Josias eine Geschichte aus alter Zeit
Fanny Lewald
Kapitel 06

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erhobener Stimme und seine treuen Augen leuchteten auf.
,,Das war meine Franull! Und ich wollte, Du hättest
sie gesehen in der Schönheit, in der Pracht ihrer frühen
Juugend; Du hättest sie gekannt in dem unwandelbaren
Adel ihres Sinnes! Sie hätte einen Thron geziert.?
Ich nutte die kleine Pause, die er machte, ihn
an den Aufbruch aus dem Freien zu mahnen. Ess
war kühl geworden, er hatte sich warm gesprochen.
Von der Spree und von den Wiesen her machte
die Feuchtigkeit sich fühlbar. Ich hatte ja einzustehen
für den meiner Pflege anvertrauten Freund, und meiner
Erinnerung nachgebend, zog er sich mit mir in das
Haus zurück, als gerade der Wagen meiner Eltern
vorfuhr. Da konnte denn von der Fortsetzung seiner
Erzählung an dem Abend nicht mehr die Rede sein.
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Sechstes Lapitel.
Der nächste Tag verging, so fängt das neue Kapitel
an in der Tante Tagebuch, und noch ein anderer. -
Bei Allem, was ich that, dachte ich nur an Josias,

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an den Grafen, an Franuull's Tod und an ihr Kind.
Ich träumte davon in der Nacht. Ich schien mir älter
geworden, nahm mich wichtiger, weil ich das Vertrauen
unseres Freundes gewonnen hatte, und auch -- ich

schildere mich nicht besser, als ich mit meinen zwanzig
Jahren war-- weil ich mich im Besitze eines Ge-
heimnisses wußte, das meinen Eltern vorenthalten
worden. Ich wartete ungeduldig auf die Stunde,
in welcher ich wieder einmal mit Josias allein sein
würde, er jedoch suchte offenbar nicht nach der Ge-
legenheit; und nicht mich allein wollte es bedünken,
als sei er nicht so gut aufgelegt, als bis dahin.
Am dritten Nachmittag fuhr der Vater, wie an
jedem Sonnabend, und es war ein solcher, zur Stadt
in das Geschäft, sich die Wochenrechnungen vorlegen
zu lassen. Die Mutter, Josias und ich waren allein
beisammen, und sie sagte zu ihm, allerdings sei es
nicht schicklich, einem Gast bemerkbar zu machen, daß
man an ihm seine gewohnte gute Laune vermisse;
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es sei ihr jedoch so viel werth, ihn unter unserem Dache
zufrieden zu stellen, daß sie ihn bäte, ihr zu sagen,,

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ob er irgend Etwas entbehre, oder ob Etwas geschehe,
was ihm nicht zusagend sei und was man ändern
knne.
,Nein, nein, Madame !'' rief er, ,wie können
Sie mich für so anspruchsvoll halten, daß ich nicht
in jedem Augenblick dankbarst die herzliche Freundschaft
und Vorsorge empfände, mit der es Ihnen gefällt, mich
zu umgeben. Nur mit mir bin ich unzufrieden, denn
ich habe mich verfehlt gegen die Gastfreundschaft und
gegen die Zuversicht, die Sie mir gewähren. Ich habe
Fränzchen ohne ihre Zustimmung zur Vertrauten meiner
Vergangenheit gemacht, in welcher -- ich darf das
sagen --- ich mich keiner Verschuldung anzuklagen habe,
die man einem jungen Mädchen zu verbergen hätte.
Aber es ist gesündigt worden gegen die Sittlichkeit
und gegen die Sitte innerhalb des Kreises, in welchem
ich meine Kindheit und erste Jugend zuzubringen ges
habt, und das hat seinen Schatten geworfen auf meinen
Lebensweg. Davon habe ich mit Franziska gesprochen,
während ich zugleich die Forderung an fie gestellt, gegen
Jedermann, also auch vor Ihnen zu verschweigen, was
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Fanny Lewald, Josias.
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sie von mir gehört. Das war Beides ein Unrecht
gegen Sie, meine Freundin! Wollen Sie's verzeihen?''
Die Mutter, zuerst betroffen, hatte doch das sich
nie verleugnende Zartgefühl unseres Freundes an-
zuerkennen, aber er ließ ihr zu der Entgegnung nicht
die Zeit, sondern bat sie, ihm zu gestatten, daß er
auch sie in sein Vertrauen ziehe; und mit ebenso
raschen als sicheren Zügen schilderte er ihr, wie er
dazu gekommen, mit mir von seinen Erlebnissen zu
sprechen, und theilte ihr in kurzem Umriß mit, was
er mir in Ausführlichkeit berichtet.
Als er bis zu dem Punkte gelangt war, zu welchem
er neulich seine Erzählung geführt, sagte die Mutter
mit ihrem sanften Ernste, indem sie ihm die Hand gab:
, Sie machen sich Ihren Vorwurf nicht ganz ohne
Grund, denn Sie haben Franziska verleitet, nicht auf-
richtig gegen mich zu sein. Mag sie sich das vergeben,
wenn sie's kann. Sie, mein Freund, haben Ihre Buße
gethan, und nun, da wir beisammen sind, Mutter und
Tochter, wie es sich gebührt, erzählen Sie ihn uns weiter,
den Roman Ihres Lebens, der uns ja weit näher an-

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geht, als die Erfindung der Dichter, oder die Er-
lebnisse von uns fremden Menschen, welche uns zue
getragen werden in dem täglichen Verkehr der Gesell-
schaft, die doch auch nicht frei ist von Schuld und
Fehle, so wenig wie der Graf und wie die Frau,
die ihn verrathen. Erzählen Sie! Wir hören Ihnen
mit dem Herzen zu!''
Josias küßte ihr die Hand, ich that desgleichen,
sie wehrte es mir nicht, und nach ihrer wiederholten
Aufforderung sagte er:,Die Geburt jenes Kindes
war mein Schicksal!
keinen nachhaltigen
Doch würde sie in jenen Tagen
Eindruck auf mich gemacht haben,
wäre es nicht eben das Kind der schönen Tänzerin
gewesen, deren Sturz vom Seile zu meinen lebhaftesten
Erinnerungen gehörte, und wäre diese nicht gestorben.
Nun war sie hin und die kleine Franull war eben da.
Gegen die Gewohnheit der letzten Jahre ver-
gingen jedoch mehrere Wochen, bevor der Graf wieder
bei uns in Schönfelde erschien. Der Vater war ein-
mal ohne die Mutter nach Dambow gefahren, man
hatte den Grafen nicht eingeladen, und er hatte sich

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nicht ansagen lassen. Darüber waren wir bis in den
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Anfang des Dezember gekommen. Der Schnee lag
schwer auf Feld und Wald. Der Herbst war sehr
naß gewesen, dazwischen hatte es gefroren und wieder
gethaut, die Wege waren zwischen Halten und Brechen
fast grundlos. Es war mit den Wagen kaum durch-
zukommen. Das bot für eine Unterbrechung des Ver-
kehrs zwischen den Gutsnachbaren den natürlichsten
Vorwand. Da kam endlich nach klarem Tage und
scharfem Frost ein Abend, den der Mond erleuchtete,
daß es von den Zweigen und Aesten unserer Ulmen
flimmerte wie die Sterne am Himmel, und man mit
Vergnügen hinaus sah aus den Fenstern in die Weite,
und ich hatte noch nicht lange in dem vorgebauten
Erker gestanden, als zwei Reiter sichtbar wurden und
einritten in den Hof. Es war der Graf, gefolgt von
seinem Reitknecht.
Der Vater eilte ihm entgegen. Gleich darauf
traten sie in das Zimmer. Die Begrüßung war die
herzliche wie stets, die Unterhaltung und das Abend-
essen heiter, und als dann Doktor Hartusius, was ex

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sonst nicht zu thun pflegte, sich gleichzeitig mit mir
entfernte, blieben der Graf und meine Eltern noch
über die sonst gewohnte Zeit beisammen. Es war
gegen Mitternacht, als er Schönfelde verließ, und am
nächsten Sonntag speisten wir Alle bei ihm in Dambow.
Erst viel später habe ich erfahren und begreifen
können, was an jenem Abend zwischen dem Grafen
und den Eltern zur Sprache gekommen war. Wir
lebten, ich muß das vorausschicken, damals ja noch in
den Zeiten, in welchen auch bei uns in der Mark die
Leute noch Hörige, wenn schon nicht mehr im strengsten
Sinne des Wortes Leibeigene waren. Sie waren noch
an die Scholle gebunden, ihr Fortgehen, ihr Heirathen
hingen ganz von dem Belieben des Gutsherrn ab,
und die Sittlichkeit hatte darunter zu leiden, daß es
von dem Herrn abhing, ob er einem Ehepaar ein
Unterkommen in einer Kathe gebenwollte oder nicht geben
wollte. Knechte und Mägde nahmen es leicht mit ihrem
Verkehr, die Gutsherren sahen durch die Finger, ließen
geschehen, was sie nicht hindern konnten; und ein Kind
mehr, das in guten Zeiten nicht schwer mit durchzufüttern

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war, wurde bald zu einer Arbeitskraft, die man brauchen
konnte. Nur schlug man bei der Geburt solcher Kinder,
am wenigsten, wenn sie unter den Dienern im Guts-
hause oder in den Schlössern stattgefunden hatte, nicht
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Daß der Graf dies nicht gethan, er, gegen dessen
persönlich ernste, ehrbare Lebensführung, seit er in
Dambow lebte, nie der Schatten eines Zweifels laut
geworden war, daß er, indem er das Kind der Seil-
tänzerin im Schloß behielt, ein öffentliches Aergerniß
und sich dem fremden Urtheil ohne alle Nothwendigkeit
Preis gab, das hatten meine Eltern, eben weil er ihr
Freund war, und sie streng auf Zucht und Anstand
hielten, ihm verargt -- denn sie hatten ihn, als ihren
Freund, zu vertreten vor allen Denen, die nicht seine
nahen Freunde waren und die ihm seine Abgeschlossen-
heit als Hochmuth und als Stolz auslegten, obschon
sie den Anlaß kannten, der ihn in sich zurückgewiesen.
Er hatte denn es natürlich sofort empfunden,
daß meine Eltern sich von ihm zurückgehalten, und
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er war, wie gesagt, gekommen, sich zu erklären, sich
mit ihnen wieder in das Gleiche zu setzen. Er hatte
meine Mutter gefragt, ob sie ihn hören wolle. Wie
hätte sie ihm das weigern können? Und zum ersten
Male hatte er darauf vor den Eltern von der nicht
zuu vergessenden, tödtlichen Kränkung gesprochen, die
er durch seine Frau erlitten.
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,Wie Jeder, der überhaupt von mir weiß,'' hatte
er gesagt, ,werden auch Sie es wissen, welch ein Ge-
schick mich getroffen, was mich in die Einsamkeit ges
trieben. Ich habe mich loszureißen gehabt von meiner
ganzen Vergangenheit, ich habe verzichtet auf den
Dienst in meines Königs Heer, nach allen Seiten
habe ich mich durchzuschlagen gehabt mit harter Ge-
walt. Man stößt eine Frau, die man frei gewählt,
die man sehr geliebt, der man, weil man selbst Ver-
trauen verdiente, fest vertraut - man stößt ein Kind,
das unseren Namen getragen, an das man sein Herz
gehängt, seine Hoffnungen geknüpft, nicht leichten
Sinnes von sich. Ein Edelmann giebt sich nicht ohne
die äußerste Nothwendigkeit dem Gerede der Menge


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Preis, ein Mann, der sich in langen Kriegen, in
blutigen Schlachten bewährt, schreitet zu keinem Zwei-
kampf ohne die unabweislichste Pflicht, sein Leben an
die Vernichtung des Mannes zu setzen, der den schnö-
desten Verrath an ihm geüübt- da man ja ein Weib
und ein Kind nicht tödten kann! -- Es ist mir hart
an's Leben gegangen! Die vernarbte Wunde schmerzt,
da ich sie berühre in diesem Auugenblick. Wäre mein
Gewissen nicht rein-- die Menschenverachtung, der
Unglaube an die Wahrheit irgend einer Liebe hätten
mich zum Menschenhaß getrieben. Die Erinnerung
an die Liebe, die ich für Vaterliebe gehalten, die ich
gehegt für den Knaben, der nicht der meine war, hat
mich durch all die Jahre zweifeln machen selbst an
der Wahrhaftigkeit meines eigenen Empfindens. Weder
die Verurtheilung der Schuldigen, noch die mir seit
Jahren wieder bewiesene Gnade meines Königs hatten
mir die Lust am Leben wiedergegeben in der liebe-
leeren Einsamkeit, in der ich gelebt in meinem Hause.
Ich that meine Schuldigkeit- Sie haben es ja ge-
sehen - gegen die Leute, die abhingen von mir, die
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von den Verhältnissen auf mich gewiesen waren -
aber ich that sie kalten Herzens. Sie waren mir
gleichgültig wie Alles! - Da warf der Zufall --
oder sagen wir der Himmel - mir das todtwunde
Mädchen in die Arme. Ihre Hülfsbedürftigkeit, ihre
Schönheit, ihre Verlassenheit rührten mich, ihre Dank-
barkeit wendete ihr meine Sorge zu, die Reinheit
ihres Herzens erquickte mnich wie den Verschmachtenden
der frische Quell, der vor ihm hervorsprudelt, wo er
am wenigsten ihn vermuthet. Wie an ein Kind hatte
ich allmälig mein Herz an sie gehängt, bis ich sie zu
lieben begonnen, bis die Menschennatur, mächtig in
ihr wie in mir, ihre Liebe für mich, meine Leiden-
schaft für sie erweckt und uns verbunden hat. --
Wäre es möglich gewesen, ohne noch einmal den Kampf
mit den Verhältnissen aufzunehmen durch eine Mes-
alliance ohne Gleichen, ich hätte Franull geehelicht.
Denn die Liebe, an die ich nicht mehr geglauubt, sie
hat sie für mich gefühlt. Sie hat mich geliebt wahr-
haft, ganz ausschließlich, mit aller Kraft ihrer starken,
ungebrochenen Natur! und trotz meiner sechsundvierzig

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Jahre habe auch ich sie sehr geliebt. Nicht daß sie vom
Leben scheiden mußte und von dem Kinde - daß sie
von mir gehen sollte, dao war ihr letzter Schmerz -
ihre letzte Klage -- ihr letztes Wort, mit dem sie mir
das Kind an's Herz gelegt, und an meinem Herzen
werde ich es halten!- Die Tochter eines freiherr-
lichen Hauses ist mir zum Fluch geworden; das Kind
des niedrigsten Volkes hat ihn von mir genommen
diesen Fluch, hat mich erlöst und der Liebe wieder-
gegeben. Und nun -
Er vollendete nicht. Der Vater reichte ihmt die
Hand, er küüßte die Hand meiner Mutter. Sie sagte,
als sie mir davon gesprochen, des Grafen Ergriffen-
heit, der Zwang, den er sich angethan mit seinem
Bekenntniß, habe sie überwältigt, obschon sie im: Grunde
Nichts erfahren, als was sie sich selber hatte sagen
können; und trotz der geforderten Gewissenhaftigkeit,
mit welcher sie und mein Vater auf Zucht und An-
stand hielten, hätte sie empfunden, daß außergewöhn-
liche Schicksale eine außergewöhnliche Charakterentwick-
lung erzeugen und darum eine besondere Beurtheilung
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und Behandlung verlangen; und so hatte denn trot
des Widerstrebens, das meine Mutter gegen die Vor-
güünge gehegt, die Freundschaft zwischen meinen Eltern
und meinem Pathen an dem Abende eine neue Be-
festigung erhalten, eben weil man es erkannte, wie
wichtig es sei, ihm beizustehen, und daß er an der
Tochter vergüte, was er an der Mutter gefehlt.
Auf den Gütern in der Nachbarschaft aber fand
man sich auch bald mit dem Anfangs unglaublichen,
viel besprochenen und viel verspotteten Entschluß des
Grafen ab. Hatte man doch überall in der Welt,
auf dem Lande wie in den Städten, überall, wo man
unter Menschen lebte, Manches zu sehen und zu wissen,
was nicht zu sehen und nicht zu wissen man sich den
Anschein geben mußte! Manches und Vieles geschehen
zu lassen, was man nicht ändern konnte.- Warum
sollte man dem Grafen, der ohnehin Niemandem in
den Weg kam, der den Sonderling spielte, nicht die
Grille durchgehen lassen, sich zu seiner Gesellschaft statt
eines Pudels oder eines Papageis das Kind einer
Landstreicherin auffüttern und aufziehen zu lassen.



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Was er nachher damit machen wüürde, das war seine
Sache; was daraus werden würde, das werde man -
ja erleben. - Das sagte Dieser, das sagte Jener!
und man meinte damit fertig zu sein. Und doch!
eben weil man auf dem Lande lebte, wo die Neuigs
keiten eines Tages die des anderen nicht so rasch ver-
- drängen, blieb das Kind im Schloß zu Dambow
gleichsam ein öffentliches Geheimniß, blieb es unter
allgemeiner Aufsicht und der Gegenstand neugierigen
Nebelwollens.
Ess lebten rund um Dambow auf den adeligen
Gütern, in den Herrensitzen und Schlössern gar zu
viel alte und junge Edelfräulein, die bereit gewesen
wären, den Grafen Dubimin in rechtschaffener, christ-
licher Ehe über seine Vergangenheit zu trösten und
die Mutter seiner Kinder zu werden. Warum muußte er
denn sein Herz hängen an das Kind einer Zigeunerin?
Glücklicher Weise schadeten aber das Gerede und
das Nebelwollen dem Gedeihen des Kindes nicht, das
ja nicht Schuld war an seinem Dasein. Es kam
natürlich in seiner ersten Lebenszeit nicht zum Vor-
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schein, wenn ein Gast im Hause war, was selten
genug geschah, und als ich sie bei einem Besuche, zu dem
wir nach Dambow geladen waren, zum ersten Male
sah, war Franull schon ihre zwei Jahre alt.
Wir hatten im Schlosse gespeist und gingen da-
nach in den Garten hinaus, in welchem, wie immer
in der guten Jahreszeit, unter den Linden, vor denen
sich der Rasenplatz ausbreitete, der Kaffee getrunken
und zugleich die eben in voller Pracht blühenden
Rosen in Augenschein genommen werden sollten; und
da saß mitten auf dem Rasen die kleine Franull, hell
von dem warmen Sonnenlicht umfluthet, eine Menschen-
knospe, schöner als die ganze Rosenpracht umher.
Den Grafen sehen, sich auf die Händchen stützen,
um schneller aufzustehen, ihm mit vorgestreckten Aermchen
entgegeneilen, das war das Werk einer Minute. Des
Grafen ernstes Antlitz erhellte sich bei dem Anblick.
Er ging ihr entgegen, hob sie empor, und ich höre
TT- - - - -
Man sah dem Grafen an, wie wohl ihm die

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Bewunderung seines Kindes that. - ,Nicht wahr?!
sagte er, ,sie ist ein liebes Geschöpf! Jeden Morgen,
wenn man sie mir bringt, freue ich mich an ihr;
jeden Abend freue ich mich, daß ich sie am Morgen
wieder sehen werde. Ihre Fröhlichkeit, ihr Lachen er-
hellen mir die Tage! Franull! wie lieb hast Du mich?
,So, so lieb ' rief sie und schmiegte ihr blondes
Lockenköpfchen an des Grafen gebräuntes und ge
furchtes Antlitz.
Der Graf küßte sie, settzte sie auf den Boden;
meine Mutter machte sich entzückt mit ihr zu schaffen,
die Wärterin wollte sie auf den Arm nehmen und sich
mit ihr entfernen.
,Nein! nicht mit Lise !'' rief sie, sich fträubend.
, Gehen! gehen !''-- Und wohl weil ich ihr zus
nächst stand, langte sie nach meiner Hand und sagte:
,Komm! Du!''
Wie alle Burschen meines Alters hatte ich mir
aus Kindern nie Etwas gemacht. Jeder Spitz- und
jeder Jagdhund waren mir lieber gewesen als ein
kleines Kind; aber daß dieses Kind von seltener Schön-

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heit wvar, das mußte auch der Achtloseste bemerken;
und die selbstwillige Freundlichkeit, mit der die Kleine
sich an mich hing, sich meiner bemächtigte, gefiel mir.
Ich fragte, ob ich mit ihr spielen solle. --
,Ja! Du sollst!'' rief sie und zog mich mit sich
fort, während ich meine Mutter scherzend sagen
hörte:,Wie sie befehlshaberisch ist! -- Wo sollns
denn hin?
,Wohin sie will!'' rief ich zurück. ,Ich weiß nicht!''
Ach! ich wußte es freilich nicht! - Und ich
hatte den Tag schnell geng vergessen, denn bald -
darauf kam ich in die Stadt, und erst viele, viele
Jahre später habe ich dieses Nachmittages wieder ges
dacht, und wie oft gedacht wie heut !''
Da wir Reformirte waren, hatte nie davon die
Rede sein können, mich zum Konfirmandenunterrichtnach
Banwitz zu schicken, wenn gleich die Eltern die dortige
lutherische Kirche regelmäßig besuchten, weil eben keine
reformirte in unserem Bereiche vorhanden war. Aber
zum Genuß des heiligen Abendmahls waren die Eltern
alljährlich zweimal nach Berlin gefahren, und es hatte