Josias eine Geschichte aus alter Zeit
Fanny Lewald
Kapitel 04

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,Es wird unter die Füße getreten werden !''
warf der Doktor ein.
,Wie anders!'' entgegnete der Graf mit Achsel-
zucken und ging davon, während wir unseren Heims
weg antraten.
Viertes Kapitel.
Zu Hause war von dem Vorgang nicht eben viel
die Rede, denn es war ja kein außergewöhnlicher, aber
ich konnte das sonderbare Mädchen nicht vergessen.
Die großen, finsteren Augen sahen mich immer noch
an, und auch der Doktor erwähnte der jungen, eigen-
artigen Schönheit so lebhaft, daß mein Vater lächelnd
sagte, wir hätten ihn neugierig gemacht, und wenn
gerade Nichts dazwischen käme, so könne man sich ja
das Wunder morgen einmal ansehen, falls das Wetter
sich halte, das mit Regen drohte.
Indeß am Morgen hatten die Wolken sich ver-
theilt, die Sonne strahlte hell hernieder, da wir nach
Banwitz zur Kirche fuhren, die der Graf wie wir mit

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strengster Regelmäßigkeit besuchte; und als wir nach
dem Gottesdienste vor dem Kirchhof bei unseren
beiderseitigen Wagen zusammentrafen, sagte der Graf
scherzend zu mir:,Nun, Monsieur Josias, Er wird
wohl Lust haben, heute die famose Gesellschaft in
Dambow ihre Künste machen zu sehen! Der Kerl
hat mit merkwürdiger Geschicklichkeit und Schnelle das
Gerüst aufgeschlagen und das Seil gespannt, auf dem
das Frauenzimmer tanzen soll; und wenn es den
werthen Nachbaren gefallen sollte, mit dem Josias und
seinem Gouverneur den Kaffee bei mir zu nehmen, so
würde ich erfreut sein, sie in Dambow zu empfangen.''
Solche Einladungen kamen im Laufe des Jahres
äb und zu einmal vor, wurden stets eben so dankbar
angenommen als erwidert, und es war um die vierte
Nachmittagsstunde, als wir in den Schloßhof einfuhren.
Der Kroat war, nachdem er seine Vorbereitungen
am Morgen getroffen, mit seiner Truppe durch die
drei Dörfer gezogen, so weit es möglich gewesen, und
hatte trommelnd oder trompetend die Leute zusammen-
gerufen, ihnen die Herrlichkeiten anzukündigen, deren

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sie theilhaftig werden könnten, wenn sie sich pünktlich
um fünf Ühr auf der Koppel hinter Schloß Dambow
einfinden wollten. Er hatte auch ein paar von den
Musikanten geworben, die in den Schänken der Dörfer
zum Tanz aufspielten, und es sah denn bunt geng
auf dem umzäunten Weidenplatze aus, als ich eine
Stunde später, nach dem eingenommenen Kaffee, die
Erlaubniß erbat und erhielt, dem Schauspiel bei-
wohnen zu gehen.
Meine Mutter zeigte Lust, sich mir und Doktor
Hartusius anzuschließen, da die beiden Männer sich in
ihre Unterhaltung über die Zweckmäßigkeit der immer
weiter durchgeführten Domänenverpachtung vertieft
hatten; und der Graf, der trotz der völligen Einsam-
keit, in welcher er sich nach wie vor gefiel, die feine
Sitte der guten Gesellschaft doch niemals außer Acht
ließ, brach darauf sofort das Gespräch mit meinem
Vater ab, um meiner Mutter den Arm zu bieten, als
sie sich auf seinem Grund und Boden zu ergehen wünschte.
Schon im Park klang von der Wiese zwischen
dem lustigen Dreitritt, den wir sonntäglich aus dem

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Kruge zu hören gewohnt waren, der laute Jubel und
das Hurrahrufen hinüber, mit dem die zahlreich zus
sammengeströmte Menge ihren Beifall' kund gab; und
wie wir dann den freien Blick auf die Koppel ges
wannen, sahen wir - die Thiere hatten ihre Künste
bereits alle zum Besten gegeben -- wie Franull sich
auf dem Seile in gemessenem Schritte hin und her
bewegte, sich neigend, sich erhebend, sich wendend und
sich wieder neigend, und was immer sie that, es stand
ihr gut, und sie sah schön aus in dem elenden, rothen
Röckchen, das ihr nicht weit über das Knie hinab-
reichte, und ihre Glieder, ihre feinen Schultern, ihre
schönen Arme dem Blicke überließ. Sie trug einen
Kranz von Ebereschen in dem schwarzen Gelock und
die mit Schellen besetzte Balancirstange in den Händen.
Mir kam sie wo möglich noch schöner als am verwichenen
Abende vor; aber der Ausruf meiner Mutter: ,Herr
Gott! das Mädchen ist ja zum Erbarmen schön!''
bezeichnete den Eindruck, den sie machte, auf das
Richtigste.
Unverwandt sah sie auf ihre Stange und auf

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das Seil hernieder. Sie schien weder die Musik, noch
die Freudenrufe der Leute, weder das Janitscharen-
geklingel des Kroaten zu hören, noch seinen immer
wiederholten Zuruf: ,He! he! liustik! he! hoch! hoch!
?
schön Franull! lach', schön Franull!'
Es machte offenbar keine Wirkung auf sie. Man
sah, ihr Thun war ihr eine Qual, und eben wollte
der Graf, da wir nahe herangekommen waren, gleich
meiner Mutter von Mitleid mit dem armen Geschöpf
ergriffen, den Befehl geben, der Vorstellung ein Ende
zu machen, als Jablonski's Ruf:,Hoch! hoch!
oder=- =-- Das fremde Wort mußte eine Drohung
enthalten, die er mit der Bewegung seines erhobenen
Armes noch zu verstärken suchte, und deren Aus-
führung das Mädchen zu fürchten gelernt hatte.
Franull sprang in die Höhe -- ein allgemeiner
Schrei des Entsezens erfüllte die Luft! Die Musik
verstummte in grellem Mißton! Die Tänzerin hatte
das Seil verfehlt, die Balancirstange fiel klirrend zu
Boden -= Franull lag leblos auf dem grünen Rasen.
Der Kroat hob sie empor. Von allen Seiten

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liefen namentlich die Weiber zum Helfen herbei. Man
sah, wie das rechte Bein des Mädchens schlaff zur
Seite hing, wie das Blut aus einer Kopfwunde das
blasse Antlitz und die nackte Schulter der Bewußtlosen
überströmte. Aber ehe noch Jablonski sich mit ihr
durch die Herandrängenden hatte fortmachen können,
war der Graf, dem man natürlich sogleich Raum ge-
geben, raschen Schrittes dazwischen getreten, hatte die
Bewußtlose in seine Arme genommen, ihren Ober-
körper an seine breite Brust gelehnt, dem Doktor
Hartusius, der ihm auf dem Fuße gefolgt war, zu-
gerufen: ,Stützen Sie den Unterkörper! Das Bein
ist gebrochen !'' und hatte dann mit seiner leichten Last
den Weg nach dem Schlosse eingeschlagen.
Das Alles war schneller vor sich gegangen, als
ich es erzählen konnte. Der Kroat stand machtlos
fluchend auf dem Plan, die Alte schlich händeringend
dem Grafen und Hartusius nach. Die Einen schrieen,
daß man den Schäfer kommen lassen müsse, der Hand
anzulegen verstehe, wenn Noth an Mann sei; der
Inspector befahl, den Doktorwagen anzuspanten und

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sogleich nach Bernau zu fahren, um den Doktor oder
den Chirurgen herauszuholen; und ich ging in all
dem Hin und Her, meinen Eltern folgend, in das
Schloß, da die Mutter, als eine erfahrene Hausfrau,
zunächst darauf bedacht war, des Mädchens Kopf vor-
läufig zu verbinden, um womöglich das heftige Bluten
desselben zu stillen.
Auf der Koppel und im Dorfe wurde es danach
still, im Schlosse war's noch stiller. Man hatte Franull.
auf ein Bett in der Mägdestube gelegt, meine Mutter
hatte sie verbunden, die Haushälterin hatte eine Magd
an das Krankenbett gesetzt und die Alte hinausgeschickt,
die mit ihrem lauten Wehklagen und mit dem Ver-
langen, das Bein zu untersuchen, zur Last fiel; und
unser Wagen war dann vorgefahren, uns nach Hause
zu bringen, da man trotz des Mitleids, das man hegte,
unmöglich im Schlosse bleiben konnte, bis der Arzt,
auch wenn man ihn zu Hause antraf, aus der andert-
halb Meilen entfernten Kreisstadt nach Dambow ges
kommen sein konnte.
Ee blieb aber während der Fahrt und auch noch


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zu Hause bei dem Abendessen immer die Rede von
dem Vorfall, von Franull, von ihrer eigenartigen
Schönheit; und meine Mutter hegte den Glauben,
daß dies Mädchen nicht die Enkelin der Alten, sondern
ein geraubtes Kind sei, denn Rosen wüchsen nicht am
Dornstrauch. Sie band es deshalb dem Doktor
Hartusius auf die Seele, daß er dem Grafen von
diesem ihrem Gedanken sprechen solle, wenn er am
nächsten Tage, wie es verabredet worden, nach
Dambow hinüber reiten würde, sich zu erkundigen,
wie es mit der Verunglückten stehe; und es erging
derselben denn so, wie es zu erwarten gewesen war.
Der
Sie lag noch immer bewußtlos in vollem Fieber.
Arzt hatte die Erschütterung des Kopfes für
bedenklich erklärt; und nach seiner bestimmt aus-
gesprochenen Ansicht konnte selbst bei der glücklichsten
Heilung des Beinbruchs nie wieder die Rede davon
sein, Franull ihre Kunst ausüben zu lassen. - Dies
festgestellt, hatte der Graf am Morgen den Kroaten
und die Alte vor seinen Justitiarius kommen und in
aller Form verhören lassen, nachdem er erklärt, daß

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er das Mädchen bis zu dessen vollständiger Heilung
im Schlosse behalten werde.
Die Alte hatte unter heißen Thränen beschworen,
daß Alles sich verhalte, wie sie es zuerst ausgesagt,
daß Franull ihrer Tochter Kind und auf den Namen
des Kroaten Wizkowich in einer protestantischen Kirche,
die sie angab, getauft sei. Wizkowich sei ein ehrlicher
Soldat gewesen, der ihre Tochter gewiß geheirathet
haben würde, und der Jablonski habe sich auch Nichts
zu schulden kommen lassen. Wenn er auch mit Pferd
und Vieh besser umzugehen verstand, als mit dem
Kinde, wenn er das Mädchen wohl auch einmal im
Zorn seine Faust habe fühlen lassen; an ihr, an der
Alten, habe er sich nie vergriffen, selbst nicht, wenn
er einmal Etwas im Kopfe gehabt. Hungern habe er
sie auch niemals lassen, sondern habe seinen letzten
Bissen Brod mit ihnen getheilt, und ein ehrlicher
Kerl sei er, so wahr Gott lebe.
Der Kroat hatte, während die Alte redete, finster
und mit geballten Fäusten vor dem Grafen und dessen
Justitiar dagestanden. Daß er nicht in Dambow
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liegen bleiben könne, bis Franull geheilt sein würde,
das verstand sich von selbst; und wenn künftig auf
dem Seile mit ihr Nichts mehr zu machen war, so
waren sie, und mehr noch die Alte, ihm nur eine
Last. Er hatte also der Erklärung des Justitiars mit
den Worten begegnet:,Ja! gleich fort! nix da
Gllck! fort allein!-- Aber noch sehen!-- Krank
Kind sehen! und fort! fort!''
Die Alte jedoch hatte natürlich vor Gott und
nach Gott gebeten, daß man sie nicht hinausstoßen,
daß man sie bei ihrer Enkelin bleiben lassen solle, bis
diese wieder würde mit ihr gehen können, wonach sie
dann zusammen versuchen müßten, sich weiter durch-
zuschlagen in der Welt; und wollte der Graf, dessen
gutes Herz bekannt war, nicht grausam sein, so hatte
er kaum eine Wahl gehabt, als Beiden zu willfahren. -=
Die Alte wurde sofort in eine der Kathen bei hörigen
Leuten untergebracht, und die Wirthin hatte den Befehl
erhalten, den Kroaten an das Bett Franull's heranzus
lassen, nachdem der Graf ihm, wie die Leute erzählten,
noch ein Geldstück als Wegzehrung in die Hand gedrückt.