Josias eine Geschichte aus alter Zeit
Fanny Lewald
Kapitel 08

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in das Rechnuungszimmer unseres Herrn Zarenthin, des
Gründers der Anstalt, eintrat, mich wieder bei ihm
anzumelden!''
Josias erhob sich, als er so weit in seinen Mit-
theilungen gekommen war.
,Wenn man in späten Jahren, wie ich jetzt. vor
Ihnen, auf seine Vergangenheit zurückblickt,'' sagte
er,s,,so sind es eigentlich immer nur die Wendepunkte
in unserem Dasein oder die großen Freuden und die
großen Schmerzen, die sich uns wie die Berggipfel
aus der weiten Ferne am deutlichsten vor das Auge
stellen, während die lange Reihe' der ruhigeren Tage,
in deren stillem: Wechsel sich unsere Entwicklung all-
mälig vollzieht, gleich den Thälern, die zwischen den
Bergen liegen, sich unserem Blick verhüllen. Und
nach jenem Besuche in Schönfelde und Dambow
folgte eine Reihe von Jahren für mich, von denen
ich Ihnen Nichts zu sagen habe, was sich auf den
Roman meines Lebens bezieht. Vielleicht werden Sie
des froh sein, denn ich bin kein Erzähler von Fach,
und mein einsames Leben hat mich nicht dazu ver-
Fanny Lew ald, Josias.
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anlaßt, von mir selbst zu sprechen, wie man's in der
Familie gerne thut.-- Schreiben Sie es Ihrer Güte
zu, Madame, wenn Ihre Freundschaft mir hier das
Herz erwärmt und aufschließt, wie mir's nie zuvor
geschehen, und wollen Sie das Ende von dem Liede
erfahren, so rufen Sie mich zu der Stunde, in welcher
es Ihnen paßt!''
Wir wollten ihm danken, ihm aussprechen, mit -
welchem Antheil wir ihm folgten, er wehrte es von
sich ab.
,Sie sind mir gegenüüber immer die Gewährenden
gewesen, verehrte Freundin!'' versetzte er. ,Mein
Leben wäre seit vielen Jahren seiner besten Freude
beraubt, ohne Ihre und Ihres Gatten Freundschaft,
ohne den Antheil, den sie mir an Ihrem Kinde, an-
Franull, gewährt, wie ich sie so gerne nenne; und -
daß jetzt unter Ihrem Dache noch einmal meine ganze
Jugend wie in einer tta Korgans vor mir auf-
ersteht -- wem habe ich's zu danken als Ihnen,
unserer Franull, und Ihrer Güte!''
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Kchtes Kapitel.
Wie Josias nach der ersten Unterbrechung seiner
Bekenntnisse mit der Fortsetzung derselben gezögert,
so führte er diese jetzt schon am folgenden Tage von
selbst herbei.
,Die Epoche, von der ich Ihnen, zunächst zu
sprechen habe, war in der Welt eine ganz andere ge-
worden, als jene, in welcher der große Friedrich seine
lezten Jahre verlebt hatte. Der amerikanische Frei-
heitskrieg, dessen Wogen bis nach Europa hinübep-
flutheten, hatte Preußen und vollends uns in den
stillen Gefilden des märkischen Landes nicht berührt,
aber mit der französischen Revolution war es anders;
und abgesehen davon, war der preußisch-holländische
Krieg, den König Friedrich Wilhelm l. im Interesse
seiner Schwester und damit seines Hauses unter-
nommen, überall bei uns im Lande fühlbar geworden.
Auch der Reiseplan, den mein Vater für mich ent-
worfen, hatte eine Aenderung dadurch erfahren müssen.
Er war auf zwei Jahre angelegt gewesen. Mit meinem

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zweiundzwanzigsten Jahre war meine Lehrzeit in Ilsen-
burg beendet; dann sollte ich, wie man es damals
nannte, die große Tour machen, das heißt Frankreich,
England, Holland und Jtalien bereisen, um zur Zeit
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meiner Volljährigkeit, mit vierundzwanzig Jahren, in
das Vaterhaus zurückzukehren und dem Vater so weit
zur Hand gehen, daß es ihm möglich wurde, die
Winter theilweise in der Residenz zu verleben, wie
meine Mutter es sich wünschte.
Von der Reise nach Frankreich mußte abgesehen
werden, da die Revolution es durchtobte, und der
Feldzug der Koalition gegen die Feinde der franzö-
sischen Monarchie es für einen Preußen obenein un-
möglich machte, sich dorthin zu begeben. So durch-
reiste ich Holland, England, Schottland, ging auf einem
englischen Schiffe nach Jtalien und war heimkehrend
bis nach Genua gekommen, als mich, wenige Monate
vor der Vollendung meines vierundzwanzigsten Jahres,
in Genua die Nachricht erreichte, daß mein Vater
hoffnungslos darnieder liez Ein unglücklicher Zu-
fall hatte sein Pferd im Walde scheu gemacht. Die
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sonst so sichere Hand des Reiters hatte es nicht zu
bändigen vermocht. Er war von dem durchgehenden
Thiere gegen einen der riesigen Eichenbäume geschleudert
worden, die Kinnlade war zerschmettert, er hatte eine
schwere Gehirnerschütterung davongetragen, und sein
Zustand war der Art, daß man sein Fortleben nicht
wünschen durfte.
Es war meine treue Mutter, die mir das Un-
glück selber meldete. Der Brief war sechs Wochen
alt, als ich ihn erhielt; und wie sehr ich auch eilte,
die Heimath zu erreichen, so deckte das Grab schon
lange die Hülle meines Vaters. - Ich hatte noch
fünf Wochen vor mir bis zur Vollendung meiner
Minderjährigkeit.- Der Graf, wie er mein Pathe
gewesen, war mit seiner Bewilligung von meinem
Vater, als dieser dereinst sein Testament gemacht,
auch zu meinem Vormunde ernannt worden. Die
nahe Nachbarschaft, die Freundschaft, welche die beiden
Männer verbunden, hatte diese Einrichtung zu einer
sehr wünschenswerthen gemacht, und meine Mutter
konnte es nicht genug rühmen, wie sich der Graf ihr
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bewährt in dem Unglück, das uns betroffen hatte.
Mein Vater hatte sein dreiundfünfzigstes Jahr noch
nicht vollendet, meine Mutter war in der Mitte der
Vierziger --- die Silberhochzeit meiner Eltern, auf
die unser Auge stets mit freudiger Hoffnung gerichtet
gewesen war-- sie hatten sie nicht erreicht. Ich
schweige von dem, was Sie sich selber denken können,
von meinem Empfinden bei dem Wiedersehen der,
Mutter! Meines Vaters Grab hatte man auf dem
französischen Kirchhof in Berlin gegraben.
Was sich während der zwei Jahre meiner Ab-
wesenheit in Dambow zugetragen, hatte ich durch die
Briefe meiner Eltern erfahren, es war mir also nichts
Neues mehr. Der Graf war, sich selber treu, nicht
auf halbem Wege stehen geblieben. Es war gekommen,
wie man es schon zu der Zeit vorausgesehen, in welcher
ich die Heimath verlassen. Gleich im Beginn jenes
Herbstes war das alte Herrenhaus im oberen Ende
der Breiten Straße, nahe der Ritterakademie, wieder
eröffnet worden, das die Dubimin besessen schon in
den Tagen des großen Kurfürsten. Es hatte ver-

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schlossen dagestanden, seit der Graf seine Frau daraus
verwiesen. Nun war es neu hergerichtet worden. Der
Graf hatte es mit seiner Tochter den Winter hindurch
bewohnt, überall in den Konzerten und Theatern hatte
man sie an seiner Seite gesehen. Er hatte seine alten
Verbindungen aufgenommen, war auf, das Verbind-
lichste empfangen, und die Herren-Mittagbrode und
die gelegentlichen Spielpartien in seinem Hause waren
mit Vergnügen besucht worden. Einige alte Freun-
dinnen von ihm hatten sich allmälig auch zu dem
Boston und lorbrs eingefunden. Erst gegen Ostern
war er nach Dambow zurückgekehrt, und damals hatte
man erfahren, daß er - seinem Gewissen und der
Ehre seiner Tochter zu genügen -- diese gerichtlich -
anerkannt habe. Es ward hinzugesett, daß er diesen
Schritt mit ausdrücklicher Zustimmung des Landes-
herrn gethan, der, wie der Graf selber, den Namen
derer von Dubimin erhalten zu sehen gewünscht, weil
sie eins der ältesten wendischen Geschlechter in den
Marken waren. - Damit stand es denn natürlich
nun auch fest, daß die Gräfin Franziska, wenn sie

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sich verheirathen würde, ihren Familiennamen dem
Namen ihres künftigen Gatten beizufügen und auf
die Kinder zu übertragen haben werde, die man für
das Fortbestehen des Geschlechtes von ihr erwünschte.
Neberrascht hatte mich die Nachricht nicht, als
ich sie in Palermo erhalten, und die überwältigende
Fülle der rasch wechselnden neuen Eindrücke hatte sie -
mich leicht nehmen machen, denn es war ja schon
früher die Rede davon gewesen. Als ich jedoch später
darauf zurückkam, that Franull mir leid wie ein ein-
gefangener Vogel, während ich mir doch sagen mußte,
welch ein großes Glick es für sie sei, durch ihres
-
Vaters Liebe und Gerechtigkeit aus der falschen, recht-
losen Stellung befreit worden zu sein, in der sie bis
dahin gelebt hatte. Aber mit dem fröhlich jubelnden
Flattern, das sah ich ein, mit dem sie mir bei dem
letzten Beisammensein die frischen Arme um den Hals
geschlungen, mit dem war es freilich nun ein für
allemal vorbei - und sie war bezaubernd gewesen!
Das stand fest, das konnte ich nicht vergessen; selbst
nicht, als ich schweren Herzens in meinen Trauer-

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kleidern zum ersten Mal nach meiner Rückkehr nach
Dambow hinüberritt. Unwillkürlich fragte ich mich,
inmitten all der Gedanken an die Pflichten, die mir
jetzt oblagen, mitten in dem Erwägen der zunächst
mit dem Grafen abzuthuenden Geschäfte: wie wird
Franull geworden sein? wie werde ich sie wieder-
finden?
Als man mich bei dem Grafen angemeldet hatte,
kam er mir bis an die Thüre seines Arbeitszimmers
entgegen. - Ich war kein Schwächling, ich hatte feste
Nerven, dennoch traten die Thränen mir in die Augen,
als der Graf mich umarmte und küßte. Er hatte das
nie zuvor gethan, und es that mir wohl.
,Fasse Dich, mein junger Freund !'' sprach er,
und auch mit dieser Anrede hatte er mich nie zuvor
begrüßt.,Fasse Dich! Du darfst mit ruhigem Ge-
wissen an Deinen Vater denken. Er hat Dich immer
einen guten, gehorsamen Sohn geheißen! und es gibt
ja auch kein festeres Band, als das der Eltern und
der Kindesliebe. Es ist eine Naturbestimmtheit und
bindend wie jedes Naturgesetz. Halte sie darum heilig,

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die beiden kostbaren Vermächtnisse! die kostbarsten
Güter, die er Dir hinterlassen; seine treue Lebens-
gefährtin, Deine Mutter, und den alten, guten Namen,
den er noch höher gehoben - Deinen Namen, und
seine und Deine Ehre!
,Man lehrt uns in der Jugend: was hülfe es
dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und
nähme doch Schaden an seiner Seele; und im Leben,
mein lieber Josias, heißt es: was hülfe es dem
Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme
Schaden an seiner Ehre! oder was kann der Mensch
geben, daß er seine Ehre wieder löse! -- Und ich
sage Dir: Alles muß der Mensch geben, Alles muß
er daran setzen, daß er seine Ehre wieder löse! Aber
es ist nichts Kleines, wenn man dazu gedrängt wird !
-- Darum lebe mit Bedacht. Sei Herr über Dich,
sei Dir ein strenger Richter und laß den Augenblick
nicht Herr werden über Dich, denn er bindet Dich
durch das, was Du ihm zugestanden!-- Beherzige
das und mache Dir das Leben leicht !''
Er drückte mir die Hand bei diesen Worten und
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brach plötzlich ab. Ich fühlte, wie er großherzig und
freimüthig mir mit seinen persönlichen Erfahrungen
zu Hilfe zu kommen, wie er mir einen festen
Halt zu geben gewünscht, nun ich auf mich selbst
angewiesen, des Rathes und der Führung zu ent-
behren hatte, die mir bis dahin von meinem Vater
gekommen waren. Ich dankte ihm aus vollem
Herzen.
«
,, Und nun laß uns von Geschäften reden,' sprach
er, während er sich in den großen, alten Ledersessel-
vor seinem Schreibtisch niederließ und mich anwies,
ihm gegenüber Plat zu nehmen.,Wir wollen gleich
in den nächsten Tagen abthun, was uns obliegt, damit
Du die Hand bald, wenn auch nicht an das Steuer,
so doch an den Pflug auf den Feldern legen kannst,
welche nun die Deinen sind. Ist Madame Courville
dazu bereit, so fahren wir morgen in der Frühe nach
Berlin, da Dein Vater dort sein Testament hinter-
legt hat. Das Nebrige wird sich leicht abwickeln lassen
in den paar Wochen, während denen Du noch unter
meiner Vormundschaft stehst; und heute, Herr Nachbar!

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sei mir wieder einmal ein willkommener Tischgast nach
so langer Zeit.
Er stand auuf und zog die Glocke. ,Herr Cour-
ville wird mit uns speisen !'' bedeutete er dem ein-
tretenden Diener, ,und sag' Er der Comtesse, ich lasse
sie ersuchen, zu mir zu kommen, Herr Courville von
Schönfelde sei zurückgekehrt.?
Mir war sonderbar zu Muthe. Alles, was mich
umgab, war mir vertraut und berührte mich doch wie
ein Fremdes. Der Graf, der während meiner Ab-
wesenheit in die Sechsziger getreten, war noch immer
dieselbe mächtige Gestalt, die frühere heroische Er-
scheinung. Das Roth der Gesundheit färbte sein
Antlitz noch, und er sah schöner aus als vordem,
denn der düstere Schatten, der sonst auf seiner Stirn
gelagert, die harten Züge um den stolzen, starklippigen
Mund, der finstere Blick seiner Auugen, vor denen ich
Scheu getragen in meiner Kindheit, das Alles hatte
sich gemildert; und wie er mich scherzend seinen Herrn
Nachbar genannt, hatte er trotz seines in den beiden
Jahren völlig ergrauuten Haares vortrefflich ausgesehen.

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Aber war es, daß seine Frische mich doppelt
schmerzlich an den Verlust meines Vaters gemahnt,
der jünger gewesen war als der Graf, war es der
gallonirte Diener in des Grafen Farben oder der
Befehl, die Comtesse herbei zu rufen- es fiel mir
Etwas schwer auf's Herz, und ich fühlte mich unfrei,
als im nächsten Augenblick Comtesse Franziska vor
mir stand und nicht näher an mich herantrat. -
Ja! es war Comtesse Franziska! sie durfte nicht mehr
Franull sein, nicht mehr die Franull, die ich im
Herzen getragen, überall mit mir hin! über. Berg
und Thal!
Ich erschrak vor der Deutlichkeit, mit der ich mir
dessen bewußt ward, aber der Graf sollte mir seine
Mahnung nicht vergeblich an das Herz gelegt haben!
Es galt, Herr zu bleiben über sich in dem gegebenen
Augenblick.
, Kennen Sie mich nicht mehr, gnädige Comtesse?
fragte ich, ihr entgegengehend, mit einer, wie ich hoffte,
gut gespielten Unbefangenheit.
,Doch !'' entgegnete sie, sich mir nahend, um mir
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die Hand zu reichen, die ich an meine Lippen zeg,
,,doch, Herr Courville! seien Sie willkommen !''--
Und nicht das leiseste Zucken ihrer Hand begegnete
meiner Huldigung. Indeß die Thränen traten ihr
in die Aiigen, und während sie mir die kleine Hand
entzog, sagte sie:,Sie haben mir so leid gethan!
Seinen Vater zu verlieren! --- Ich kann's nicht
sagen !''
Der Graf strich ihr leise über das goldige Haar,
sie hob die thränenschweren, schwarzen Augen zu ihm
empor. Es war doch Franull! Trotz des seidenen,
modisch aufgeputten Kleides, trotz des Chignons, in
das man ihr schönes Haar zusammen gebunden, und
trot der Stelzenschuhe, welche die schnell empor-
gewachsene, sich füllende Gestalt noch ansehnlicher
erscheinen machten, als sie bereits geworden war.-
,Keine Thränen, Franziska! was sollen die?
tadelte der Graf. ,Herr Courville findet leider der
Trauer jett genug in seinem Hause. Er hat Freude
nöthig. Heiße ihn heiter willkommen. Du weißt,
ein Soldatenkind wie Du, darf nicht thränenselig,

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muß tapfer sein!-- Komm, laß uns vorangehen!
Herr Courville wird uns folgen! Er hat ein groß
Stlck Welt gesehen, er wird uns Vieles zu erzählen
haben! Komm, Josias ! Du kennst den Weg !'
Ja! ich kannte ihn, den Weg, den ich hier fortan
znu gehen hatte, der Graf hatte ihn mir in ehrendem
Vertrauen vorgezeichnet mit fester Hand. - Ich saß
Franull gegenüber, der Graf, Madame Fleuron, der
Kandidat erwiesen mir lebhaften Antheil. -Ich sollte
berichten von London und von Rom, von der Fingals-
höhle und vom Vesuv; und ich erzählte und erzählte,
und Franull hörte mir achtsam zu, hier und da meine
Worte mit einer Frage unterbrechend, und wenn sie
dabei ihr Auge auf mich richtete, fragte ich mich: wie
soll ich ihn gehen, den Weg, der allein mir offen
steht, unter dem Lichte dieser Augen? wie soll ich
schweigen, wenn die süßen Lippen und der holde Blick
mich zu fragen scheinen: bin ich denn nicht mehr ich?
und Du nicht mehr Josias? -
Ich durfte mich nicht versenken in ihr Anschauen!
mich nicht anrufen! Wie ein Schlafwandler kam ich

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durch den Abend hin. -- Hellsehend geworden, langte
ich in Schönfelde in meinem Hauuse an.
Mein Haus! mein Gut! Mitten in meiner
Trauer um den Vater, mitten in der Liebesschwär-
merei bemächtigte sich meiner eine Empfindung, die
ich nie gekannt: die Freude an dem eigenen Grund
und Boden, am Besitz. Ich schämte mich ihrer, denn
sie erwuchs auf meines Vaters Grab, und ich konnte
sie doch nicht unterdrücken, verdankte ich sie doch ihm
und der Vergangenheit unseres Geschlechtes. Mein
Vater hatte sie gefühlt wie ich, und sie erhob mich,
diese Freude. Es lag so würdig vor mir, unser,
mein schönes Haus, wie es, vom Mondlicht übergossen,
aus dem dichten Laub unserer Ulmen hervorschimmerte,
als ich es spät genug erreichte. - Das Licht aus meiner
Mutter Fenstern winkte mir so freundlich; die weißen
monddurchglänzten Wölkchen, denen mein Auge so
gern gefolgt war in den Tagen meiner Kindheit,
zogen jetzt wie damals lind und leise darüber hin -
und wie von meines Vaters klarer Stimme gesprochen,
hörte ich wie an jenem längst entschwundenen Tage

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=-- hZß--
die Worte in mir erklingen: Franull Wizkowich, das
Fräulein von Dambow, die Comtesse Dubimin gehört
nicht in das makellose Bürgerhaus der Courville von
Schönfelde.- Sie! die die Zier und Krone jedes
Hauses!
Ich zuckte davon zusammen. »Fs konnte ehen
nicht sein! und es gab doch noch ein Anderes als -
Liebesglück! Es gab die Axbeit, die Erfüllung der
Pflichten, welche der Besiy mir auferlegte. Ich hatte
meiner Mutter ihre Liebe zu vergelten, sie so glücklich
zu machen, als sie es ohne meinen Vater sein konnte.
Auch die Plane des Grafen durfte ich nicht durch-
kreuzen. Er war meines Vaters Freund gewesen,
hatte sich großsinnig mir zum Freunde angeboten.
Ich hatte den schwer errungenen Frieden seines Herzens,
das schwer erkämpfte Gllck seines Lebensabends, und
vor Allem hatte ich die Herzensruhe seiner Tochter
zu ehren, auf welcher all seine Hoffnungen beruhten.
Meine Liebesträume mußten weichen; der Tag der
Arbeit war gekommen. Ich hatte einzustehen und
Af ---

-=- 1Zß-
Festen Willens trat ich in der Mutter Zimmer.
Ich hatte es sie vergessen zu machen, daß wir nicht
mehr zuDreien einander gegenüber saßen. Ich ging leicht
über den Besuch in Dambow hinweg, ich hielt mich
an das dort geschäftlich Verhandelte. Ich erlangte ,
es, daß wir am nächsten Tage zur Eröffnung des
Testamentes uns nach Berlin begaben. Ich wollte
zur Vollendung der Ernte in Schönfelde sein. Den
Leuten sollte, trot des Todes ihres bisherigen Herrn,
ihr Erntefest nicht fehlen, ich hatte zu zeigen, daß
ich seines Sinnes sei. Auf meine Veranlassung hatte
er einen neuerfundenen Pflug aus England kommen
lassen; ich wollte die ersten Furchen mit ihm ziehen
mit eigener Hand. Wie die ersten Courvilles die Maul-
beeren nach Schönfelde gebracht, so wollte ich's ver-
suchen mit dem Mais und manchem Anderen noch.
Ich redete mich an dem Abende immer zuversichtlicher
in meine Seelenruhe und Charakterfestigkeit hinein,
die Zufriedenheit meiner Mutter machte mich immer
heiterer. Mein neuer guter Wille wirkte auf mich
wie neuer Wein. Er stieg mir zu Kopfe. Ich be-