Josias eine Geschichte aus alter Zeit
Fanny Lewald
Kapitel 07

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immer festgestanden, daß ich im vierzehnten Jahr zu
meinem Onkel nach Berlin gegeben würde, der die
Stelle eines Recnungsrathes bekleidele, um von da
ab auch das französische Kolleg zu besuchen und den
Religions- und Konfirmandenumnterricht in unserer Kirche
zuu genießen.
Als ich mit Doktor Hartusius nach Dambow
hinüberritt, mich von meinem Herrn Pathen vor meiner
Nebersiedlung in die Stadt zu verabschieden, während -
der Doktor, der durch Vermittlung unserer Familie
eine Anstellung am französischen Kolleg erhalten, sich
ihm gleichzeitig ebenfalls empfehlen wollte, sah ich
mich beim Fortgehen überall nach Franull um. Ich
hätte das fröhliche Kind gern wieder gesehen. Nach
ihm zu fragen, wagte ich nicht, und ich würde Franulls
gewiß bei dem völlig neuen Leben nicht mehr gedacht
haben, wäre nicht in meines Onkels Haus ein kleines,
ihr gleichaltriges Mädchen gewesen, das mich oftmals
zu Vergleichen zwischen ihm und Franull veranlaßte,
die immer zu Gunsten der letzteren ausfielen, und das
steigerte sich mit den Jahren.
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Es verstand sich von selbst, daß jch alle meine
Ferien bei den Eltern in Schönfelde verlebte und
ebenso, daß ich dabei jedes Mal meinen Herrn Pathen
in Dambow besuchte, zu dem wir dann regelmäßig
auch eine Einladung erhielten; und jedes Mal, wenn
ich nach Dambow kam, fand ich, daß Franull un-
gewöhnlich rasch heranwuchs, daß sie immer schöner,
immer klüger, immer zutraulicher zu mir wurde; und
kehrte ich dann nach Berlin zurück und sah dort in
den Hofkarossen und sonstigen vornehmen Equipagen
die kleinen Fürstenkinder und Komtessen spaziren
fahren, so gefielen mir die auch sehr wohl, aber mit
Franuull waren sie sammt und sonders doch nicht zu
vergleichen.
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Siebentes Lapitel.
Darüber gingen wieder Jahre hin, meine Ein-
segnung war vorüber, der Graf hatte mir zu der-
selben geschrieben, mich mit einer kostbaren englischen
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Antheil als ein treuer Pathe bezeigt. Ich trage die Uhr
noch heute und habe an ihr alle guten und schweren '
Stunden meines Lebens abgezählt. Als ich die Klassen
des Kollegs durchgemacht, stand ich im neunzehnten
Jahr. Mein Vater erachtete mich noch zu jung, mich
allein auf Reisen gehen zu lassen. Er beschloß also,
mich nach Ilsenburg in den Harz zu senden, wo das
mals ein viel erfahrener Landwirth und Forstmann,
Herr Zarenthin, eine Meisterschule für künftige Land-
wirthe errichtet hatte; und dieser Plan, mich in der
Forstkultur besonders unterweisen zu lassen, hing auch
mit den Wandlungen zusammen, welche mein Vater
in seinen Angelegenheiten herbeigeführt hatte.
Er hatte seiner Zeit die Domänenpachtung für
zwanzig Jahre üübernommen. Aber er hatte bei seinem
Eifer und seinen Kenntnissen nicht so lange Zeit be-
durft, um die Verbesserungen zu bewerkstelligen, welche
der König durch ihn eingeführt haben wollte. Die
Maulbeer-Alleen waren schön herangewachsen, die Obst-
zucht in Banwitz gab der in Schönfelde und in
Sanssouci Nichts mehr nach, der ganze Boden war
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ertragsfähiger geworden; und so hatte der Vater schon
bei dem Tode Friedrichs des Großen, dem er sich
verpflcchtet, daran gedacht, sein Pachtverhältniß zu
lösen, wenn es ohne Nachtheil für ihn geschehen könnte.
Denn während er dem Könige gedient, hatte er auch
seinen Besitz nicht vernachlässigt, sondern einen be-
trächtlichen Theil der an Schönfelde grenzenden Wal-
dungen gekauft, um sein Gut besser abzurunden, und
er hatte daran gedacht, sich das Leben durch Rücktritt
von der Pachtung arbeitsfreier zu machen. Indeß
die Regierung hatte damals Nichts davon hören wollen.
Erst, als ich nach dem Verlauf meines ersten Studien-
jahres in Ilsenburg in die Ferien nach Hause gehen
wollte, war er zu einem Abkommen mit der Regierung
gelangt, da sich ein geeigneter Mann gefunden, welchem
der Minister die Vortheile des Banwitzer Rentmeister-
amtes zuzuwenden wünschte. Der Vater war gerade
mit der Nebergabe von Banwitz an den neuen Pächter
beschäftigt, als ich in Schönfelde anlangte. Ich war
seit länger als einem Jahre nicht mehr dort gewesen, denn
ich hatte in den vorigen Sommerferien meine Mutter

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in das Bad nach Pyrmont zu begleiten gehabt und
war von dort geraden Weges in meine Lehre zurück-
;
gegangen. Auch dies Mal war mein Verweilen bei
meinen Eltern nur kurz bemessen, und so wollte ich,
dieZeit zu ntzen, schon am zweitenTage nach Dambow
hinüber reiten.
Meine Mutter sagte, ich würde dort große Ver-
änderungen gewahren. Franuull entwickle sich körperlich
und auch geistig mit merkwürdiger Schnelligkeit. Der
Graf habe neben Madame Fleuron, der Schweizerin,
die schon länger bei Franull war, noch einen Hauslehrer
für sie angenommen, einen ältlichen, sehr braven Kan-
didaten der Theologie, der schon in verschiedenen adeligen
Häusern Erzieher gewesen sei, weil ein Halsleiden ihm
das Predigen verbiete, und der Graf lebe mur in und
mit Franull. Er habe ihr im Frühjahr ein Pferd
, zugeritten, sie reiten gelehrt, ihr von dem Schneider,
welcher in Berlin für die Damen des Hofes arbeite,
den Reitanzug kommen lassen, und er sei täglich zu
Pferde mit ihr zu sehen.- Wenn man nicht so genau
Tag und Stunde ihrer Geburt wisse, müsse man sie
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für mehrere Jahre älter halten, als sie sei Sie habe
die große Statur des Grafen Dubimin und des Grafen
ganze Art geerbt. Er nenne sie offen seine Tochter,
sie nenns ihn Vater, und darüber könne man allenfalls
hinwegsehen, da dies zwischen Pflegeeltern und Pflege-
kindern nichts Ungewöhnliches sei.-- Ob sie und
mein Vater für ihr Theil damals xichtig gehandelt,
als sie des Grafen Zutrauen nicht abgewiesen, darüber
habe sie sich schon manchmal schwere Gedanken ge-
macht; aber der Graf sei ein so edler, vortrefflicher
Mann und das Kind habe sie gejammert. Was man am
Hofe und in der Welt, dem König Friedrich Wilhelm l.
nachzusehen für erlauubt halte, damit müsse sich der
Einzelne auch abzufinden suchen, wo es die Befriedigung
eines treu bewährten Freundes und eine Gerechtigkeit
gelte, die zu üben im Grunde seine Pflicht sei. Der
Graf allein nenne seine Tochter noch Franull. Die
Nebrigen wären angewiesen, sie als Fräulein Franziska
anzureden. Die alte Haushälterin und die andere alte
Dienerschaft habe das nur schwer erlernt; und in der
Umgegend habe man Franull so lange als das gnädige

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Fräulein von Dambow verspottet, bis es zur fest-
stehenden Gewohnheit geworden sei, sie das Fräulein
von Dambow zuu nennen. Was der Graf schließlich
mit ihr im Sinn habe, könne man ja nicht wissen.
Er sei, nachdem er sich vor Jahren zur Beerdigung
des Königs zum ersten Male wieder an den Hof be-
geben, jetzt öfters nach Hof gegangen und von dem
König Friedrich Wilhelm l. in Berlin und im
Marmorpalais sehr gnädig aufgenommen worden;
es gehe sogar dac Gerede, daß er den nächsten
Winter in Berlin verleben und Franull und seinen
ganzen übrigen Hausstand mit sich nehmen werde,
was ihr persönlich doch nicht wahrscheinlich dünke.
Mit diesen Nachrichten beschäftigt hatte ich mich
auf's Pferd geworfen und war raschen Trabes durch
die köstlichste Herbstluft gen Dambow geritten, als mir
kurz vor dem Heck des Dorfes der Graf und Franull
von der Waldseite entgegen kamen. Als wir nahe
geng bei einander waren, rief der Graf mir mit den
Worten:,Nun, läßt Du Dich wieder einmal sehen!''
seinen Willkomm entgegen, und während Franull ihr
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Pferd mit einer Kraft und Sicherheit, zum Stehen
brachte, die mir an dem so jungen Mädchen auffielen,
fiügte sie dem Gruß des Vaters die Aufforderung
hinzu: h,Komm heran, daß man Dir die Hand doch
geben kann!'
Ich gehorchte, doch fühlte ich mich verwirrt, denn
während ihre Schönheit mich entzückte, verdroß mich
ihr gebieterischer Ton, der Ton des Herrenkindes,
das gewohnt war zu befehlen und Gehorsam
zu finden. Weil ich aber doch Etwas entgegnen
mußte, sagte ich:,Sie sind eine vortreffliche Reiterin
geworden !''
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,Ich habe einen guten Lehrer gehabt an Papa!''
gab sie mir zurück, den Blick nach dem Grafen, hin-
gewendet, der mich nach dem Ergehen der Eltern,
nach der Dauer meines Aufenthaltes fragte. - So er-
reichten wir das Schloß. Die Reitknechte kamen heran,
ich war schnell vom Pferde, Franull meine Dienste
anzubieten, und als ich dann den kleinen Fuß -in
meiner Hand hielt und sie die ihre auf meine Schulter -
legte, sagte sie mit der fröhlichen Unbefangenheit

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ihrer frühesten Kindheit: ,Nun Du da bist, Josias,
bleibst Du auch!''
Ich versetzte, daß ich das nicht könne. ,Ach!''
lachte sie, ,nicht können! Ich werde Papa sagen,
daß er Dich nicht fortläßt und damit ist es gut!''--
Sie eilte, ihr Reitkleid zusammenraffend, die
Rampe hinauf, und der Graf nahm mich mit sich in
das Zimmer des Erdgeschosses, in dem sein Arbeits-
pult und die Registraturen standen, und in dem er sich
früher ganz ausschließlich aufgehalten hatte, wenn wir
nicht seine Gäste gewesen waren und man oben die
Zimmer geöffnet.
Er fragte mich um meine Beschäftigung in Jlsen-
burg, erkundigte sich um meine weiteren Plane, und
wir waren noch nicht lange bei einander, als der
Diener meldete, daß das Essen bereit sei. Der Graf
hieß mich vorangehen, weil er die Reitstiefel ablegen
wolle. Oben im Wohnzimmer stand Franull in ges
wählter modischer Tracht an dem Käfig eines Papageiö,
mit dem sie sich zu schaffen machte. Madame Fleuron
saß in demselben Fenster, eine Arbeit in den Händen.

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Ich stellte mich ihr vor, sie meinte, ich sei doch
noch gewachsen, was ja mit zwanzig Jahren nicht
auffallend sei, aber Franull fiel ihr in's Wort: , dlon
amnis ! ßrief sie ihr zu, ,handeln Sie das nachher beim
Diner mit ihm ab! Jetzt komm her, Josias! und
mache Bekanntschaft mit Coco, er bekommt heute eine
neue Lektion, er soll Dich rufen lernen: Komm, Josias!
---- sprich's nach, Coco! Komm, Josias! - Sprich!
Sei ein guter Coco! Komm! Sage: Josias !''
Sie hatte sich mir dabei an den Arm gehängt,
aber Madame Fleuron trat dazwischen: ,heris!?
mahnte sie,,Sie sind kein Kind mehr, es schickt sich
nicht für Sie, die Gäste des Herrn Grafen u' zu
nennen!''
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,Gäste!'' sprach Franull ihr nach --- ,es kommen
ja keine in das Haus, und Josias ist nicht des Vaters
Gast, er ist sein Pathe! =- Nicht wahr, Papa, der
Josias ist Dein Pathe, also mein Freund und wie
ein Stück Bruder vön mir!'' -
Der Graf klopfte ihre heißen, rothen Wangen.
,Man kann sehr gut Freund sein, ohne einander zu

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duzen!'' bedeutete er sie, ,und Josias ist nicht mehr
ein Wildfang wie Du! Madame Fleuron hat Recht!
Nun aber zu Tisch!''
Wir gingen in den Speisesaal, wo der Kandidat -
uns erwartete; der Graf war in seiner würdigen Ge-
haltenheit gütig füür mich, wie ich es gewohnt war,
aber Franull hatte ihr fröhliches Geplauder eingestellt,
und ich sehnte mich fortzukommen. Ich mußte mir
sagen, daß nuur das Schickliche geschehen sei, ich hatte
Franll auch bei den ersten Worten nicht mehr,Du?
genannt, denn sie sah nicht mehr wie ein Kind aus; aber
die ertheilte Parole lag mir auf der Seele und ich
war froh, als die Tafel aufgehoben war, alö ich mit
dem Grafen und dem Kandidaten wieder allein unten-
in dem Arbeitszimmer, und dann die Zeit gekommen
war, in welcher ich mit Anstand meinen Rückzug
nehmen konnte.- Als man mein Pferd vorführte,
fragte mich der Graf, ob ich mich nicht Madame
Fleuron empfehlen und Franziska Lebewohl sagen
wolle, da ich ja nach meiner Aussage zunächst nicht
wiederkehren könne. Ich nahm die Erlaubniß mit
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gebührendem Danke an, und schon auf der Treppe
kam Franziska mir entgegen.
,Du willst also doch fort!'' sprach sie - gegen
die von Madame Fleuron erhaltene Weisung - ,Du
Pillst fort? Und als ich das bejahte, schlang sie ihre
schönen, bis zum Ellenbogen entblößten Arme uum
meinen Hals und rief, französisch sprechend: ,SSo er-
lauben Sie, Monsieur Josias, daß Mademoiselle Fran-
y
ziska Sie umarmt zum Abschied! und nun-'
,Du bist ein Engel, Franull!'' -- das war Alles,
was ich, hingerissen von dem fröhlichen Nebermuth
des entzückenden Mädchens, hervorzubringen vermochte,
während ich es an mich zog-
Sie aber riß sich von mir los. - ,Ach was,
Engel!'' rief sie; ,und nun geh und nimm Abschied
von ms honne armie, und umarme sie auch, wenn
Du Lust hast!''
Ihr Lachen schallte noch an mein Ohr, als sie
mir hinter der nächsten Thür verschwunden war, und
eine Viertelstunde später war ich auf dem Wege nach
Schönfelde, voll Freude über das reizende Erlebniß,

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und mehr davon hingenommen, als ich selber wußte.
Wie ich dann zu Hause berichten mußte von dem
Empfang, den ich gefunden, that ich es mit aller Ge-
wissenhaftigkeit; nur was sich zuletzt zwischen Franull
und mir begeben, das verschwieg ich, um, wie ich mir
einbildete, sie keinem Tadel auszuseten. - Josias
lächelte bei den Worten, da er sah, daß es meine
Mutter that.
,ka,'' sagte er, ,lächeln wir nur über unsere
Jugend, wenn sie hinter uns liegt, weit! wie weit!
Sie war doch schön!''-- Er seufzte! ---,Und,'' setzte
er hinzu, ,ich konnte damals am Ende meines Be-
richts, trotz meiner Vorsicht, doch meinen Eltern gegens
über nicht den Ausruf unterdrücken: Franull ist
wirklich zum Verlieben schön!''
Mein Vater, dem es offenbar recht gewesen war,
daß Madame Fleuron die Schranke zwischen Franull
und mir gezogen, machte bei meiner bewundernden
Aeußerung eine leise Kopfbeweguung, die ich kannte,
und die bei ihm immer ernste Abwehr in mildester
Form bedeutete.

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,Gleich zum Verlieben!'' sprach er mir nach.
, Unterlassen Sie das Verlieben, wenn ich bitten darf,
Monsieur Josias! Franull. Wizkowich und ein Cour-
ville, das vereint sich nicht zusammen! Und das Fräulein
von, Dambow, selbst wenn es dem Grafen gefallen
sollte, es als Gräfin von Dubimin anzuerkennen -
was immer denkbar ist nach dem jetzigen Treiben an
dem jetzigen preußischen und manch anderem Hofe,
mit welchem die Aristokratin sich abzufinden weiß, das
Fräulein von Dambow gehört nicht in das makellose
bürgerliche Haus der Courvilles in Schönfelde!'' --
Meine Mutter, die es sehen mochte, wie be-
fremdend die strenge Mahnung des Vaters mir erschien,
wechselte den Gegenstand der Unterhaltung; in mir
aber tönten und wirkten seine Worte fort, und gruben
mir in die Seele, was mich vorher nur wie ein
Freudenstrahl flüchtig berührt hatte. -
Ich konnte' die Nacht nicht schlafen. Das war
mir ein völlig neuer Zustand. Fxanull kan mir nicht
aus dem Sinn. Ich rief mir die Zeit in das Gedächtniß
zurück, in der ich sie als kleines Kind spielend auf

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dem Rasen gesehen und sie sich an meine Hand gee
hängt. Sie hatte mich immer lieb gehabt, mich -=-
je mehr ich darüber nachdachte-- lieber gehabt als
alle Anderen; und sie war mir, dem Knaben, schon
das Urbild aller Schönheit gewesen, aller Holdseligkeit.
Jmmer hatte ich sie geliebt! -- Ich stutzte bei dem
Worte und sagte, verwundert meine Stimme laut an
mein Ohr schlagen zu hören: es ist aber doch wahr!
--- Und mit dem Gedanken, daß ich sie liebte, der
mich glücklich machte, tauchte das Bewußtsein auf, daß
es etwas Besonderes sei, ein Mädchen zu lieben, das
im Grunde noch ein Kind sei; und daneben regte sich
in mir das sicherste Kennzeichen der Liebe in des
Jünglings Herzen, der Vorsat, einzutreten für die
Geliebte, deren ungefestete Verhältnisse nicht sie ver-
schuldet, und die sie doch zu büßen hatte.
Damit kam der erste Zwiespalt in mein Leben. -
Konnte, durfte ich dem berechtigten Ehrgefühle meiner
Eltern widerstreben, deren Güte sich nie verleugnet,
denen mein Glück ihr höchster Wunsch war? Oder
konnte ich mich blind und taub machen gegen jenen

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Zauber, dem dereinst das starke Herz des Grafen er-
legen war? Und weßhalb hatten meine Eltern, wenn
ihre Grundsätze so unerbittlich waren, mich von früh
an gewöhnt, daran zu denken, daß auch die strengste
Zucht und Sitte Nachsicht in Ausnahmefällen zu üben
verstehen und für geboten halten sollen. Durften,
konnten sie weniger nachsichtig sein, wenn einmal die
Zeit und Stunde gekommen. sein würde, in welcher
ihr eigener Sohn ihr Nachgeben für sich und sein
Glück von ihnen zu heischen hätte. Ich fing zu rechnen,
zu überlegen an, wann ich das von ihnen fordern
würde. Dann wieder suchte ich mir klar zu machen,
welche Absichten der Graf mit seiner Tochter haben
könne. Ich dachte mit Schrecken an die Duldsamkeit
der Höfe und des Adels, deren mein Vater erwähnt;
denn wenn der Graf Franull anerkannte, so hatte ich
auch von seiner Seite auf einen entschiedenen Wider-
stand gefaßt zu sein; und immer mehr gefiel mir der
eigenwillige - Gedanke, die Eltern und den Grafen
meiner dereinstigen Verbindung mit dem reizenden
Geschöpfe geneigt zu machen. Wie nun alle diese

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Vorstellung sich durcheinander zu wirr und in ein-
ander zu verschwimmen begannen, fühlte ich wieder
die kühlen schlanken Arme sich schlingen um meinen
Hals, und von ihnen umfangen schlief ich gegen den
Morgen ein, um zu träumen - von der Geliebten,
wie ich sie in der Nacht zum ersten Male in meinem
Herzen nannte - und lachen Sie nur darüber! Ihr
alter Freund Josias nennt sie heut' noch so.
Am anderen Tage kamen Gäste in das Haus
zur Jagd. Wir hatten eine fröhliche Woche. Von
Dambow und von dem Grafen, von dem Fräulein
von Dambow, das der Graf jetzt auch im Schießen
unterweise, und das er wohl dazu bestimme, dereinst
als Amazone oder Fähnrich bei den rothen Ziethen-
Husaren einzutreten, ward ein paar Mal im Ernst
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und im Scherz gesprochen, aber man spottete nicht
mehr darüber. Man hatte wieder einmal vor den
feststehenden Thatsachen Front gemacht; und der erste
Nachtreif schimmerte auf den Wiesen und glänzte an
den Riesentannen des Ilsenburger Waldes, als ich
von Schönfelde kommend, nach Ablauf der Vakanzzeit,
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