäne, in welcher wir und die von Dambow ein-
geßfarrt waren, auf den Namen Friedrich Claudius
Josias getauft, und mit dem letzten Namen gerufen,
welcher der des Grafen war; mit dem Namen, über
den Du Dich so sehr gewundert hast, als Du noch ein
kleines unnützes Ding gewesen bist.?
Und wieder unterbrach sich Josias, seiner ge-
mächlichen Weise getreu, in seiner Erzählung. - Die
Sonne war untergegangen, die Luft war klar und hell;
- von dem Wasser und von den jenseitigen Wiesen stieg
es, wie ein kaum merklicher, leichter Nebel auf. All
mälig begann er silbern zu schimmern und sich zu
färben, denn der Mond tauchte am östlichen Horizont

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auf. Josias blickte eine ganze Weile in das sanfte
Wallen und Weben des Nebels hinein.
,Sieh,- sprach er, ,wie das nahende Licht die
ganze weite Fläche und den Himmel verklärt mit seinem
Zauber. Ist es doch, als löste er die harten Umrisse
in Duft, als höbe er das Gesetz der Schwere auf!
Wie macht diese Herrlichkeit es uns empfinden, daß
wir eingeboren sind in die Schönheit der Natur, daß
wir zu ihr gehören, ein Theil von ihr sind! Wie
fühlt man sie aufwallen im Herzen, die Anbetung
dessen, der uns diese schöne Welt geschaffen hat! -
Und über ein Kleines, ein paar Stunden noch, wenn
des Mondes Helle unserem Auge entschwunden sein,
wenn das Dunkel uns umhüllen wird, so wird trotz-
dem das Licht, das jetzt von ihm in' unsere Seelen
gefallen, fortleuchten in uns in aller seiner Schönheit,
in unverlierbarer Erinnerung -- fortleben und leuchten
wie die wahre Liebe, die auch ein Gottgegebenes und
also auch ein Unverlierbares, ein Ewiges ist, obschon
sie uns nicht wiederkehrt, wie des Mondes holdes Licht.?
Ich habe diese Worte des guten Josias und dieser

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Stunde nie vergessen. Ich trage sie im Gedächtniß,
als hätte ich sie eben durchlebt. Mir war es zu Muth
wie in der Kirche, so fromm, so still, so hingegeben,
da ich Josias mit solchem Vertrauen aus seinem
tiefsten Herzen zu mir reden hörte. - Er jedoch raffte
sich plötzlich aus seinen Betrachtungen empor, und
seine freundlichen Augen zu mir wendend, sprach er,
seine Erzählung in seinem gewohnten Tone wieder
aufnehmend: ,Wßas ich Dir bis jetzt berichtet, habe ich
natürlich nur vom Hörensagen; nun aber kann und
muß ich von mir selber und von meinem eignen Er-
lebten reden, und mein Erinnern reicht ein gut Ende
zurück.
Bis ich in mein siebentes Jahr gekommen bin,
flossen meine Tage vorüber, wie sie einem einzigen
Kinde in begüterter Familie auf dem Lande eben hin-
gehen, und eines besonders lebhaften Eindruckes weiß
ich mich nicht zu erinnern aus meiner ersten Kindheit.
Ich war von je, wie Figura noch heute zeigt, ein
großer, starker Bursche gewesen, hatte mit sechs Jahren
an dem Doktor Hartusius einen rechtschaffenen, ges

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bildeten Erzieher bekommen, von dem ich mit Ver-
gnüügen lernte, weil mir das nicht schwer fiel. Zun
meinem achten Geburtstage hatte mein Herr Pathe,
der Graf, der zum Defteren nach mir sah, und dem
ich sonntäglich in der Kirche die Hand zu küssen hatte,
mir ein eigenes Pferd geschenkt, und bei dem wachs
senden Wohlstand meiner Eltern, bei ihrer Zärtlichkeit
für mich, lebte ich als ein seelenvergnüügter Junge in
dem Sonnenschein ihrer Liebe und des Glücks.
Der Vater hatte dem Könige leisten können, was zu
thun er sich erboten, er hatte eine Oberaufsicht in
Banwi geführt, obschon der bisherige Verwalter ihm
diese Aufgabe nicht leicht gemacht. Er hatte Obstbäume,
Maulbeerbäume pflanzen lassen, Felder- und Wiesen-
stand durch bessere Düngung und Wasserableitung in
ihrem Ertrag gehoben, und inzwischen hatten die Maß-
nahmen in der Verwaltung der Domänen sich geändert.
Man hatte die Erfahrung immer mehr bestätigt
gefunden, daß Nichts dabei herauskam, wenn der Staat
die königlichen Güter selbst bewirthschaftete, hatte also
beschlossen, sie in Pacht zu geben, wobei dann den


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Pächtern die polizeiliche Macht, die Steuererhebung
und Gerichtsbarkeit derselben mit dem Titel königliche
Rentmeister zuerkannt, und sie also in gewissem Sinne -
den königlichen Beamten und den adligen Gutsbesitzern
gleichgestellt wurden.- Daß man meinem Vater
den Antrag machte, die Domäne zu pachten, verstand
, -
sich fast ebenso von selbst, als daß mein Vater ihn
annahm, besonders da der König ihm gleichzeitig als
Zeichen seiner bisherigen Zufriedenheit einen Orden
verliehen; und ohne daß darüber gesprochen wurde,
hatte sich in der Familie und in der Gegend die
Meinung festgestellt, daß auch ich, wenn ich einmal
so weit sein würde, die Domäne übernehmen, daß
die Hohenzollern und die Courvilles zusammen, bleiben
würden - wobei dann immer in Erwähnung gebracht
wurde, daß ich, als ein reicher junger Mann, die
Welt sehen und ein Leben haben würde, wie ein
solcher junger Mann sich's wünscht. - Durch meiner
Mutter Sinn strich daneben wohl auch der Gedanke
an Adelung durch des Königs Gnade, an eine vor-
nehme Heirath für mich in Folge der Adelung; und

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die Idee war im Grunde keine vermessene.- So
jung ich war, so verstand ich, da ich immer unter Er-
wachsenen lebte, das Alles ebenso gut, wie ein Kron-
prinz es früh verstehen lernt, daß er für den Thron
geboren ist. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt!
- Die Eltern sind nicht alt geworden, es ist nicht
gekommen, wie sie es erwartet.
Um die Zeit nun, von welcher ich eben jett ges
redet, ging ich einmal mit Herrn Hartusius auf dem
Wege nach Dambow spazieren. Er war ein feiner
Mann, denn auf feine Manieren hielt man damals
mehr als heut zu Tage. Er hatte in Pvredun bei
Pestalozzi seine Schule gemacht, in Leipzig und Weimar
eine Weile unter den dortigen Schöngeistern gelebt,
und war von Gellert an Professor Ramler nach Berlin
empfohlen worden. Durch diesen war er in unser
Haus gekommen, sehr zur Befriedigung meiner Mutter,
die eine poetische Seele hatte. Er machte sehr hübsche
Verse, machte auch alle die Gedichte, welche ich bei
feierlichen Anlässen zu Hause und zum Neujahr für
meinen Herrn Pathen abzuschreiben und herzusagen

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hatte, und meine beiden Eltern besaßen in dem philo-
logisch und ästhetisch gebildeten Mann einen sehr
angenehmen Hausgenossen und verläßlichen Freund.
Ihm verdanke ich meine eigene Freude an der Poesie
und meine frühe Bekanntschaft mit unserer schönen
Literatur.
An dem Abende also waren wir noch nicht lange
auf dem sonst stillen und einsamen Wege einherge-
schritten, als wir uns vor einem Haufen von Leuten
befanden, die sich zwischen den beiden letzten Wagen
der Dambower Gerstenernte, laut durcheinander
sprechend und wirr durcheinander schreiend hin und
her bewegten.
Die Binderinnen waren von den Wagen her-
unter, die Knechte von den Pferden gesprungen; es
waren Leute aus dem Dorf dazu gekommen, zu sehen,
was da vor sich gehe, und wie wir dann auch in
gleicher Absicht herangetreten waren, hatten wir keine
Mühe zu erkennen, um was es sich dort handelt.
Wir sahen einen großen Kerl vor uns, dem ein
Affe auf der Schulter saß, während er einen Bären

== 1F --
an doppelter Kette neben sich hatte. Hinter ihm hielt
ein starker, noch junger Mensch ein altes, kraushaariges
Pferd, einen rechten struppigen Pollaken, der schwer
und hoch mit allerlei Stangenwerk und sonstigem Kram
beladen war. Ein kleines, verhutzeltes Weib trug einen
zweiten, kleineren Affenin einem Korbe auf dem Rücken,
und sie und ein schönes, etwa siebzehnjähriges Mädchen
mit rabenschwarzem Haar und großen schwarzen Augen,
aus denen sie finster vor sich hinstierte, hatten jede
einen Pudel an der Leine. - Es war fahrendes Volk,
wie es, bald nach dem Kriege, sich oft im Lande herum-
getrieben hatte. Jezt in den Friedenszeiten sah man
es selten, und der Schulze und der herbeigerufene
Gendarm wiesen mit lauter Abwehr die Bitte des
Mannes zurück, der in Dambow nächtigen und am
anderen Tage dort vor allem Volk seine Künste machen
wollte. Das Hin- und Herreden, das Hinzukommen
von immer mehr Leuten hatte die Hunde unruhig
gemacht, die laut bellend gegen die Menschen an-
sprangen. Der Bär brummte dazwischen; der fremde
Ton und das zischende Quiken der Affen regte die
l

-- Iß =-
Kinder auf, und des Schulzen beide Jungen wendeten
sich vorbittend für die Truppe an den Vater.
Wie gesagt, es kam nur selten vor, daß solche
Bande sich bei uns blicken ließ, und seit ich ein paar
Mal mit den Eltern in Berlin gewesen war, wo man
mich in die Komödie und in die Vorstellung einer
Seiltänzergesellschaft mitgenommen, machten die Bären-
führer mit ihrem Gefolge mir nicht mehr den früheren
Eindruck. Aber in dem Stillleben auf dem Lande
war doch jede Abwechslung etwas Willkommenes, und
ich bat Herrn Hartusius, er möge sich ins Mittel legen,
damit man die Leute in Dambow nächtigen lasse, wo-
nach wir dann versuchen wollten, ihnen für den nächsten
Abend eine Erlaubniß zum Nächtigen in Schönfelde
von meinem Vater zu erwirken, der diesen Abend nicht
zu Hause, sondern zu einem Erntefeste in der Nachbar-
schaft geladen war.
Der Führer der Truppe, den sein Gewerbe und
sein Wanderleben zu schärfster Achtsamkeit gewöhnt,
sah nach mir herüber, errieth an meinen Mienen, daß
???--- == ==-= == ==
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-- Zls -
zu mir wendend, sagte er: ,Nh, jung' Graf! Pudel
klug, Bär marschirt, Aff' reitet wie Husar und zieht
Säbel, und da, da! Die da! Franull tanzt! Tanzt
oben! Hoch! Schön hoch wie Dach!''
In dem Augenblick kam der Graf zum hintern
Gartenthor heraus, übersah mit raschem Blick was
vorging, und Hartusius, den die Schönheit und der
finstre Blick in den Augen des Mädchens überrascht
hatten, machte den Grafen auf dasselbe aufmerksam -
,Das war Franull?' fragte ich voll Erstaunen.
, Unterbrich mich nicht!'' mahnte Josias, der im
Fortgang seiner Erzählung lebhafter geworden war.
Der Graf, ebenso angezogen als Hartusius und
selbst ich, trat an das schöne Kind mit der Frage
heran, ob der Führer ihr Vater sei. Das Mädchen
schüttelte verneinend den Kopf; die Alte aber versuchte,
dem Grafen, der es ihr wehrte, den Rock zu küssen,
und sagte in einem verständlichen Deutsch, dem man
den Dialekt von Oberschlesien anhörte: ,S ist meiner
Tochter Kind! Allergnädigster Herr! Der Vater war
auch Kroat wie der hier; der Vater ist im Krieg ge-


==- J!--
blieben. Der da, der Jablonski, lag bei mir ver-
wundet im Quartier. Da sind die Preußen gekommen,
die haben uns das Dach über dem Kopf angesteckt, daß
wir uns hingeschleppt bis in den Wald. Und wie er
dann wieder gehen, und ich das arme Wurm fort-
schleppen gekonnt, da ist's dann so geworden. Erst
sind wir herumgezogen mit einem Anderen, der die
Franull auf die Beine gebracht! Ich hab' gekocht für
Alle; dann hat sich gut angelassen die Franull, und
er hat sich selber zum Hauptmann machen können;
aber sie parirt nicht - und sie muß doch, wie der
Bär und Alles! Sie muß! Küß' die Hand, Franull!''
Das Mädchen gehorchte stumm und ohne aufzu-
sehen. Der Graf, der kein Auge von der jungen
Schönheit verwendete, hatte damit der Alten Zeit ge
lassen, ihre Geschichte abzuhaspeln. Mir war sie wie
ein Märchen zu Herzen gegangen, um des Mädchens
willen. Ich gab ihr das Geld, das ich bei mir
hatte, sie nahm's ohne Dank und reichte es dem
Führer.
Dem Grafen war das nicht entgangen. ,ßr

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will hier bleiben und seine Künste machen?' sagte er
zu dem Kroaten.
,Allergnädigster Herr, sind wir doch geworden
Preußen in Schlesien. Wollen allergnädigster Herr
lassen ehrliche Preußen ihr ehrlich Gewerb' haben hier,
und sich lassen verdienen ihr elend Brod hier!-
Machen schöne Kunst, junger Herr!'' versicherte er mich
dann wieder.
Es waren nicht die Beredsamkeit der Alten, noch
des Kroaten Betheuerungen seiner Ehrlichkeit, sondern
Franulls finstere Schönheit, die auf den Grafen
wirkte.
,Verstehst Du Deutsch?' fragte er. Sie nickte,
ohne zu antworten, mit dem Kopfe.
,Wo kommt Ihr her?
,Vom anderen Dorf !'' erwiderte sie, aber sie
hob die Augen nicht zu ihm empor.
,Wie lang seid Ihr unterwegs ?
,Immer !''
,Wo seid Ihr zu Hause?
,Nirgends !''--

E -
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RRR? RRRRFRF? RFFRRRFR RFRRR
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Ihre Wortkargheit, ihre zusammengepreßten
Lippen, ihre Blässe, die Erschöpfung,, die man ihr
ansah, hatten etwas Erschütterndes, und eben wollte ich
eine Fürbitte bei meinem gräflichen Herrn Pathen für
einlegen, als dieser einen seiner Leute heranwinkte.
,Bringt sie in den Schafstall! - er stand leer,
weil die Schafe noch draußen in der Hürde blieben. -
,Bringt sie in den Schafstall, gebt ihnen zu essen, auch
Milch dem Mädchen! Sie mögen morgen, da es -
Sonntag ist, hinten auf der Koppel ihre Künste
machen! -- Aber Montag mit Tagesanbruch fort!?'
herrschte er den Kroaten an.
,Fort!'' sprach Franull dem Grafen nach, der sich
auf das Wort noch einmal zu ihr zurückwendete, während
Jablonski und die Alte in überschwenglichen, lohpreisen-
den Ausrufen des Dankes kein Ende finden konnten.
Der Graf, dem ich für mein Theil dankend die
Hand zu küssen hatte, trug mir einen Gruß an meinen
Herrn Vater und meine Frau Mutter auf und machte
gegen Doktor Hartusius die Bemerkung: ,Söchade um
das schöne Geschöpsl''